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Individuelle Lehrerarbeitszeit - ein sinnvolles Konzept?

Die Arbeitszeit der Lehrer davon abhängig zu machen, was sie unterrichten und wie groß ihre Klasse ist - dieser Versuch ist in Baden-Württemberg zunächst gescheitert. Ist dieses Modell dennoch praktikabel? Sollte die Arbeitszeit von Lehrern individuell festgelegt werden?

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MarkK 02.01.2008, 17:55
1.

Zitat von sysop
Die Arbeitszeit der Lehrer davon abhängig zu machen, was sie unterrichten und wie groß ihre Klasse ist - dieser Versuch ist in Baden-Württemberg zunächst gescheitert. Ist dieses Modell dennoch praktikabel? Sollte die Arbeitszeit von Lehrern individuell festgelegt werden?
Ich halte die individualisierte Feststellung der Arbeitsbelastung an und für sich für nachdenkenswert, allerdings stehen wir, wie so oft bei Lehrern, vor dem Problem der Messbarkeit. Arbeitet ein Lehrer in einer größeren Klasse wirklich zwangsläufig mehr? Ist ein Sportlehrer zwangsläufig weniger belastet als ein Deutschlehrer? Ich fürchte, da spielen einfach zu viele Faktoren eine Rolle. Zusätzlich steht zu befürchten:
a) dass Lehrer, denen zertifiziert wird, dass sie in wenig arbeitsintensiven Fächern arbeiten diese auch so behandeln werden.
b) dass Tätigkeiten für die eine ungenügende Zeitanrechnung erfolgt (z.B. Beratungsgespräche mit Schülern) zugunsten mit besseren Zeitkontingenten ausgestatteten Tätigkeiten vernachlässigt werden.
c) dass folgendes Muster zu beobachten ist: unser KuMi fordert, dass nicht gehaltene Stunden (z.B. wg. Abwesenheit einer Klasse) minutengenau abgerechnet werden müssen, der Lehrer erhält dann Zeitabzüge auf sein Zeitkonto. Entsprechende Boni für zusätzlich geleistete Zeiten (z.B. freiwilliger Förderunterricht) werden aber nicht gegeben. Wie demotivierend diese Ungleichbehandlung für die Lehrer ist muss wohl kaum gesagt werden.

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tanu 02.01.2008, 19:19
2.

Zitat von sysop
Die Arbeitszeit der Lehrer davon abhängig zu machen, was sie unterrichten und wie groß ihre Klasse ist - dieser Versuch ist in Baden-Württemberg zunächst gescheitert. Ist dieses Modell dennoch praktikabel? Sollte die Arbeitszeit von Lehrern individuell festgelegt werden?
Nein, es ist nicht praktikabel.

Das Problem entsteht im wesentlichen durch den enormen Aufwand, der in einigen Fächern durch die Korrekturen von vorgeschriebenen Klassenarbeiten/Klausuren entsteht, in anderen nicht. Würde man diese Klassenarbeiten/Klausuren streichen und stattdessen etwa Arbeiten zum Jahresabschluss schreiben lassen, deren Korrektur als Prüfungsarbeit gesondert bezahlt würde, wäre das Problem erledigt.

Damit würde auch die sinnlose Paukerei für die nächste (morgige) Klassenarbeit/Klausur mit sofort folgendem Vergessen entfallen.

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pi.daun 03.01.2008, 10:17
3.

Das Problem liegt tiefer.

Früher (bis ca 1990?) war es gerecht, daß "Nebenfach"lehrer genau so viel Stunden halten mußten wie Hauptfachlehrer, da jene (halb-)freiwillig viele Zusatzaufgaben (Musical, Sportfest ...) übernahmen. Dadurch, daß seitdem aber in jedem Jahr den Schulen einerseits neue Aufgaben (bei in Summa "schwierigeren" Schülern) zugeteilt werden, andrerseits die Arbeitszeiten der Lehrer massiv erhöht wurden, übernehmen auch die Hauptfachlehrer gezwungenermaßen Aufgaben, die mit Unterricht nichts zu tun haben (Drogen, Beruf, Gewalt, sinnlose Konferenzen, Dokumentationen, Arbeitspläne ...).

Das sind durchschnittliche Angaben. Es gibt sicher (fleißige) Erdkundelehrer, die ihren Unterricht so intensiv vorbereiten, daß sie mehr arbeiten als gewisse (faule) Deutschlehrer. Das ist jedem einzelnen Schulleiter für sein eigenes Kollegium wohl auch bekannt, aber die Umsetzung einer Bonus/Malus-Regelung würde zu enormem Unfrieden innerhalb des Kollegiums führen und im Ergebnis die Belastung noch erhöhen.

Dazu kommt etwas anderes: Die Universitätsausbildungen der einzelnen Fächer sind unterschiedlich anspruchsvoll (schon jetzt gibt es kaum noch Kandidaten für Mathe/Physik/Chemie, weil das Studium schwierig ist und die Berufsaussichten außerhalb der Schule gut), so daß ein bloßer Blick auf die Arbeitszeiten in der Schule nicht ausreicht. Würde man z.B. argumentieren, daß die Korrektur von Mathematikarbeiten weniger aufwendig ist als die von Deutscharbeiten und daß deswegen Mathematiklehrer 2 Stunden mehr arbeiten sollten als Deutschlehrer, müßte man ein paar Jahre später Mathelehrer mit hohen Prämien locken (Seiteneinsteiger etc.).

Meines Erachtens ist die Lösung des Problems, daß alle Aufgaben, die nichts mit Unterricht zu tun haben, von Sozialarbeitern (oder Wachmännern für die Aufsicht z.B.) ... wahrgenommen werden und daß darüber hinaus jeder Schulleiter sein komplettes Personal selbst aussuchen darf ohne Einmischung einer Mittelbehörde bzw. des Ministeriums. Dann könnte einem "attraktiven" Kollegen eben mehr (Geld oder weniger Arbeitszeit) geboten werden als einem weniger attraktiven.

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Fragwürden 03.01.2008, 10:33
4.

Ich bin kein Lehrer, ich bin Vater von vier Kindern und seit einigen Jahren Vorsitzender der Schulpflegschaft eines großen Gymnasiums.
Bestimmt wäre eine gelichmäßigere Verteilung eine Überlegung wert. Neben der Entlastung der Korrekturfach- oder gar Doppelkorrekturfachlehrer würde dies sícherlich beispielsweise einem Sportlehrer zu einer größeren Identifikation mit der Schule und, ganz wichtig, auch zu einer größeren Akteptanz im Lehrerkollegium verhelfen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine Schule eigentlich immer nur von den Lehrern geprägt wird, die sích viel damit beschäftigen. Signifikant ist auch, dass gerade die Lehrer, die Korrekturfächer haben, sich beim Elternsprechtag sehr viel konkreter zu einem einzelnen Schüler äußern können. Ein Lehrer, der nominell zwar einer Vollbeschäftigung nachgeht, aber de facto viel früher als seine Kollegen den Kopf von der Schule freihat, wird seinen Lebenssschwerpunkt leichter von der Schule wegverlagern. Irgendwann steht er dann möglicherweise nur noch widerwillig zur Verfügung. Meiner Erfahrung nach, sind das dann die Lehrer, die gegen ihren Willen von einem Lehrerkollegium mitgeschleppt werden. Da kann man dann unglaubliche Solidaritätsbekundungen erleben, da stehen sie dann, die Reihen fest geschlossen und meinen, sich verteidigen zu müssen, gegen Bundeskanzler und ihr schlechtes Renomée.
Viel schlimmer jedoch als die ungerechte Arbeitsverteilung ist jedoch für ein Lehrerkollegium, einen schlechten und nicht arbeitsbereiten Lehrer mitschleppen zu müssen. Über viele Jahre und ohne Aussicht auf Besserung werden so dessen Stunden übernommen oder sich mit Eltern über eine unterirdische Unterrichtsqualität ausgetauscht. Die Angst spielt dabei immer mit, vielleicht geht es mir ja auch mal schlecht und dann fangen mich die Kollegen auf. Viel schlimmer jedoch sind Versagensängste von Lehrern, die sich nicht mit der Schule identifizieren und dann täglich vorgeführt werden, von Schülern und Kollegen.

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Heinstein 03.01.2008, 10:37
5. Beamtenbrille

Einfach mal die "Beamtenbrille" abnehmen.

Leistung = Arbeit pro Zeit

Mehr Arbeit = Mehr Kohle

Das sind ganz einfache "Naturgesetze". Einfach mal den Mathelehrer fragen :)
Wenn ein Lehrer ein Haufen Arbeit hat, soll er auch anständig dafür bezahlt werden. Ein sog. "Spochtlehrer" kann sich dann halt seine Freizeitaktivitäten nicht mehr leisten und kriegt große Augen wenn er auf den Lehrerparkplatz schaut ;)

Das Entlohnungs-System scheint mir nicht wirklich ausgereift zu sein. Aber ich schätze es ist von Beamten für Beamte gemacht. Kein Wunder, daß ein naturwissenschaftlich begabter Mensch lieber in die freie Wirtschaft geht.

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alitomba 03.01.2008, 10:45
6. Überlastung

Meine Frau ist seit ein paar Jahren beim Bayrischen Staat als Lehrerin angestellt (Realschule) mit 4 Fächern (2 Davon Hauptfächer!) Ihr wurde noch während der Ausbildung ans Herz gelegt ein 5. Fach zu belegen und ich kann nur sagen, selbst 4 Fächer mit rund 500 verschiedenen Schülern pro Woche ist zu viel, sodass sie kaum eine Unterrichtsstunde zu ihrer Befriedigung (glaube auch nicht zu der der Schüler) halten kann. Arbeitszeiten sind von morgens um 6.30 Uhr Abfahrt zur Schule bis Abends 1.00 Uhr nicht selten und dann hat sie nur das Nötigste erledigt. Ich werde versuchen wenn unsere Kinder in die Schule kommen diese nicht auf eine Staatliche Schule zu schicken (wenn mir die finanzielle Möglichkeit zu dem Zeitpunkt das erlaubt) so wie es die ehemalige bayrische Kultusministerin auch getan hat!
Ja, es MUSS sich was ändern, und zwar drastisch und schnell! Es ist unser aller Zukunft die wir uns da "sparen"!

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PeterShaw 03.01.2008, 10:49
7. Beihilfe zu einem weiteren Qualitätsverlust?

Schule soll gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung tragen - natürlich kostenneutral. So bleibt aufgrund zahlreicher Nebenschauplätze immer weniger Zeit für Unterrichtsvorbereitung. In den meisten Kollegien begegnet man diesem Phänomen, in dem jede an ihre persönliche Belastungsgrenze geht. Das heißt: In geringerem Umfang Belastete ergreifen verstärkt Sonderaufgaben.
Den wiederholt genannten Sportlehrer gibt es übrigens im Normalfall nicht. Lehrer haben zwei oder drei Unterrichtsfächer. Das kann bedeuten: Der (allein aufgrund des Lärmpegels) extrem belastete Lehrer, der für eine Sportstunde nur 0,8 Unterrichtsstunden angerechnet bekommt, wird (aufgrund eines körperlichen Leidens?) dann keinen Sportunterricht mehr erteilen. Ist das vielleicht Sinn der Übung? Denn so könnte man preisgünstigere Trainer für den Sportunterricht gewinnen.
Fazit: Mittelfristig wird durch solche Ideen die Unterrichtsqualität weiter sinken.

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the_flying_horse 03.01.2008, 11:20
8.

Das Problem liegt in dem völlig maroden chaotischen Schulsystem in diesem Land. Es bietet gerade einigen "faulen Säcken" zu viele Schlupflöcher, diese Lehrer ruinieren den Ruf aller anderen Lehrer.
Die Schulzeit meiner Tochter in den letzten Jahren war geprägt von diesem Typ Lehrer: in der Grundschule fiel der Unterricht ab Klasse 3 fast komplett aus, die Lehrerin dauerkrank. Ersatz gab es so gut wie keinen, so hatten die Kinder am Ende der 4. Klasse den Wissenstand von Mitte der dritten Klasse. Und Klassenarbeiten und Hausaufgaben gab es nie, da ja nicht alle zu Hause die selben Chancen haben...

Dann auf die Gesamtschule: hier führten die "faulen Säcke" die Gleitzeit ein (wg. Chancengleichheit, siehe oben...). Die Kinder waren so gegen 8.00 immer alle da, die Lehrer erst ab 8.15... Klassenarbeiten z.B. in Mathematik sahen so aus, das es zwei ausgedruckte Bögen (A und B) mit multiple choice Antwortmöglichkeiten gab; am Ende der Klassenarbeit bekamen die Kinder ausgedruckte Antwortbögen und haben dann jeweils den Bogen des Sitznachbarn korrigiert und die Zensur drunter geschrieben. Der Lehrer hatte so die Garantie, Mittags auch pünktlich Feierabend zu haben...
Freitags war immer nur ein sehr kurzer Unterrichtstag - man traf die Lehrer Vormittags im Baumarkt, während an der Schule der Unterricht in den Hauptfächern reihenweise ausfiel...

Das lässt sich noch beliebig fortsetzen, da sind noch mehr solche Klopfer passiert. Diese Lehrer, die ich bewusst als faule Säcke bezeichne, erweisen ihren ganzen wirklich fleissigen Kollegen (die m.E. noch in der Mehrheit sind) einen Bärendienst. So lange aber unser Schulsystem nicht in der Lage ist, auch solche Fälle in geordnete Bahnen zu lenken, solange stehen wir auch bei PISA hinten an.Es gibt leider zu viele davon, und das System macht es ihnen zu einfach. Ich kann diese Leute irgendwie auch verstehen, ich würde es wahrscheinlich auch nicht anders machen; der Mensch ist nun mal von Natur aus faul und hier fehlt jede Kontrolle, das lädt doch geradezu ein.

Am besten währe wahrscheinlich eine Ganztagsschule mit 8 Std. (40 Std./Woche) für alle - Lehrer und Schüler. Die Lehrer hätten auch ihre Vorbereitungen für den kommenden Unterricht in dieser Zeit in der Schule zu erledigen, die Kinder könnten ihre "Hausaufgaben" nach dem Unterricht in der Schule machen - im Idealfall ist der entsprechende Fachlehrer auch ansprechbar und kann bei offenen Fragen gleich weiter helfen. So weiss jeder Lehrer genau, wann er Feierabend hat, so wie die meisten anderen Arbeitnehmer auch. Ein neu zu entwickelnder Lehrplan (ja, das ist erstmal richtig viel Arbeit...) berücksichtigt die unterschiedlichen Fachbereiche und ihre Arbeitszeiten, so trägt auch ein Lehrer eines nicht so arbeitsintensiven Fachs seinen Beitrag bei.

Da gibt es sehr viele Möglichkeiten, man muss nur den Mut haben, eingefahrene Wege zu verlassen und sich auch mal mit den Lehrern anzulegen. Das die natürlich ihren Besitzstand waren wollen, ist klar. Aber unser Schulsystem ist kein Wunschkonzert, dafür werden die zu gut bezahlt. Wir können es uns nicht länger leisten, die Bildung unserer Kinder derart zu vernachlässigen; Deutschland rutsch so immer weiter ab, nicht nur bei PISA, sondern in Folge davon auch (welt)wirtschaftlich.

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olli08 03.01.2008, 11:36
9. Mal ganz anders ...

Mein Vorschlag:

Jeder Lehrer hat sein eigenes Arbeitszimmer (Büro) in der Schule. Dort (und natürlich im Unterricht) leistet er seine gesamte Arbeitszeit ab, und zwar z.B. 39 Stunden pro Woche. Dafür hat er aber auch nur noch 6 Wochen Urlaub, d.h. er geht auch in den Schulferien zur Arbeit in sein Büro oder zur Weiterbildung.
Sofern er nicht unterrichtet oder sonstige schulische Tätigkeiten ausübt, ist er in seinem Büro und erledigt Korrekturen, Unterrichtsvorbereitung, und was sonst so anfällt. Außerdem ist er dort auch für seine Schüler stets erreichbar, statt (wie bei vielen Lehrern leider üblich) Nachmittags in einem Schwarzen Loch zu verschwinden.
Alles was über diese tägliche Arbeitszeit hinausgeht (Klassenreisen, Konferenzen, Schulfeste, ...) wird natürlich angerechnet und kann in Freizeit abgegolten werden.
Und jetzt das Entscheidende: Der Schuldirektor teilt dem einzelnen Lehrer die zu leistenden Unterichtsstunden zu, und zwar abhängig von der Art der Fächer, so dass der Lehrer seinen übrigen Aufgaben ausserhalb des Unterrichts (aber innerhalb seiner normalen Arbeitszeit) gerecht werden kann, sich aber auch nicht langweilt.
Und wenn ein Sportlehrer dann mehr Unterricht zu geben hat, als ein Deutschlehrer, dann ist das halt so.
Ach ja, und wenn der Lehrer nach hause geht, hat er Feierabend!

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