Forum: Leben und Lernen
Kinofilm übers Referendariat: "Alles, was Spaß macht, ist verboten"
Weltkino Filmverleih

Wer Lehrer werden will, muss nach dem Studium eine harte Zeit überstehen: das Referendariat. Jakob Schmidt hat einen Dokumentarfilm darüber gedreht - und Schüler und Lehrer getroffen, die am System verzweifeln.

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fiftysomething 15.05.2017, 18:40
1. Ich empfehle als Vergleich

die dreiteilige Langzeitdokumentation über eine Waldorfschulenklasse „Guten Morgen, liebe Kinder“, "Eine Brücke in die Welt" und "Auf meinem Weg". Der dritte Teil läuft am Dienstag, 16. Mai 2017 um 22.30 Uhr im BR Fernsehen. Die anderen sind bestimmt noch in der Mediathek. Am besten von Anfang an gucken.
Ich habe nach den ersten Teilen schon verstanden, was nach meiner Meinung an unseren "normalen" Schulen grundsätzlich falsch läuft:
Die Kinder werden nicht als Persönlichkeiten, die sich auf dem Weg ins Erwachsenendasein befinden, wahrgenommen.
Es wird Unterricht durch Wertung statt durch Entdecken der Welt durch Beobachtung gemacht, den Kindern wird Wissen eingetrichtert, in dem man Ihnen die Freude nimmt, sich und die Welt, so wie sie sie wahrnehmen, zu entdecken und nicht, wie andere meinen, wie sie beschaffen ist. Durch eigenes Erfahren lernen und nicht durch Widerkäuen.

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snoook 15.05.2017, 19:43
2. Mag sein. In diesem System ist wohl vieles Wahnsinn...

Allerdings habe ich angehende Mathe-Lehrer getroffen, die kein Mathe konnten. Und auch in anderen Fächern sah es nicht besser aus. Die Referendare waren zwar beliebt, aber wirklich gelernt hat man bei denen nichts. Und: Das Referendariat kommt viel zu spät. Wer dann erst merkt, dass er sich nicht durchsetzen kann, hat umsonst studiert. Aber deswegen auf diese Prüfung verzichten, bevor man die Lehrer auf Kinder loslässt?

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Boesor 15.05.2017, 19:59
3.

Zitat von snoook
Allerdings habe ich angehende Mathe-Lehrer getroffen, die kein Mathe konnten. Und auch in anderen Fächern sah es nicht besser aus. Die Referendare waren zwar beliebt, aber wirklich gelernt hat man bei denen nichts. Und: Das Referendariat kommt viel zu spät. Wer dann erst merkt, dass er sich nicht durchsetzen kann, hat umsonst studiert. Aber deswegen auf diese Prüfung verzichten, bevor man die Lehrer auf Kinder loslässt?
Nein, nicht darauf verzichten.
Aber die Prüfung und die Anforderungen realistisch gestalten.
Es macht überhaupt keinen Sinn in den Besuchsstunden irgendwelchen künstlichen Blödsinn zu zeigen den man so nie wieder unterrichtet.
Das wäre ein Fortschritt.

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Kerze der Freiheit 15.05.2017, 20:02
4.

Problematisch ist ja, dass die Referndare von ihren Ausbildern nichts lernen, so dass sie sich alles selbst beibringen müssen. Dies ist derart zeitaufwendig, so dass sie bisweilen mehrere Tage hintereinander nur drei Stunden Schlaf pro Nacht bekommen. Dies beeinträchtigt natürlich nicht nur den Unterricht, sondern macht die Referendare auch noch zu einer Gefahr im Straßenverkehr.

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wekru 15.05.2017, 20:29
5. obrigkeitsstaatliches System

Bei fast jeder privaten Lehrveranstaltung gibt es im Anschluss Bewertungsbögen. Das spornt die Lehrenden zumindest an die Lernenden da abzuholen wo sie sich befinden. In staatlichen Schulen werden häufig jene Lehrer in die Schulämter versetzt und gehen in die Lehrerausbildung, die im Unterricht vor Schülern als "problematisch" gelten. Die Lehramtsanwärter werden nur in glücklichen Fällen von Lehrern beurteilt und angeleitet die ihrerseits gut beurteilt werden und engagiert sind. Als Quereinsteiger Im Schuldienst bin ich um das Referendariat herum gekommen, wurde aber dennoch bei Unterrichtsbesuchen bewertet. Also habe ich in einem Fach, in dem das passte, mit den Schülern Bewertungsbögen für die Unterrichtsqualität entwickelt. Es gab eine Reihe professionell agierender Kollegen die besser bewertet wurden als ich, aber witzig an der Auswertung war, dass jene, die für die Bewertung meines Unterrichtes zuständig waren, selber gar nicht gut abschnitten. Und dann der Aufstand im Nachhinein, wie man nur auf die Idee kommen könne die Qualität des Unterrichts von Schülern bewerten zu lassen und darüber die Kollegen "bloß zu stellen". Da herrscht noch echter Korpsgeist und eine Grundhaltung im System, bei der der Staat als Dienstleister nicht existiert. Jede Gemeindeverwaltung ist um Lichtjahre weiter weg vom alten Kaiserreich als die öffentlichen Schulen. Bei aller Freude mit den Schülern und auch im Kollegium, ist mir das System Schule rasch so weit auf den Keks gegangen, dass ich nach quer rein wieder quer raus bin. Es gibt wirklich viele sehr gute Lehrer die ihre Arbeit ernst nehmen, aber das System als solches ist völlig fern von jeglicher professionellen Organisation eines Lehrbetriebes und bis auf die Knochen reformunfähig, beispielsweise weil das Parteibuch und das außerschulische Engagement in einer Partei darüber entscheidet wer leitende Positionen in diesem System einnimmt und es völlig verpufft wenn es in diesem System auch genial gute Lehrer gibt. Niemand fragt sich warum die gut sind, niemand sogt für die Verbreitung dessen was gut ist, niemand kümmert sich um das was schlecht ist. Wozu auch? Es läuft wie es schon immer lief und dazu gehört eben auch, dass die Schüler sich anzupassen haben, nicht die Lehrer oder das System Schule. Mein größtes Mitleid aber galt stets den Referendaren, die all das üble Zeug aus der Lehrerausbildung über sich ergehen lassen mussten, einschließlich einer fast schon abartigen Demutshaltung gegenüber den Ausbildern und der Verleugnung jeglichen gesunden Empfindens für Situationen zugunsten methodischer Sollvorgaben. Die Lehramtsausbilder coachen ihre Schützlinge nicht, sondern brechen sie. Sie können auch niemandem etwas positiv vor machen sondern nur an anderen rummeckern. Selbstverliebt und autoritär habe ich sie erlebt und niemals selbstreflektierend, souverän und erfahren. Der Fisch stinkt in diesem System vom Kopfe her, also zu vorderst den politischen Parteien die da ihre Leute mit Ämtern versorgen, den Schulbehörden und allem was da mit dran hängt. Gute Lehrer gäbe es genug, nur verheizt man die, immer schön auf dem Dienstweg, von oben nach unten getreten, niemals vom Schüler aufwärts entwickelt.

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dafe 15.05.2017, 20:31
6. Problematisch ist ferner, dass

die Referendare mit ihrer Unterrichtsprobe den pädagogischen, didaktischen und methodischen Vorstellungen ihrer Prüfer entsprechen sollen. Leider werden diese vielfach nicht offen gelegt oder gar konkret vermittelt. Im Ergebnis haben wir eine Gesinnungsprüfung unter Wahrung von, ähem, Urteilssouveränität.
Unterricht wird auf der politischen Ebene schlicht nicht diskutiert. Für eine Demokratie ist das schon ein starkes Stück.

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ediart 15.05.2017, 20:32
7. Schulwesen

Musste oft lachen über die einen oder anderen Seminarleiter (Niedersachsen) die die Referendare während der Unterrichsbesuche auf ihre Unterrichtstauglichkeit prüften . Da war oft viel Schwachsinn zu bestaunen der von diesen als kompetent und pädagogisch unantastbar verstehend eigendlich dem Referendar eine "Lehrerpersönlichkeit" aufzwingen wollten. Kurz gesagt dem Referendar wurde klar gemacht, das er zu funktionieren hat.

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Victrix 15.05.2017, 20:46
8. Larmoyanz ist keine Kompetenz

@ Kerze der Freiheit
Wenn Referendare von ihren Ausbildern nichts lernen, dann haben sie versäumt, ihnen relevante Fragen zu stellen. Wenn sie meinen, sich alles selbst beibringen zu müssen, dann sind sie nicht teamfähig. Wenn sie nur drei Stunden Schlaf finden, dann sind sie hoffnungslos desorganisiert. Hoffentlich zünden solche Referendare noch den Nachbrenner, bevor sie mit vollem Deputat ihren Burnout pflegen.

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Horst-Güntherchen 15.05.2017, 20:56
9. Vorsicht!

Zitat von fiftysomething
die dreiteilige Langzeitdokumentation über eine Waldorfschulenklasse „Guten Morgen, liebe Kinder“, "Eine Brücke in die Welt" und "Auf meinem Weg". Der dritte Teil läuft am Dienstag, 16. Mai 2017 um 22.30 Uhr im BR Fernsehen. Die anderen sind bestimmt noch in der Mediathek. Am besten von Anfang an gucken. Ich habe nach den ersten Teilen schon verstanden, was nach meiner Meinung an unseren "normalen" Schulen grundsätzlich falsch läuft: Die Kinder werden nicht als Persönlichkeiten, die sich auf dem Weg ins Erwachsenendasein befinden, wahrgenommen. Es wird Unterricht durch Wertung statt durch Entdecken der Welt durch Beobachtung gemacht, den Kindern wird Wissen eingetrichtert, in dem man Ihnen die Freude nimmt, sich und die Welt, so wie sie sie wahrnehmen, zu entdecken und nicht, wie andere meinen, wie sie beschaffen ist. Durch eigenes Erfahren lernen und nicht durch Widerkäuen.
Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass die Waldorfschule zum anderen Extrem neigt: Inhaltliches oder Didaktisches spielt kaum eine Rolle, dafür allerdings der Jahreszeitentisch, das Tafelbild (nicht das Tafelbild, was alle Regelschüler kennen) oder die Geburtstagsrituale. Ich habe Eltern kennengelernt, die der Meinung waren, ihre 6-jährigen Kinder könnten besser entscheiden, was jetzt auf dem Stundenplan stehen sollte oder das statt Unterricht des Lehrers das Picknick der Mutter auf dem Schulhof besser für das Kinder (und dessen Mitschüler) geeignet sei. Und das ist alles nur die Spitze des Eisbergs...

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