Forum: Leben und Lernen
Schulpolitik nach der Wahl: "Nur fast so gut wie ein Smartphone"
DPA

Zwei Drittel der Deutschen fanden das Thema Bildung vor der Wahl am wichtigsten. Entsprechend abgestimmt haben sie nicht, findet Pisa-Forscher Andreas Schleicher. Die Schüler brauchen dringend neue Kompetenzen.

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the_tetrarch 25.09.2017, 17:08
1. Bildungspolitik jetzt Bundesangelegenheit?

Ich rätsele schon während des Wahlkampfes, warum dauernd von Schulen und Bildung geredet wird. Meines Wissens ist die Schulpolitik Ländersache und die Schulen selbst Kommunalsache. Ebenso die Polizei. Abgesehen von wenigen Dienstellen unter Bundeshoheit ist auch die Organisation der Inneren Sicherheit Länderaufgabe und damit ebenso Stückwerk wie die Bildungspolitik.

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leopam 25.09.2017, 20:55
2. So, so...das ist also Bildung

Herr Schleicher konzipiert selbst die PISA-Studien und seine Argumentation sieht verdächtig danach aus, als müsse er den Nutzen dieser Studien seinen Kunden immer wieder indirekt ins Gedächtnis rufen. Das macht er, indem er vermeintliche Versäumnisse des Bildungssystems aufdeckt und sich gleichzeitig selbst als Instanz bei deren Behebung in Szene setzt. Das Ganze ist so leicht durchschau- und vorhersehbar, dass man sich fragt, weshalb dieser Selbstperpetuierung immer wieder ein Forum geboten wird.
Zumal Herr Schleicher wenigstens im Interview einen eigenen Bildungsbegriff schuldig bleibt, zumindest wenn Bildung mehr sein soll als Funktionalität im selbstlegitimierenden Datennetz. Dabei merkt er nicht einmal, in welche Widersprüche er sich begibt, wenn er einerseits mahnt, Menschen sollten Computer ergänzen und hierfür gleichzeitig eine Art von sog. Kompetenz statt Faktenwissen fordert, die in ihrer inhaltlichen Beliebigkeit, im Abgeschnittensein von der persönlichen Biographie nichts anderes imitiert als das, was Computer per Datamining bereits können und in näherer Zukunft können werden. Ich frage mich, ob Herr Schleicher sich mal dem Bildungssystem in anderen Regionen der Welt ausgesetzt hat oder sich zumindest intensiv mit dem dortigen Bildungsdiskurs beschäftigt hat oder ob er seine Visionen lediglich aus seinem unmittelbaren Umfeld schöpft.

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leopam 25.09.2017, 20:56
3. Nachtrag

Deutsche Studierende sind in vielen Ländern gerade wegen ihrer Fähigkeit zu Reflexion und autonomem Lernen geschätzt. Ich habe selber jahrelang in den PISA-Musterländern Ostasiens gelebt, gelernt und unterrichtet. Auch wenn Statistiker, die sich für Bildungsexperten halten mögen, das vermutlich nur mit Kopfschütteln quittieren würden, hält man dort eine solide Basis aus Faktenwissen für eine fundamentale Voraussetzung für nachhaltigen Lernerfolg, Erkenntnisfähigkeit und qualifiziertes Urteilsvermögen. Wie soll man über das Bestehende hinausdenken, wie soll man überhaupt ahnen, was jenseits des Bestehende sein könnte, wenn man glaubt, darauf verzichten zu können, sich den aktuellen Erkenntnishorizont nachzubauen, z.B. mit Hilfe des mühevoll zu durchdringenden Fakten- und Theoriewissens ? Ohne dies bleibt man nur ein ewiger Dilettant, der sich als Hilfskraft der digitalen Datenverarbeitung in ewiger Unverbindlichkeit selbstentmündigt und dabei tragikomischerweise noch für originell hält - ein zweckdienlicher, austauschbarer und systemkonformer Flachkopf.
Deutsche gelten in Asien oft als nicht besonders reich an Faktenwissen aber dafür mit der Fähigkeit zum Diskurs und selbständiger Analyse ausgestattet. Kein Wunder, dass man dabei ist, in China solche Teile des deutschen Bildungswesens einzuführen, für deren Abschaffung sich Leute wie Schleicher womöglich aufgrund persönlicher Erlebnisse einsetzen. Jeder, der nur einen Hauch Erfahrung im Bereich Pädagogik und Lernen hat, weiß, dass es die Persönlichkeit des Lerners und die das Lehrers sind, die die größten Einflussfaktoren auf den Bildungserfolg darstellen. Den PISA-Leuten zudem offensichtlich völlig fremd ist die Tatsache, dass die Entwicklung von Dingen wie Empathie, Führungsstärke, Achtsamkeit, von Wertmaßstäben und Vernunft zentrale Leitlinien jeder Bildungsbiographie sind, die der Fähigkeit zum autonomen Umgang mit Wissen zugrundliegen. Diese "Kompetenzen" reifen in einem jahrzehntelagen Abarbeiten der eigenen Wahrheitsbegriffe an der Welt und den Menschen da draußen, nicht in einer effizienten Verwaltungen von zweckrationalen Vorläufigkeiten.

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fatherted98 26.09.2017, 08:03
4. Die Schüler...

...müssen dringend richtig lesen, schreiben und rechnen lernen....das sind die Grundkompetenzen. Für jemanden der seit über 20 Jahren junge Menschen ausbildet, ist die sinkende Kompetenz in diesen Bereichen erschreckend. Mit dem Handy datteln kann jeder...auch ohne Schule.

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zerr-spiegel 26.09.2017, 14:27
5. Die Schüler brauchen dringend neue Kompetenzen.

Stimmt: Lesen, schreiben, rechnen. Seit über 20 Jahen sträflich vernachlässigt, aber dennoch sehr wichtig. Knöpfe auf dem Handy drücken? Schaffen auch Analphabethen.

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allesamt 26.09.2017, 14:50
6. Kritik an Herrn Schleicher berechtigt

Vielen Dank für diese sehr treffende und inhaltsschwere Kritik bezüglich Herrn Schleicher, der allem Anschein in einer entfernten Welt lebt. Nicht nur in Asien wird die Qualität deutscher Ingenieure geschätzt, sondern überall in Europa und Amerika. Auch deutschen Schülern, die in süd- und nordamerikanischen Ländern ein Auslandsjahr absolvierten, wird regelmäßig eine besondere Reife attestiert, außerdem gehören sie durchweg innerhalb kurzer Zeit zu den Besten eines Jahrgangs. Bisher war die Ausbildung in unseren Schulen und Universitäten überdurchschnittlich im Ländervergleich - jedoch nicht nach der Pisa-Studie. Dass neuerdings alles den "Kompetenzen" untergeordnet werden soll, führt letztlich nur zu einem Abstieg unseres Bildungssystems, der schon begonnen hat.

Vor den Kompetenzen müssen den Kindern erst einmal Grundlagen im Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht werden. Dazu gehört auch das Auswendiglernen, das das Gedächtnis schult. Gerade auch viele Kreative (z.B. Schauspieler, Musiker) benötigen hierfür ein besonderes hohes Maß an Fähigkeit, Texte auswendig sprechen bzw. spielen zu können. .

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allesamt 26.09.2017, 15:03
7. Mein Beitrag bezieht sich auf den Beitrag von leopam

Mein Beitrag bezieht sich auf den Beitrag von leopam

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Gwylim 26.09.2017, 15:13
8. Menschen oder Computer?

Die Funktion des Interviewten beeinflußt natürlich seine Sichtweise.
Trotzdem finde ich es bedenklich, wenn ich solche Formulierungen lese:"Doch da, wo menschliche Fähigkeiten Computer ergänzen,..."
"Wo werden Menschen Computer ergänzen..."
Wenn der Mensch nur noch "ergänzt", ist evtl. ein Menschenbild vorhanden, welches ich so nicht teilen kann. Noch ist es so, dass die Menschen die Computer bauen und nicht umgekehrt.
Ausserdem denke ich auch, dass es nicht ganz so verkehrt sein kann, den Kindern zuerst das "lineare Lesen" beizubringen, bevor man ihnen beibringen will "was" richtig ist. Ich bezweifle ausserdem, dass alle Lehrer diese Kompetenz überhaupt selber besitzen, was z.Tl. auch mit mangelndem Technikwissen zusammenhängt.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Videowerbung auf SPON verboten werden sollte, da es beim Lesen doch sehr ablenkt.

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thoms1957 26.09.2017, 16:53
9. Bildungspolitik - alles Lüge

Auf keinem Politkfeld wird soviel gelogen wie in der Bildungspolitik. Zitat:
Wenn sie als junger Mensch aufwachsen und sehen, dass das schlechteste Einkaufszentrum in der Nachbarschaft so viel besser ausgestattet ist als ihre Schule, was vermittelt das für einen Wert von Bildung?
Dieser Satz fasst das ganze Elend zusammen. Vor den Wahlen hören wir schöne Formulierungen wie : Bildungsrepublik Deutschland, Kinder sind unsere Zukunft, Weltmeister werden in Sachen schnelles Internet usw. usw.
Die schlische Realität sieht ganz anders aus und wird von verantwortlicher Seite nur schön geredet bzw. zurechtgelogen. Unterrichtsausfall, befristet eingestellte fachfremde Unterrichtskräfte - sog. Quereinsteiger, miserabel ausgestattete Schulen, marode Schulgebäude, übervolle Klassen, Brennpunktschulen, dazu 16 verschiedene Bildungssysteme etc. so sieht die deutsche Bildungsrepublik in Wirklichkeit aus. Dazu kommt ein jahrzehnte langes Lehrerbashing. Aber diesem System vertrauen jedes Jahr aufs Neue Millionen Eltern das Beste an, das sie haben: Ihre Kinder.
Earum bleibt es dann so schlecht. Vielleicht weil diese Eltern sich viel eher über die schlechten Straßen aufregen, über die sie jeden Tag fahren, sie die Schulen ihrer Kinder aber allenfalls zweimal im Jahr beim Elternabend sehen und die Schultoiletten in der kurzen Zeit nicht benutzen müssen.

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