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Attentäter Anders Breivik: Verbrechen aus der Distanz
DPA

Wie ist es möglich, dass Anders Behring Breivik in einem friedlichen, reichen Land wie Norwegen 77 Menschen tötete? Er hatte sich von seinen Mitmenschen so weit entfernt, dass sie ihm unmenschlich erschienen. Ein Appell für mehr Nähe - auch im Umgang mit dem Täter.

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unsichtbarergeist 21.07.2012, 17:38
1. Mit

Meiner Meinung nach sollte man Menschen - und damit meine ich vor allem "rechte" und "national denkende" - mehr Möglichkeit geben, ihre Ängste und Befürchtungen zu erklären - anstatt sie aus der öffentlichen Debatte auszugrenzen. Denn wer sich fair behandelt fühlt, der wird auch nicht so schnell irre. D.h. man sollte Grundsätzen wie "Dialog auch mit Rechten", "Möglichkeit der Meinungsäußerung und Demonstrationsfreiheit auch für Rechte" folgen, anstatt immer nur zu versuchen, diese Leute zu unterbuttern und aus der öffentlichen Debatte zu verbannen. Fairness für alle - und man macht es Irren wie Brevik schwieriger, Taten wie diese zu rechtfertigen.

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artusdanielhoerfeld 21.07.2012, 17:51
2. Verstörend

Mir fällt an diesem Artikel auf, dass der Autor es vermeidet, die Tat des Breivik als "falsch" zu bezeichen. Er spricht zwar von einer "Katastrophe", aber sonst hat er selbst der Tat gegenüber die Art von Distanz inne, die er als "gefährlich" brandmarkt. Es wurde und wird oftmals gesagt, dass die Reaktion der Norweger auf das Blutbad "reif", "zivilisiert" und "hochentwickelt" sei. Warum vermeiden sie es, das Kind beim Namen zu nennen? Die Morde, jeder einzelne, waren barbarisch, bösartig, feige und sadistisch. Und wer so etwas anrichtet, ist ein brutales, gewissenloses Mörderschwein. Ich denke, ich weiß die Antwort darauf: Wer Breivik auf diese Art sieht, kann nur eine Strafe für ihn fordern: Den Tod. Genau davor schrecken die Norweger zurück. Aus Angst, sich der Realität zu stellen, wird gutmenschenartig alles mögliche an Ausreden für B. herbeigezogen. Man kann dieses Verhalten bewerten wie man will, eines ist sicher: Mit ihrer Vermeidungshalteung werden sie der schwere der Tat nicht gerecht. Eine angemessene Sühne erfolgt nicht und das wird die Gesellschaft auf Jahre schwer belasten.

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baninchenrenner 21.07.2012, 17:57
3. Der Krieger in uns allen schläft ...

Ein schöner Aufsatz, aber auch nur ein Ansatz und doch sehr unvollkommen!

Ich würde gern das Augenmerk mehr auf die (norwegische) Gesellschaft richten, die von Breivik zu einem kollektiven Gesamtfeind verschmolzen wurde.

Da sehe ich nämlich Parallelen zu den Rockerbanden "Hells Angels", "Bandidos" u.a bei uns, die übrigens auch ein ziemlich massives Problem in den skandinavischen Ländern darstellen! Diese Leute sehen sich als Outlaws, die nach ihren eigenen Gesetzen leben wollen, mit eigenen Hierarchien, Ritualen, Erscheinungsformen.

Wie sie hat auch Breivik sich als eine Art "Ritter" gesehen, der angeblich für abstruse gesellschaftliche Ideen in den Krieg ziehen muss und dazu hat er sich eine Wahnwelt zusammenphantasiert, die ihn komplett aufgesogen hat.

Ähnliche Formen solcher Abschottungen bilden die "Militia"-Gruppierungen in den USA oder die Neonazi-Heimatgrüppchen hierzulande.

All diesen "Exilanten" im eigenen Land scheint die Sehnsucht nach archaischen Strukturen gemein zu sein, organisiert mit einfachen und überschaubaren Regeln, fest gefügten Ordnungen, klar verteilten Rollen und strengen Hierarchien.

Und diese Gruppen eint alle der Hass gegen unsere pluralistischen, bunten, multiethnischen, komplexen und vielfältig diversifizierten Gesellschaften. Für sie sind die modernen Zivilisationen verweichlichte und verindividualisierte Cluster ohne feste Traditionen, entwurzelt, vermischt und abgenabelt von den dereinst heldenhaft lebenden, aber längst verblichenen Ahnen.

Breivik scheint angeekelt von den modernen, sanften, hochtechnisierten, liebenswürdigen, braven und friedlichen Zeitgenossen, die das Jetztbild der erfolgreichen Skandinavier verkörpern und denen jeder Bezug zu ihren historischen Vorfahren in Form der wilden Wikinger komplett verloren gegangen zu sein scheint.

Unsere Gesellschaft bietet keinen Raum für diese Sorte Menschen, die rau und archaisch, einfach und "brutal" ihr Bild von Gemeinschaft und Ehre leben wollen. Es gibt sie aber dennoch zigtausendfach: testosterongeflutete Typen, die ihr Selbstverständnis mit Faustrecht und "Mann gegen Mann" ausleben wollen und den modernen metrosexuellen Männertyp als softes Weichei verachten.

Solange wir uns mit diesen im Verborgenen gärenden Gruppierungen nicht direkter auseinandersetzen, werden sie als tickende Zeitbomben und gefährliche "Schläfer" unberechenbar bleiben. Eine anscheinend sehr unangenehme Aufgabe, der sich die Mehrheitsgesellschaft aus Abneigung und Angst verweigert und das Problem der Polizei überlässt.

Ein Blick nach Japan zeigt einen anderen Umgang mit den eigenen kriegerischen Traditionen: Dort bilden die Samurai eine bis heute aktuell gebliebene gesellschaftliche Gruppe der japanischen Geschichte mit illustren Erscheinungsformen und Ritualen.

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Privatier 21.07.2012, 18:09
4. "Mehr Nähe" zu Tätern fördert diese Verbrechen stärker als kostenlose Waffen

Zitat von sysop
Wie ist es möglich, dass Anders Behring Breivik in einem friedlichen, reichen Land wie Norwegen 77 Menschen tötete? Er hatte sich von seinen Mitmenschen so weit entfernt, dass sie ihm unmenschlich erschienen. Ein Appell für mehr Nähe - auch im Umgang mit dem Täter.
Solange unsere Gesellschaft versucht Täter zu erklären und zu verstehen, anstatt ihre Bestrafung einzig und alleine danach auszurichten und zu gestalten, daß ihr Schicksal wenigstmöglich dem entspricht, was Mörder heutzutage eiskalt für ihre eigene Zukunft erwarten dürfen: Eine langjährige Freiheitsbeschränkung, aber ansonsten eine keine Wünsche offen lassende Rundumversorgung.

Geboten wäre dagegen eine alternativlos bis zum natürlichen Lebensende währende Inhaftierung unter niemanden einladenden, sondern lediglich das Leben erhaltenden Bedingungen.

Ihrem eigenen Leben mit ihrem Verbrechen ein Ende setzede Täter sind damit gewiß nicht abschreckbar, und ebenso gewiß auch nicht alle, sondern nur ein Teil der Mörder, die kalkulieren, ihre Opfer zu überleben.

Aber als bereits hinreichende Rechtfertigung für eine zu Lasten der Täter wirksamst mögliche Abschreckung von Nachfolgern genügt mir bereits ein einziges (real oder statistisch warscheinlich) vor dem Tode bewahrtes unschuldiges Opfer.

Aber ich fürchte, spätestens nach diesen Zeilen werden zahlreiche "Gute Menschen" wieder Tränen des Mitgefühls vergießen.

Für die Täter.

MfG

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Zeitwesen 21.07.2012, 18:12
5. SO etwas wird es wohl immer wieder geben

Eines der Hauptursachen für den Mörder, war es Aufmerksamkeit zu bekommen und wohl auch um im Rampenlicht zu stehen.
Sich ein Denkmal in der Gesichte zu setzen (in dem Fall ein blutiges Grausames).
Das alles hat er und all diejenigen die es vorher auch schon ähnliche Massaker durchgeführt haben, bekommen.
Er ist jetzt eine weltweite Berühmtheit, sein Name und sein Gesicht haben inzwischen Popstar-Popularität (als Vergleich).
Jeder Depp der unter Geltungssucht leidet, muss sich einfach nur eine neue Grausamkeit einfallen lassen und die Medien werden sich erkenntlich zeigen und nach Informationen über ihn lechzen.
Vielleicht wäre es angebracht einfach mal darüber nachzudenken, solche Täter in der Anonymität schmoren zu lassen um Nachahmer nicht mehr zu motivieren.
Aber da würden wohl viele Medien nicht mitmachen um die Sensationsgier von Lesern/Zuschauer zu befriedigen.

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inbay 21.07.2012, 18:19
6. Fällt der Soziopath vom Himmel?

Alle Sozio und Psychopathen leben vor allem in einer Welt in der dyssoziales Verhalten die Norm ist und auch nicht als Unrecht angeprangert wird. Wie der SPON selber schreibt werden Soldaten auf das Morden vorbereitet, und zwar im Sinne Rechtsstaatlichen Denkens. Nicht die seelische Unversehrtheit ist das Ziel unserer Entwicklung sondern die maximale Ausbeutung ist die alltägliche Norm im Finanzwesen, in der Industrie und selbst ganze Staaten schämen sich derartiger Verhaltensweisen keineswegs. Ich fürchte diese Amokläufer und Gewaltverbrecher sind letztlich eine Reaktion auf die unsensibelen Zustände die wir uns auch weiterhin schaffen. Es ist zu leicht die Hitlerdeutschen als Maßstab zu nehmen denn die momentanen Verhältnisse sind ja keineswegs sozial adäquat sondern oft genug von versteckter und offener Gewalt geprägt. Natürlich entschuldigt diese Erkenntnis niemanden aber wer wirklich etwas dagegen tun will tut es im hier und jetzt, in seinem geringen Umfeld.

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jscsol 21.07.2012, 18:25
7. Ignorante Norweger

Ich muss Ihnen Recht geben, Herr Knausgård, die Beziehungen zwischen den Menschen, vor allem hier in Norwegen, muessen enger und intensiver werden. Ich lebe schon seit vielen Jahren in Norwegen und habe zwischenzeitlich auch in anderen Ländern gelebt. Doch so ignorante Menschen wie in Norwegen sind mir nirgends begegnet. Man wird in Ruhe gelassen, was das Arbeiten hier sehr, sehr angenehm macht. Doch andererseits kümmert sich niemanden um den anderen. Die sozialen Fähigkeiten der Bevoelkerung sind arg verkümmert. Man will in Ruhe gelassen werden. Vielleicht ist das eine Folge des extrem aggressiven Staates, der sich in alle Angelegenheiten, auch in Privates, ständig einmischt und so im Zuge der Zeit, jedes individuelle Engagement abtötet.

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Wildes Herz 21.07.2012, 18:26
8.

Zitat von unsichtbarergeist
Meiner Meinung nach sollte man Menschen - und damit meine ich vor allem "rechte" und "national denkende" - mehr Möglichkeit geben, ihre Ängste und Befürchtungen zu erklären - anstatt sie aus der öffentlichen Debatte auszugrenzen. Denn wer sich fair behandelt fühlt, der wird auch nicht so schnell irre. D.h. man sollte Grundsätzen wie "Dialog auch mit Rechten", "Möglichkeit der Meinungsäußerung und Demonstrationsfreiheit auch für Rechte" folgen, anstatt immer nur zu versuchen, diese Leute zu unterbuttern und aus der öffentlichen Debatte zu verbannen. Fairness für alle - und man macht es Irren wie Brevik schwieriger, Taten wie diese zu rechtfertigen.
Als ob sich rechtsradikale, faschistische und aus rassistischem Wahn tötende Massenmörder jemals darum geschert hätten, ob und wie sie ihre Morde "rechtfertigen". Ein Blick ins Geschichtsbuch lässt o.g. Forderung geradezu absurd erscheinen: Je mehr Spiel- und Freiraum man den Nazis lässt, umso größer (!) wird das Risiko, dass sie ihren ideologischen Wahn ganz real in blutige, knallharte, mörderische Gewalt umsetzen.

Und "Möglichkeit der Meinungsäußerung und Demonstrationsfreiheit auch für Rechte" - was soll das für eine Forderung sein? Als ob nicht jedes Wochenende irgendwo in Deutschland Nazi-Horden, geschützt von der Polizei, aufmarschieren und ihre Meinung durch die Straßen schreien könnten. Und als ob die deutschen Rechten nicht in zig-tausenden Internetforen, Blogs, Büchern und Zeitungen etc. pp. ihre Meinung breit treten dürften - und das jeden Tag, völlig unbehelligt.

Aber eine wie auch immer geartete Verpflichtung oder Notwendigkeit, mit denen einen "Dialog" zu führen - gibt es nicht! Ansonsten müssten Sie konsequenter Weise ja auch fordern, dass in jeder TV-Diskussionssendung mindestens ein Vertreter von z.B. Al Quaida und Islamisten eingeladen werden sollte, um ihre Sicht der Dinge darstellen zu können - das würde es diesen dann (Ihrer Logik folgend) auch schwerer machen, Terroranschläge zu rechtfertigen...

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el-gato-lopez 21.07.2012, 18:32
9. Unvollständig und perspektivisch

Ja, wenn Schriftsteller und ander "Intellektuelle" sich zu gesellschaftlichen Themen / Ereignissen äussern, ist das immer so eine Sache - meisten gehts dann recht unvollständig und der eigenen ideologischen Perspektive entsprechend zu und her. Seriöse Recherche spielt da keine Rolle - Kostprobe?

World of Warcraft ist z.B. ein Online-Rollenspiel und mitnichten ein "Ballergame". Die Spieler erleben in einer Fantasywelt einzeln, bzw. in Gruppen typische Fantasy-Abenteuer (Zaubergegenstände finden, Monster besiegen etc.)

Interessant, dass das Thema Nationalismus, Ideologie und (Rassen-)ideologische Festigung beim Autor einfach mit einem Wisch als Einflussgrösse negiert wird. Genau dieser Aspekt ist, bzw. war in der militärischen Ausbildung eine feste Grösse zur Desensibilisierung oder "Entmenschlichung" des Gegners (Ganz zu Schweigen davon, dass A.B.B. selbst ein ideologisches "Kreuzritter"-Pamphlet verfasst hat)

Beispiele gibt es zu hauf:
Die ganze Untermenschen und Herrenrassen-Thematik, mit der man in der Wehrmacht und SS den Leuten klar machte, das der Feind "nicht so ist wie wir" und "eh nichts Wert".
Den Japanern wurde eingetrichtert, die "Yamato-Rasse" sei von Natur aus dafür bestimmt über Asien zu herrschen - und die Untermenschen taugten allenfalls zu Leibiegenen.
Die konsequente rassistische Herabsetzung der Vietnamesen in der US-Army als Vorbereitung auf den Einsatz.
Das ganze Ausbeuter und "Klassenfeind"-Gedöns im Ostblock.
Dann, um eine religiös/kulturelle Komponente angereichert, die ganze Dshihad-Thematik, wo den "Rekruten" eingeredet wird, dass sie gegen nichtswerte "Ungläubige" in den Kampf ziehen und Rache nehmen für die Kreuzzüge etc.

Warum wird das alles vom Autor ausgeblendet? Unwissen oder Absicht. Man kriegt den Eindruck, die norwegische Gesellschaft blende das Thema Ideologie oder die "poltische Dimension" und A.B.B. einfach aus, um ihn als "tragischen Störfall" der ansonsten perfekten "allen-haben-sich-lieb" Gesellschaft verbuchen zu können. Die Frrage nach der ideologischen Entwicklung und Festigung des Herrn B. würde nur unangenehme Folgefragen nach sich ziehen. Die skandinavische Neonazi-Bewegung gilt z.B. als eine der bestorganisiertesten der Welt - mit gutem Draht zu den ebenfalls im Norden recht unbeheligt operierenden Rockergangs.... Aber eben - alles was nicht ins Bullerbü-Selbstbild passt, wird ausgeklammert...

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