Forum: Panorama
Depression - eine verdrängte Volkskrankheit

Millionen von Deutschen leiden an behandlungsbedürftigen Depressionen, jedes Jahr nehmen sich Tausende das Leben. Die gefährliche Krankheit ähnelt manchmal schlechter Laune so sehr, dass sie als harmlos abgetan wird, gar als selbstverschuldete Schwäche. Ein schwerer gesellschaftlicher Irrtum. Was kann sinnvoll für die Betroffenen getan werden?

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tzscheche 13.11.2009, 11:39
1. Zivilisationskrankheit

Die Depression ist eine Zivilisationskrankheit. Sie rückte erst in den 50 Jahren ins Zentrum der medizinschen Aufmerksamkeit. Seit den 70er Jahren verzeichnet die Krankheit - vor allem in den westlichen Gesellschaften - dramatische Zuwachsraten.
Man sollte sich durchaus fragen, warum das so ist.

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Rainer Girbig 13.11.2009, 13:27
2. Grauzonen

Zitat von sysop
Millionen von Deutschen leiden an behandlungsbedürftigen Depressionen, jedes Jahr nehmen sich Tausende das Leben. Die gefährliche Krankheit ähnelt manchmal schlechter Laune so sehr, dass sie als harmlos abgetan wird, gar als selbstverschuldete Schwäche. Ein schwerer gesellschaftlicher Irrtum. Was kann sinnvoll werden?
Ist das wirklich eine behandlungsbedürftige Krankheit?
Ich beobachte an mir seit mehr als dreissig Jahren Schübe von Depressivität bis hin zum Suizidgedanken. Immer werden diese Schübe von Erlebnissen gespeist. Seien es berufliche Probleme, Partnerschaftsprobleme, Probleme mit dem eigenen äußerlichen Erscheinungsbild oder alles zusammen.

Zum Glück habe ich es immer wieder geschafft, davonzukommen. Letzten Endes siegte die Neugier auf das Leben über die Todessehnsucht. Auch manchmal der Gedanke an diejenigen mir nahestehenden Menschen, denen ich damit weh tun würde. Ich war nie deshalb bei einem Arzt.

Wenn man die eigene Lebenswirklichkeit nicht verändern kann, muss man sie irgendwie akzeptieren. Das gelingt nicht allen und die darüber aufkommende Verzweiflung ... ist das der Beginn der Krankheit? Was kann dann noch helfen? Wo ist die Grenze zwischen "natürlicher" Traurigkeit und krankhafter Depression?

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gerthans 13.11.2009, 13:34
3. Steriler Terminus

Depression ist ein sachlich-steriler Begriff für etwas, das es schon immer gab, aber anders hieß:
Weltschmerz Melancholie Chandra Ennui Acedia Schwermut
und viele andere.
Der klinische Begriff Depression suggeriert, dass es eine Krankheit ist, also eine Abweichung, Störung, die heilbar ist.

Die Melancholie gehört jedoch zum Menschsein dazu wie Alter, Trauer und Tod.
Tiere kennen keine Trauer und keine Melancholie, weil sie in Harmonie mit der Natur leben.

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Hagbard 13.11.2009, 14:11
4.

Zitat von tzscheche
Die Depression ist eine Zivilisationskrankheit. Sie rückte erst in den 50 Jahren ins Zentrum der medizinschen Aufmerksamkeit. Seit den 70er Jahren verzeichnet die Krankheit - vor allem in den westlichen Gesellschaften - dramatische Zuwachsraten. Man sollte sich durchaus fragen, warum das so ist.
Glaube ich nicht. Ich denke, das hat es immer gegeben. Man wusste nur nichts darüber. Je mehr man wusste, um so besser konnte man die Krankheit diagnostizieren.

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Milchtrinker 13.11.2009, 14:17
5. Jeder sieht, was er sehen will

Und wieder zeigt sich: Solche vermeintlichen "öffentlichen Debatten" führen nicht zu einem Umdenken, jeder sieht sich nur in seiner Meinung bestätigt. Wer Depressionen vorher nicht als Krankheit gesehen hat, wird sich nicht eines Besseren belehren lassen. Ein spektakulärer Todesfall und eine Flut von ebenso vorhersehbaren wie richtigen Belehrungen ändern an der verbreiteten Ignoranz genau gar nichts.

Hinzu kommt, dass das Thema Arbeitsmarkt immer beherrschender wird, wie nicht nur der Fall Enke zeigt. Selbst ohne das gesellschaftliche Stigma könnte sich ein Personalverantwortlicher gar nicht erlauben, einen depressiven Bewerber einzustellen, wenn auch andere Bewerber zur Auswahl stehen. Alles, was die Arbeitsleistung auch nur belasten könnte, macht die Arbeitssuche bei dem in fast allen Branchen bestehenden Überangebot hoffnungslos, da Personaler sich verständlicher Weise lieber selbst schützen, als einem Fremden zu helfen.

Im Arbeitsumfeld wird man Depressionen daher immer geheim halten müssen, genau wie andere Krankheiten oder Probleme, ja sogar Neigungen, gefährliche Hobbys oder den Kinderwunsch. Im Falle von Depressionen kommt tragischer Weise hinzu, dass die Angst vor der Enthüllung die psychische Belastung verschärft und ggf. zur Eskalation führen kann.

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tzscheche 13.11.2009, 14:18
6. pathologische Traurigkeit

Zitat von gerthans
Die Melancholie gehört jedoch zum Menschsein dazu wie Alter, Trauer und Tod. Tiere kennen keine Trauer und keine Melancholie, weil sie in Harmonie mit der Natur leben.
Ein Problem bei der gesellschaftlichen Anerkennung der Krankheit Depression liegt sicher darin, daß unsere auf persönliches Glück und Selbsterfüllung fixierte Gesellschaft generell negative Gemütszustände wie Traurigkeit oder Schmerz als unerwünschten ablehnt und diese daher entweder zwanghaft ausblendet (siehe Literatur zum positiven Denken u.ä.), oder aber pathetisch-sentimental entrückt (siehe Sensationspresse).

Traurigkeit und Melancholie sollten als elementare Bestandteile der menschlichen Existenz viel mehr akzeptiert und nicht pauschal verdrängt werden; Diese Gemütszustände sind aber nicht zu verwechseln mit der Gemütskrankheit Depression, die eine pathologische Form von Traurigkeit ist. Anders als bei Melancholie, Weltschmerz etc. handelt es sich bei Depressionen eben nicht um eine Gemütsregung, sondern vielmehr um eine völlige Gemütslähmung.

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Hagbard 13.11.2009, 14:28
7.

Zitat von Rainer Girbig
Ist das wirklich eine behandlungsbedürftige Krankheit?
Ja
Zitat von Rainer Girbig
Ich beobachte an mir seit mehr als dreissig Jahren Schübe von Depressivität bis hin zum Suizidgedanken. Immer werden diese Schübe von Erlebnissen gespeist. Seien es berufliche Probleme, Partnerschaftsprobleme, Probleme mit dem eigenen äußerlichen Erscheinungsbild oder alles zusammen.
Ich bin kein Arzt. Aber nach allem was ich weiß und selbst erfahren habe waren das eventuell erst die Vorboten einer Depression. Niedergeschlagen wegen unguter Ereignisse ist ja jeder Mal. Durchaus auch mit Gedanken an selbst herbeigeführtes Frühableben.

Zitat von Rainer Girbig
Zum Glück habe ich es immer wieder geschafft, davonzukommen. Letzten Endes siegte die Neugier auf das Leben über die Todessehnsucht. Auch manchmal der Gedanke an diejenigen mir nahestehenden Menschen, denen ich damit weh tun würde. Ich war nie deshalb bei einem Arzt.
Da sind Sie zu beglückwünschen. Nicht jedem ist es vergönnt, rechtzeitig die Kurve zu kriegen.

Zitat von Rainer Girbig
Wenn man die eigene Lebenswirklichkeit nicht verändern kann, muss man sie irgendwie akzeptieren.
Nicht immer hat es etwas mit einer nicht akzeptieren Lebenswirklichkeit zu tun.

Zitat von Rainer Girbig
Das gelingt nicht allen und die darüber aufkommende Verzweiflung ... ist das der Beginn der Krankheit?
Durchaus möglich.
Zitat von Rainer Girbig
Was kann dann noch helfen? Wo ist die Grenze zwischen "natürlicher" Traurigkeit und krankhafter Depression?
Ich würde sagen: Wenn Sie alleine nicht mehr auf die Beine kommen. Wenn nichts von dem, was in der Vergangenheit geholfen hat, funktioniert. Dann sind Sie jenseits der Grenze.

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gerthans 13.11.2009, 14:45
8. @tzscheche

tzscheche schreibt:
Zitat von
Diese Gemütszustände sind aber nicht zu verwechseln mit der Gemütskrankheit Depression, die eine pathologische Form von Traurigkeit ist. Anders als bei Melancholie, Weltschmerz etc. handelt es sich bei Depressionen eben nicht um eine Gemütsregung, sondern vielmehr um eine völlige Gemütslähmung.
Ich glaube nicht, dass sich "natürliche" Trauer und Depression als behandelbare Krankeit so klar scheiden lassen. Ihr Kriterium: Gemüts"lähmung", also Antriebslosigkeit kommt auch bei "narürlicher" Melancholie vor. Kennen Sie Dürers Gemälde "Melencholia"?
http://de.wikipedia.org/w/index.php?...20060705234026

Die Welt ist voll von interessanten Objekten. Aber nichts davon weckt das Interesse des Melancholikers. War Dürer also krank, im Sinne von behandlungsbedürftig? Hätte man ihm Pillen verschreiben sollen?

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Hercules Rockefeller 13.11.2009, 14:49
9. Nun

Zitat von brunolab
Depressionen gab es sicher schon immer. Seit den 50ern kommt die Krankheit mehr und mehr ins Gespräch. Sicher auch weil es seit dem die ersten Medikamente dagegen gibt.
Nein, die gab es nicht schon immer. Die gibt es erst, seit der Mensch keine existenziellen Gefahren mehr kennt, bzw. diese nicht zum Alltag gehören.

Mitten im Krieg gibt es bspw. keine Depressiven, auch keine mit Angststörungen. Gleiches, wenn eine Hungersnot grassiert. Der Mensch ist dann 24 Stunden mit existenziellen Dingen wie Nahrungsbeschaffung und Überleben beschäftigt.

Die Depression ist eine Wohlstandserscheinung-zynisch gesagt sieht man das ja am Fall Enke überdeutlich. Sie tritt aber immer im Zusammenhang mit unnötigen oder künstlichem Stress auf. Im Fall Enke bspw. ging es um ein Ballspiel genannt Fussball, dass zu einem "Beruf" wurde. Inklusive völlig überhöhter wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Relevanz.

Das soll Depressionen nicht verharmlosen, sondern nur zeigen, dass Suizide zwar größtenteils im Charakter des Suizidalen begründet sind, aber nur in bestimmten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Erscheinung treten.

Uns allen fehlt oft der Sinn im täglichen Tun, was so lange oft kein Problem darstellt, wie sich nichts verändert. Doch jeder wird älter, mancher wird gefeuert, wieder einem anderen stirbt jemand weg und so weiter. Wenn dann alles existenzielle im Grunde schon erledigt ist, dann beginnt der Zweifel am Sein. Und wo nichts existenzielles gefunden wird, da erübrigt sich das Sein.

Wenn wir weg kämen von der "mehr Geld Strategie" hin zu "mehr Information/Wissen", dann könnten sich Depressionen wieder in Luft auflösen. Denn Geld ist endlich, Wissen indes eine Lebensaufgabe. Im Moment gehts doch nur darum alleine oder im Team jemand anderen oder ein anderes Team zu übertrumpfen-wie öde!

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