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Deutschland-Bild in Frankreich: Gourmets lästern über Teutonen-Kost
Corbis

Du bist, was du isst: In Frankreich definiert man Hochkultur gerne als Summe kulinarischen Genüsse. Die Kochkünste der deutschen Nachbarn hält man für eher schlicht - obwohl auch im Gourmet-Land ein paar merkwürdige Sitten eingezogen sind.

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Miere 08.08.2012, 07:02
1. Westfalen

Ich bin aus Ostwestfalen (so wie die Westgoten, die aus dem Osten kommen) und will zum Essen einen vollen Teller. Ob da jetzt Sauerkrautauflauf drauf ist oder Froschschenkel mit Salat und Baguette, darüber kann man reden; beides lecker. Was ich nicht ab kann ist die französische Esskultur, bei der man erst einen halben Esslöffel Suppe kriegt, dann ein Gäbelchen Salat, eine knappe Stunde später eine Handvoll Hauptgericht und so weiter, bis man entweder verhungert ist oder die Küche stürmt. Zumindest einige der Kollegen da im Westen scheinen das ja ähnlich zu sehen und sich ein ganzes Wildschwein ohne weitere Umstände zu wünschen.

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ak-73 08.08.2012, 07:02
2. Europäische Vielfalt

Ohne zu sehr vom Thema abweichen zu wollen: Genau diese europäischen Unterschiede sind so liebens- und erhaltenswert. Man hat Zweifel, ob ohne eine gemeinsame Sprache ein so heterogener europäischer Bundesstaat lebensfähig wäre.

Und würde eine gemeinsame Sprache nicht zur Angleichung in vielen, noch unvorhergesehenen Dingen führen?

Dieses Europa der vielfältigen Küchen, Sprachen, Mentalitäten ist schützenswert!
Gott segne Frankreich, Gott segne Deutschland!

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tobilechat 08.08.2012, 07:23
3. Jedes Land hat seine kulinarischen Höhepunkte

Zitat von sysop
Du bist, was du isst: In Frankreich definiert man Hochkultur gerne als Summe kulinarischen Genüsse. Die Kochkünste der deutschen Nachbarn hält man für eher schlicht - obwohl auch im Gourmet-Land ein paar merkwürdige Sitten eingezogen sind.
Und die Lebenskunst und der Genuss bestehen darin, alle Speisen dieser Welt zu probieren und das Beste aus allen Küchen dieser Welt zu genießen.

Auch wir Deutschen haben unsere Höhepunkte. Eine Currywurst kann durchaus einer sein. Und unsere Schlachtplatte, tut mir Leid, aber ich mag sie lieber als „die“ Choucroute garnie im Elsaß oder gar „die“ Choucroute royale mit Champagnerkraut.
Und gleichzeitig geht mir ein Tête de veau mit sauce Gribiche über alles, genauso wie Jacques Chirac.
Das eine ist nicht wertiger als das andere.

Wohl aber die Qualität der Lebensmittel. Da gibt es himmelweite Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland, die sich, sicher, auch im Preis niederschlagen.
Ich möchte auf französische Supermärkte und Frankreichs kulinarische Genüsse nie verzichten müssen. Und ich muss es nicht, obwohl ich wohl als arm bezeichnet würde, würde man die gängige Definition auf mich anwenden.
Und genau da lasse ich mein Geld. Da habe ich einerseits im Bauch, was ich zum Überleben brauch' und andererseits kann Essen unendlicher Genuss sein.
Irgendwelche Konsumgüter haben diese Doppelfunktion nicht. Ich brauche sie nie zum Überleben, sie gaukeln mir Komfort vor, den ich gar nicht wirklich brauche.
Ohne Vorurteile und Stereotype kann das Leben so reich sein, ohne das große Geld im Porte-Monnaie.

Foie Gras am Stück, nicht den bloc, gibt es auch bei mir, jede Weihnachten, mit goldprämiertem Gewurztraminer von Wolfberger, briochierten Canapés und Portweingelée. Jede Weihnachten freue ich mich drauf, aber jeden Tag brauche ich das nicht, will ich das nicht. Und foie gras ist nicht teuer, wenn man die günstige nimmt. Der einzige Unterschied zur schweineteuren: Die Optik, die Blutgerinsel, die die teure nicht hat. Was stören mich die? Sie tun dem Geschmack keinen Abbruch und optisch sind sie nicht so dominant, als dass sie mir den Appetit verderben würden. Und oie oder canard, selbst wenn man den Unterschied in einer Blindverkostung rausschmecken würde, ich will es nicht wissen, foie gras de canard reicht für mich und meine Ansprüche.

Bei dem, der sich zu jeder Zeit immer alles leisten kann, wo bleibt da der besondere Moment? Wie sehr genießt derjenige noch? Es reicht mir, wenn ich ein Mal im Jahr zu Vincent Klink in die Wielandshöhe Essen gehe, wenn ich auch nur jede Woche gehe, nimmt das Vergnügen ab. Hochgenuss hat auch viel mit dem richtigen Maß zu tun, mit der Seltenheit des Moments des Verspeisens einer Speise mit ihrer Kostbarkeit.

Die richtig guten Produkte, in Deutschland muss man sie suchen, in Frankreich stehen sie seit' an seit' und zwar in Hypermarchés von einer Größe, die man in Deutschland nie gesehen hat.

Und dass nun auch der Franzose Fertiggerichte isst, das ist dem System des Kapitalismus und der künstlichen Verknappung des Faktors Zeit geschuldet. Immerhin haben die Produkte von Fleury Michon & Co. auch eine Qualität, die in Deutschland ihresgleichen sucht und es gibt sie in einem Variantenreichtum, einer Auswahl, die man in Deutschland noch nicht gesehen hat.

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peter_schlemihl 08.08.2012, 07:27
4. Nun ja,

welchen Respekt sollten Franzosen, Italiener, Spanier, etc. auch haben vor der Eßkultur eines Landes, in dem bei der Mehrzahl der Bewohner die Größe der Portionen und der billige Preis das Wichtigste am Essen ist.

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tobilechat 08.08.2012, 07:27
5. Savoir vivre

Zitat von sysop
Du bist, was du isst: In Frankreich definiert man Hochkultur gerne als Summe kulinarischen Genüsse. Die Kochkünste der deutschen Nachbarn hält man für eher schlicht - obwohl auch im Gourmet-Land ein paar merkwürdige Sitten eingezogen sind.
Über Frankreichs savoir vivre lasse ich nichts kommen. Dass die Sitten verrohen ist alleinige Schuld des Kapitalismus und seiner künstlichen Verknappung des Faktors Zeit.
Zum Genießen ist immer Zeit und wenn ein System meint, mir das genießen madig zu machen, dann will ich es, nicht zuletzt aus diesem Grund, nicht mehr.

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atlantic23 08.08.2012, 07:32
6. Klischees

Meine Familie und ich mögen Frankreich sehr, so sehr, dass wir regelmäßig in Frankreich Urlaub machen und mit mehreren französischen Familien gut befreundet sind. Wenn wir sie besuchen, geht es immer hoch her. Aber die angeblich so tolle französische Küche erweist sich doch als ziemlich vergleichbar mit der deutschen. Pate oder foie gras gibt es dort auch nur sehr ausnahmsweise, z.B. wenn gute Freunde aus Deutschland zu Besuch sind. Das Essen in französischen Restaurants ist zumeist nicht besser als hier und oftmals auch schlechter.

Mir gehen die Klischees auf die Nerven. Warum lassen die Redaktionen solche billigen Artikel ihrer Korrespondenten durchgehen?

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skiss 08.08.2012, 07:48
7. nun Ja

Ich bin viel herum gekommen und habe in vielen Ländern sehr gut gegessen. Frankreich jedoch habe ich als das Land in dem man für sehr viel Geld sehr schlecht essen kann in Erinnerung. Vielleicht lag es aber auch an den übersteigerten Erwartungen, die durch Artikel wie diesem geweckt werden. Vielleicht hatte ich aber auch nur Pech.

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docbien 08.08.2012, 07:59
8. Leider

ist in Deutschland kulinarische Barbarei wirklich weit verbreitet. Und falls jemand wirklich ein Faible für gutes Essen und Trinken hat, dann reicht das Budget oft nur für den üblichen Discounter-Mist.

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Bobby Shaftoe 08.08.2012, 08:05
9. .

Ein Land, das Stopfleber und Froschschenkel für national schützenswerte Kulturgüter hält, sollte nicht über die Essgewohnheiten anderer urteilen. Foie Gras und Froschschenkel sind Tierquälerei, nicht mehr und nicht weniger. Genau diese bornierte Ahnungslosigkeit geht mir bei den Essgeschichten im SPON tierisch auf die Nerven: Essen? Lecker. Tierschutz? Mir doch egal.

Im übrigen sollte sich mal Herr Simons in die französische Provinz begeben und zusehen, wie sich der französische Piefken Doof versorgt: Am Samstag nachmitag fallen scharenweise Familienclans in der Kantine des Möbelhauses ein und verdauen Industrienahrung (selber an der Rhone auf der Suche nach einem Campingplatz erlebt).

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