Forum: Politik
Flucht aus Westafrika: Wenn Papa dich aufs Meer schickt
Polfoto

Gambia ist arm, die Verheißung Europa riesig. Da schreckt auch die immer schwierigere Flucht über das Mittelmeer kaum - erst recht nicht, wenn die ganze Familie zum Aufbruch drängt.

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Benjowi 03.11.2017, 17:36
1. Ein Teufelskreis, der scheinbar nie endet.

Es ist im Grunde ein Treppenwitz der Geschichte, der leider einen sehr schlimmen Hintergrund hat. Früher wurden die Menschen aus Afrika in die Sklaverei gezwungen und verschleppt-heute begeben sie sich unter fast ähnlich schlimmen Randbedingungen willentlich selbst in diese Situation. Was um alles in der Welt tun die afrikanischen Eliten, um ihre Kinder vor solchen Zuständen zu bewahren? In der Mehrheit offensichtlich nichts und manche fördern das auch noch, oft unter aktiver Beteiligung auch deutscher Konzerne und Regierungen-es ist einfach unglaublich.

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gatopardo 03.11.2017, 17:40
2. Wir hatten ja nur zufällig das Glück,

im wohlhabenden Europa geboren zu werden, obgleich ich mich an meine Kindheit nach einem verlorenen Krieg erinnere, in der es an allem fehlte. Wenn man dann aber die Berichte über die Zustände in vielen Teilen Afrikas liest, übertreffen sie doch alles, was wir einmal für eine relativ kurze Zeit durchmachen mussten. Wer weiss, ob wir dann nicht auch unser Leben aufs Spiel setzen würden, um es wenigstens zu versuchen, dem Dahinvegetieren ein Ende zu setzen.

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kuestenvogel 03.11.2017, 18:11
3. Es muss nicht so weitergehen

Vor einigen Jahren habe ich mehrere Wochen auf Zanzibar, dem halbautonomen Staat von Tanzania, nahe bei den Einheimischen verbracht. Nur dort, 98% Muslime, hat Allah einen achten Namen (übersetzt etwa: Herr/Vater der Ahnen), damit dem ursprünglichen Geisterglauben (Dhini/Dschinn) und der Medizin (wicca/witch doc) genüge getan wird.
Niemand, den ich sprach, unabhängig des Alters, wollte nach Europa, sie verurteilen deren Benehmen/Arroganz, auch wenn sie trotzdem zu den Touristen höflich sind = Geldquelle.
Die Probleme waren offensichtlich. Politisch: Geheimdienst, ursprünglich von der DDR aufgebaut, bis heute funktionierend, Kritik am gewählten Präsidenten darf nur geflüstert werden, dabei ist es doch im Westen angeblich eine vorbildliche Demokratie.
Wirtschaftlich: Reiche weiße Ausländer bauen hochklassige Sterneburgen, ohne Rücksicht, selbst auf muslimischen Friedhöfen wurde gebaut (der Protest mit Cola kaltgestellt); Chinesen, die Straßenbau finanzieren, diedafür als einzige Ankäufer der Algen von den Farmen erlaubt sind (harte Frauenarbeit neben allem anderen), die sie mit 100% Gewinn weiterverkaufen etc.
Entwicklungshilfe: z. B. Wellblechdächer, die klimatisch vollkommen ungeeignet sind im Gegensatz zu den trad. Dächern, wie man sie noch in manchen gut gepflegten Dörfern finden kann.
Ernährung/Einkommen: Fisch inkl. Oktopus, 50 verschiedene Mangoarten, Vanille, Kardamon, Pfeffer etc. wachsen, doch leisten können sich das Familien kaum. Der für mich bewegendste Moment war, als mir in einem Dorf jemand stolz seine paar (Futter-)Maisstauden zeigte, wie sie Mehl und Öl daraus herstellen können und er war glücklich(Gastfreundschaft), dass seine Frau mir sogar mehr als einen gekochten Kolben zum Essen anbieten konnte, wobei ich einen höflich herunterwürgte.
Tourismus: Abgesehen vom grundsätzlich überheblichen Verhalten führt der Sextourismus weißer Frauen zum Ausspielen der Inselarchipelbewohner mit dem Mainlandbewohnern: Massais kommen in Scharen außerhalb der Regenzeit und können sich hohe, westliche Standgebühren zum Verkaufen v. Andenken an guten Plätzen somit leisten, Zanzibaris nicht.
Usw. Ein Ausschnitt aus Ostafrika – verwundert mich nicht, wenn es dort auch eher so wird wie in Westafrika… Bildung: Feste Zeiten, höhere Schulen siond nicht kostenlos; die Jungen müssen zum Fischen, was abhängig ist von den Gezeiten. Das geht vor der Schulbildung, logisch, und wenn man die Räumlichkeiten sieht (Betonklotz ohne Möbel, nennt sich shuli in kuswahili, dt. Kolonialzeit), wird wohl kein Kind traurig sein, dort nicht hinzugehen.
Traurig.

Es gibt tolle Projekte und Ansätze, um wirklich etwas für ein besseres Leben für die Menschen dort zu erreichen, privat. Bzgl. Entwicklungshilfe empfehle ich als Einstieg das Buch von Volker Seitz: Afrika wird armregiert.

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Schnabeltier 03.11.2017, 18:21
4. Ich wünsche mir...

...endlich ein echtes Bekenntnis zu Bildung. Steckt *richtig viel* Geld in unsere Schulen, kein Digitalisierungswahn, aber solide und personell auch quantitativ hervorragende Ausstattung. Um *alle* hiesigen Kinder richtig gut bilden zu können *und* auch die vielen sozial-familiären Entbehrungen sehr vieler Kinder frühzeitig (!!!) professionell auffangen und begleiten zu können.
*Und* ich wünsche mir, damit verknüpft, ein staatliches Entwicklungshilfeprogramm, das gezielt Kinder aus entsprechenden Ländern holt, hier in Internaten, betreuten Wohneinheiten und Pflegefamilien unterbringt und ihnen Teilhabe an diesem Bildungssystem gibt. Parallel bis zur Ausbildungsbeendigung 50 Euro monatlich an die Familie zu Hause. Und geknüpft an die Bedingung, dass die jungen ausgebildeten Menschen anschließend für 5 Jahre mindestens für fünf Jahre in ihr Land zurückkehren und dort Aufbauhilfe leisten.
Ich wünsche mir, dass wir ein einziges Mal systematisch, pragmatisch, ideologiefrei und mutig ein wirklich sinnvolles Zukunftskonzept entwickeln.

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alter_nativlos 03.11.2017, 18:55
5. Der dritte Sohn schickz monatlich 50 Euro aus Spanien...

...heißt es in dem bericht und dieser betrag reicht für den Rest der familei in gambia zum leben?! So wird hier behauptet! Dann frage ich mich, wie die Familie 2000 oder 3000 Euro für die Auswanderung des Bruders nebst Schleuserkosten aufbringen konnte!Von dem geld hätten sie ja mehrere Jahre leben können!! Die Situation in Afrika ist ohne Frage prekär, aber wir müssen auch realisieren, dass nur eine kleine Gruppe der dortigen Bewohner sich eine Flucht überhaupt leisten können! Das geld wäre vor Ort besser investiert!!

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karstenkk 03.11.2017, 19:22
6. Ein bischen Hilfe ist möglich

Ich kenne Gambia sehr gut,hatte dort ein Restaurant und 30 lokale Angestellte,leider hatte mir die Ebola-Geschichte alles verdorben,alle meine Leute haben ihren Job verloren und ich mein gesamtes Investment.

Generell ist der Artikel sehr zutreffend,tatsächlich will dort jeder weg,alle jungen Männer sind quasi auf dem Absprung. Es gibt keine Arbeit und wirklich kein Geld.

Eine kleine Möglichkeit zur Hilfe gäbe es von unserer Seite: Tourismus. Gambia hat eine sehr gute touristische Infrastrukur mit zahlreichen Hotels nach europäischem Standard direkt an den schönen unverbauten Stränden. Sehr freundliche englischsprachige Einheimische und gute Restaurants für vergleichsweise wenig Geld. Lediglich 6 Flugstunden weg und nur 1 Stunde Zeitverschiebung. Außerdem ist es ein sehr sicheres Reiseland.

Der Tourismus war ein wichtiges Standbein mit viel Potential,bis Ebola die Touristenzahlen um 80 % reduziert hatte,obwohl in Gambia kein einziger Fall aufgetreten war. Mittlerweile ist Ebola sowieso im Griff.

Dies ist eine schöne Gelegenheit für aktive Entwicklungshilfe mit Spaß

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MtSchiara 03.11.2017, 20:28
7. Gambia ist ein selbständiger und unabhängiger Staat

Zitat von Schnabeltier
*Und* ich wünsche mir, damit verknüpft, ein staatliches Entwicklungshilfeprogramm, das gezielt Kinder aus entsprechenden Ländern holt, hier in Internaten, betreuten Wohneinheiten und Pflegefamilien unterbringt und ihnen Teilhabe an diesem Bildungssystem gibt. Parallel bis zur Ausbildungsbeendigung 50 Euro monatlich an die Familie zu Hause. Und geknüpft an die Bedingung, dass die jungen ausgebildeten Menschen anschließend für 5 Jahre mindestens für fünf Jahre in ihr Land zurückkehren und dort Aufbauhilfe leisten. Ich wünsche mir, dass wir ein einziges Mal systematisch, pragmatisch, ideologiefrei und mutig ein wirklich sinnvolles Zukunftskonzept entwickeln.
Sollte nicht Gambia selbst sein Zukunftskonzept entwickeln? Bildung transportiert immer auch ein Menschen- und Weltbild. Sollten nicht die Menschen dort selbst entscheiden, ob sie dies überhaupt wollen und wie sie leben möchten? Bis zum zweiten Weltkrieg waren die Länder Afrikas Kolonien, und europäische Mutterländer waren für sie verantwortlich. Anschließend wurden sie auf eigenen Wunsch hin in die Unabhängigkeit und Eigenverantwortlichkeit entlassen.

Was man den Ländern anbieten könnte, das wäre eine Mitgliedschaft in einer noch zu gründenden "Euro-Afrikanischen-Wirtschaftsgemeinschaft", die ungefähr so funktionieren könnte wie die Europäische Gemeinschaft der 12 Länder vor 1992 - mit entsprechenden Finanz- und Strukturhilfen. Aber die Entscheidung zur Mitgliedschaft treffen müssen die Länder selbst. Wenn man sich die Flüchtlingsströme nach Europa anguckt, so scheint doch das Europäische Modell über Europa hinaus von großer Anziehungskraft zu sein. Vielleicht sollten die afrikanischen Eliten dies zur Kenntnis nehmen und ihrer Bevölkerung einen Antrag auf Gründung einer solchen Gemeinschaft und auf Mitgliedschaft zur Abstimmung vorlegen. Wenn aber afrikanische Länder stattdessen nach eigener Facon selig werden möchten, dann müssen sie eigene Ideen entwickeln, und selbst formulieren, wie sie sich Hilfe vorstellen, wenn sie denn solche in Anspruch nehmen möchten.

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Realist111 03.11.2017, 21:35
8. Die Bedingungen in Afrika ...

Zitat von Benjowi
Es ist im Grunde ein Treppenwitz der Geschichte, der leider einen sehr schlimmen Hintergrund hat. Früher wurden die Menschen aus Afrika in die Sklaverei gezwungen und verschleppt-heute begeben sie sich unter fast ähnlich schlimmen Randbedingungen willentlich selbst in diese Situation. Was um alles in der Welt tun die afrikanischen Eliten, um ihre Kinder vor solchen Zuständen zu bewahren? In der Mehrheit offensichtlich nichts und manche fördern das auch noch, oft unter aktiver Beteiligung auch deutscher Konzerne und Regierungen-es ist einfach unglaublich.
... werden sich nur unter der Grundvoraussetzung ändern können, dass das Bevölkerungswachstum extrem zurück geht.
Wenn man eine große Familie nicht ernähren kann, dann ist der einzige Ausweg, weniger Kinder zu zeugen.
Dass - nicht nur sie, aber auch - die katholische Kirche diesbezüglich eine große Verpflichtung hat, ist den alten und religiös-ideologisch starrsinnigen "Entscheidungsträgern" offenbar nicht bewusst, denn sonst würden sie nicht immer noch das Kondomverbot als Monstranz vor sich her tragen, das die afrikanischen Katholiken in großer Mehrheit befolgen. Da wäre mal - im wahrsten Sinne des Wortes - praktische Lebenshilfe gefragt, und nicht nur wohlfeile Reden und Appelle ...

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Gruebel123 04.11.2017, 00:10
9. Bildung ist der Schlüssel

Zitat von Realist111
Die Bedingungen in Afrika werden sich nur unter der Grundvoraussetzung ändern können, dass das Bevölkerungswachstum extrem zurück geht.
Die Erfahrung zeigt, dass die Geburtenraten meist dann sinken, wenn Bildung und Lebensstandard angehoben werden. In einigen der sog. asiatischen Tigerstaaten haben sich die Geburtenraten innerhalb von wenig mehr als einer Generation auf 1,5 .. 2,5 mehr als halbiert.

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