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Populismus: Von Gauland lernen?
CLEMENS BILAN/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Alexander Gauland hat am Wochenende in der "FAZ" einen Artikel veröffentlicht, in dem er sich zum Populismus bekannte. Die Empörung war groß. Vermutlich, weil der Text nicht nur böse, sondern auch klug war.

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zeichenkette 08.10.2018, 17:38
1. Alles nur geklaut...

Wenn Gauland poetisch sein will, würgt er nur Halbverdautes wieder hervor. Sein "Der Regen, der in ihren Heimatländern fällt, macht sie nicht nass" hat er von Brecht (1952) entlehnt:

"Das Gedächtnis der Menschen für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden ist fast noch geringer. Die Beschreibungen, die der New Yorker von den Greueln der Atombombe erhielt, schreckten ihn anscheinend nur wenig. Der Hamburger ist noch umringt von Ruinen, und doch zögert er, die Hand gegen einen neuen Krieg zu erheben. Die weltweiten Schrecken der vierziger Jahre scheinen vergessen. Der Regen von gestern macht uns heute nicht naß, sagen viele."

Brecht kommt dann auch zu anderen Schlüssen:

"Die Abgestumpftheit ist es, die wir zu bekämpfen haben, ihr äußerster Grad ist der Tod. Allzu viele kommen uns heute schon vor wie Tote, wie Leute, die schon hinter sich haben, was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.

Und doch wird nichts mich davon überzeugen, dass es aussichtslos ist, der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen. Laßt uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Laßt uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.“

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dieter-ploetze 08.10.2018, 17:39
2. links ist die gerechtigkeit?

ich wuerde eher sagen, der soziale ausgleich. und der ist nicht unbedingt gerecht. aber da die linke neuerdings das globale im vordergrund sieht, kann man auch die linke betreffend sagen, wenn es hier regnet macht es die hiesige linke nicht allzu nass. denn die neue linke will alles global sehen und sieht daher die belange der einheimischen nicht mehr allzu deutlich. aus diesem grund kann die linke kaum mehr populistisch sein, eher das gegenteil davon. wagenknecht und lafontaine natuerlich ausgenommen. beide haben sowohl das globale im blick wie auch die nationalen interessen. das sollte die regel sein, gelingt aber nur sehr wenigen.

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csm101 08.10.2018, 17:42
3. Der linke Populismus

Hat es nur geschafft, Gerechtigkeit für kleine Gruppen zu schaffen. Siehe Ehe für Alle. Für die Masse der Bevölkerung haben sie keine Angebote. Tatasächlich wird das Proletariat von den Linken eher verachtet.

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pecos 08.10.2018, 17:43
4. Augstein hat wieder einmal recht.

Gauland aber hat leider die Weisheit des tränenden Krokodils: statt von der neoliberalen Umverteilungs- und Deregulierung, die zur Orientierungslosigkeit und berechtigten Angst geführt hat, zu reden, schmiert er Heimaturrogate und ähnlich Gefühliges auf die geschundenen Seelen. Das ist ganz grosse Heuchelei, denn gerade die Goldmann-Sachs-Partei AfD (Frau Weidel ist der beste Ausdruck dafür) sind noch für mehr Deregulierung und Verarmung der Massen. Davon will Gauland ablenken. Die Linken müssten die populistischen Sprachbilder der AfD übernehmen und mit demokratischen Inhalten füllen. Ein Beispiel: besorgte Bürger sorgten sich nicht vor einem wie auch immer gearteten Fremden (gruuuusel), sondern vor Herrn Gauland und Konsorten (mehr gruuuuusel). Linke und Demokraten, zieht die Glacéhandschuhe aus!

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drent 08.10.2018, 17:46
5. Mit was für einer Eleganz

hat diese AfD den Antisemitismus-Vorwurf gekontert. Keine andere "Volkspartei" kann mit einer speziellen jüdischen Gruppierung aufwarten. Da sind vielleicht nicht nur jene vielzitierten "Dumpfbacken" am Werk, sondern Leute, die über eine gewisse Raffinesse verfügen.

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RolfWolf 08.10.2018, 17:46
6. Ha ha, selten so gelacht.

Natürlich gibt es linken Populismus, der ist aber nicht auf die SED- Nachfolger begrenzt. Im Grunde ist die gesamte 68er Bewegung linkspopulistisch, aber sei es drum. Der Gauland war noch nie Nazi, sonst hätte er wohl kaum in der Staatskanzlei arbeiten dürfen und einige politische Parteiämter innehaben. Der politische Gegner macht ihn aber zum Nazi, weil das ein griffiger Begriff ist, den selbst der Dümmste versteht. Betreutes Denken eben, und von linker Seite. Wie hieß doch eine TV- Serie, die neulich gezeigt wurde? Wer anders denkt, ist Feind. Handelte zwar von der DDR /Stasi, trifft aber auf unsere Verhältnisse voll zu. Wehe dem, der angesichts der desaströsen Politik der letzten Jahre wagt, eine Augenbraue zu heben.

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heutemalich 08.10.2018, 17:48
7. Chapeau, Herr Augstein

Immer wieder (so in jedem 10. Beitrag) schaffen Sie es, hervorragende Analysen abzugeben, die auch nicht (wie sonst meist anti-links) tendenziös sind. Dies ist so ein hervorragender Beitrag. Und der letzte Satz, den Sie schreiben, zeigt einen Großteil der Misere auf, der in Deutschland herrscht: "Einen erfolgreichen, linken Populismus sucht man vergeblich.". Vielleicht deshalb, weil der Begriff Heimat auch von Linken gebraucht werden könnte - z.B. für den Schutz der heimischen Natur. Und weil die Rechten genau das nicht wollen.

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Hansfried 08.10.2018, 17:50
8. Typisch für eine Spiegel-Analyse

"Es handelt sich um eine rechte, in Teilen rechts-extremistische Partei. Sie lebt vom Ressentiment. Sie sät den Hass. Sie schürt die Furcht vor dem Islam und die Verachtung für die Muslime. Und sie gibt Holocaust-Verharmlosern und Antisemiten eine politische Heimat - auch wenn sich nun eine jüdische Gruppe in der AfD gegründet hat."

Erst wird das Objekt mit Gülle übergossen und dann wird behauptet, es stinkt nach Scheisse.

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der_prolet 08.10.2018, 17:51
9. Die Linke muss endlich von der "Gerechtigkeit" weg

Gerechtigkeit wird permanent herangezogen, als ob es ein universelles, objektives Konzept wäre. Dabei ist es nur eine Übersetzung von "wenn es nach mir ginge". Was ein gerechtes Urteil ist, definieren Verurteilter, Täter, Opfer, Staatsanwalt, Verteidiger, Richter und Publikum völlig unterschiedlich. Wie kann so etwas als Basis für eine Ideologie herhalten?

Gerechtigkeit kann höchstens "Gleichbehandlung" bedeuten. Dass zwei Fußballvereine am selben Regelwerk gemessen werden. Und nicht, dass einer gewinnen sollte, weil er der Publikumsliebling ist.

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