Forum: Reise
Rituale in Äthiopien: Der Bullensprung
Michael Martin

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Papazaca 08.01.2018, 07:11
2.

Leise Erinnerungen an "Jenseits von Afrika"
Wenn wir über Afrika schreiben ist das oft problematisch: Wir wissen wenig. Und noch weniger haben wir einen Zugang zum Leben der Menschen. Wenn dann ein selbsternannter Abenteurer und Fotograf (Michael Martin) und ein renommierter Journalist (Jörg Reuther) auf eine afrikanische Reise gehen, wird es spannend. Was wird aus diesem Mix aus spektakulären Fotos und analytischer Reportage rauskommen?

Ein gemischtes Ergebnis. Es zeigt eine fremde Welt, die spektakuläre Facetten aufweist, die wir aber nicht verstehen (Auspeitschen der Mädchen). Und es kommt zu einem bekannten Dilemma: Einerseits üben Martin und Reuther ihren Beruf als Journalist und Fotograf aus, andererseits wollen Sie eine andere Welt beschreiben und sich ihr trotzdem mit einer gewissen Sympathie annähern. Spektakulär aber trotzdem menschenfreundlich.

Sie plädieren für den Erhalt dieser fremden Welt (mich erinnert es an die früheren Vorstellungen vom edlen Wilden) und tragen gleichzeitig zu Ihrem Verschwinden durch zahlen von Geld und mehr Tourismus bei.

Seit "Jenseits von Afrika" hat sich viel verändert. Gleich geblieben ist der wollige Schauer über fremde Kulturen, die unser Bild einer exotischen Welt prägen, bis sich diese Exotik dann in Ihre Einzelteile auflöst. Kein Vorwurf sondern nur ein gemischtes Fazit.

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Weltgeisterer 08.01.2018, 08:24
3.

Zitat von
Vielfalt erhalten Vielfalt erhalten
Da haben Sie recht. Wenn es denn nun für alle gilt. Das scheint aber nicht der Fall zu sein.

Wäre man bei SPON konsequent, müsste man diese Tradition aber anprangern, da sie Behinderten keine Chance auf eine Heirat lässt. Mit einfachen Mitteln betreiben die Hamer hier sozusagen Eugenik.

Diese Abenteuerromantik des edlen Wilden ist letztlich pure Heuchelei. Entweder lässt man allen Völkern ihre Selbstbestimmung oder man geht konsequent gegen alle Menschenverachtung vor.

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carinanavis 08.01.2018, 09:27
4.

Die gemischten Kommentare Papacazas lassen ein gewisses eurozentrisches Besserwissertum erkennen. Abfällig wir Martin zum "selbsternannten" Fotografen und Abenteurer erklärt, wohingegen dieser natürlich ein ein exzellenter, professioneller Fotograf ist, dem auf seinen vielen Reisen hin und wieder Abenteuerliches zustösst. Mir ist Martin durch seine TV-Dokumentation "Die Wüsten der Erde" bekannt, in denen er stets respektvollen Umgang mit Natur und Menschen anderen Kulturen zeigt. Dann wird Martins Haltung, welche die Vernichtung dieser äthiopischen Kulturen durch Staudammprojekte und die Segnungen der westlichen Welt wie den Alkohol nicht gutheißt, gleich als naive Träumerei vom "edelen Wilden" diffamiert. All dies zeigt nur die Beschränktheit der Denkkategorien. Wenn man sein Afrikabild nur von einem Hollywoodfilm bzw. aus einem europäischen Roman bezieht, kann man nicht viel erwarten. Und ja, der Tourismus ist ja so böse. Nur gibt es da doch Unterschiede: Fläze ich in Hotelbetonburgen, brate mich am Strand braun und kenne das fremde Land nur von eigenen Fotos oder reise ich auf gefährlichen Routen, frage die Stammesältesten, ob ich fotografieren darf und berichte unvoreingenommen darüber? All das kann man übrigens auch als selbsternannter Tourist tun.

Der Kommentator Weltgeisterer sieht das Ritual zu Heiratsfähigkeit gleich als Eugenik, ohne zu wissen, ob die jungen Männer eventuell ein Jahr später wider zum Bullensprung antreten dürfen, ob sie ungeachtet des Ausgang Frauen anderer Stämme heiraten etc. Typischerweise fällt dem Kommentator auch hier nicht viel mehr ein, als das romantische Klischee vom Edeln Wilden, das nun angeblich von Martin verbreitet wird und letztlich nur Menschenverachtendes positiv darstellt. Die Menschenverachtung der tagtäglich in Deutschland stattfindenden echten Eugenik durch die Abtreibung genetisch (Trisomie 21) und physisch deformierter (z.B. Spina bifidia mit Wasserkopf) Kinder ist aber wahrscheinlich OK, weil ja alles schön nach unseren europäischen Normen geregelt ist.

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Olaf 08.01.2018, 09:30
5. Ist das Kultur oder ist das aus Deutschland?

Zitat von Weltgeisterer
Da haben Sie recht. Wenn es denn nun für alle gilt. Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Wäre man bei SPON konsequent, müsste man diese Tradition aber anprangern, da sie Behinderten keine Chance auf eine Heirat lässt. Mit einfachen Mitteln betreiben die Hamer hier sozusagen Eugenik. Diese Abenteuerromantik des edlen Wilden ist letztlich pure Heuchelei. Entweder lässt man allen Völkern ihre Selbstbestimmung oder man geht konsequent gegen alle Menschenverachtung vor.
Ja, es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich die Maßstäbe da sind.

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Lykanthrop_ 08.01.2018, 10:11
6.

Der Blick des Fotografen hat etwas, von dem Blick der Kolonialherren auf die wilden, edlen Ur-eingeborenen.
Das ist eine Mischung aus Überheblichkeit und Menschenzoo, wir sollten mit den Omo Augenhöhe zulassen und sie nicht wie wilde Tiere, auf Safari betrachten.

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ätherisch 08.01.2018, 10:18
7.

An Weltgeisterer:
Das kann natürlich so ein Artikel von Laien für Laien nicht leisten, aber was für ein Glück gibt es sogar zufälligerweise deutsche Ethnologen, die seit Jahrzehnten in und mit den Hamar geforscht haben. Diese haben feststellen können, dass trotz des symbolischen Gestus des Rituals (der Mann springt über Kühe oder Ochsen [sprich: nicht-Männer], NIEMALS über Bullen, obwohl alle Touristen vom "bull jumping" erzählt bekommen) sichergestellt wird, dass *jeder* heiraten kann: wenn jemand gehbehindert ist, wird er notfalls von seinen Altersgenossen über die Rinder getragen. Dass das Ritual auf eugenische Auslese abzielt, ist also ein falscher Eindruck.
Ich bin überrascht, dass so "exzellente Journalisten" die einfachsten Nachforschungen scheuen (sprich: mal ein wenig Ethnologie lesen); es steht alles zur Verfügung. Aber natürlich beschleicht mich da ein Verdacht: wenn man wahre Experten zitiert, reduziert das vielleicht die eigene Aura als Abenteurer und Chronist des Anderen. Aber so eine Eitelkeit will man niemandem unterstellen - insofern ist es mir völlig unerklärlich, warum nicht einfach nachgelesen wird, warum die jungen Frauen die Männer provozieren, sie zu peitschen (short version: es sind Verwandte der Initianden, die damit zur Schau stellen, wie stolz sie auf ihre Brüder/Cousins etc. sind, und die später die Narben als Argument verwenden können, von den Männern wiederum Solidarität und Unterstützung einfordern zu können).

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carinanavis 08.01.2018, 11:03
8.

Endlich meldet sich ein/e selbsternannter EthnologIn zu Wort: ätherisch. Der oder die versucht es mit weiterer Herablassung. Martin sei ein Laie. Als Diplom-Geograf und Autor von 20 Sachbüchern? Es wär auch nicht verkehrt, den Artikel genau zu lesen und nicht gleich die eigene Megakompetenz herauszuposaunen. Im Artikel wird eindeutig vom "sogenannten Bullensprung" geschrieben und niemand behauptet, dass hier die jungen Hamer oder Hamar-Männer über Stiere springen oder hüpfen. Es wird von Rindern berichtet, womit eben offengelassen wird, ob es sich um Kühe oder Ochsen handelt, was der Autor vielleicht auch nicht für jedes einzelne Tier nachprüfen musste.

Danke für die Klarstellung, dass es sich bei dem Rindersprungritual nicht um brutale Eugenik handelt, die zartbesaitete Europäer fast in Ohnmacht fallen lässt.

Dann aber muss das eigene "wahre Expertentum" wieder herausgetrichen werden: Der Nichtexperte Martin hat nicht nachgelesen, warum die jungen Hamarfrauen provokativ das Auspeitschen verlangen. Nur: Muss er das als NichtethnologIn? Wenn die "short version" schon vieles vermissen lässt und nicht wirklich viel erklärt, werden die Laienleser diese womöglich von den wahren Experten im diffusen Gelehrtendeutsch geschriebenen Zeilen mit einem geistigen Achselzucken überfliegen. Zudem gibt es gerade unter wahren Experten oft erbitterte Diskussionen über die "richtige" Interpretation eines Sachverhalts. Solange Sie nicht die Sprache der Hamar sprechen und bei diesen gelebt haben, zweifle ich sehr daran, dass Sie die wahren Zusammenhänge adäquat darstellen können.

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mesalliance 08.01.2018, 11:12
9.

zweimal textet der autor, die leute wären bereits alkoholisiert geweesen.. soll nach "gewohnheitsmäßig" klingen? oder doch eher wegen der feierlichkeiten?

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