Forum: Stil
Architektur: Beton brutal

Grusel, Ärger, Bewunderung - brutalistische Bauwerke polarisieren. Denn sie haben meist mehr Ausstrahlung als alles, was heute im öffentlichen und privaten Raum platziert wird.

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LJA 20.03.2018, 20:04
1. Die heutige,

in vielen Bereichen oft quälend langweilige Architektur des öffentlichen Raumes, wird von 2 Faktoren getrieben:
1) Von nahezu komplett sozialdemokratisch dominierten Stadtverwaltungen, deren oberstes Ziel die architektonische Gleichmacherei ist.
2) Von einer deutschen Architektenschaft, die nur zu gerne den Vorgaben von 1) folgt, weil es die eigene Arbeit ja so viel einfacher macht.
Eine Änderung dieser Situation ist bis auf weiteres nicht zu erwarten. Die gesamte erste Hälfte des 21. Jahrhunderts droht im zukünftigen Stadtbild komplett unter zu gehen.

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hellocapetown 20.03.2018, 20:50
2. Danke,

...für diesen denkanregenden Artikel. Wir haben gerade diese Diskussion über das Werdmuller Center des berühmten, inzwischen verstorbenen Architekten Roelof Uytenborgaard auf unserer Facebook Seite: The Cape's threatened Buildings. Das Werdmuller sollte ein Einkaufszentrum sein das allerdings nie richtig funktioniert haben soll, und als höchst unpraktisch bezeichnet wird. Inzwischen ist es am verfallen. Viele Kapstädter wollen es leider am liebsten schon gestern abgerissen sehn; generell haben sie wenig für Denkmalschutz übrig, vor allem was das frühe bis mitt zwanzigste Jahrhundert angeht. Der momentane Bauboom spornt den Abriss solcher Architekturen natürlich auch noch regelrecht an. Leider mangelt es entsprechend an Vermarktungsinitiativen ein schätzenswertes Umdenken zu erreichen; das Interesse und die Potenzialerkennung der Autoritäten und der lokalen Politik ist zudem extrem limitiert und lässt viel zu wünschen übrig. In 30 Jahren wird es ihnen sicherlich Leid tun.

http://werdmullercentre.blogspot.co.za/2008/01/werdmuller-centre-main-road-claremont.html?m=1

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P-Schrauber 20.03.2018, 22:02
3. Das tolle (nicht bei allen) dieser Häuser ist sie altern mit Würde!

Das Tolle an diesen Häusern ist sie altern mit Würde, das fehlt.
Statt Betonfassaden die in kürzester Zeit veralgen oder wo an den falschen Stellen Laufspuren von ablaufenden Regenwasser zusehen ist bekommen diese Gebäude eine angenehme Patina und so mit den Jahren eine gewisse Natürlichkeit. Gerade weil man noch die SChlabretter erknnen kann.

Leider fehlen die größten Protagonisten des Beton brut so z.B. Le Corbusier und auch Arno Ruusuvuori vor allem letzterer hat eine wie ich meine guten Mittelweg gefunden den Beton brut mit Maßstab und der Neudefinition eines Orte und schönen Innenräumen zu verbinden.

Schade das diese beiden wirklichen Klassiker und Idole der Architektur unerwähnt bleiben, zeigt mal wieder auch das zumindest ich mir mehr Tiefgang bei den Spiegelautoren wünsche.

Oder wie Ruusuvourio einmal 1989 in "Concrete in Finnish Architecture" bemerkte:

"Concrete has undeservedly got a bad reputation"

und

"Above all one should understand that despite the echo of its name, concrete is am extremely sensitive material whose making and treatment require very great professional skills"

Gilt noch Heute und sollte mich jetzt jemand als Verächter des glatten Beton abstempeln, ich kann mit der glatten Fassade der Schulhaus in Haslach Au von Beat Consoni sehr gut leben!

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box-horn 20.03.2018, 22:48
4. soso!

was Ihnen dabei konkret vorschwebt, bleibt wohl Ihr Geheimnis.
Der International Stil der 50er wie auch die Neigung zu brualistischer Stadtarchitektur ab den 1970ern ist kein Vorrecht der SPD-Stadtverwaltungen sondern gab es überall. Der Grund, aus dem sie so weite Verbreitung gerade auch im städtischen Bereich fanden, ist vor allem historisch zu sehen. Viele Innenstädte waren kriegsbedingt weitgehend zerstört, wenn ich das in Erinnerung rufen darf, und daß auch die Verwaltungen die Nachkriegsprovisorien gegen neue zweckmäßige und moderne Gebäude tauschen wollten, ist nachvollziehbar und menschlich, auch wenn man die Folgen für das Stadtbild heute kritischer sieht.
Heute greift eine Baumode um sich, die vielleicht auch in 40 oder 50 Jahren kritisch gesehen werden wird, nämlich der "Nachbau" prominenter Stadtvierteil der Vorkriegszeit. In Frankfurt beispielsweise hat dies dazu geführt, daß vor ein paar Jahren scheußliche weil vernachlässigte und mangels Pflege heruntergekommene brutalistische Verwaltungsgebäude abgerissen wurden und durch eine nachempfundene Vorkriegsaltstadt ersetzt wird. Es gibt eine Reihe weiterer derartiger Beispiele.
Übrigens dürfte es sich bei vielem, was Sie möglicherweise unter de Architektur der "ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts" (vermutlich meinen Sie das 20. Jh.) verstehen, um Wiederaufbau aus den späten 1940ern/1950ern handeln. Mit scharfen Blick für typische Stilelemente der 1950er findet man auch in angeblichen Altstädten so mancherlei erstaunliches.

Was die von Ihnen gescholtene deutsche Architektenschaft angeht, kann ich nicht ganz folgen. Was daran "leicht" sein soll, nach den Wünschen der Bauherren zu bauen, kann ich nicht nachvollziehen.
Der originelleste, individuelle Entwurf nützt einem Architekten nichts, wenn der Bauherr ihn nicht will. Der muß ihn nämlich zahlen.
Was individuelle Architektur angeht: Ich persönlich habe mich etwa an Frank Gehry übergesehen und ziehe zeitlosere Architektur vor...

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Filsbachlerche 20.03.2018, 22:57
5. SChlabretter

Zitat von P-Schrauber
Das Tolle an diesen Häusern ist sie altern mit Würde, das fehlt. Statt Betonfassaden die in kürzester Zeit veralgen oder wo an den falschen Stellen Laufspuren von ablaufenden Regenwasser zusehen ist bekommen diese Gebäude eine angenehme Patina und so mit den Jahren eine gewisse Natürlichkeit. Gerade weil man noch die SChlabretter erknnen kann.
Tasten vertauscht: Kann jedem passieren. Doch über den „SChlabretter“ mußte ich doch einige Sekunden nachdenken, bis ich auf „Schalbretter“ kam.
Glückwunsch! Ich kann mein fröhliches Grinsen ob dieser ungewollten Innovation nicht stoppen.
Doch zum Eigentlichen:
Le Corbusier war tatsächlich innovativ und in gewisser Weise genial. Seine Lichteffekte sind toll.
Doch wurde dieser Stil zur Mode und schlecht nachgemacht. In den 1970er Jahren diskutierte ich mit einem Architekten über den damaligen Begriff „Kunst am Bau“. Das bedeutete, vor einen brutalen Betonklotz ein Kunstwerk zu setzen.
Ich hielt dagegen, mir sein „Kunst im Bau“ lieber. Also lieber mehr Fantasie in der künstlerischen Gestaltung des Baus selbst. Und nicht nur Klotz auf Klotz.
Dieser Meinung bin ich heute noch.

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gandhiforever 20.03.2018, 22:59
6. Schoener Beton

Ich kenne etliche schoene Betonbauten, angefangen bei die Universitaet St.Gallen ueber das Stadttheater St.Gallen bis hin zum Goetheanum der Anthroposophen in Dornach/Kanton Solothurn.

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ovide 21.03.2018, 00:01
7. Deutschland war mal

auch architektonisch interessant, heute aber bei Großprojekten eher erbärmlich bis lächerlich. Im "privatem" Wohnungsbau (privat im Sinne von persönlich gibt es schon lange nicht mehr da alles bis in´s Kleinste reglementiert und damit privat nicht mehr erschwinglich) wird so vollständig isoliert dass bei Bauabschluss Schimmelbildung zertifiziert werden kann. CO ² Sünden der Industrie und des Verkehrs muß der "Häuslebauer " schultern. Einer der Gründe dass in Deutschland der Anteil an privatem Wohn-Eigentum so gering ist wie sonst nirgendwo in Europa

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az150 21.03.2018, 00:57
8. Brutalismus in vieler Hinsicht beispielgebend

Der Brutalismus hat uns einige der beeindruckendsen und schönsten Bauwerke der Moderne geschenkt: Angefangen bei den Sichtbetonkunstwerken Le Corbusiers bis hin zu Meisterwerken von Louis Kahn, Gottfried Böhm und vielen anderen bekannten und kaum bekannten Architekten. Diese architektonischen Leistungen nicht anzuerkennen ist schlicht Banausentum und zeigt das Fehlen jeglicher ernstzunehmender Beschäftigung mit mit modener architektonischer Gestaltung. Natürlich ist die Bandbreite moderner und aktueller Architektur viel größer, sie erschöpft sich nicht in großformatigen Sichtbetonbauten. Dennoch hat Sichtbeton aufgrund seiner außergewöhnlichen konstruktiven und gestalterischen Möglichkeiten einen ungewöhnlichen Reiz. Und gerade wenn außenliegende Sichtbetonfächen altern und verwittern gewinnen sie oft eine optische Qualität die an Naturstein gemahnt und damit dem Gebäude "Patina", also Geschichte, Abwechslung, Naturnähe verleiht. Eigenshaften, die eigentlich und zu Recht hoch im Kurs stehen. Solche Eigenschaften gehen vielen anderen modernen Baumaterialien völlig ab (z. B. glatten Glas- und Kunststoffoberflächen). Da wird z. B. mit ungewöhnlichen Farben oder aufgedruckten Fotomotiven gearbeitet, bei denen man letztlich nicht weiß, wie lange sie in der ursprünglichen Qualität der UV-Strahlung und anderen klimatischen Einflüssen wderstehen können, wohingegen sicher ist, dass sie mit nachlassender Farbigkeit, drastisch an ästhetischer Qualität verlieren werden. Beton bietet die Möglichkeit, in großem Maßstab zu bauen, viele brutalistische Bauten sind nicht zuletzt wegen ihrer weit übermenschlichen Dimensionen distanzeinflößend, abweisend und unbeliebt. Das ist ein schwer zu behebendes Manko, aber es ist eben auch Ausdruck ihrer Entstehungszeit und er damaligen technischen Lösungsansätze für die sich stellenden gesellschaftlichen und organisatorischen Aufgaben. Diese sind bis heute nicht kleiner geworden und daher wird immer noch in großen Maßstäben gebaut. Das bezeichnendste Beispiel dafür ist die Bebauung rund um den Potsdamer Platz in Berlin in den neunziger Jahren, also in nachbrutalistischer Zeit. Diese genauso überdimensionierte, zusätzlich aber völlig gesichtslose Architektur war weder städtebaulich noch in ästhetischer Hinsicht ein Fortschritt, im Gegenteil. Als Lehre aus all dem kann man vielleicht ziehen, dass - obwohl teuer, schwer abzuschätzen und mühsam - man sich über stadtarchitektonische Maßstäbe mehr Gedanken machhen sollte - sprich: kleinere Parzellen, kleinteiligere Bauweise, um den menschlichen Maßstab zurückzugewinnen. Im Umgang mit architektonischen Formen, dauerhafter Gebäudestruktur und Bauweise und den Gestaltungsmöglichkeiten mit dem Baustoff Beton kann man vom Brutalismus allerdings bis heute sehr viel lernen.

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UCL 21.03.2018, 01:17
9. trotzdem : Grabbeplatz, Kunsthalle in D : nieder reissen bitte !

Beuys et al forderten es zu recht und, für mich, gilt es immer noch. Äußerlich, und innerlich ist da nix mit 'Würde altern'. Die Buchhandlung allein ist ein Besuch im Gebäude wert; dort auszustellen und als Konsument die (leider dorthin gequälte) Kunst zu geniessen, bedarf's einer optischen Nasenklammer.

Mit Beton-Brut anfreunden half mir das 'Southbank Centre complex and National Theatre' in London, innenarchitektonisch vor allem; exzellente Socializing Zonen hat's dort.

Aber Marl, oder die VHS in Mülheim a.d.R., und so einige üble Beton-Brut Exemplare auf dem HHU Campus in Düsseldorf : nee, muss nicht sein. Einzige Ausnahme dort : die Roy-Lichtenstine Halle (glücklicherweise renoviert) erhalten -- Rest kann weg.

Beton-Brut Elemente dagegen als/im LandArt Kontext, das ist schon etwas anderes als in gedrängten City-Metropolen heftig unfreiwillig mit diesen ungemütlich und (dort oft zu) unharmonischen Beton-Massen alltäglich nicht nur visuell zu kollidieren.

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