Forum: Stil
Die Dinge des Lebens: V-Ausschnitt
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Claudia Voigt macht zum ersten Mal die Erfahrung, wie abgeklärt man wird, wenn etwas in Mode kommt, das man so ähnlich selbst schon getragen hat.

pleromax 26.11.2018, 16:03
1. Immerhin

Immerhin gab es zu den Poppern eine echte Gegenkultur, nämlich die Punks. Aufgekratzte Animosität inklusive: "Liegt der Popper tot im Keller, war der Punker wieder schneller", lautete ein gängiger Spruch. Derlei sucht man - zumindest als einigermaßen homogene Bewegung - heute vergebens.

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tom_tom_tom 27.11.2018, 05:20
2. homogen?

@pleromax : Liegt vielleicht daran, dass heutzutage alles diverser ist, sich also auch nicht nur polarisierte Kulturen gegenueberstehen. Bunt ist gut.

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Papazaca 27.11.2018, 06:37
3. Popper waren etwas mehr ...

Das Foto zu diesem Popperkommentar sagt es aus: Popper sein war damals nicht nur das Imitieren gutsituierter Vierzigjähriger. Es ging oft darüber hinaus. Es war die Bedeutung von gutem Aussehen und oft teurer Kleidung. Ähnlich wie bei den Sapeur im Kongo waren das auch teure Klamotten von Designern. Die Klamotten auf dem "Titelfoto" bestätigen das auch. Das"ich will besonders gut aussehen" ging über
die Stereotypen bürgerlicher Kleidung hinaus.

Das diese Jugendkultur in Ihrer Einordnung problematisch war, zeigte das Meinungsforschungsinstitut SINUS mit seinen Milieus. Die packten die gesamte Jugendkultur mehr oder weniger in eine große Schublade, Popper neben Punks. Etwas war an dieser Sammelschublade dran: Die Musik der Punks entwickelte sich zum Teil zu New Wave. Auf die Sexpistols folgten die Talking Heads.

Und was ist aus den anarchischen Frisuren der Punks geworden? Rote oder violette Haare tragen heute auch die älteren Damen, die früher über Punkfrisuren die Haare gerümpft haben. Fazit: Irgend wann landet alles im Mainstream.

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catcargerry 27.11.2018, 11:04
4. Nietenhosen und Rollkragenpullover

Wenn Mode sich wiederholt, bin ich mein Leben lang immer mehr dazwischen gewesen, aber hatte nie ein ernstes Problem damit. Ich fand es nicht wert, mich mit meinen Eltern über "Anziehsachen" zu streiten und ging mit Stoffhose statt Jeans in die Schule. Meine Söhne haben zeitweise eine Konzeptschule besucht, die Sozialkompetenz besonders ins Schaufenster legt. Auf keiner anderen hatten sie die Chance zu lernen, was Mobbing ist, der große auch als Opfer. Er trug nämlich keine oder nur selten Markenklamotten und machte uns deshalb Vorwürfe. Ich riet ihm, zu sagen, seine Eltern könnten sich das nicht leisten. "Du spinnst ja, die kennen Euch doch!" "Sag es und grins dabei, nach drei Mal hast Du Ruhe." So war es nicht, er brauchte ein paar Mal mehr, aber dann hat es funktioniert - Erfahrung fürs Leben. Letztens hatte er bemerkt, dass ich mir eine Auswahl Rollkragenpullover besorgt habe. "Na ja, Du hast ja das Alter", musste ich mir sagen lassen. Ein paar Tage später las ich, dass "... der gute alte Rollkragenpullover seit letztem Jahr als Turtleneck wieder Auferstehung feiert ..." Ok, letztes Jahr, aber so nah war ich selten dran.

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PRAN1974 27.11.2018, 20:47
5.

Also von gutem Aussehen kann ich auf den Fotos von 80s Mode nun wirklich überhaupt nichts erkennen, auch wenn die Sachen teuer gewesen sein mögen. Eher total lächerlich. Für mich modemäßig und aussehenstechnisch (Frisuren! Schnauzbärte!) das schlimmste Jahrzehnt, noch vor den ebenfalls üblen 90ern.

Dass die Models auf Plakatwänden plötzlich wie die Mitschüler der Autorin aussahen, ist hoffentlich ironisch gemeint oder denkt sie wirklich, der eigene Stadtteil habe einen Stil geprägt. Andersrum wird es richtiger. Jugendliche lassen sich von den Mitschülern oder Medien beeinflussen. Das Rebellieren über Kleidung funktioniert nicht in jeder Generation, wenn die vorherigen schon sehr provokant waren, und die Konkurrenzbewegung der Punks gab es ja auch noch.

Aber bei einem kann man beruhigt sein: Es kommt zwar alles wieder in der Mode, aber nicht im selben Umfang und Ernsthaftigkeit wie damals. Hippie- oder 60s-Kleidung ist auch immer wieder angesagt, aber im Mainstream nur als Anleihen oder modisches Statement und nicht als Komplettlook für jeden Tag.

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Fletsch 28.11.2018, 00:46
6. Wie die Eltern

Der Grund, weshalb sich heutzutage, und angefangen hat es mit den Poppern, die Kinder und Eltern so ähnlich sind ist, dass Kinder sich ab den 80er Jahren nicht mehr vor Ihren Eltern schämen mussten: unsere Eltern haben uns nicht geschlagen, waren nicht Erzkonservative Reaktionäre, hörten die Rolling Stones, fanden Ausländer nicht grundsätzlich verachtenswert, fingen an die Flüsse zu säubern, und hatten keine Weltkriege angezettelt. Wogegen sollten wir, und wogegen sollten Teenager heute, rebellieren?

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Rodini 28.11.2018, 06:41
7. Jede Zeit hat ihren Stil

Ich bin in den 70ern Jugendlicher gewesen und wir hatten eben lange Haare und ne M65 -Jacke. Ich sehe da auch nichts dramatisches. Wir hatten allerdings auch einen äh politischen Anspruch :-).
Wer über die Jugend klagt, hat m. E. nach, seine eigene vergessen. Es gehört in der Findungsphase nun mal dazu, sich einer Gruppe außerhalb des Elternhauses zugehörig zu fühlen.

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bmvjr 28.11.2018, 09:52
8. Nicht ganz

richtig verortet - die Popper waren zumeist Kinder gutbuergerlicher Herkunft und solche, die genau dazu gern gehoert haetten. Kinder "reicher" Eltern waren selten als Popper gekleidet, sondern eher in den zuweilen teuren, meist hochwertigen zeitlosen Klamotten, die man auch heute noch als klassisch tragen kann. Popper waren die Kinder der Autohausbesitzer, der Zahnaerzte, der Geschaeftsinhaber, der gehobenen Beamten, oft der damals typischen CDU Waehler. Der echte Popper trat deshalb auch gerne der Jungen Union bei, voellig ohne politische Kenntnisse, Interessen oder Ambitionen. Darauf kam es dem typischen Popper auch gar nicht an. Man war da eben im gelben Benetton Pullover unter dem Burberrymantel unter seinesgleichen. Allein die Oberflaeche zaehlte, im wahrsten Sinne des Wortes.

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