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IMM Cologne: Wie Möbelhersteller das Bauhaus feiern
Marc Eggimann/ Vitra

Das Bauhaus wird 100, ist aber hochmodern, wie ein Rundgang auf der Möbelmesse in Köln zeigt. Viele Hersteller legen die große Entwürfe der Zeit neu auf und lassen sie von jungen Designern überarbeiten.

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dasfred 18.01.2019, 14:59
1. Das mit dem Fieberglas ist übertrieben

Immerhin haben diese Möbel eine wesentlich längere Lebensdauer, evtl. in zweiter oder dritter Hand. Zeitlose Klassiker wandern nicht so schnell in den Sperrmüll, wie diese Toptrend Sessel.

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rudi_hektik 18.01.2019, 15:22
2. Das stimmt nicht ganz

Auf dem ersten Bild sieht man Stühle von Charles (und Ray) Eames. Die wichtigsten Arbeiten von Eames stammen aus der Zeit vom Ende der 30er Jahre und später. Das Bauhaus existierte nur bis 1933.
Außerdem wurde in den Bauhauswerkstätten für Möbel überwiegende Metall, Leder und Holz verwendet, Kunststoffe eigentlich nicht.

Abschließend eine Anmerkung zum Recycling. Die klassischen Designer-Möbel sind relativ teuer und von sehr guter Qualität, so dass sie lange genutzt werden. Die hohen Preise und die hohe Qualität haben ein Scond-Hand-Markt (nicht nur bei Ebay) für diese Möbel entstehen lassen. Außerdem werden von einigen Herstellern auch Ersatzteile angeboten.
Die Anforderungen an die Nachhaltigkeit sind somit erfüllt. Zu diskutieren gibt es da eigentlich nichts.

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Jochen Overbeck 18.01.2019, 16:00
3. Eames

Zitat von rudi_hektik
Auf dem ersten Bild sieht man Stühle von Charles (und Ray) Eames. Die wichtigsten Arbeiten von Eames stammen aus der Zeit vom Ende der 30er Jahre und später. Das Bauhaus existierte nur bis 1933. Außerdem wurde in den Bauhauswerkstätten für Möbel überwiegende Metall, Leder und Holz verwendet, Kunststoffe eigentlich nicht. Abschließend eine Anmerkung zum Recycling. Die klassischen Designer-Möbel sind relativ teuer und von sehr guter Qualität, so dass sie lange genutzt werden. Die hohen Preise und die hohe Qualität haben ein Scond-Hand-Markt (nicht nur bei Ebay) für diese Möbel entstehen lassen. Außerdem werden von einigen Herstellern auch Ersatzteile angeboten. Die Anforderungen an die Nachhaltigkeit sind somit erfüllt. Zu diskutieren gibt es da eigentlich nichts.
Lieber Rudi-Hektik,

Jochen Overbeck hier, der Autor des Artikels. Ich finde, man muss bei den Side Chairs schon über Materialität reden. Die Eamsens waren eigentlich immer daran interessiert, die modernsten Werkstoffe zu verwenden. Ich hatte damals, als die große Eames-Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein gastierte, die schöne Gelegenheit, mit Eames Demetrios zu sprechen, da war genau das ein Thema. Ich denke, dass Charles und Ray Eames das deutlich einfacher zu verarbeitende Polypropylen als Werkstoff Fiberglas vorgezogen hätten, zumal der Stuhl ja ursprünglich nicht in erster Linie ein Designstück, sondern ein Gebrauchsmöbel für Schulen, Gemeindehäuser, Kirchen etc. war. Insofern: Diskutieren kann man's. Und diskutiert wurde es übrigens auch, etwa am Abend vor der IMM-Eröffnung beim Nachhaltigkeits-Roundtable vom Rat für Formgebung im Kölnischen Kunstverein! Vitra war da argumentativ auf Ihrer Linie, wurde aber eben kritisch angegangen. Ich finde leider keinen Link, falls mir noch einer über den Weg läuft, reiche ich ihn nach.

Ich selbst finde die Fiberglas-Struktur auch schöner, glaube aber, dass der Vintage-Markt da an und für sich noch genug hergibt.

(Ihren - völlig richtigen - Hinweis bzgl. des Aufmacherbildes habe ich weitergegeben.)

Herzlich,

Jochen Overbeck

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syracusa 18.01.2019, 16:16
4. Klasse für die Masse

Leider, leider wird das Anliegen der meisten Bauhaus-Designer krass konterkariert durch die auf das Urheberrecht gestützten Baulizenzen. Das Bauhaus war grundsätzlich linksliberal, und die meisten Entwerfer designten explizit Möbel und Gebrauchsgegenstände, die industriell gefertigt für die Masse der Bürger erschwinglich sein sollten.

Die Marktpolitik der meisten Lizenzinhaber steht in krassem Gegensatz dazu. Simple Stühle, die aus unlizenzierter, gleichwohl aber sehr hochwertiger Produktion stammen, kosten oft nur zwischen 10 und 20% des "Originals". Wobei das "Original" auch nur ein lizenzierter Nachbau ist. Die Hersteller drücken extrem hohe Händlermargen durch, um so das Angebot auf wenige Hochpreisläden einzuengen. Rechtswidrig, aber leider juristisch kaum verfolgbar, werden diese "empfohlenen" Endkundenpreise auch durchgesetzt. Kein Händler wagt es, die Preise durch den Wettbewerb regeln zu lassen.

Dabei bin ich durchaus ein großer Freund des Urheberrechts und wäre sehr gerne bereit, den Nachkommen der Designer angemessene Lizenzgebühren zu bezahlen, wenn ich beispielsweise aus Großbritannien - wo ein weniger enges Urheberrecht gilt, bei dem die Rechte schon 50 Jahre nach Inverkehrbringen des Produkts erlischt - einen Nachbau eines Bauhaus-Möbels erwerbe.

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Papazaca 18.01.2019, 17:57
5. Interessante Variationen alter "Schätzchen"

Der imposanteste und gelungenste Sessel ist sicher der Barcelona Sessel von Mies. Im Gegensatz dazu empfinde ich den Hirche Sessel als ausgesprochen häßlich, im Gegensatz zu seinem Regal. Wirklich interessant ist die Neuauflage des Gropius Sessels. Dieses klobige Etwas wirkt viel leichter und fast wie ein Teil des Pop. Mit der neuen Aufteilung der Stoffe sehr gelungen.

Der klassische Thonet Stuhl und die Eames Stühle gehören streng genommen nicht in diese Auswahl, sind aber als zeitlose Klassiker
nie falsch. Ich hatte einige Bauhaus Möbel (Wasily-Chair, Barcelona Tisch, Mies Freischwinger und den Mart Stam Stuhl). Aus dieser Zeit stehen aber nur noch die Corbusier Möbel (Liege, Sessel, Tisch) bei mir rum. Und ein Frank Lloyd Wright Sessel.

Nach wie vor empfinde ich die klassischen modernen Möbel als zeitlos schön. Man kann mit ihnen gut alt werden und muß nicht jede modische Zuckung mitmachen. Der Trick ist, sie nicht wie ein Altar zu zelebrieren sondern sie in eine warme Wohnung mit Teppichen, Stoffen und Bildern einzubinden.

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kasimier 19.01.2019, 07:53
6. Einheitsbrei für Reiche

Der Bauhaus-Gedanke ist doch schon ewig tot. Die Möbel und die Architektur sind heute doch nur was für wohlhabende. Otto Normalbürger kann sich die Sachen doch nicht ansatzweise leisten. Was ja eigentlich mal Sinn und Zweck des ganzen war. Im Möbelbereich entspricht dem Gedanken heute ja wohl eher IKEA.

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syracusa 19.01.2019, 11:28
7.

Zitat von kasimier
Der Bauhaus-Gedanke ist doch schon ewig tot. Die Möbel und die Architektur sind heute doch nur was für wohlhabende. Otto Normalbürger kann sich die Sachen doch nicht ansatzweise leisten. Was ja eigentlich mal Sinn und Zweck des ganzen war. Im Möbelbereich entspricht dem Gedanken heute ja wohl eher IKEA.
Nein, Design nur für die Reichen war ganz und gar nicht Sinn und Zweck des Bauhaus'. Das genaue Gegenteil ist der Fall! lesen Sie meinen Beitrag #4 weiter oben.

Aber mit dem letzten Gedanken haben Sie recht: die Effizienz des Vertriebs bei den Discountern entspricht ganz und gar der Idee des Bauhaus. Es wäre äußerst wünschenswert, die für die Massen entworfenen Möbelklassiker über Discounter zu angemessenen Preisen unters Volk zu bringen. Einen neuen Eames Bürostuhl für 3.000 Euro anzubieten empfinde ich als geradezu obszön. In bester Qualität gefertigt und über ein seriöses Vertriebssystem verkauft darf so ein Möbelstück nur einen kleinen Bruchteil davon kosten!

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Papazaca 20.01.2019, 08:52
8. Sie treffen den Punkt. Und jetzt?

Zitat von syracusa
Nein, Design nur für die Reichen war ganz und gar nicht Sinn und Zweck des Bauhaus'. Das genaue Gegenteil ist der Fall! lesen Sie meinen Beitrag #4 weiter oben. Aber mit dem letzten Gedanken haben Sie recht: die Effizienz des Vertriebs bei den Discountern entspricht ganz und gar der Idee des Bauhaus. Es wäre äußerst wünschenswert, die für die Massen entworfenen Möbelklassiker über Discounter zu angemessenen Preisen unters Volk zu bringen. Einen neuen Eames Bürostuhl für 3.000 Euro anzubieten empfinde ich als geradezu obszön. In bester Qualität gefertigt und über ein seriöses Vertriebssystem verkauft darf so ein Möbelstück nur einen kleinen Bruchteil davon kosten!
Alles, was sie zu den Intentionen des Bauhauses geschrieben haben, preiswerte Möbel für alle, stimmt. Und die Originale des Bauhaus
wie auch die anderen Möbelklassiker sind in der Regel teuer.

Mit einer Einschränkung: Man kann sich von vielen Originalen preiswerte Kopien besorgen. Also ganz so schlimm ist es dann doch nicht.

Das sehr viel größere Problem ist, dass das Bauhaus eben doch, bis heute, eine Epoche ist, die eher Interessierten und Architekten vertraut ist. Dazu ist das Bauhaus eben auch 100 Jahre alt und nicht immer so zeitgemäß, wie das Marketing von Ikea.

Da ist es mehr als eine Ironie, das dem Gründer von Ikea Sympathien für die extreme Rechte nachgesagt wurden, während das Bauhaus eher links zu verorten ist. Aber so ist der Gang der Welt, das eher rechte Ikea findet sich bei den eher "Besitzlosen" wieder, das Bauhaus eher bei den Leuten mit Geld (wobei ich leider nicht zu denen gehöre ...). Wenn das nicht die Ironie des Lebens ist.

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syracusa 20.01.2019, 10:49
9.

Zitat von Papazaca
Alles, was sie zu den Intentionen des Bauhauses geschrieben haben, preiswerte Möbel für alle, stimmt. Und die Originale des Bauhaus wie auch die anderen Möbelklassiker sind in der Regel teuer. Mit einer Einschränkung: Man kann sich von vielen Originalen preiswerte Kopien besorgen. Also ganz so schlimm ist es dann doch nicht.
Nein, bei uns ist das nicht wirklich legal. Ich würde hier auch nicht von "Kopien" sprechen, denn auch die lizensierten Hersteller bauen nichts anderes. Die Produkte unterscheiden sich nur hinsichtlich der Lizenz, und die Lizenzgebühren würde ich gerne bezahlen. Ich sehe nur nicht ein, einem Händler für einen Bürostuhl 1500 Euro Handelsspanne zu bezahlen.

Die unlizenziserten Bauhausmöbel werden z.B. in Großbritannien angeboten, weil dort die Urheberrechte an den Designs bereits 50 Jahre nach Inverkehrbringen des Produkts auslaufen. Bei uns ist das aber erst 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers der Fall. Die in Großbritannien verkauften Nachbauten sind also genau so "Kopien" wie die der "Originalhersteller" in Deutschland.

Der Haken ist: zwar dürfen Deutsche (wg Brexit: noch) in Großbritannien einkaufen und die Waren nach Deutschland bringen, aber ein Spediteur, der den Transport erledigt, macht sich schon strafbar. Die "preiswerten Kopien", von denen Sie schreiben, gibt es in Deutschland also nicht wirklich legal, und nach dem Brexit noch nicht mal mehr dann, wenn Sie sie persönlich über die Grenze tragen.

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