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Nostalgie in Deutschland: Heimat - ein Ort im Gestern
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Deutschland droht von einem Land mit Fernweh zu einem Land mit Heimweh zu werden. Früher gab es zu viel Heimat, heute gefühlt zu wenig. Ein Phantomschmerz.

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Osservatore 03.10.2017, 19:01
10. Heimat inklusiv

Zitat von MartinBeck
Soso, jetzt geht's also der Heimat an den Kragen. Sie ist altmodisch, sie ist tümelnd, sie ist vielleicht sogar rechtslastig. Und nur die heimatlosen und wurzellosen Jetsetter sind die Leute der Zukunft? Weit gefehlt, liebe Leute. Ich habe mein halbes Berufsleben im Jetset verbracht, aber ich pflege meinen Dialekt, gehe gerne wieder in die Wälder meiner Heimat und wandere in den heimischen Mittelgebirgen. Was also bin ich jetzt? Wenn wir auf unsere Nachbarländer schauen, dann denken die meisten längst wieder in Regionen, sei es in UK oder in Spanien oder in Italien oder in Belgien, um mehr oder weniger geglückte Beispiele zu nennen. Diese Anti-Heimat-Diskussion ist nach meiner Beobachtung vor allem ein Thema von Journalisten, die ihre Wurzeln verloren haben, sich ihres früheren Dialekts schämen und nirgends mehr richtig angekommen sind. Arme Kerle!
Ich glaube nicht, dass jemand etwas gegen Heimat hat. Problematisch wird es, wenn Heimat überhöht wird, auf "Fremde" herabgeblickt wird und diese bewusst oder unbewusst ausgegrenzt werden, so dass die Heimat exklusiv wird. Heimat wird dann zum Erfolg, wenn alle Menschen sich in ihr wiederfinden können und akzeptiert werden. Alles andere steht im Verdacht des Schwülstig-Rechtslastigen, das sich mitunter auch in positivem Rassismus äußert.

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miram-m 03.10.2017, 19:14
11.

Ich lebe in Deutschland, mein Heimatland ist woanders. Manchmal vermisse ich Menschen, Landschaften, Essen, Bücher, Musik von dort so sehr, dass ich seelische Schmerzen empfinde und weinen muss. Insgesamt, wenn ich meine Situation betrachte, geht es mir viel besser in Deutschland. Lächerlich, wie die Psyche tickt, oder? Oder eben nicht, und heimatverbundene Gefühle sind keine Phantomschmerzen! Wenn man diese Gefühle hat, sehr subjektiv, kann man sie nicht einfach so loswerden! Wenn sie nicht vorhanden sind, gibt's keinen Grund etwas zu vermissen.

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shardan 03.10.2017, 19:48
12. Oh my...

Mal voran: Viel Gerede, aber was bedeutet das Wort "Heimat" ursprünglich? Eine Menge Artikel zum Wort, nirgendwo auch nur im Ansatz eine Erklärung - dabei wäre die zum Verständnis ganz hilfreich. Heimat kommt aus dem MItteldeutsch für "Hau maht" - die Heu-Maht. Man war - mehr oder weniger - da beheimatet, wo man das Heu für sein Vieh mähte. Sollte man genauer sagen: Mähen durfte! Denn selbst damals war eben das schon fremdbestimmt. Das nur mal voran. Ansonsten erscheint mir die Diskussion wie die sprichwörtliche nächste Sau, die man durchs Dorf treibt. Ein ausgesprochen deutsches, oder zumindest europäisches Problem. Amerikaner sind weitaus mobiler, ziehen wesentlich öfter um. Und das amerikanische Credo dazu ist eher ein "Zuhause bin ich, wo ich meinen Hut aufhänge". Heimat ist nicht gestern und heute, es ist nationalistisch, verbale Kleinstaaterei. Würde es a la "Star Treck" einen Angriff Ausserirdischer geben, wüssten plötzlich alle, wo ihre Heimat ist: Auf der Erde. (Ausgenommen ein paar ganz Unentwegte, die Gaulandisierungsopfer halt.) Keine Sorge, wird schon nicht passieren. Die Physik ist dagegen, zumindest das, was wir von Physik wissen. Nichts desto trotz: Heimat ist nichts feststehendes, so wenig wie der Begriff "Fremd". Uderzo lässt mal eine seiner Comicfiguren (Methusalix) den schönen Satz sagen: "Ich habe nichts gegen Fremde. Einige Fremde sind meine besten Freunde. Aber diese Fremden sind nicht von hier". Heimat ist etwas im Kopf. Wer eng denkt, dessen Heimat beschränkt sich eben aufs Dorf. Für mich selbst... als Deutscher bin ich in Deutschland zuhause. Dennoch bin ich oft und gern in Spanien, es ist meine sprichwörtliche "zweite Heimat". Das kam auch nicht von heute auf morgen, das lernt man mit der Zeit. Aber auch da gilt: Wir leben unter dem gleichen Himmel, aber nicht jeder hat den gleichen Horizont. Wer zu viel Angst hat und sich in Malle in einem deutschsprachigen Hotel mit deutschem Essen verkriecht, wird Land und Leute nie kennen- und schätzen lernen. Der bleibt im Kopf eben immer beschränkt - nicht nur auf seine Mietwohnung oder sein Häuschen im Dörfle.

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mawhrin101 03.10.2017, 21:23
13. Das Foto

über dem Artikel zeigt mitnichten deutsche Urlauber auf Mallorca sondern 3 von der Diskothek "Oberbayern" beauftragte Spanier die für das Oberbayern Werbung laufen. Zu meiner aktiven Mallorca Zeit waren das eher 12 bis 14, die die ganze Playa de Palma entlang gelaufen sind und skandiert haben: Heute Abend - Oberbayern, esta noche - fiesta grande. Schön wars.

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zudummzumzum 03.10.2017, 22:00
14. Was hat Heimat mit Nation zu tun?

Es ist schon merkwürdig, dass unser Wort Heimat mit seiner emotionalen Aufgeladenheit im Englischen oder Französischen keine Entsprechung hat. Woher kommt es, dass wir Heimat dermaßen mit Nation gleichsetzen und viel weniger mit dem Lebensmittelpunkt? Das ist das Einfallstor für merkwürdige Ideologien rund um Nationalismus. Vielleicht hat das damit zu tun, dass uns Deutschen so bewusst ist, dass wir schon eine Heimat hatten, bevor wir zur Nation wurden. Seit wann gibt es eigentlich die "deutsche Staatsbürgerschaft" amtlich, über die wir meinen uns streiten zu müssen?
Dabei ist der Streit selbst urdeutsch: Sachsen, Preußen, Bayern, Schwaben, ... sind wir uns nicht alle in herzlicher Abneigung verbunden? Und um wie viel ärmer wäre unsere Kultur ohne die Neckereien über die vermeintlichen Eigenarten - also "innerdeutscher Rassismus"?
Zu unserem Heimatgefühl scheint es also auch zu gehören, sich über den Nachbarn erheben zu können: Kölner gegen Düsseldorfer, Mainzer gegen Wiesbadener, ...
So lange dieser Streit ohne Gewinner und Verlierer liebevoll immer weiter getragen werden kann, ist es ja okay. Aber 70 Jahre erst DDR-Bürger und dann Ossi - da fehlt die Gegenmacht, der Ausgleich. Und ist dann auch nicht mehr witzig oder gar liebevoll, sondern einfach taktlos. Wenn man sich seiner Heimat schämt, wird es mit diesem Begriff kritisch, weil die emotionale Aufgeladenheit in einen Zwiespalt führt. Und das kann dann zu Explosionen führen.
Lösung: Jeder "entkrampfe" den Begriff Heimat für sich ein bisschen. Dann muss man nicht um die vermeintliche Ehre eines Landstrichs kämpfen. Denn das ist eine blöde Idee - Blut-und-Boden-Ideologie ...

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alohas 03.10.2017, 22:42
15.

Heimat kann man je nach Umstand ebenso national wie auch regional definieren. Ein alteingesessener Bürger Nürnbergs z. B. kann sich in seinem Heimatgefühl durch zu viele Oberbayern (regional - da sieht er sich als Franke) als auch durch zu viele Türken (national - da sieht er sich wiederum als Deutscher) gestört fühlen. Ist er jedoch im Ausland, können ihm Oberbayern, Sachsen und sogar Deutschtürken durchaus ein Gefühl von Heimat geben. Als ich einmal aus Süditalien kam, hatte ich bereits in Südtirol das Gefühl, so gut wie daheim zu sein, obwohl ich noch nicht einmal das italienische Staatsgebiet verlassen hatte. Im Übrigen kann es wohl kaum eine Regel oder Vorschrift geben, die besagt, dass man, wenn man so etwas schreckliches überhaupt hat, Heimatgefühle lediglich regional, aber ja niemals national zu verspüren habe.

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zeichenkette 03.10.2017, 22:49
16.

Zitat von zudummzumzum
Es ist schon merkwürdig, dass unser Wort Heimat mit seiner emotionalen Aufgeladenheit im Englischen oder Französischen keine Entsprechung hat. Woher kommt es, dass wir Heimat dermaßen mit Nation gleichsetzen und viel weniger mit dem Lebensmittelpunkt? Das ist das Einfallstor für merkwürdige Ideologien rund um Nationalismus. Vielleicht hat das damit zu tun, dass uns Deutschen so bewusst ist, dass wir schon eine Heimat hatten, bevor wir zur Nation wurden. Seit wann gibt es eigentlich die "deutsche Staatsbürgerschaft" amtlich, über die wir meinen uns streiten zu müssen? Dabei ist der Streit selbst urdeutsch: Sachsen, Preußen, Bayern, Schwaben, ... sind wir uns nicht alle in herzlicher Abneigung verbunden? Und um wie viel ärmer wäre unsere Kultur ohne die Neckereien über die vermeintlichen Eigenarten - also "innerdeutscher Rassismus"? Zu unserem Heimatgefühl scheint es also auch zu gehören, sich über den Nachbarn erheben zu können: Kölner gegen Düsseldorfer, Mainzer gegen Wiesbadener, ... So lange dieser Streit ohne Gewinner und Verlierer liebevoll immer weiter getragen werden kann, ist es ja okay. Aber 70 Jahre erst DDR-Bürger und dann Ossi - da fehlt die Gegenmacht, der Ausgleich. Und ist dann auch nicht mehr witzig oder gar liebevoll, sondern einfach taktlos. Wenn man sich seiner Heimat schämt, wird es mit diesem Begriff kritisch, weil die emotionale Aufgeladenheit in einen Zwiespalt führt. Und das kann dann zu Explosionen führen. Lösung: Jeder "entkrampfe" den Begriff Heimat für sich ein bisschen. Dann muss man nicht um die vermeintliche Ehre eines Landstrichs kämpfen. Denn das ist eine blöde Idee - Blut-und-Boden-Ideologie ...
"Dabei ist der Streit selbst urdeutsch: Sachsen, Preußen, Bayern, Schwaben, ... sind wir uns nicht alle in herzlicher Abneigung verbunden?" -- Ja, aber bis vor noch nicht langer Zeit waren das oft bitter verfeindete und sich bekriegende Länder und Völker. Die deutsche Nation war dann ja eben ein STAAT, der diese Feindschaften beendet hat. Deutscher Nationalismus war einmal etwas positives, etwas das nicht nach außen abgegrenzt hat, sondern nach innen vereinigt hat. "Einigkeit und Recht und Freiheit" halt. Dann aber wurden Nationalisten so hohl, dass sie meinten, eine Nation entsteht durch Abschottung nach außen und nicht durch Einigung nach innen. Und genau da wird dann aus "Heimat" auch etwas, das nur aus Abgrenzung gegen Fremdheit besteht und keinen eigenen positiven Inhalt mehr hat. Das sind alles Begriffe und Konzepte, die in Deutschland noch auf tausend Jahre hin vergiftet sein werden.

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bmvjr 04.10.2017, 03:49
17. Heimat wird gemacht

Wachse ich in den Bergen oder am Meer auf, in der Stadt oder auf dem Land, im Osten oder Westen, in grosszuegigeren Verhaeltnissen oder bescheidenen? Wirken meine Eltern stimulierend auf mich ein oder eher passiv? Die entscheidenden Praegungen erfahre ich bereits in fruehem Alter und die haben einen massgeblichen Einfluss darauf, wo ich meine Wurzeln spuere, was ich mit bedeutenden Erlebnissen aus der Kindheit verbinde und was ich als Heimat empfinde. Da kann ich durchaus nachvollziehen, wenn ein Fluechtling aus Syrien das zerbombte Land in dem er zu Kriegszeiten aufgewachsen ist als Heimat empfindet, weil ihm dort einst als Kind sein Vater eine goldglaenzende, unverschossene Patrone geschenkt hat.

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