Forum: Stil
Tiflis-Schau im Architekturmuseum: In Georgien bauen sie Kamikaze
Erik-Jan Ouwerkerk/ DAM

Verfallene Jugendstil-Villen, Ikonen des Sowjet-Brutalismus und spektakuläre Neubauten: In Georgiens Hauptstadt Tiflis sind alle prägenden Architekturstile der vergangenen 150 Jahre zu sehen.

P-Schrauber 13.11.2018, 22:07
1.

Super Bericht über die Architektur in Georgien und insbesondere Tiflis, in Zukunft bitte mehr davon und das nicht nur Georgien, (Außerhalb von Tiflis nimmt der Anteil an toller alter und neuer Architektur leider ab)
Sondern insbesondere der russische Konstruktivismus hat so viel tolle Architektur gebaut in der Sowjetzeit zu bieten die bis Heute im "Westen" kaum bekannt ist.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
own_brain_user 14.11.2018, 12:08
2. Sowjet-Brutalismus ...

... klingt natürlich schön reißerisch. Dass es ein wertungsfreier Begriff ist für einen vor allem von Corbusier geprägten Betonbaustil (das Wort ist von frz. "brut" abgeleitet - das bedeutet "roh, unbearbeitet, [bei Wein etc.] trocken"), in dem auch Kirchen errichtet wurden, unterschlägt man da lieber.

Badri Patarkatsishvili (nach internationaler Transliteration, oder Patarkazischwili, so die journalistische Umschrift - die im Artikel kreierte Zwittertransliteration ist, wenn auch nicht nur beim Spiegel verwendet, etwas daneben) konnte den Hochzeitspalast nicht lange bewohnen, und schon gar nicht, wie im Artikel behauptet, bis heute, weil er, wie eine SPON(!)-Recherche bestätigt, schon vor mehr als zehn Jahren gestorben ist (wurde? trotz Obduktionsergebnis kursieren da weiterhin Vermutungen - sein Tod hat einigen einfach zu gut in den Kram gepasst). Im Hochzeitspalast, den ich zu Sowjetzeiten zum ersten Mal besichtigen durfte, als er noch ganz neu war, gibt es längst wieder Hochzeiten und andere Events - privatwirtschaftlich.

Das ehemalige Autobahnministerium auf dem Titelbild ist deshalb so gut erhalten bzw. wieder hergestellt, weil darin heute eine Bankzentrale residiert. Auch Banker können also sowjetischer Ästhetik heute etwas abgewinnen. Heutige Bauherren und Architekten offensichtlich auch - der auf dem Foto zu sehende unfertige Bau nebenan reflektiert ja einige Elemente des Gebäudes. Selbst der verbreitete - und verständliche - Hass auf alles Sowjetische vermag also zu differenzieren, bis hin in arriviertere Kreise der georgischen Gesellschaft. Auch das darf man einmal zur Kenntnis nehmen.

Das erwähnte, mit Hochhäusern bebaute Plateau (!, da geht es um Stadtarchitektur, also im weiteren Sinne auch um Architektur) leitet seinen Namen von einer nach dem Philosophen Nutsubidze (international) oder Nuzubidse (deutsche journalistische Umschrift) ab, einem Mitbegründer der vor genau 100 Jahren entstandenen Universität in Tbilissi. Also auch die Vokale wurden falsch abgeschrieben im Namen dieses Wissenschaftlers, der im Postgraduiertenstudium wie später als Gastprofessor in Leipzig wirkte, aber in Deutschland eher in Vergessenheit geraten ist. Aber das mit diesem Namen ist, mit Verlaub, höchstens so wichtig wie der Unterschied zwischen Cichosch und Cochisch. Das Viertel ist übrigens von der Altstadt mit ihrem Architekturmix sehr weit entfernt und war von Anfang an eine Trabantenstadt.

Moniert sei ohne weitere Vertiefung die Bezeichnung "Tiflis" für die Stadt Tbilissi, aus den Sprachen der ewigen Angreifer und Eroberer der Stadt. Aber das ist ja leider Mainstream bis hin zu AA und Botschaft (die hier aus meiner Sicht an Diplomatie zu wünschen übrig lassen, im Unterschied zu anderen Ländern, wo man das hinbekommt - Beispiel aus Wikipedia: "Tbilisi is de hoofdstad van Georgië. Tot 1936 heette de stad Tiflis, ...").

Es geht hier um meine zweite Heimat und da mag ich's gern genau; man mag meine Hinweise vielleicht penibel finden. Ich verschweige aber auch nicht, dass ich mich über den ausführlichen Artikel freue und ihn ansonsten sehr gut finde.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
neanderspezi 16.11.2018, 16:52
3. Wer kann die Experimentierfreude von Architekten ertragen?

Es wird in Georgien vermutlich genügend Sprengstoff geben, dann kann man das hier Gezeigte auf vielfältigen Wunsch wieder in Ordnung bringen und muss nicht warten, bis es von selbst zusammenfällt. Mit diesem Ausblick in die Zukunft ist auch moderne Architektur irgendwie noch zu ertragen. So ist das nun mal, kein Architekt wird aufgrund seines Entwurfs auf einem Esel geteert und gefedert aus der Ortschaft seines architektonisch leidenschaftlich durchgeführten Verbrechens begleitet von Sang und Klang hinausbefördert und das ist vermutlich ein schwerer Fehler, den oft mehr als eine Generation nachträglich oft nicht nur visuell erdulden muss.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
jbadenhoop 18.11.2018, 17:08
4. Lust auf mehr

Diese Ausstellung ist bestens kuratiert, übersichtlich aufgestellt (besonders die kurzen, treffenden Bildkommentare sind auf Augenhöhe und deshalb gut leserlich), daß man sich eigentlich vornimmt, diese Stadt nun auch einmal selbst aufzusuchen und zu erkunden.

Beitrag melden Antworten / Zitieren