Forum: Treffpunkt
Lyrik

Was hier noch fehlt, ist ein Forum wo man sich vom drögen und harten Alltag des Internet - Surfens erholen kann um sich den Harfenklängen der Poesie hinzugeben. Alles ist erlaubt : sowohl selbstverfaßte Zeilen, wie auch die berühmter Poeten, ob politisch oder unpolitisch, ob satirisch oder ernst, ob Goethe, Schiller, Rilke, Wedler oder Morath: Nur keine Hemmungen!

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Schwinghammer 01.10.2008, 15:35
1600. Die Frage bleibt.

Halte dich still, halte dich stumm,
Nur nicht forschen, warum? warum?
Nur nicht bittre Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.
Wie's dich auch aufzuhorchen treibt,
Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.


(Th. Fontane)

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sapientia 01.10.2008, 16:13
1601. Die Winde des Herrn von Prunzelschütz

1. Das war der Herr von Prunzelschütz
Der saß auf seinem Rittersitz
mit Mannen und Gesinde
in mitten seiner Winde.

2. Die strichen, wo er ging und stand,
vom Hosenleder übers Land
und tönten wie Gewitter.
So konnte es der Ritter !

3. Zu Augsburg einst, auf demTurnier,
bestieg er umgekehrt sein Tier,
den Kopf zum Pferdeschwanze,
und stürmte ohne Lanze.

4. Doch kurz vor dem Zusammenprall
-ein Donnerschlag - ein dumpfer Fall
Herr Prunz mit einem Furze
den Gegner bracht zum Sturze.

5. Da brach der Jubel von der Schanz.
Herr Prunzelschütz erhielt der Kranz.
Der Kaiser grüßte lachendund
und rief: „Epochemachend !“

6. Ein Jahr darauf Herr Prunzelschütz
saß froh auf seinem Rittersitz
mit Mannen und Gesinde
inmitten seiner Winde.

7. Da kam ein Bote kreidebleich,
und meldete: „Der Feind im Reich !
Das Heer läuft um sein Leben.
Wir müssen uns ergeben.“

8. Flugs ritt Herr Prunzelschütz heran,
lupft seinen Harnisch hinten an
und lässt aus der Retorte
der Winde schlimmster Sorte.

9. Das dröhnte, donnerte und pfiff,
so dass der Feind die Flucht ergriff.
Da schrie das Volk und wollte,
dass er regieren sollte.

10. Herr Prunz indessen todesmatt,
sprach: „Gott, der uns geholfen hat,
der möge mich bewahren.“
Und ließ noch einen fahren.

11. Der letzte war’s, der schwach entfloh.
Drauf schloss für immer den Popo
Herr Prunz, der frumbe Ritter,
und alle fanden’s bitter.

12. Er ward begraben und verdarb.
Die Burg zerfiel. Doch wo er starb,
steht heute eine Linde.
Da raunen noch die Winde.

Fritz Grashoff

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hans-werner degen 01.10.2008, 17:43
1602.

Im Strom
Mit den Flößen hinab
im helleren Grau des fremden
Ufers, einem
Glanz, der zurücktritt, dem Grau
schräger Flächen, aus Spiegeln
beschoß uns das Licht.

Es lag des Täufers Haupt
auf der zerrissenen Schläfe,
in das verschnittene Haar
eine Hand mit bläulichen, losen
Nägeln verkrallt.

Als ich dich liebte, unruhig
dein Herz, die Speise auf schlagendem
Feuer, der Mund, der sich öffnete,
offen, der Strom
war ein Regen und flog
mit den Reihern, Blätter
fielen und füllten sein Bett.

Wir beugten uns über erstarrte
Fische, mit Schuppen bekleidet
trat der Grille Gesang
über den Sand, aus den Lauben
des Ufers, wir waren gekommen
einzuschlafen, Niemand
umschritt das Lager, Niemand
löschte die Spiegel, Niemand
wird uns wecken
zu unserer Zeit.

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hans-werner degen 01.10.2008, 17:47
1603.

Bericht

Bajla Gelblung,
entflohen in Warschau
einem Transport aus dem Ghetto,
das Mädchen
ist gegangen durch Wälder,
bewaffnet, die Partisanin
wurde ergriffen
in Brest-Litowsk,
trug einen Militärmantel (polnisch),
wurde verhört von deutschen
Offizieren, es gibt
ein Foto die Offiziere sind junge
Leute tadellos uniformiert,
mit tadellosen Gesichtern,
ihre Haltung
ist einwandfrei.

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hans-werner degen 01.10.2008, 19:19
1604. Was hätte der hier.......

.....tolle dedichte geschrieben wenn er sein Talent nicht dem Kommunismus geopfert hätte:
Die junge Erde schrie, und ich dabei. Vergess den Aufruhr nie, er ist in mir, in Blüte, Halm und Korn, in Demut und im Zorn, im wilden Tier. Wer ihn nicht lobt, der ist für's Leben blind. Der Aufruhr tobt, die Erde ist sein Kind. Und als die Welt wie eine Braut voll Schmerz und Sehnsucht war, da kam die reife Erde in die Wochen, da hat Lenin ihr schmerzvolles Jahr, hat seine Geste die Vergangenheit zerbrochen

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hans-werner degen 01.10.2008, 19:48
1605. wie auch der wesentlich Größere....

Zitat von hans-werner degen
.....tolle dedichte geschrieben wenn er sein Talent nicht dem Kommunismus geopfert hätte: Die junge Erde schrie, und ich dabei. Vergess den Aufruhr nie, er ist in mir, in Blüte, Halm und Korn, in Demut und im Zorn, im wilden Tier. Wer ihn nicht lobt, der ist für's Leben blind. Der Aufruhr tobt, die Erde ist sein Kind. Und als die Welt wie eine Braut voll Schmerz und Sehnsucht war, da kam die reife Erde in die Wochen, da hat Lenin ihr schmerzvolles Jahr, hat seine Geste die Vergangenheit zerbrochen
Ihr, die ihr in die Heimat wiederkehrt,
Verbannte, ihr, die ihr den jahrelangen
Endlosen Weg zu Ende seid gegangen
Und habt nur eins, der Rückkehr Tag, begehrt –

Und ihr, Verbannte auch, die ihr voll Bangen
Habt ausgeharrt und habt euch still gewehrt,
Von langem Warten müd und ausgezehrt,
Inmitten eures eigenen Volks gefangen –

Seid hier gewarnt und seht das Transparent:
»Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren!
Wenn der Verbannung Fluch ihr nicht erkennt,

Treibt ihr wie vormals ein verlorenes Spiel.
Bevor aus Deutschland wir vertrieben waren,
Wir lebten schon seit Jahren im Exil.«

....hier

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hans-werner degen 01.10.2008, 19:49
1606. oder hier:

Wenn einer Dichtung droht Zusammenbruch
und sich die Bilder nicht mehr ordnen lassen,
wenn immer wieder fehlschlägt der Versuch,
sich selbst in eine feste Form zu fassen,

wenn vor dem Übermaße des Geschauten
der Blick sich ins Unendliche verliert,
und wenn in Schreien und in Sterbenslauten
die Welt sich wandelt und sich umgebiert –

wenn Form nur ist: damit sie sich zersprenge
und Ungestalt wird, wenn die Totenwacht
die Dichtung hält am eigenen Totenbett –

alsdann erscheint, in seiner schweren Strenge
und wie das Sinnbild einer Ordnungsmacht,
als Rettung vor dem Chaos - das Sonett.

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hans-werner degen 01.10.2008, 19:53
1607. über seine Zeit im Hotel Lux....

....unter Verdacht stehend, eh er ganz Linientreu wurde
Licht und Finsternis



Zur höchsten Menschenwürde sich erhebend,

Ein ganzer Mensch und überlebensgroß,

Zugleich erniedrigt, zitternd und erbebend

Vor Ängsten nächtlich, nichtig, würdelos:



So haben wir gelebt in jenen Jahren.

Wir wuchsen auf zu einer Übermacht

Und waren machtlos, wie wir niemals waren,

Denn keine Macht half uns vor dem Verdacht:



Ein jeder war dem anderen verdächtig,

Ein jeder war des anderen ungewiß,

- So hoch gestiegen und so niederträchtig! -



War unsre nicht die größte der Epochen?



Und wessen Tür wird heute Nacht erbrochen?



So lebten wir in Licht und Finsternis.

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sapientia 02.10.2008, 08:25
1608. Ole Pinelle

Vor der Hafenverwaltungsbaracke,
in einer Wolke von Rum,
sitzt Ole Pinelle,
den Priem in der Backe,
und unterhält sein Publikum:

Hab mal mit einem gefahren,
und Paddy hieß dieser Spund.
Der war der größte Saufaus von ganz: Port Helasund.
Der saß voll Sprit und Galle,
und wenn er ins Wasser spie,
dann verreckte gleich jede Qualle,
so giftig war das Vieh.
Kalkuliere, muß wieder mal tanken,
wer von die Herren ist dran?
Ne kleine Butalje für'n kranken,
erzchristlichen Steuermann.

Und dann nimmt er die Flasche
ohne ein Wort
und gießt sie runter!
Und dann fährt er fort:

Kam mal ein gewaltiger Brecher,
der wischte Paddy von Deck.
Und unten schwamm ein Haifisch,
der schnappte sich ihn weg
und wollte ihn fertigmachen,
doch Paddy, der hielt sich frisch.
Er spuckte ihm in den Rachen,
und da verschied der Fisch.
Kalkuliere, muß wieder mal tanken,
wer von die Herren ist dran?
Ne kleine Butalje für'n kranken,
erzchristlichen Steuermann.

Und dann nimmt er die Flasche
ohne ein Wort
und gießt sie runter.
Und dann fährt er fort:

Einst kam er sinnlos besoffen
ins Obdachlosenasyl.
Da fand er eine Alte,
und die versprach ihm viel.
Doch als die dürre Kruppe
ihm schließlich zum Hals raushing,
da spuckte sie ihm in die Suppe,
daß er zugrunde ging.
Kalkuliere, muß wieder mal tanken,
wer von die Herren ist dran?
Ne kleine Butalje für'n kranken,
erzchristlichen Steuermann.

Und dann nimmt er die Flasche,
macht sie gleich leer,
und rülpst noch einmal
und lebt nicht mehr.

Vor der Himmelsverwaltungsbaracke,
auf einer Wolke von Schnee,
sitzt Ole Pinelle
in weißer Schabracke -
und spinnt Geschichten von See:

Hab mal mit einem gefahren,
und Paddy hieß dieser Spund.
Der war der größte Saufaus von ganz: Port Helasund.
Der saß voll Sprit und Galle,
und wenn er ins Wasser spie,
dann verreckte gleich jede Qualle,
so giftig war das Vieh.
Kalkuliere, muß wieder mal beten,
wer von die Engel macht mit.
Da beten sie alle betreten
und denken an Rumverschnitt.

Nur einer säuft heimlich
im Hintergrund,
und das ist Paddy
von Port Helasund.

Fritz Grasshoff

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sapientia 02.10.2008, 08:30
1609. Madame Goulou

Madame Goulou ist tätowiert
vom Ausschnitt bis zum Spann.
Und jeder, der sie engagiert,
sieht sich die Bilder an,

Die Nachttischlampe bei Goulou
brennt bis zum Morgengrau,
und keinem falln die Augen zu,
so spannend ist die Schau.

Doch wenn der Gast - man ahnt es kaum -
nichts weiter mehr entdeckt,
dann zeigt sie ihm den Zwischenraum.
Das ist der Knalleffekt!

Sagt: Bon plaisir. Und lächelt still.
So lächelt nur Goulou.
Sie weiß, was jeder haben will,
so gut wie ich und du.

Sogar ein Majestätsbesuch
kommt hierzu seinem Recht!
Sie ist das schönste Bilderbuch,
und jedes Bild ist echt.

Fritz Grasshoff

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