Forum: Wirtschaft
Untersuchung des Arbeitgebers: Japanerin nach 159 Überstunden gestorben
DPA

Mit nur 31 Jahren wurde eine japanische Reporterin tot in ihrem Bett gefunden. Vier Jahre später räumt ihr Sender ein, dass die Ursache massive Überarbeitung war.

Seite 1 von 5
gammoncrack 06.10.2017, 07:54
1. In Japan wird sich trotzdem so schnell nichts ändern.

Das ist nicht dem Unwillen zu verdanken, sondern der dortigen Mentalität. Selbst wenn derartiges unter Strafe gestellt würde, sowohl für AN oder den AG - die meisten Arbeitnehmer sehen das als Verpflichtung gegenüber ihrem Arbeitgeber an.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
frenchie3 06.10.2017, 08:30
2. Ich hatte mal drei Monate in einer

japanischen Spedition in Deutschland gearbeitet, damals hatte die gerade in D aufgemacht. Arbeitspensum eine Stunde am Tag, der Rest Zeit totschlagen. Die japanischen Kollegen saßen trotzdem bis 22:00 da. Während dieser Zeit wurde gespielt, gelacht, einfach nur da sein. Wir Germanen gingen um 17:00, voll ausgeruht. Nach einem Monat wurde ich aufgefordert mehr zu arbeiten, sprich auch weit über die offizielle Arbeitszeit (bezahlt!!!) zu bleiben. Ich kündigte wegen mangelnder Arbeit (schlagt mal sieben Stunden ohne wenigstens Internet tot). Als ich am letzten Tag meinem japanischen Chef auf wiedersehen sagte schloß er die Tür und fragte mich ob die Kündigung tatsächlich ernst war! Sicher denken jetzt alle ich fieberphantasiere hier, so etwas kann nicht wahr sein. Aber sicher ist daß ich seitdem meine eigenen Gedanken über japanische Arbeitseffizienz habe

Beitrag melden Antworten / Zitieren
bluejuly 06.10.2017, 08:32
3. Gesetzte und Kultur

Rechtlich wird sich dort vielleicht etwas ändern...die Arbeitskultur zu ändern wird lange dauern. Wenn ich lese, dass Japaner sich entschuldigen (müssen) wenn sie vor Kollegen nach Hause gehen oder auch bei ausgeschaltetem Bürolicht weiterarbeiten um ja nicht den Eindruck zu erwecken man würde anderen etwas von der eigenen Arbeit aufbürden müssten hier schon wirklich radikale Gesetzeseingiffe her (inklusive Kontrollen) um etwas an der Mentalität zu ändern. So wird man in ein paar Monaten den nächsten Fall haben und das Spiel geht von vorne los. Das System hat sich hier leider in eine krankhafte Richtung entwickelt der nur schwer gegenzusteuern ist.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
bluejuly 06.10.2017, 08:57
4.

Zitat von frenchie3
japanischen Spedition in Deutschland gearbeitet, damals hatte die gerade in D aufgemacht. Arbeitspensum eine Stunde am Tag, der Rest Zeit totschlagen. Die japanischen Kollegen saßen trotzdem bis 22:00 da. Während dieser Zeit wurde gespielt, gelacht, einfach nur da sein. Wir Germanen gingen um 17:00, voll ausgeruht. Nach einem Monat wurde ich aufgefordert mehr zu arbeiten, sprich auch weit über die offizielle Arbeitszeit (bezahlt!!!) zu bleiben. Ich kündigte wegen mangelnder Arbeit (schlagt mal sieben Stunden ohne wenigstens Internet tot). Als ich am letzten Tag meinem japanischen Chef auf wiedersehen sagte schloß er die Tür und fragte mich ob die Kündigung tatsächlich ernst war! Sicher denken jetzt alle ich fieberphantasiere hier, so etwas kann nicht wahr sein. Aber sicher ist daß ich seitdem meine eigenen Gedanken über japanische Arbeitseffizienz habe
Kein bisschen. Das deckt sich leider völlig mit meinen Erfahrungen. Wichtig ist nicht unbedingt was gemacht wird (das natürlich auch)...wichtig ist, dass man sich für das Unternehmen aufreibt egal ob man rumsitzt und Däumchen drehen muss weil es nichts mehr zu tun gibt oder tatsächlich produktiv arbeitet. Leider schaukelt sich das völlig sinnlos hoch, da in so einer Atmosphäre natürlich niemand bsp. als letzter gehen will und deshalb alle länger bleiben.
Die Mentalität hat Japan mit Sicherheit nach WWII geholfen zu der Industriemacht aufzusteigen die es heute ist, der Preis dafür ist aber hoch und gerade wenn sich das Verhalten verselbstständigt leidet langfristig gesehen auch die Produktivität als Ganzes darunter.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
pelegrino 06.10.2017, 08:57
5. 156 Ueberstunden in einem Monat...

...sind schon etwas ungewoehnlich. Andrerseits: wenn ich fuer eine deutsche Firma auf einer Auslandsmesse war - sagen wir 7 Tage plus Auf- und Abbau (also 9 Tage - sagen wir von 8:30 bis 23:30 man muss ja mit dem Kunden Abends noch auf die Piste - so zum Spass also 15 Stunden = 125 Stunden), An- und Abreise (zumeist 2 Tage sagen wir bei 9 Stunden reiner Flugzeit, Wartezeiten etc. nochmals rund 5 Stunden natuerlich mit Arbeit am Laptop gefuellt also 2 mal 14 Stunden = 28 Stunden) sowie Uebernahme und Abgabe in Deutschland (nochmals 2 Tage zu 10,5 = 21 Stunden) dann kamen da schon mal in 11 Tagen locker auf 174 Stunden. Enthalten sind darin zwei Wochenenden - die normale Arbeitswoche hatte wenn ich mich recht erinnere 38,5 Stunden. Was das bedeutet mag sich jeder selbst ausrechnen. Ich war von derartigen Geschichten nicht ganz so extrem betroffen, hatte aber Kollegen die "aussertariflich" bezahlt wurden und nach wenigen Monaten wie Gespenster durch die Gaenge wandelten - wenn sie denn mal in Deutschland waren. Auch fuer uns andere galt allerdings, dass wenn man im Flieger sass, dass deutsche Arbeitsrecht nicht mehr galt. Mittlerweile sitze ich in Asien und muss sagen - man ist zwar deutlich laenger "auf der Arbeit" bzw. im Buero, die Arbeit jedoch ist deutlich entspannter...

Beitrag melden Antworten / Zitieren
thomas387 06.10.2017, 09:01
6. Wer war's? Der Westen.

In einer tragischen Identifikation mit dem Feind hat Japan 1945 eine zunächst einzigartige, dann fatale Mischung von japanischer Mentalität mit kapitalistischem Wachstums-Ethos etabliert; in ungeheurem Spagat zur Tradition von Zen und Tee-Zeremonie, die zu einer Art-Lederhosen-Brauchtums-Wir sind wir-Imitation herabgekommen sind, leere Hülle ohne jeden Sinn. Japan hätte 1945 in Schweigen und Meditation gehen sollen; dann wäre vielleicht etwas eigenes entstanden.
Solange der Mensch glaubt, im Größeren aufgehen zu können, sei es Religion oder der Arbeitgeber, wird er Helden produzieren. Helden der Arbeit oder des Schlachtfeldes. Außerdem haben die Chinesen den Japanern längst den Rang abgelaufen. Japan hechelt hinterher.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Korken 06.10.2017, 09:07
7. Stereotype

Zitat von bluejuly
Rechtlich wird sich dort vielleicht etwas ändern...die Arbeitskultur zu ändern wird lange dauern. Wenn ich lese, dass Japaner sich entschuldigen (müssen) wenn sie vor Kollegen nach Hause gehen oder auch bei ausgeschaltetem Bürolicht weiterarbeiten um ja nicht den Eindruck zu erwecken man würde anderen etwas von der eigenen Arbeit aufbürden müssten hier schon wirklich radikale Gesetzeseingiffe her (inklusive Kontrollen) um etwas an der Mentalität zu ändern. So wird man in ein paar Monaten den nächsten Fall haben und das Spiel geht von vorne los. Das System hat sich hier leider in eine krankhafte Richtung entwickelt der nur schwer gegenzusteuern ist.
Naja, da (im Zitat) sind einige Übertreibungen dabei. Das "Entschuldigen", wenn man vor den Anderen geht ist meist eine simple Floskel, mehr nicht. "O saki ni, shitsureishimasu" ist wie "wie geht's" bei uns, ohne dass man dem eine große Bedeutung beimisst - wenn es nicht gerade regelmäßig am frühen Nachmittag vorkommt und man Meetings verhaut.
Bei ausgeschaltetem Licht weitermachen ist mir sehr fremd. Und wenn ist das wirklich freiwllig, um die Zeit totzuschlagen, etwas mehr Überstunden anzuhäufen. Diese werden normalerweise mit einem netten Bonus von meist 25% Zuschlag versehen. Da bleibt man gerne etwas länger, auch wenn esnichts zu arbeiten gibt. Jahrelange eigene Erfahrung.
Tatsächliche, erzwungene, unvergütete Mehrarbeit ist sehr selten. Solche exorbitanten Überstunden ebenso, meist doch auf eigenem Ehrgeiz beruhend.
Bei uns wurden die Überstunden, gerade wegen der Zuverdienmentalität, auf 25 im Monat begrenzt, was darüber hinausging, musste erklärt werden und oh wunder, es klappte, nur auf Fiskaljahresende kam man ausnahmsweise darüber, wenn ein Jahr abgeschlossen werden musste.
Das schöne an der dortigen Arbeitsmentalität ist, dass man Respekt voneinander hat, zeigt, dass man für die Firma - übersetzt eher: Für die Arbeitskollegen da ist, man sich auf einen verlassen kann. Egoismus ist kaum vorhanden, was normalerweise auch ein recht angenehmes Arbeitsklima schafft und gegenseitigen Respekt fördert, was sich weit auf das generelle Verhalten in der Öffentlichkeit auswirkt. Schwarze Schafe gibt es natürlich überall aber ich glaube, dass es immer noch ein recht steretypisches Bild von Japan und seiner Arbeitswelt hier gibt, das zwar hie und da stimmt aber ebenso viel Unverstandenes hineininterpretiert wird.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
dipl.inge83 06.10.2017, 09:08
8. Es gibt nicht

sehr viele Länder in denen sich ein Großteil der Menschen so stark über ihre Arbeit definiert, mein Haus, mein Boot, meine Überstunden. Wer nicht mitspielt ist, na klar, Lowperformer. Ausserhalb von Japan, Südkorea und Schland erntet diese Einstellung eher Erstaunen bis Kopfschütteln. Nicht umsonst konnten hierzulande solche Reformen wie die Agendagesetze ohne großen Widerstand durch gewunken werden, während woanders die Barrikaden brennen würden. Besser einen schlechten Job als gar keinen. Was sollen sonst die Nachbarn denken?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
christiewarwel 06.10.2017, 09:32
9. ist bei uns

Zitat von gammoncrack
Das ist nicht dem Unwillen zu verdanken, sondern der dortigen Mentalität. Selbst wenn derartiges unter Strafe gestellt würde, sowohl für AN oder den AG - die meisten Arbeitnehmer sehen das als Verpflichtung gegenüber ihrem Arbeitgeber an.
in etlichen Breichen keinen Deut besser. 120, 130 Überstunden im Monat? Da kann ich gerne mit dienen, schließlich möchte ich nach Ablauf meines Vertrages nicht für den Rest meines Lebens in der Arbeitslosigkeit landen, wenn bei meinen nächsten Bewerbungen mein alter Chef mich und meinen Fleiß auf direkte Nachfrage (yep, in der Wissenschaft usus) nicht in den höchsten Tönen loben sollte. Nennt sich Globalisierung. Macht 300 Bewerber auf eine Stelle.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 1 von 5