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Biodiversität: Vor der Tür leben Tausende unbekannte Arten
DPA

Knapp zwei Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit kennen Forscher bisher. Doch es existieren wohl mindestens doppelt so viele. Unbekannte Spezies gibt es nicht nur in den Tropen - sondern auch in Deutschland.

2a34d5z 08.01.2019, 14:32
1.

Ein Grund für den Nachwuchsmangel ist, dass in Journals Neubeschreibungen kaum zitiert werden, es sei denn es handelt sich um irgendwelche paläontologischen Beschreibungen oder ganz spektakuläre Arten.

Die Zitationen in Journals mit hohen impact factor braucht man aber wenn man nicht von befristeter Stelle zu befristeter Stelle an verschiedenen Universitäten springen möchte. Eine Alternative dazu wären Stellen an Naturkundlichen Museen. Diese werden aber auch seit mehreren Jahrzehnten eines nach dem anderen eingestampft und / oder der Forschungsauftrag dieser immer mehr verringert.

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otto_extremverbraucher 08.01.2019, 14:46
2. Nachwuchsmangel

Mal abgesehen davon, dass es für Biologen sowieso schwierig ist eine ordentliche Anstellungen zu finden, ist die Insektenbestimmung leider die Spitze der brotlosen Kunst. Als Biologe Jahrgang '15 mit echtem Spaß und auch Geschick an der Insektenbestimmung macht mich der Mangel an Experten traurig! Schade, aber wer solls bezahlen.

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Nr.001 08.01.2019, 15:04
3. Unbekannte Arten per Gentest?

Ich bin völliger Laie, daher maße ich mir nicht an, echte Forscher anzuzweifeln. Mich verwundert aber, dass man bei genetischen Variationen bereits von einer neuen Art sprechen kann. Ist es nicht logisch, dass es durch die permanenten Vermischungen zwischen unterschiedlichen Mückenpopulationen (als Beispiel) zu ebenso permanten kleinen Veränderungen des genetischen Fingerabdrucks kommt? Ist DAS dann wirklich schon eine neue Art? Das würde zu einer explosionsartigen Neuentdeckung von Arten kommen, die auch noch niemals aufhören werden. Man hätte also dann irgendwann z.B. 12 Millionen Mückenarten. Ich nahm bisher immer an, es geht bei neuen Arten um klare Unterschiede zu bekannten Arten. Beispielsweise bei einem Spitzmaul- und einem Breitmaulnashorn. Das ist zwar ein sehr grobes Beispiel, aber es verdeutlicht vielleicht ganz gut mein Anliegen.

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folcar 08.01.2019, 15:12
4. DNA barcode = Art

Schön, dass es so einfach geworden ist, eine Art zu definieren. Früher musste man auch die Variabilität über die geographische Verbreitung studieren - alles unnötig geworden. Vielleicht sollte man gleich den barcode eine Aufsammlung als Typus akzeptieren, dann spart man sich noch mehr überflüssige Arbeit.

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phffm 08.01.2019, 15:24
5.

Zitat von Nr.001
Ich bin völliger Laie, daher maße ich mir nicht an, echte Forscher anzuzweifeln. Mich verwundert aber, dass man bei genetischen Variationen bereits von einer neuen Art sprechen kann. Ist es nicht logisch, dass es durch die permanenten Vermischungen zwischen unterschiedlichen Mückenpopulationen....
Statt zehn Minuten lang Unsinn zu tippen, hätten Sie auch die Zeit nutzen können, um bei Wikipedia nachzulesen, wie man Art definiert.

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noalk 08.01.2019, 15:59
6. DNA-Barcoding beim Menschen

Die Frage eines Laien: Wieviele neue Arten würde man entdecken, wenn man menschliches Erbgut so untersuchen würde? Wurde das schon gemacht?

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strixaluco 08.01.2019, 16:32
7. Katastrophale Wissensvernichtung

Ich würde die Lage noch als um ein Vielfaches dramatischer einschätzen als im Artikel beschrieben. Im Bereich Artenkenntnis hat die aktuelle Forschungspolitik und insbesondere das Antrags - und Befristungssystem dafür gesorgt, dass nicht nur neue Erkenntnis erheblich erschwert wird, sondern vorhandenenes Wissen katastrophal erodiert. Es geht dabei nicht um Spielerei, sondern auch um Wissen, dass ökologisch für die Landwirtschaft bedeutsam sein kann und für die Erforschung neuer Ressourcen. Im Moment ist es an Unis in vielen biologischen Fachgebieten praktisch nicht mehr möglich, eine gute Artenkenntnis zu erwerben. Neue Professuren sind in den letzten 15 Jahren nahezu ausschliesslich mit physiologisch - genetisch ausgerichteten Kandidaten besetzt worden. Die Älteren, die noch umfangreicheres Wissen besassen, sind grossteils ausgestorben. Es gibt noch jüngere, die sich wie die im Artikel erwähnten Experten mit Arten beschäftigen, das Problem ist allerdings, dass diese sich nur finanzieren können, wenn sie vorwiegend genetisch arbeiten, etwas anderes gilt nicht als "modern". Die Labors, in denen Taxonomen und Systematiker arbeiten, sind aber meist schlecht ausgestattet, was unnötig viel Handarbeit bedeutet. Mithin bleiben junge Taxonomen meist im Labor und produzieren DNA- Sequenzen, haben aber keine Zeit mehr, sich mit der Lebensweise ihrer Forschungsobjekte ernsthaft auseinanderzusetzen. Natürlich bieten genetische Untersuchungen Chancen, die es früher nicht gab. Aber sich allein auf sie zu verlassen, ist eine eindimensionale Betrachtungsweise, die der Komplexität biologischer Organismen mit ihren ungezählten funktionalen Variationen und ökologischen Beziehungen nicht gerecht werden kann. Am Ende brauchen wir das funktionale Wissen, wenn wir etwas von der Sache haben wollen! Der Barcode hilft da rein gar nichts. Was dazu kommt, ist eine entsetzliche Verschwendung von Lebenszeit, denn DNA zu sequenzieren und die Daten grob aufzubereiten ist mit hinreichenden finanziellen Mitteln zu hundert Prozent automatisierbar. Dafür braucht man kein hochqualifiziertes Personal. Ein guter Automat und ein paar fitte TAs wären viel, viel besser darin, die Daten zu liefern!!! Die qualifizierten Leute bräuchte es da, wo man etwas aus den Daten macht, und wenn man da eben nicht eindimensional bleiben möchte, müssen Forscher auch viel draussen sein, da, wo ihre Forschungsobjekte leben, und auch mal durchs Mikroskop schauen. Das wird nur im Moment nicht passieren. Wer gerade in der Wissenschaft bleiben will, muss in drei Jahren, oder etwas in der Art, Mengen an Daten abliefern. Da nimmt man die Sequenz, und die teuren Apparate sollen genutzt werden.
Schade! So wird es an den Unis sehr bald keine nennenswerte Artenkenntnis mehr geben. Das Grundlagenwissen ist bei der Bachelor-Umstellung bis zur Unkenntlichkeit zusammengestrichen worden. Laien, die Taxonomie als Hobby betreiben, haben mittlerweise teils bessere Kenntnisse als Uniforscher.
Biologische Artenkenntnis ist nichts, das man schnell erwerben kann. Vor der unglaublichen Vielfalt des Lebens ist ein Menschenleben winzig. Da sollte man doch wenigstens die Chance haben, es zu nutzen!

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Celegorm 08.01.2019, 22:51
8.

Zitat von noalk
Die Frage eines Laien: Wieviele neue Arten würde man entdecken, wenn man menschliches Erbgut so untersuchen würde? Wurde das schon gemacht?
Natürlich hat man das menschliche Genom so untersucht bzw noch viel detaillierter. Darum die kurze, völlig klare Antwort: keine einzige.

Das Ergebnis sämtlicher (populations-)genetischer Untersuchungen beim Menschen zeigen vielmehr, dass 1. es noch nicht einmal Unterarten oder "Rassen" gibt beim Menschen, also selbst die genetisch entferntesten Populationen dem Rest sehr nahe sind und 2. die genetische Diversität innerhalb der afrikanischen Populationen wesentlich höher ist als im gesamten Rest der Menschheit, also alles ausserhalb Afrikas populationsgenetisch gesehen extrem nahverwandt ist.

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Celegorm 09.01.2019, 23:04
9.

Zitat von phffm
Statt zehn Minuten lang Unsinn zu tippen, hätten Sie auch die Zeit nutzen können, um bei Wikipedia nachzulesen, wie man Art definiert.
Die Frage ist allerdings keineswegs derart dumm und Wikipedia hilft da auch nicht gross weiter. Der dortige Artikel bezieht sich primär auf die klassischen Artdefinitionen (Fortpflanzungsgemeinschaft, morphologische Kriterien), diskutiert aber auch die Widersprüche/Unschärfen und ist nur bedingt aussagekräftig wenn es um neue genetische Methoden geht wie eben beim DNA-Barcoding.

Die moderne Genetik hat vollends deutlich gemacht, dass der Artbegriff bzw. die ganze Systematik ziemlich willkürlich und die Artbildung ein gradueller, fliessender Prozess ist. Die phylogenetischen Bäume, die man anhand von genetischen Informationen erstellen kann, zeigen darum auch nur die berechneten Abstände zwischen verschiedenen Gruppen. Ab welchen Werte man da letztlich die Grenze zieht und etwas von einer Population zu einer Unterart zu einer Art zu einer Gattung usw. wird, ist wiederum eine reine Definitionsfrage und ergibt sich nicht aus sich heraus.

Beim DNA-Barcoding erhält man letztlich also eine Abschätzung der möglichen Anzahl Arten basierend auf der gewählten Methodik und den getroffenen Annahmen. Ändert man letzteres, erhält man auch ein anderes Resultat. Und: Solange diese nicht Arten nicht umfassend beschrieben und damit in die vorherrschenden Definitionsschubladen einsortiert wurden, sind und bleiben es auch nur virtuelle Arten. Die Frage, ab wann etwas eine Art ist, ist also durchaus eine interessante und komplexe, auf die es keine letztgültige Antwort gibt.

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