Holocaust: "Die Liebe ließ mich überleben" - befreit aus dem KZ 27.01.2017
 "Der Lagerarzt Obersturmführer Friedrich Entress hatte großes Interesse an...
Stefan Hanke

"Der Lagerarzt Obersturmführer Friedrich Entress hatte großes Interesse an Tätowierungen. Eines Tages musste ich deshalb für ihn einen deutschen Häftling fotografieren, der von stattlicher Figur war und eine wunderschöne Tätowierung hatte, das ganze Paradies, künstlerisch gemalt in Rot und Blau. Drei Monate später rief mich ein Mithäftling in das Krematorium, er wollte mir etwas Besonderes zeigen. Es war diese Tätowierung, aufgespannt in einem Holzrahmen. Ich fragte ihn, wer das befohlen hätte. Die Antwort: 'Lagerarzt Entress hat es befohlen, wir sollen das Leder sorgfältig gerben, es soll später als Buchumschlag dienen'."

Wilhelm Brasse sitzt 2011 zu Hause mit einigen seiner Fotografien, die er als Häftling in Auschwitz anfertigen musste - darunter auch das einzige Hochzeitsporträt eines Häftlings in Auschwitz, des später hingerichteten Rudolf Friemel.

Trotz seiner österreichischen Familienwurzeln weigerte sich Wilhelm Brasse, die polnische Staatsangehörigkeit aufzugeben und der Wehrmacht beizutreten. Im August 1940 wurde er nach Auschwitz deportiert, wo er zunächst in einem Leichenräumkommando arbeiten musste, bevor er dank seiner fotografischen Ausbildung und Deutschkenntnisse den Posten des Lagerfotografen bekam. Von 1940 bis 1945 machte Brasse in Auschwitz rund 40.000 Fotos von Häftlingen, Hunderte Porträts von SS-Männern sowie Aufnahmen von pseudomedizinischen Experimenten. Nach dem Krieg versuchte er, wieder als Fotograf zu arbeiten, musste aber seinen Beruf wechseln, weil ihn die Bilder der von ihm fotografierten Todgeweihten verfolgten. Brasse starb 2012 im Alter von 94 Jahren.