Jahrestag der Penicillin-Entdeckung 700.000 Todesfälle durch Antibiotikaresistenzen?

Aktuell ist zu lesen, dass jährlich etwa 700.000 Menschen durch Bakterien sterben, die gegen Antibiotika resistent sind. Bald sollen es demnach sogar zehn Millionen Opfer jährlich sein. Was ist da dran?

Bakterienkulturen
DPA

Bakterienkulturen


Seit Jahrzehnten zählen Antibiotika, die krankmachende Bakterien bekämpfen, zu den wichtigsten Medikamenten. Doch zunehmend werden Erreger gegen die Mittel unempfindlich. "Im schlimmsten Fall sterben Menschen wieder an einfachen Infektionen etwa der Blase oder an Lungenentzündung oder Sepsis, weil die Medikamente nicht wirken", warnt Marc Sprenger von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf. Ein Thema, das auch anlässlich der Entdeckung des Antibiotikums Penicillin vor 90 Jahren, aktuell ist. Dazu kursieren beängstigende Zahlen. Sind sie korrekt? Ein Überblick.

Worüber wurde berichtet?

Zurzeit seien es 700.000, bald sogar zehn Millionen Menschen, die pro Jahr an Infektionen sterben, gegen die keine Antibiotika helfen. Diese Zahl ist aktuell zu lesen, denn am 3. September jährt sich die Entdeckung des Penicillins im Jahr 1928. Alexander Fleming stellte fest, dass das Schimmelpilzgift Bakterien abtöten kann; die Ära der Antibiotika begann. 1945 wurde Fleming dafür mit dem Medizin-Nobelpreis geehrt.

Was ist dran?

Angeblich stammen die beunruhigenden Zahlen aus einer Studie des Mahidol Oxford Research Centre (MORU) in Bangkok und des Infectious Diseases Data Observatory (IDDO) in Oxford. Doch in der Studie stehen sie nicht.

Tatsächlich finden sich beide Zahlen, die von den 700.000 jetzigen und zehn Millionen künftigen Opfern antibiotikaresistenter Keime, schon seit Jahren in Berichten. Sie stammen aus dem Report "Review on Antimicrobial Resistance", der im Auftrag der britischen Regierung erstellt wurde, und sind aus verschiedenen Gründen problematisch.

Erstens: In dem Bericht geht es nicht bloß um Bakterien, die unempfindlich gegenüber Antibiotika sind, sondern generell um Krankheitserreger, die nicht auf verfügbare Medikamente ansprechen. Darunter fallen zum Beispiel auch HIV, Grippeviren oder die Malaria-Erreger.

Auch sind die Kerndaten des Berichts dazu, wie häufig und wie tödlich resistente Keime sind, zweifelhaft, wie SPIEGEL ONLINE bereits 2016 berichtete. Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass aktuell jährlich 700.000 Menschen antibiotikaresistenten Bakterien zum Opfer fallen und dass in Zukunft pro Jahr zehn Millionen Todesopfer zu beklagen sind.

Fazit

Die Zahlen sind zwar fragwürdig, dennoch sind Antibiotikaresistenzen eine Bedrohung. Sie erschweren in vielen Fällen Behandlungen, wenn ein vorher optimales Mittel mit wenig Nebenwirkungen nicht mehr anschlägt. Schlimmstenfalls lassen sich Infektionskrankheiten gar nicht mehr behandeln.

Im Video: Superkeime - Die tödlichen Feinde

NZZ Format

wbr



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