Massage-Studie: Ich hab' Rücken, wie soll ich drücken?

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Millionen leidgeplagter Deutscher suchen wegen chronischer Rückenschmerzen Hilfe beim Masseur. Doch ist Kneten gleich Kneten? Alternative US-Mediziner wollten erforschen, ob ihre Massagetechniken besser helfen als klassische - ihr Resultat fiel ernüchternd aus.

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dapd

Andauerndes Leiden: Frauen leiden häufiger an Rückenschmerzen als Männer

Kreuzschmerzen sind ein häufiges Leiden, ein Teil der Betroffenen plagt sich damit sogar dauerhaft herum. Knapp ein Viertel der Frauen und jeder sechste Mann gaben bei einer Befragung des Robert Koch-Instituts (RKI) an, sie hätten chronische Rückenschmerzen. 5,4 Prozent der Fehltage gehen laut aktuellem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse auf Rückenschmerzen zurück, wobei Bandscheibenschäden noch einmal extra gezählt wurden.

Nicht immer finden Ärzte eine klare Ursache für den Schmerz, wie zum Beispiel eine Infektion, einen Tumor oder andere Erkrankungen wie Osteoporose. Um diesen anhaltenden nichtspezifischen Kreuzschmerz zu behandeln, greifen Mediziner auf verschiedene Verfahren zurück.

Wie gut verschiedene Massagetechniken helfen, wollten US-Forscher in einer jetzt in den "Annals of Internal Medicine" veröffentlichten Untersuchung klären. Sie verglichen dabei eine Entspannungsmassage, bei der klassische Techniken aus der sogenannten schwedischen Massage genutzt werden, mit einem alternativmedizinischen Verfahren: Bei der sogenannten ganzheitlich-strukturellen Massage verbindet der Behandelnde klassische Techniken mit anderen Verfahren, darunter Triggerpunkt- oder Cranio-Sacral-Therapie. Dabei sollen im Körper vermutete Energieflüsse wieder ins Lot gebracht werden.

Entspannungsübungen für zu Hause erklärt

Die Studie, die bemerkenswerterweise vom National Center for Complementary and Alternative Medicine, dem alternativmedizinischen Arm der US-Gesundheitsbehörde, gefördert wurde, begleitete insgesamt 401 Probanden: Dabei beobachtete ein Team um Daniel Cherkin vom Group Health Research Institut in Seattle, wie sich die Gesundheit der Teilnehmer im Laufe eines Jahres veränderte. Im vorab veröffentlichten Studienprotokoll vermerkten die Wissenschaftler ihre Annahme, dass die ganzheitliche-strukturelle Massage effektiver sein würde als die klassische.

Alle Probanden hatten mindestens drei Monate lang unter nichtspezifischem Kreuzschmerz gelitten. 133 Studienteilnehmer dienten als Vergleichsgruppe und bekamen gar keine Massage, 136 gingen zur Entspannungsmassage, 132 zur ganzheitlich-strukturellen. Dabei massierten die Therapeuten nicht ausschließlich. Sie konnten ihren Schützlingen auch eine Entspannungsübung für zu Hause erklären.

Nach 10, 26 und 52 Wochen ermittelten die Wissenschaftler mit einem einfachen Fragebogen, wie es den Patienten ging. Die Teilnehmer beantworteten 23 Fragen, wie etwa "Wegen meiner Rückenschmerzen bleibe ich den größten Teil des Tages zu Hause" oder "Ich gehe wegen meiner Rückenschmerzen langsamer als sonst". Jede mit Ja beantwortete Frage gibt einen Punkt, zu Beginn der Studie lag der Durchschnittswert bei 10.8. Die Mediziner sammelten noch diverse weitere Daten, das Fragebogenergebnis stand jedoch im Vordergrund.

Tatsächlich ging es den Teilnehmern, die massiert worden waren, nach zehn Wochen besser als den anderen. Zwei Drittel litten deutlich weniger unter ihren Rückenproblemen. Im Schnitt beantworteten die Probanden 2,5 (ganzheitlich strukturelle Massage) beziehungsweise 2,9 (Entspannungsmassage) weniger Fragen mit Ja als die Patienten ohne Massage. Damit der Unterschied als klinisch relevant gilt - sich also der Gesundheitszustand merkbar verändert -, mussten mindestens zwei Punkte Unterschied erreicht werden.

Über unerwünschte Nebenwirkungen, vor allem etwas stärkere Schmerzen, die wohl die Massage ausgelöst hatte, klagten lediglich vier Prozent der Entspannungsmassage-Probanden und sieben Prozent, die strukturelle Massage erhalten hatten. Schwerwiegende Nebenwirkungen löste das Kneten nicht aus.

Welche Form von Massage die Teilnehmer genossen hatten, war unerheblich. Die klassische Entspannungstechnik schnitt insgesamt etwas besser ab, der Unterschied war jedoch zu gering, um ins Gewicht zu fallen. Die vermutete Überlegenheit der Alternativmedizin-Massage konnten die Forscher also nicht bestätigen.

50 Dollar - und das war's

Außerdem hat das scheinbar positive Ergebnis fürs Kneten einen Haken: Die Massage-Tester konnten zehn wöchentliche, 50 bis 60 Minuten lange Termine beim Therapeuten wahrnehmen. Zusätzlich zeigten diese ihnen die Übungen für zu Hause. Dagegen erhielt die Kontrollgruppe ohne Massage laut Studiendesign nur die "übliche Pflege". Das bedeutet: Wie die Probanden mit Massage konnten Teilnehmer der Kontrollgruppe jederzeit einen Arzt aufsuchen. Ansonsten bekamen die Probanden für ihre Teilnahme an der Studie lediglich 50 Dollar - das war's.

Mit anderen Worten: Weder erhielten sie die zusätzliche zehnstündige Aufmerksamkeit durch einen Therapeuten, noch wurde den Probanden Entspannungsübungen gezeigt. Zudem wussten sie, dass sie an einer Studie zur Wirksamkeit von Massage teilnahmen, der eine oder andere könnte zusätzlich also enttäuscht gewesen sein, weil er diese nicht gratis erhielt.

"Das zentrale Problem ist die Vergleichbarkeit der Gruppen", sagt Wilfried Jäckel, Direktor der Abteilung Qualitätsmanagement und Sozialmedizin am Universitätsklinikum Freiburg. "So lässt sich aus der Studie nicht ablesen, ob die Massage den Effekt verursacht hat oder ob es die Übungen waren, die die Probanden zu Hause durchgeführt haben." Dabei wäre ein besserer Vergleich leicht möglich gewesen, meint Jäckel, der zu den Autoren der Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz zählt: wenn die Therapeuten auch den Kontrollteilnehmern Entspannungsübungen für zu Hause erklärt hätten.

Der positive Effekt von Massage und Übungen verschwand übrigens mit der Zeit; 16 Wochen nach Ende des Massageblocks zeigte sich schon kein relevanter Unterschied mehr zwischen den Gruppen. Nach einem Jahr ging es den Teilnehmern aller Gruppen im Schnitt besser als zu Studienbeginn, der Durchschnittswert laut Fragebogen lag nun bei 6 bis 7.4.

Die Kombination macht's

Die Forscher sind natürlich nicht die ersten, die sich mit der Wirksamkeit von Massage auseinandergesetzt haben. In einer Übersichtsarbeit haben Forscher der internationalen Cochrane Collaboration die Daten aus 13 früheren Untersuchungen mit insgesamt knapp 1600 Teilnehmern zum Thema zusammengefasst. Demnach hilft Massage am besten, wenn sie mit aktiven Übungen - meist Stretching - kombiniert wird. Die Nationale Versorgungslinie Kreuzschmerz empfiehlt Massage nicht aktiv, rät aber auch nicht davon ab - sie könne in Kombination mit Bewegungstherapie angewendet werden, heißt es dort. Wilfried Jäckel erklärt, dass Massagen trotz der eher dürftigen Datenlage zur Wirksamkeit häufig verordnet würden, weil die Patienten das wünschen.

In Deutschland tragen die gesetzlichen Krankenkassen einen Teil der Massagekosten, wenn ein Arzt diese verschreibt und ein zugelassener Masseur oder Physiotherapeut sie durchführt. Das gilt allerdings für klassische Massage, nicht für diverse alternativmedizinische Techniken, unter die auch die ganzheitlich-strukturelle Massage fällt - diese wird in Deutschland bisher ohnehin eher selten angeboten.

Die US-Wissenschaftler schreiben, dass die verabreichten Massagen pro Patient insgesamt rund 540 Dollar (370 Euro) gekostet hätten. Die Kosten für andere Rückentherapien innerhalb des Studienjahres sanken jedoch nicht - im Schnitt kosteten die übrigen Behandlungen der Massage-Tester sogar etwas mehr als die der Vergleichsprobanden.

Warum Massage allein kein Heilmittel für chronischen nichtspezifischen Rückenschmerz sein kann, erklärt Bernd Kladny, Chefarzt der Orthopädie an der Fachklinik Herzogaurach. "Die Patienten müssen es schaffen, selbst wieder aktiver zu werden."

Deshalb empfiehlt die deutsche Versorgungsleitlinie, an der Vertreter von mehr als 20 Fachgesellschaften mitgearbeitet haben - darunter auch Kladny -, mehrere, sich ergänzende Therapieansätze. Ergotherapie, Rückenschule oder spezielle Beratungen sollen den Betroffenen helfen, Schonhaltungen loszuwerden und sich wieder normal zu bewegen. Auch eine bekannte Entspannungstechnik, die progressive Muskelentspannung nach Jacobson wird empfohlen. Zusätzlich können Schmerzmittel notwendig sein, damit schmerzfreie Bewegung erst einmal möglich ist. Ergänzt wird das eventuell durch eine Verhaltenstherapie, wo Betroffene beispielsweise lernen, besser mit Stress klarzukommen. "Die Studie unterstreicht den Wert, den Massage haben kann, aber man darf nicht vergessen, dass die Patienten eine komplexe Behandlung brauchen", sagt Kladny.

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