Studie mit Teenagern: Sich dick fühlen kann dick machen

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Corbis

Unzufriedener Teenager: Wer sich zu dick fühlt, legt eher an Gewicht zu, zeigt eine norwegische Studie

Wer sich als Teenager zu sehr an Magermodels orientiert, kann sich schnell zu dick fühlen - mit fatalen Folgen. Sind normalgewichtige Pubertierende mit ihrer Figur unzufrieden, entwickeln sie sich eher zu dicken Erwachsen, zeigt eine aktuelle Studie. Was paradox klingt, lässt sich erklären.

Die Beine scheinen nicht mehr aufzuhören, dünn und storchenartig stecken sie in einer hautengen schwarz-grauen Jeans. Darüber trägt das Model eine kurze Bluse, ein Stück Bauch blitzt über dem Hosenbund auf. Der Übergang sitzt perfekt, kein Quäntchen Fett drückt die Hose ab, am Beinansatz schlägt die Jeans kleine Querfalten. Platz für mehr, bei Size Zero.

So wie die Werbung eines großen Modehauses vermitteln viele Medien ein zweifelhaftes Schönheitsideal: Möglichst dünn sollte man sein. Da extradünne Frauen für die Modewelt zum Teil schon nicht mehr schlank genug sind, stolzieren mittlerweile auch Männer mit Damenmode über den Laufsteg. Ihre Auszeichnung: erfrischend wenige Kurven.

Dennoch scheint sich der Schlankheitswahn nicht auf die Gesellschaft zu übertragen. Statt immer dünner zu werden, kämpfen immer mehr Menschen mit Übergewicht. Norwegische Forscher haben nun eine mögliche Erklärung für zumindest einen Teil des Phänomens gefunden. Wer als Normalgewichtiger Teenager denkt, er ist zu dick, hat laut ihrer Studie ein höheres Risiko, in den folgenden Jahren tatsächlich zu viel an Gewicht zuzulegen, schreiben sie im Fachblatt "Journal of Obesity".

Studie mit mehr als 1000 Teilnehmern

Für ihre Studie hatten die Forscher die Daten von insgesamt 1196 Personen ausgewertet, die erst als Teenager (mit 13 bis 19 Jahren) und elf Jahre später als junge Erwachsene (mit 24 bis 30 Jahren) an der Health Study of Nord-Trøndelay teilgenommen hatten. Bei beiden Besuchen mussten sie einen Fragebogen zu ihren Ernährungsgewohnheiten, ihrem Sportpensum, ihrer psychischen Verfassung und ihren sozialen Kontakten ausfüllen, außerdem wurden sie vermessen.

Zu Beginn der Studie hatten alle Teilnehmer ein normales Gewicht. Dennoch kreuzte mehr als jedes fünfte Mädchen (22 Prozent) an, sich selbst mollig oder gar stark übergewichtig zu finden. Bei den Jungs war es knapp jeder zehnte (9 Prozent). Beim nächsten Besuch der mittlerweile jungen Erwachsenen, elf Jahre später, waren noch rund 50 Prozent der Teilnehmer normalgewichtig. Dabei zeigte sich, dass vor allem die ehemals Figurfrustrierten an Masse zugelegt hatten: Im Schnitt war ihr BMI um 0,66 Punkte mehr angestiegen als bei anderen Studienteilnehmern. Auch ihr Taillenumfang war durchschnittlich 3,46 Zentimeter mehr gewachsen.

Um sicherzustellen, dass das Ergebnis nicht durch einen anderen Faktor verzerrt wurde, untersuchten sie Wissenschaftler unter anderem die Essgewohnheiten der Teenager und jungen Erwachsenen, rechneten Alter und Geschlecht heraus und prüften den Einfluss von Sport. Das Ergebnis blieb bestehen: 59 Prozent der Frauen, die sich als Teenager dick gefühlt hatten, waren gemessen am BMI als Erwachsene übergewichtig - bei den zufriedenen Teenagern waren es nur 31 Prozent.

Mögliche Erklärung: Riskante Essgewohnheiten

"Sich als dick wahrzunehmen, auch wenn man es nicht ist, kann aus normalgewichtigen Kindern möglicherweise übergewichtige Erwachsene machen", resümiert der Erstautor der Studie, Koenraad Cuypers von der Norwegischen University of Science and Technology, das Ergebnis. Für den auf den ersten Blick paradox erscheinende Zusammenhang haben die Forscher verschiedene Erklärungen: So halten sie es für möglich, dass der psychosoziale Stress durch das verzogene Körperbild dazu führt, dass die Teenager an Gewicht zulegen.

"Eine andere Erklärung könnte sein, dass junge Menschen, die sich selbst als dick ansehen, ihre Essgewohnheiten ändern und Mahlzeiten auslassen. Studien haben etwa gezeigt, dass das Streichen des Frühstücks zu Übergewicht führen kann." Die Forscher appellieren vor allem an die Medien, darauf zu achten, was für ein Körperbild sie transportieren. "Die Gewichtsnormen der Gesellschaft müssen sich verändern, so dass junge Menschen ein realistischeres Bild davon haben, was normal ist", sagt Cuypers.

irb

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Saumäßig interessant und weiterführend
albert schulz 10.08.2012
So wahnwitzig haben die Delinquenten nicht zugenommen. Eine Zunahme von 0,66 beim BMI ist lachhaft in dem bezogenen Alter. Ich habe beim Vordiplom zehn Kilo zugelegt, beim Hauptdiplom ebenfalls, wodurch ich erst mein „Normalgewicht“ erreicht habe. Mit Ehe und Beruf kamen nochmal zwanzig Kilo drauf, derer ich bei Scheidungen aber immer verlustig ging. Wahrscheinlich ist, daß es ein paar Millionen Gründe gibt zu verfetten, und wenigstens genauso viele abzumagern. Das regelt der Körper autonom. Bei Norwegern kann man immerhin mutmaßen, daß die langen Winternächte zum Sinnieren verführen. Ein ähnliches Phänomen dürfte in den end- und trostlosen Steppen des Mittelwestens oder Australiens zu beobachten sein.
2.
Taraxacum 10.08.2012
Studien, die mit dem BMI arbeiten, kann man nicht wirklich ernst nehmen. Der BMI berücksichtigt Faktoren wie Körperbau und Muskelanteil nicht und ist deshalb auch nicht sonderlich aussagekräftig. Deshalb ist es meiner Ansicht nach auch etwas unverschämt, einigen Probanden eine verzerrte Wahrnehmung zu attestieren, nur weil sie sich trotz eines nichtssagenden Wertes im Normalbereich zu dick fühlten. Auch wenn der ein oder andere sich vielleicht wirklich zu sehr an Schönheitsidealen orientiert hat und vielleicht auch zu streng mit sich war, mag es für manche einen vernünftigen Grund gegeben haben, warum sie sich Sorgen um ihre Figur machten. Vielleicht haben einige Jugendliche bereits zu Beginn der Studie ihre Pölsterchen wachsen sehen und selbstkritisch festgestellt, dass es nicht so weitergehen sollte. Nur haben sie es dann trotzdem nicht geschafft, ihr Gewicht zu halten. Ich denke, dass "Magermodels" (so ein blödes Wort!) im Grunde gar nicht so interessant für die Leute sind, wie es die Medien oft darstellen. Dafür gibt es aber ausreichend mediale Berichte, in denen den Menschen mithilfe von gruseligen Statistiken, "Expertenmeinungen" und unterschwelligen Vorwürfen nahegelegt wird, dass doch heutzutage praktisch jeder zu dick sei. So etwas sind Dinge, die den Leuten wirklich Angst und ein schlechtes Gewissen machen! Hinzu kommt noch, dass es gleichzeitig zu der medialen Abwertung dicker Menschen auch noch eine Abwertung schlanker Menschen gibt. So werden beispielsweise Frauen mit wenigen Kurven zunehmend als "unfraulich", "unnatürlich" oder gar "hässlich" tituliert, obwohl es doch völlig normal ist, dass nicht alle Frauen gleich kurvig und gleich kräftig sind. So bekommen dann auch schlanke Menschen einen Anreiz dazu, sich schlecht zu fühlen. Im Endeffekt ist für viele Medien und auch manchen Experten doch irgendwie jeder pathologisch. Beide verdienen an den Unsicherheiten der Menschen im Hinblick auf den eigenen Körper sehr viel Geld.
3.
Ing. Hans Maulwurf 10.08.2012
Zitat von TaraxacumStudien, die mit dem BMI arbeiten, kann man nicht wirklich ernst nehmen. Der BMI berücksichtigt Faktoren wie Körperbau und Muskelanteil nicht und ist deshalb auch nicht sonderlich aussagekräftig.
Naja, wenn ich mich im Freibad umschaue so ist der BMI doch recht aussagekräftig. Man sieht wirklich wenige Leute, bei denen man denkt dass sie zwar gerne übergewichtig, nicht aber "fett" sind. Jemand vom Kaliber eines Robert Harting ist da ein Kandidat, aber so einen Körperbau sieht man selten. Dies mag aus einen aus 10 oder aus 20 zutreffen, die breite Masse erfasst man mit dem BMI recht gut. Und damit auch repräsentativ.
4.
no-panic 11.08.2012
Ich bin für mich wichtig! Es interessiert mich nicht, was Andere über mich denken, ich denke mir auch nichts über Andere. Es gibt kein Ideal, ausser dem zufriedenen Menschen. Ich bin zufrieden mit dem, was ich bin. Wenn ich nicht zufrieden bin, ändere ich mich, mache diese Unzufriedenheit aber nicht an Anderen fest, sondern ausschließlich an meiner Empfindung.
5. Niemand kann heutzutage noch Statistiken interpretieren....
Mlchael 11.08.2012
Zitat von albert schulzSo wahnwitzig haben die Delinquenten nicht zugenommen. Eine Zunahme von 0,66 beim BMI ist lachhaft in dem bezogenen Alter. Ich habe beim Vordiplom zehn Kilo zugelegt, beim Hauptdiplom ebenfalls, wodurch ich erst mein „Normalgewicht“ erreicht habe. Mit Ehe und Beruf kamen nochmal zwanzig Kilo drauf, derer ich bei Scheidungen aber immer verlustig ging.
Selbst Menschen mit Diplom nicht, wie sich an diesem Beitrag wieder zeigt. Die Studie sagt keineswegs aus, dass Menschen die sich für zu dick halten um 0,66 Punkte zugenommen haben. Die Studie sagt, dass diese Menschen um soviel zugenommen haben, wie Menschen die sich nicht für zu dick hielten PLUS 0,66 Punkte. Was ja durchaus der Erwartung widerspricht und daher doch bemerkenswert ist.
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