Achilles' Verse Partner-Liegestütz statt Online-Dates

Speeddating beim Fitnesstraining: Findet man so den Partner fürs Leben? Die Neugier hat Anna Achilles in einen Sportkurs getrieben, in dem sich Frauen und Männer beschnuppern können. Dort schwitzt sie mit echten Kerlen und Hampelmännern.

Aufwärmen fürs Date: Neuer Trend?
Corbis

Aufwärmen fürs Date: Neuer Trend?


Die Vorabendserienromantik um mich herum ist kaum zu ertragen: Riesige Dachterrasse, Blick auf den Berliner Fernsehturm und eine untergehende Sonne, die alles in goldenes Licht taucht. Ich hüpfe auf und ab - gemeinsam mit sechs anderen Frauen. "Seid ihr schon aufgeregt?", ruft Trainerin Lena. Wir lachen verlegen.

Was für eine Frage. Wir sind hier, um Männer kennenzulernen. Sportliche Männer. Also: jein. Momentan beschäftigen wir uns mit Hampelmännern statt mit echten Kerlen. Aufwärmen fürs Date. Interessanter Ansatz.

Ich weiß nicht, wann es so kompliziert geworden ist, einen Partner fürs Leben zu finden. Liegt an der Großstadt, behaupten viele: Sich binden ist out, Casual Sex ist in, sagen meine Freunde. Statt auf Onlineportalen rumzuhängen, habe ich mich bei SportyDate angemeldet: Speeddating mit Fitnessübungen. Also doppelte Strafe. Meine Oma hätte gesagt: Ringelpiez mit Anfassen. Ich wollte mal wieder echten Männern gegenüberstehen, statt aufs Display zu starren.

Nachricht von Flo

Das mache ich häufig mit der App Tinder. Jeden Tag werden mir dort fremde Männer vorgestellt. Peter, zum Beispiel, ist 31, hat Locken. Gefällt mir. Simon, 23 - zu jung. Flo, 28, hat Grübchen, wenn er lacht. I Like. Durch Wischen zeige ich meine Sympathie. Links heißt nein, rechts bedeutet: Find ich gut. Bei Flo hat's gefunkt. Sein Profilbild und meins fahren aufeinander zu. "It's a Match", wir stimmen überein, plopp. Nur bei Übereinstimmung dürfen beide chatten. Nachricht von Flo: "Hallo Anna."

Tinder ist der beste Verkuppler. Ständig schaue ich mir Männerfotos an: beim Frühstück, in der Bahn oder auf dem Klo. Tinder ist wie Zappen - nur mit einem Programm. Und zwar RTL2: viel nackte Haut, hoher Fremdschämfaktor und Zeitverschwendung. Aber leider auch unterhaltsam.

Auf den Tinder-Profilfotos sind alle gesundheitsbewusst, fit und selbstbewusst. Die Männer lassen gerne den crazy-sportlichen Abenteurer raushängen, die Frauen biegen alle sexy Gliedmaßen in unterschiedliche Himmelsrichtungen. Auf Tinder hat man meist nur wenige Sekunden, um andere von sich zu überzeugen.

Bei SportyDate hat man zweieinhalb Minuten.

Die Trainerin verteilt die Frauen

"Seid ihr bereit?", fragt Lena kess und nickt zur Tür. Mein Herz klopft. Wir betreten das Tanzstudio. Am Ende des Raumes stehen aufgereiht unsere Dates: breitbeinig, die Arme hinterm Rücken verschränkt. Ich erkenne tatsächlich jemanden aus meiner Laufgruppe wieder. Intuitiv hebe ich die Hand zum Gruß, ziehe sie aber blitzschnell wieder zurück.

Lena verteilt alle Frauen kreisförmig im Raum und teilt jeder einen Mann zu. "Anna, du stehst hier." Mein erster Speed-Dating-Partner gibt mir Bussi. Blaues T-Shirt, Dreitagebart, wenig Haare. Unser Gespräch verläuft eher stockend. Er ist Werder-Bremen-Fan und sagt oft "äh", ich viel "hmm". Wir stehen uns gegenüber, sollen die Knie beugen, hochspringen und uns High-Fives in der Luft geben. Statt seiner Hand treffe ich aber immer nur ins Nichts. Ein Zeichen, dass es nicht passt zwischen uns? Nach zweieinhalb Minuten klatscht Lena in die Hände und ruft: "Stopp. Partnerwechsel." Der Bremen-Fan rotiert im Uhrzeigersinn. Ich treffe auf den nächsten Speed-Mann.

Christoph hat einen kleinen Kopf, dafür einen richtig durchtrainierten Trizeps. Mit fiesen Fitnessübungen kennt er sich als Cross-Fitter bestens aus, sagt er. Wir machen uns über meine schlaffe Körperspannung lustig und als Lena in die Hände klatscht, bin ich fast ein wenig traurig, dass die Zeit schon um ist.

Nach Christoph kommt ein grauhaariger Triathlet, mit dem ich über Wettkampftermine diskutiere. Dann jemand, der Informatik studiert. Mit irgendwem mache ich eine superpeinliche Übung, bei der unsere Hintern ständig gegeneinander prallen.

Nach fünfzehn Minuten habe ich alle sechs durch. Aber in meinem Kopf herrscht das pure Steckbriefchaos. Ich weiß nicht mehr, wer mir was erzählt hat. Fußball im Verein, Wohnung in Potsdam, Marathonpläne. Ich erinnere mich nicht mehr an die Namen, geschweige denn die Gesichter.

Nur eine Person ist hängengeblieben: Er heißt Felipe. Hat brasilianische Wurzeln, fährt Ski und rollt das R wie ein Franke. Als ich später eine E-Mail mit allen Teilnehmern bekomme und für meinen Favoriten abstimmen kann, wähle ich ihn. Besser kann man in zweieinhalb Minuten nicht performen. Mal schauen, ob ich ihn auf Tinder entdecke.

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insgesamt 11 Beiträge
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Kometenhafte_Knalltüte 03.12.2014
1. Sackgasse?
Tja, die schönen modernen Möglichkeiten. Man bekommt "Kandidaten" auf dem Präsentierteller. Sucht sich überall das Sahnehäubchen aus. Kann vergleichen, matchen, ausprobieren. Und doch, zum Schluss bleibt man allein oder unglücklich oder beides. Warum? Tja, noch nie war es so einfach, die Fehler! am Anderen zu vergleichen und in Gedanken zu träumen: "Ach hättest doch den Anderen genommen, der wäre bestimmt nicht so". Und so bleibt man im Karusell der Ewig-Suchenden und ist nie zufrieden, denn es könnte ja doch noch einen Besseren ... Ihr wisst schon
macinfo 03.12.2014
2. So ist das eben …
… wenn Globalisierung, Kapitalismus und Überangebot in Union auftreten. Nebenbei möchte sich eine jede oder jeder selbstverwirklichen. Eine echte funktionsfähige Beziehung – und die auch noch auf Basis der Liebe – kommt da schon einem 6er im Lotto gleich – wo wir schon wieder beim Kapitalismus wären.
Blackster 03.12.2014
3. komisch
Also ich habe bis jetzt jede einzelne meiner Liebschaften zufällig hier und dort getroffen. Gerade in der Liebe - da bin ich von überzeugt - darf man nicht suchen. Es passiert oder eben nicht. Und es war schon immer so, dass man in der ersten Sekunde merkt, ob man auf einer Wellenlänge liegt oder eben nicht. Dafür sollte man sich aber schon gegenüberstehen - traurig und lächerlich verzweifelt und vor allem zwanghaft einen Partner suchen - wer glaubt tatsächlich so die Liebe seines Lebens zu treffen? Den Menschen heute sind echt die simpelsten Einsichten über die Zusammenhänge in dieser Welt abhanden gekommen... Eine ganz ganz arme Gesellschaft ist das!
kirk,james-tiberius 03.12.2014
4. Zeitmaschiene
Ich glaube, hätten die frühen Menschen eine Zeitmaschiene und würden in unsere gegenwärtige Zeit reisen, dann oh schreck, glaube ich, dass sie sich gegenseitig anschauen würden und wahrscheinlich sich Kaputtlachen. Sieh mal, die machen Speeddating um einen Partnet zu finden. Schau mal dort, die Menschen treffen sich im Kaffee und alle unterhalten sich so hektisch, als würde ihnen ein Hund hinterher jagen. Viele Menschen haben vor Karrieregeilheit schon längst vergessen, wie es überhaupt funktioniert einen anderen Menschen kennenzulernen. Die Erwartungshaltung ist do hochgeschraubt, dass die selbst nicht mehr wissen was sie wollen.
hubidubi 03.12.2014
5. Aufs Wesentliche redu... konzentriert.
Am Amüsantesten: Wenn man das Bild anklickt, kommt eine Werbung... Dabei sieht das Mädel doch zum Anbeißen aus...
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