Psychische Krankheiten: Mehr US-Schulkinder erhalten ADHS-Diagnose
Die Aufmerksamkeitsstörung ADHS gilt als Modediagnose. Eine neue US-Studie belegt, dass die Zahl der betroffenen Kinder deutlich angestiegen ist. Auch in Deutschland befürchten Ärzte schon seit langem, dass viele Patienten die Diagnose unnötigerweise bekommen.
Mittlerweile kennt nahezu jeder Deutsche ein ADHS-Kind. Das Kürzel steht für das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Die psychische Störung gilt als Modediagnose, die gerne auch an quirlige Dreikäsehochs vergeben wird, die anstrengend aber gesund sind. Betroffene, die tatsächlich unter ADHS leiden, haben es deswegen umso schwerer, mit ihrem Leiden ernst genommen zu werden.
Zahlen aus den USA bestärken jetzt den Verdacht der Modediagnose: In den zehn Jahren von 2001 bis 2010 hat die Zahl der ADHS-Diagnosen bei einer untersuchten Kindergruppe zugenommen, berichten Darios Getahun und seine Kollegen vom West Los Angeles Medical Center im Fachmagazin "JAMA Pediatrics".
Die Mediziner werteten die Krankenakten aller im Studienzeitraum behandelten Kinder aus, die beim US-Unternehmen Kaiser Permanente in Südkalifornien versichert waren. Von mehr als 840.000 Kindern hatten insgesamt mehr als 39.000 die Diagnose ADHS, fast fünf Prozent.
Die Ergebnisse legten nahe, dass ADHS bei den versicherten Kindern häufiger diagnostiziert werde als früher, schreiben die bei Kaiser Permanente angestellten Ärzte. Besonders hoch sei die Rate der Diagnosen bei weißen Kindern (4,5 Prozent) sowie der Zuwachs bei schwarzen Kindern (Anstieg um 69,6 Prozent). Am wenigsten ADHS-Diagnosen gab es in Familien asiatischstämmiger US-Amerikaner.
Untersucht wurden nur krankenversicherte Kinder
Während 2001 nur bei 2,5 Prozent aller in der Studie untersuchten Kinder die Diagnose einer Aufmerksamkeitsstörung gestellt worden war, lag die Rate 2010 bei 3,1 Prozent. Im Durchschnitt stellen Ärzte die Störung bei Acht- bis Neunjährigen fest. Am ehesten bekamen Kinder in der Studie die ADHS-Diagnose, wenn ihre Eltern gut verdienten. Ähnlich wie in anderen Untersuchungen fiel auch in der Kaiser Permanente-Studie auf, dass Jungen deutlich häufiger an der Aufmerksamkeitsstörung leiden als Mädchen.
Eine Besonderheit der Kaiser Permanente-Studie ist, dass sie nur Kinder erfasst, die krankenversichert sind - in den USA ist das keine Selbstverständlichkeit. Das heißt, alle in die Studie eingeschlossenen Kinder hatten theoretisch Zugang zur Therapie einer möglichen ADHS.
In den gesamten USA bekommen zwischen vier und zwölf Prozent aller Kinder die Diagnose einer Aufmerksamkeitsstörung, schreiben die Forscher. Mehr als zwei Drittel der Betroffenen kämpfen auch im Erwachsenenalter mit den Symptomen. Was genau die Ursachen für ADHS sind, wissen Mediziner bis heute nicht, auch wenn es Hinweise auf einen genetischen Anteil an der Störung gibt. In Deutschland hat nach der Kinder- und Jugend-Gesundheitssurvey (KiGGS) des Robert Koch-Instituts von 2007 jedes zwanzigste Kind (4,8 Prozent) die Diagnose ADHS erhalten, ebenso viele Kinder standen im Verdacht, am Aufmerksamkeitsdefizit zu leiden (weitere 4,9 Prozent).
Bei Kindern mit der Aufmerksamkeitsstörung steigt unter anderem das Risiko für Lernprobleme und Verletzungen. Bei Erwachsenen gibt es Hinweise auf eine erhöhte Kriminalitätsrate.
Zu Studienbeginn 2001 lag die Diagnoserate bei 2,5 Prozent, am Studienende 2010 bei 3,1 Prozent, ein relativer Zuwachs von 24 Prozent.
Während bei weißen, schwarzen und hispanischen Kindern die Diagnoserate anstieg, blieben die Zahlen bei asiatischstämmigen und ozeanischen Kindern gleich. Der Anstieg der Diagnoserate bei schwarzen Kindern war bei den Mädchen am stärksten. Insgesamt sind von ADHS allerdings vor allem Jungen betroffen, im Verhältnis 3:1.
Bei Kindern aus reichen Haushalten stellen Ärzte die Aufmerksamkeitsstörung häufiger fest.
Obwohl die Studie gerade die Unterschiede bei der ADHS-Diagnoserate zwischen Kindern unterschiedlicher Hautfarbe untersuchen wollte, fehlen für viele Kinder genau diese Angaben.
Die Studienautoren betonen, wie schwierig die Unterscheidung zwischen gesunden Kindern und ADHS-Patienten fällt. In der Folge seien die in den meisten Studien angegebenen ADHS-Raten zu hoch gegriffen. Gerade gebildete Eltern würden, so die Autoren, Hilfe für Kinder suchen, die zum Beispiel in der Schule nicht den Erwartungen entsprechen - was die hohe ADHS-Rate in reichen, meist weißen US-Familien erklären könnte. Die in der Studie beobachtete Zunahme der ADHS-Fälle bei Mädchen schreiben die Autoren den Bemühungen der Eltern zu, ihren Töchtern helfen zu lassen - und nicht einem plötzlichen Anstieg der ADHS-Fälle.
Insgesamt liegen die von den Ärzten des Versicherungskonzerns erhobenen Zahlen niedriger als die vieler anderer Studien. Die Autoren machen ihre strengen Kriterien dafür verantwortlich: Nur Kinder, die tatsächlich über mindestens sechs Monate mindestens zwei einschlägige Symptome der Aufmerksamkeitsstörung zeigten, galten als erkrankt. Eine Anforderung, die viele andere Studien nicht erfüllen würden, so die Autoren - obwohl die Diagnoseleitlinie für Psychiater genau diese Kriterien eigentlich vorsehe.
Zudem würden die Kaiser Permanente-Ärzte sich nicht alleine auf Berichte von Eltern oder Lehrern verlassen, sondern die Kinder vor der Diagnose auch selbst untersuchen. In Studien, die sich auf die Angaben von Eltern oder Lehrern verlassen, lege die ADHS-Rate unter Kindern überdurchschnittlich stark zu, so die Autoren.
Behandelt wird ADHS häufig mit dem Wirkstoff Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin. Nach Zahlen des Arzneiverordnungsreports wurden in Deutschland 2011 56 Millionen Tagesdosen Methylphenidat verschrieben - 2002 waren es nur 17 Millionen. Aus hessischen Krankenkassendaten ging für das Jahr 2007 hervor, dass etwa ein Prozent der Kinder und Jugendlichen mindestens einmal den Wirkstoff verschrieben bekommen hat, so der Report. Seit 2010 hat die Zahl der Ritalinrezepte nicht mehr zugenommen, damals waren auch die Hürden für eine Verordnung erhöht worden. Medizinern bereitet vor allem eine Tatsache Sorgen: Niemand weiß bisher, welche Langzeitfolgen das Medikament haben könnte.
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Follow @SPIEGEL_GesundEtwa ein Drittel aller ADHS-Kinder behalten die Störung ein Leben lang. Schätzungen zufolge leiden etwa drei Prozent aller Erwachsenen an der Aufmerksamkeitsstörung. Allerdings wandelt sich die Störung im Laufe der Jahre: Überaktivität und Impulsivität verschwinden meist mit der Zeit - Betroffene leiden dafür häufig unter einer allgemeinen Leistungs- und Konzentrationsschwäche.
Die Kriterien für die Diagnose sind im Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen (DSM) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung sowie im Klassifikationssystem ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegt. Die Neuauflage des DSM (DSM-5) soll die Kriterien künftig besser an die Beschwerden der Erwachsenen anpassen.
Betroffene lassen sich auch leicht ablenken, haben einen starken Rededrang und schweifen gerne vom Thema ab - es ist auch schwer, sie zu unterbrechen. Ein fehlendes Zeitgefühl, Desorganisation, Unordnung können ebenfalls zu den klassischen Auffälligkeiten zählen. Manche Betroffene neigen dazu, diese Verhaltensmuster durch einen zwanghaften Perfektionismus überzukompensieren.
Weil ihre Gedanken häufig "kreuz und quer" laufen, arbeiten Erwachsene mit ADHS auch sehr langsam oder ihnen unterlaufen viele Flüchtigkeitsfehler. Betroffene gelten daher auch als besonders unfallgefährdet.
Die für die Kindheit typische Hyperaktivität kompensieren Erwachsene häufig durch ein großes Verlangen, Sport zu treiben. Bei anderen verwandelt sie sich dagegen in eine innere Unruhe - sich zu entspannen, fällt ihnen schwer.
Stimmungsschwankungen können die Folge sein. Ungeduld, Unsausgeglichenheit, Niedergeschlagenheit oder Euphorie wechseln sich häufig ab, die Betroffenen haben ihre Emotionen nur schlecht im Griff. Ebenso ist ihre Stresstoleranz eher gering. Da ihr Verhalten oft unberechenbar ist, haben Menschen mit ADHS häufiger Beziehungskonflikte.
Oft ziehen die ADHS-Symptome andere psychische Erkrankungen nach sich: Vor allem Frauen mit ADHS leiden häufig unter Depressionen.
Auch psychotherapeutische Behandlungen können die Symptome mindern. In Einzeltherapien lernen die Patienten etwa, ihre Selbstwahrnehmung zu verändern und so wieder mehr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu gewissen.
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