Die Diagnose ADHS hat wenig mit dem harmlosen Bild des Zappelphilipps zu tun: Betroffene können sich nicht konzentrieren, nicht stillsitzen, müssen sich ständig bewegen. Darunter leidet bei Kindern die Leistung in der Schule, und nach neueren Erkenntnissen kämpfen die Patienten auch als Erwachsene weiter mit den Symptomen. Bekannt ist auch, dass ADHS-Patienten mehr Verbrechen begehen als Menschen ohne die Krankheit.
Eine Studie schwedischer Forscher des Karolinska Institutet kommt jetzt zu einem überraschenden Ergebnis. Möglicherweise spielt die Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung beim Versuch, das Verbrechensrisiko der Patienten zu senken, eine wichtige Rolle: Wenn ADHS-Patienten mit Medikamentenwie Methylphenidat (bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin) behandelt wurden, sank die Wahrscheinlichkeit für Vergehen um knapp ein Drittel (32 Prozent), berichten die Wissenschaftler um Henrik Larsson im Fachmagazin "New England Journal of Medicine".
Die schwedischen Forscher sammelten mit Hilfe der skandinavischen Gesundheitsregister Informationen über mehr als 25.000 schwedische ADHS-Patienten und hielten fest, wie diese behandelt wurden. Außerdem verfolgten sie über vier Jahre (2006 bis 2009), ob die Patienten Straftaten begingen. Im Ergebnis sank die Kriminalitätsräte bei Männern um 32 Prozent und bei Frauen um 41 Prozent, wenn die Patienten ADHS-Medikamente einnahmen gegenüber Phasen ohne Arzneimitteltherapie.
Große Unterschiede zwischen Männern und Frauen konnten Larsson und seine Kollegen nicht feststellen. Auch gelten die Ergebnisse für alle Formen des Verbrechens - Nichtigkeiten ebenso wie schwere Straftaten. Bisher, so die Wissenschaftler, sei noch unklar gewesen, ob die medikamentöse Behandlung einen Effekt auf das Risiko hat, dass Patienten Straftaten begehen.
Bei Schwerkriminellen Behandlung durchaus sinnvoll
Das Besondere der schwedischen Studie ist, dass die Forscher die Effekte bei denselben Menschen mit und ohne Medikamenteneinnahme beobachten konnten und nicht unterschiedliche Patienten miteinander vergleichen mussten. Dadurch reduziert sich das Risiko für Verzerrungen: Ziehen Wissenschaftler Parallelen zwischen zwei Gruppen, in der die einen Teilnehmer ADHS-Arzneimittel bekommen, die anderen nicht, bleibt immer die Frage, warum der eine Patient ein Medikament nimmt, ein anderer dagegen keines.
Die Gründe dafür, zum Beispiel die Schwere des ADHS, könnten theoretisch auch die Ursache für ein zum Beispiel erhöhtes Kriminalitätsrisiko sein. Beobachten Forscher dagegen jeden Patienten für sich und erfassen, ob er straffällig wird, wenn er seine Medikamente nimmt oder gerade pausiert, ist diese Verzerrung ausgeschlossen.
Eine medikamentöse Therapie aller ADHS-Patienten wollen die schwedischen Forscher dennoch nicht empfehlen. "Die meisten Therapien mit Medikamenten können Nebenwirkungen haben, deshalb müssen Risiken und Vorzüge abgewogen und die individuelle Lebenssituation des Patienten mitbedacht werden, bevor ein Arzneimittel verschrieben wird", sagt Studienautor Larsson.
Bei Schwerkriminellen allerdings könnte die Therapie seiner Meinung nach durchaus sinnvoll sein: "Es wird gesagt, dass ungefähr 30 bis 40 Prozent der zu hohen Haftstrafen verurteilten Kriminellen ADHS haben. Könnte deren Rückfallrisiko um 30 Prozent reduziert werden, würde das eindeutig einen Effekt auf die allgemeinen Kriminalitätszahlen in vielen Gesellschaften haben."
Die Studienautoren weisen allerdings darauf hin, dass ihre Ergebnisse nicht ohne Weiteres von Schweden auf andere Nationen übertragen werden könnten. Während die Kriminalitätsrate in Westeuropa einigermaßen einheitlich sei, gebe es zum Beispiel deutliche Unterschiede zu den Vereinigten Staaten.
dba
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Gesundheit | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie | RSS |
| alles zum Thema Hyperaktivität | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH