ADHS: US-Ärzte verschreiben Kindern zu schnell Psychopharmaka

Die Zahl der ADHS-Diagnosen steigt rasant - und mit ihr die Verordnungen von Psychopharmaka. Eine Befragung von spezialisierten US-Ärzten hat jetzt ergeben, dass sich bei der Therapiewahl längst nicht alle an die Leitlinien halten. Anstelle der Verhaltenstherapie probieren viele zunächst Pillen aus.

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Stillsitzen unmöglich: Immer mehr Kinder bekommen die Diagnose ADHS

Washington - Schon im Vorschulalter bekommen in den USA viele Kinder nach Diagnose des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sofort Psychopharmaka. Einer Studie zufolge halten sich mehr als 90 Prozent der Fachärzte bei der ADHS-Therapie nicht an die medizinischen Leitlinien. Das zeigt eine Befragung von US-Spezialisten, die Forscher am Wochenende auf einer Fachtagung in Washington vorstellten. Zudem verordnen fast 40 Prozent der Fachärzte nicht das eigentlich empfohlene Mittel Methylphenidat (Handelsname Ritalin), sondern andere Psychopharmaka.

Seit langem beobachten viele Experten in den USA und auch in Europa die deutlich ansteigenden ADHS-Diagnosen und die damit verbundene Verschreibung von Psychopharmaka mit Unbehagen. Auch in Deutschland gibt es diesen Trend: Im Januar veröffentlichte die Krankenkasse Barmer GEK ihren Arztreport 2013, dem zufolge die Zahl der diagnostizierten ADHS-Fälle bei den unter 19-Jährigen zwischen 2006 und 2011 um 41 Prozent gestiegen waren. Jungen sind deutlich häufiger betroffen. Nach Zahlen des Arzneiverordnungsreports wurden in Deutschland 2011 56 Millionen Tagesdosen Methylphenidat verschrieben, 2002 waren es nur 17 Millionen gewesen.

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Krankenkassen-Report: Mehr ADHS bei Kindern
In den USA wird diese Zunahme auch damit erklärt, dass die Störung oft von Allgemeinmedizinern festgestellt wird und nicht von Spezialisten. Die aktuelle Befragung zeigt nun, dass auch die überwältigende Mehrheit der Fachärzte die medizinischen Leitlinien ignoriert.

Neun von zehn Fachärzten verordnen sofort Psychopharmaka

Die Kinderärzte um Andrew Adesman vom New Yorker Cohen Children's Medical Center werteten Angaben von insgesamt 560 spezialisierten Kindermedizinern aus, darunter fast 240 Kinderpsychiater und Kinderneurologen. Mehr als 90 Prozent der Spezialisten missachteten bei der Therapiewahl die Empfehlungen des Amerikanischen Kindermediziner-Verbands AAP. Diese sehen vor, dass bei Kindern im Vorschulalter nach der Diagnose ADHS zunächst eine Verhaltenstherapie versucht wird. Nur wenn diese versagt, sollen Medikamente erwogen werden - und dann zunächst das Stimulans Methylphenidat, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin.

Jeder fünfte der Befragten aber gab an, als ersten Therapieversuch Medikamente einzusetzen. Insgesamt mehr als 90 Prozent der Befragten verordnen Kindern dieser Altersgruppe bei der Diagnose oft oder sehr oft Medikamente und empfehlen eine Verhaltenstherapie. Diese Praxis hing nicht davon ab, wie gut das Angebot an Verhaltenstherapeuten in der jeweiligen Region war. Zudem gaben mehr als 38 Prozent der Spezialisten an, oft oder sehr oft Amphetamine zu verschreiben statt Ritalin. Fast jeder fünfte Spezialist ging davon aus, künftig noch mehr Kindern Arzneien zu verschreiben, die in das zentrale Nervensystem eingreifen. Nur drei Prozent glaubten, künftig seltener solche Rezepte auszustellen.

Forscher rätseln über Verhalten der Spezialisten

Adesman rätselt, warum sich so wenig Fachärzte an die erst kürzlich aktualisierten ADHS-Empfehlungen halten. "Nachdem die AAP ihre Leitlinien zu Diagnose und Behandlung auf Kinder im Vorschulalter ausgedehnt hat, wird wahrscheinlich bei mehr kleinen Kindern ADHS diagnostiziert", glaubt er. Erstautorin Jaeah Chung meint: "Zu einer Zeit, in der sich Öffentlichkeit und Experten um die Übermedikalisierung von Kindern mit ADHS sorgen, scheinen viele medizinische Spezialisten diesen Kindern Medikamente als Teil der Anfangsbehandlung zu empfehlen."

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hei/dpa

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insgesamt 31 Beiträge
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1.
psychologiestudent 06.05.2013
Zitat von sysopDie Zahl der ADHS-Diagnosen steigt rasant - und mit ihr die Verordnungen von Psychopharmaka. Eine Befragung von spezialisierten US-Ärzten hat jetzt ergeben, dass sich bei der Therapiewahl längst nicht alle an die Leitlinien halten. Anstelle der Verhaltenstherapie probieren viele zunächst Pillen aus. ADHS: US-Kinderärzte missachten Leitlinien bei Psychopharmaka-Therapie - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/adhs-us-kinderaerzte-missachten-leitlinien-bei-psychopharmaka-therapie-a-898286.html)
ich denke es hat auch damit zu tun, dass es für Eltern und Arzt der bequemere Weg ist... aber oft der falsche!
2.
Plasmabruzzler 06.05.2013
Zitat von sysop*a)* Die Zahl der ADHS-Diagnosen steigt rasant - und mit ihr die Verordnungen von Psychopharmaka. *b)* Eine Befragung von spezialisierten US-Ärzten hat jetzt ergeben, dass sich bei der Therapiewahl längst nicht alle an die Leitlinien halten. Anstelle der Verhaltenstherapie probieren viele zunächst Pillen aus.
Das sind 2 Meldungen in einer (s. o. a) und b) ). Die Frage ist, ob diese Ergebnisse auf Deutschland übertragbar sind und der Artikel überhaupt für den deutschen Leser relevant ist.
3. Ritalin?
ex_Kamikaze 06.05.2013
ist keineswegs die "harmlose" Behandlungsmethode sondern eher ein Gift zum Ruhigstellen des Kindes m,it erheblichen Langzeitwirkungen die noch nicht einmal vollständig geklärt sind. Die gehäuften Diagnosen und brachialen Behandlungsmethoden haben eher damit zu tun wie unsere Gesellschaft tickt und wie wir unsere Kinder auf Linie trimmen wollen und wofür die Krankenkassen zahlen. Seit ADHS als Krankheit anerkannt wird explodieren förmlich die Diagnosen, beinahe wie bei einer Epidemie. Und was bezahlt wird darauf haben die Pharmakonzerne und ihre Lobby erheblichen Einfluß, nicht zuletzt Novartis mit seinem ach so "harmlosen" Mittel Ritalin. Denn das ist keineswegs ein unbedenkliches Anfangsmedikament!
4. in den usa versorgt ein psychiater 2000 patienten
schrumpel500 06.05.2013
in den niederlanden ist das verhältnis 1:400, vergleichbare zahlen zu deutschland gibt es offensichtlich nicht, s. z.b. http://www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/Broschüren/2010-nachwuchsbroschuere.pdf; in der kinderpsychiatrie dürfte das verhältnis noch schlechter für die usa sein; verhaltenstherapie ist in den usa keine kassenleistung sondern muß privat bezahlt werden wenn es denn überhaupt einen verhaltenstherapeuten im umkreis von 100 meilen gibt; amerikanische psychiater haben im allgemeinen keine ahnung von psychotherapie, sie haben gar keine zeit sich damit zu beschäftigen; ein paar haben sich der finanziellen und emotionalen tortur einer psychoanalyseausbildung unterzogen; amerikanische psychiater und verhaltenstherapie? so häufig wie die blaue mauritius; offensichtlich haben die "forscher" keine ahnung von der versorgungsrealität in der amerikanischen kinderpsychiatrie
5. Ritalin...
shardan 06.05.2013
ein "harmloses" Einsteigermittel? Du liebe Güte, wo hat der den recherchieren gelernt. Ritalin ist keineswegs harmlos - aber die Pharmariesen machen guten Gewinn damit. Na denn ist ja gut..... oder wie?. Ritalin und weitere Medikamente sind lediglich ein weiteres Mittel zum Zweck: Kinder ruhigstellen, irgendwo ablegen, damit sie nicht stören. So wie Fernseher, PC mit Internet usw. sind auch Ritalin und co nicht ohne Nebenwirkungen. Zugegebenerweise bin cih Laie, was Psychologie, besonders Kinderpsychologie angeht. Aber in ausnahmslos allen Fällen, bei denen hier im Umfeld ADHS diagnostiziert wurde, würde ich als Laie dringend zu einer Familientherapie raten. Dinge wie Alkohol, Arbeitslosigkeit usw hinterlassen Folgen. aber so eine Therapie ist ja mit Aufwand (vor allem für die Eltern!) verbunden, da ist Pillen einwerfen doch viel bequemer. Und der Arzt oder der Psychodoc sagen ja, es ist harmlos.... Herr, Oh Herr, wirf Hirn runter.
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ADHS bei Kindern und Erwachsenen
Diagnose
Bei Kindern und Jugendlichen wird ADHS von Kinder- und Jugendpsychiatern oder -psychotherapeuten mit Hilfe von speziellen Testverfahren und Fragebögen diagnostiziert. Zusätzlich werden noch neurologische Untersuchungen und Verhaltensbeobachtungen durchgeführt. Bei Erwachsenen sind die Kriterien für eine Diagnose im Wesentlichen die gleichen. Hinzu kommt, dass bei Erwachsenen die Symptome aber bereits das ganze Leben über schon bestehen.

Etwa ein Drittel aller ADHS-Kinder behalten die Störung ein Leben lang. Schätzungen zufolge leiden etwa drei Prozent aller Erwachsenen an der Aufmerksamkeitsstörung. Allerdings wandelt sich die Störung im Laufe der Jahre: Überaktivität und Impulsivität verschwinden meist mit der Zeit - Betroffene leiden dafür häufig unter einer allgemeinen Leistungs- und Konzentrationsschwäche.

Die Kriterien für die Diagnose sind im Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen (DSM) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung sowie im Klassifikationssystem ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegt. Die Neuauflage des DSM (DSM-5) soll die Kriterien künftig besser an die Beschwerden der Erwachsenen anpassen.
Symptome
Menschen mit ADHS haben oft erhebliche Schwierigkeiten im Alltag: Ihre Aufmerksamkeit ist gestört, besonders in Gruppen fällt es ihnen schwer, dem Gespräch zu folgen. Beim Lesen haben sie häufig Schwierigkeiten, sich auf den Inhalt zu konzentrieren und ihn auch zu behalten. Binnen kürzester Zeit vergessen sie ganze Passagen oder müssen eine Seite immer wieder von vorne beginnen.

Betroffene lassen sich auch leicht ablenken, haben einen starken Rededrang und schweifen gerne vom Thema ab - es ist auch schwer, sie zu unterbrechen. Ein fehlendes Zeitgefühl, Desorganisation, Unordnung können ebenfalls zu den klassischen Auffälligkeiten zählen. Manche Betroffene neigen dazu, diese Verhaltensmuster durch einen zwanghaften Perfektionismus überzukompensieren.

Weil ihre Gedanken häufig "kreuz und quer" laufen, arbeiten Erwachsene mit ADHS auch sehr langsam oder ihnen unterlaufen viele Flüchtigkeitsfehler. Betroffene gelten daher auch als besonders unfallgefährdet.

Die für die Kindheit typische Hyperaktivität kompensieren Erwachsene häufig durch ein großes Verlangen, Sport zu treiben. Bei anderen verwandelt sie sich dagegen in eine innere Unruhe - sich zu entspannen, fällt ihnen schwer.

Stimmungsschwankungen können die Folge sein. Ungeduld, Unsausgeglichenheit, Niedergeschlagenheit oder Euphorie wechseln sich häufig ab, die Betroffenen haben ihre Emotionen nur schlecht im Griff. Ebenso ist ihre Stresstoleranz eher gering. Da ihr Verhalten oft unberechenbar ist, haben Menschen mit ADHS häufiger Beziehungskonflikte.

Oft ziehen die ADHS-Symptome andere psychische Erkrankungen nach sich: Vor allem Frauen mit ADHS leiden häufig unter Depressionen.
Hilfe
Erwachsene werden ebenso wie Kinder mit dem Wirkstoff Methylphenidat (MPH) behandelt, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin. Allerdings gibt es bisher nur wenige Studien zu den Langzeiteffekten einer solchen Therapie. Dennoch lassen sich die Symptome mit Hilfe der Medikamente deutlich lindern. Insbesondere der Leidensdruck, den viele ADHS-Betroffene spüren, verringert sich dadurch. Doch erst seit April 2011 ist das Medikament auch für die Behandlung Erwachsener zugelassen. Allerdings dürfen nur Spezialisten den Wirkstoff verschreiben.

Auch psychotherapeutische Behandlungen können die Symptome mindern. In Einzeltherapien lernen die Patienten etwa, ihre Selbstwahrnehmung zu verändern und so wieder mehr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu gewinnen.
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