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Immunschwäche: Ärzte rätseln über Aids-ähnliche Erkrankung

Von Cinthia Briseño

Zellen des Immunsystems: T-Zellen (braun) werden bei Menschen mit HIV durch das Virus zerstört Zur Großansicht
AP/ Dr. Carl June

Zellen des Immunsystems: T-Zellen (braun) werden bei Menschen mit HIV durch das Virus zerstört

Mediziner sind einer mysteriösen Krankheit auf der Spur: Zahlreiche Menschen in Asien und einige in den USA leiden an einer Immunschwäche. Die Symptome erinnern an Aids, doch die Betroffenen sind HIV-negativ. Ein Antikörper scheint die Ursache zu sein - Heilung gibt es bisher nicht.

Sie endeten häufig tödlich und waren lange Zeit von Aids-Patienten schwer gefürchtet: Infektionen wie etwa Lungenentzündungen, gegen die das Immunsystem von Gesunden in der Regel gute Chancen hat - während das Abwehrsystem von immungeschwächten HIV-Patienten machtlos ist. Weil sich Erreger diese Schwäche der körperlichen Abwehr zunutze machen, heißen sie opportunistische Infektionen.

Dagegen hat die Medizin inzwischen wirksame Waffen hervorgebracht: Medikamente gegen HIV, die die Viruslast im Blut drastisch senken und so die Zerstörung der Immunzellen verhindern. So kam es, dass die Zahl HIV-Positiver, die unter einer opportunistischen Infektion leiden, in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken ist.

2004 aber wurden Mediziner hellhörig, als sich sowohl in Thailand als auch in Taiwan die Meldungen von opportunistischen Infektionen offenbar wieder häuften. Schwer Kranke suchten Ärzte auf, deren Symptome typisch für die von Aids-Patienten waren - mit einem überraschenden Unterschied: Die Betroffenen waren alle HIV-negativ. Mediziner haben sich daran gemacht, dem Phänomen auf die Spur zu gehen, ihre Ergebnisse dazu haben sie jetzt im "New England Journal of Medicine" veröffentlicht.

Keine Ansteckungsgefahr

Darin sprechen Sarah Browne vom US-amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Bethesda und ein Team von taiwanischen und thailändischen sowie US-Ärzten von einer neu identifizierten Erkrankung, einer im Erwachsenenalter erworbenen Immunschwäche. Die Krankheit, so das Resümee der Wissenschaftler, scheint nicht vererbbar zu sein. Ob sie durch eine Infektion ausgelöst wird, können die Ärzte zwar bisher nicht zu hundert Prozent ausschließen. Dennoch ist sie offenbar nicht ansteckend, verbreitet sich also nicht von Mensch zu Mensch.

Das Team um Browne untersuchte 106 Patienten, die von den Symptomen betroffen waren. Dabei handelte es sich um Personen, die unter Tuberkulose, tuberkuloseähnlichen Lungenerkrankungen oder unter anderen typischen opportunistischen Infektionen litten. In den Blutzellen der Patienten fanden sie gegenüber einer Kontrollgruppe eine deutliche Auffälligkeit: 88 Prozent der Probanden hatten einen bestimmten Autoimmunantikörper im Blut.

Bei einer Autoimmunerkrankung richten sich Antikörper nicht wie gewöhnlich gegen fremde Eindringlinge im Körper. Vielmehr zielen sie auf körpereigene Eiweißmoleküle ab und stören so deren Funktion. Jene Autoimmunantikörper, die Browne und ihre Kollegen bei den Betroffenen fanden, docken an das Protein Interferon gamma an. Dabei handelt es sich um ein wichtiges Signalmolekül, das wiederum das Immunsystem stimuliert und somit wichtig für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten ist.

Machtlos gegen harmlose Keime

HI-Viren schalten dagegen wichtige Zellen des Immunsystems aus, die sogenannten T-Helferzellen. Dennoch haben beide Vorgänge - die Zerstörung der T-Helferzellen sowie die Blockade von Interferon gamma - identische Folgen: Sie schwächen das Immunsystem dramatisch. Der Körper ist gegen harmlose Keime und Erreger machtlos.

Für die Betroffenen ist das ein großes Problem: "Wir wissen bisher nicht, warum die Immunzellen der Betroffenen diesen Interferon-gamma-Antikörper produzieren", sagt Browne. Offenbar geschieht das aber erst mit zunehmendem Alter, denn die untersuchten Patienten mit den Aids-ähnlichen Symptomen waren im Durchschnitt 50 Jahre alt. Da die direkten Verwandten der Betroffenen nicht erkrankt waren, halten es die Ärzte für unwahrscheinlich, dass ein einzelnes defektes Gen für die Bildung der Antikörper verantwortlich sein könnte.

Dennoch glauben sie, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen, da sie die Immunschwächekrankheit bisher vorwiegend bei asiatischen Personen ausfindig machen konnten - oder bei Menschen, die aus Asien stammen. Eine von ihnen war die 62-jährige Vietnamesin Kim Nguyen. Seit 1975 lebt sie laut einem Bericht von Fox News in Tennessee. 2009 wurde sie schwer krank und von ungewöhnlichen Symptomen geplagt. Das Fieber wollte nicht verschwinden, unter anderem wurden Infektionsherde in ihren Knochen entdeckt.

Carlton Hays, ihr betreuender Arzt an der Jackson Clinic in Jackson, erinnerten ihre Symptome zunächst an eine Tuberkulose. Als er aber die richtige Ursache nicht finden konnte und Nguyen dramatisch an Gewicht verlor, überwies er sie an die Spezialisten von den National Institutes of Health (NIH) in Bethesda, die ähnliche Fälle behandelten. Diese diagnostizierten bei ihr ebenfalls die erworbene Immunschwäche. Sarah Browne glaubt, dass die Dunkelziffer der Immunschwäche-Patienten hoch sein könnte: "Viele Fälle könnten fälschlicherweise als Tuberkulose diagnostiziert werden."

Im Gegensatz zu HIV-Patienten, bei denen spezielle Medikamente die Viruslast senken und so vor opportunistischen Infektionen schützen, haben die Mediziner im Falle der neu identifizierten Immunschwäche noch kein wirksames Medikament, mit der sie geheilt werden kann.

Bisher bleibt lediglich, die opportunistischen Erreger zu bekämpfen, etwa mit Hilfe von Antibiotika. In manchen Fällen, sagt Browne, habe bei den Immungeschwächten der Versuch mit einem bestimmten Krebsmedikament geholfen. Dieses unterdrückt die Produktion von Antikörpern und könnte so die Immunschwäche mildern.

Die Vietnamesin Nguyen hatte Glück: Nach einem Jahr im Krankenhaus fühlt sie sich inzwischen wieder gesund. Die Angst vor gefährlichen Keimen wird sie aber vermutlich weiter begleiten.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Extreme Fäller der Erkrankung...
meinname 24.08.2012
...könnte man doch mit einer Transplantation mit autologen Knochenmarkstammzellen therapieren. Das Problem der Autoantikörper würde sich sicherlich nach Bestrahlung und Chemo erübrigen. Sicherlich nur eine ultima Ratio, aber möglich.
2. Wo ist eigentlich das Problem
odlu01 24.08.2012
wir werden alle einmal sterben. In armen Ländern kümmert sich heute keiner um AIDS Kranke, weil diese sich keine Medikamente leisten können Die Medizin hat mal wieder ein Entwicklun
3. Leute, lernt, Euch vernüftig schriftlich auszudrücken!
ttt 25.08.2012
---Zitat--- ... Schwer Kranke suchten Ärzte auf, deren Symptome typisch für die von Aids-Patienten waren ... ---Zitatende--- Nein, die Ärzte zeigen keine Symptome!
4. Bad news are good news
UnaCorp 25.08.2012
Hallo Spiegel-Online, an dem Test haben 203 Patienten teilgenommen, laut der von euch zitierten Quelle "Adult-Onset Immunodeficiency in Thailand and Taiwan". Doch besser das Original zu lesen.
5. hhmmm
was..soll..das?? 25.08.2012
zu 1). ja definitiv eine Ultima ratio....diese Therapie ist recht aufwendig und hat Nebenwirkungen, die man nur Krebspatienten zumuten sollte. zu 2: Wir muessen alle steben, aber wenn es soweit ist dann kommt der Lebensinstinkt auf...Zu recht, denn sonst wird es uns nicht geben. Weiterhin danke den Leuten, die sich fuer solche Faelle interessieren und versuchen eine Loesung zu finden: Wo man was machen kann, soll man es machen. Ich sehe aber das Problem der armen Laender.....leider!!!! Aber wir koennten was machen, wenn jeder vielleicht 10% des netto Gehalts abgibt oder einmal im Jahr einen Monatslohn? Wer ist dabei?.... Arme Patienten in der dritten Welt!
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Zur Autorin
  • Manfred Witt
    Cinthia Briseño ist bergsteigende Biochemikerin, hat in München über Viren promoviert und schreibt über Medizin. Sie leitet das Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.


HIV/Aids
Zahlen und Fakten in Deutschland
- in Deutschland leben etwa 78.000 Menschen mit HIV und Aids
- rund 63.000 HIV-Infizierte und Aidskranke sind Männer
- davon sind etwa 51.000 Männer homo- oder bisexuell
- 17.000 Menschen haben sich über heterosexuelle Kontakte infiziert
- im Jahr 2012 gab es etwa 3400 HIV-Neuinfektionen
- die Zahl der Todesfälle wird auf 550 geschätzt
- seit Beginn der Epidemie in den Achtzigerjahren gab es etwa 27.000 Todesfälle in Deutschland. Jährlich kommen etwa 500 Todesfälle hinzu.
Quelle: RKI, Stand November 2013
HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase ("Aids Related Complex") treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids ("Acquired Immunodeficiency Syndrome").

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Meistens stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Doch können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Diese verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.
Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut der Wirtszelle des Menschen einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.
Weltweite Verbreitung
Laut dem Aidsprogramm der Vereinten Nationen Unaids sind weltweit schätzungsweise mehr als 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas nach wie vor ein Zentrum der Epidemie.

Bis Ende 2012 erhielten rund 9,7 Millionen HIV-positive Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Therapie - im Vergleich zu drei Millionen Patienten im Jahr 2007 und lediglich 400.000 in 2003.

Quellen: Robert-Koch-Institut (RKI), Unaids
Umgang und Leben mit HIV
Vor allem Homosexuelle unter 30 Jahren lassen sich regelmäßig testen. Sind sie positiv, ist die Infektion meist im frühzeitigen Anfangsstadium, die Behandlung kann das Fortschreiten der Erkrankung eindämmen.

Heterosexuelle oder Betroffene mit Migrationshintergrund kommen meistens erst, wenn sich die Symptome des geschwächten Immunsystems nicht mehr verleugnen lassen.

Bei 15 Prozent der neudiagnostizierten HIV-Patienten ist Aids daher bereits ausgebrochen. Inzwischen haben Betroffene - mit einer Differenz von etwa zehn Jahren - die gleiche Lebenserwartung wie gesunde Menschen. Sie sterben inzwischen häufiger an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung als an der durch einen Pilz verursachten Lungenentzündung, einst klassische Todesursache der Aidserkrankten. Jeder vierte HIV-Positive ist inzwischen älter als 50 Jahre.


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