Weltpremiere in London Ärzte verpflanzen Kind Stammzellen-Luftröhre

Es ist eine medizinische Sensation, die einem Jungen mit einer angeborenen verengten Luftröhre das Leben rettete: Ärzte verpflanzten ihm das Luftröhren-Gerüst einer Spenderin, das mit den Stammzellen des Kindes besiedelt war. Zwei Jahre nach der OP ist der 13-Jährige wohlauf - und atmet ganz normal.

SPIEGEL ONLINE

Von Cinthia Briseño


Für Ciaran Finn-Lynch ist Atmen ein Geschenk. 1999 kommt er in London mit einer angeborenen Trachealstenose, einer verengten Luftröhre, zur Welt. Große Teile sind davon betroffen, bei jedem Atemzug japst und röchelt der kleine Ciaran nach Luft. An seinem sechsten Lebenstag operieren Ärzte des Great Ormond Street Hospital seine Luftröhre, zunächst mit nur wenig Erfolg. Schließlich setzen sie dem Säugling Stents ein, drahtige Metallgerüste, die das Gewebe seiner Luftröhre stützen sollen.

Ciaran überlebt, sein Leben ist aber alles andere als unbeschwert. Der Eingriff bringt Komplikationen mit sich, mehrere Operationen muss der Junge im Laufe der Jahre über sich ergehen lassen. Als Ciaran zehn ist, steht es erneut kritisch um ihn: Die Stents haben eine Verwachsung der Luftröhre mit der Hauptschlagader (Aorta) verursacht, es kommt immer wieder zu Blutungen.

Dann entscheiden sich die Ärzte für einen Eingriff, der bisher einmalig in der Medizingeschichte sein sollte. Im März 2010 verpflanzen sie dem Jungen einen Teil der Luftröhre einer verstorbenen 30-jährigen Italienerin. Diese wird vor dem Transport nach London jedoch auf besondere Weise behandelt. Ein Medizinerteam von der Abteilung für regenerative Chirurgie der Universitätsklinik Florenz befreit mit Hilfe von speziellen Substanzen die Spender-Luftröhre von sämtlichen Zellen, bis nur noch das Kollagengerüst zurückbleibt. Dann wird das Luftröhrengerüst nach London transportiert.

Dort haben die Ärzte dem Jungen bereits Stammzellen aus dem Knochenmark entnommen und daraus zusammen mit speziellen Wachstumsfaktoren und anderen Substanzen eine Lösung vorbereitet. Darin legen sie das Luftröhrengerüst der Spenderin ein. Anschließend beginnen die Chirurgen ihr Werk. Sie entfernen jenen Stent, der in die Aorta eingedrungen war, und schneiden den verengten Luftröhren-Abschnitt aus dem Körper des Jungen. Dann setzen sie ihm seine neue Luftröhre ein.

Elf Zentimeter gewachsen

Zwei Jahre ist das her. Heute ist Ciaran 13 Jahre alt, er geht wieder zur Schule. Und er atmet ganz normal. Elf Zentimeter ist er seither gewachsen. Mit ihm auch seine neue Luftröhre. Im Medizinjournal "The Lancet" beschreiben Ciarans Ärzte, ein internationales Team um Martin Elliott vom Hospital for Children in London, wie die Stammzellen aus dem Knochenmark des Jungen zusammen mit Gewebszellen aus seiner alten Luftröhre das knorpelige Luftröhrengerüst erfolgreich besiedelt haben und sich so im Laufe der Zeit normales Gewebe drum herumgebildet hat.

Zwar feierte ein anderes Ärzteteam im letzten Jahr bereits einen ähnlichen Erfolg. Damals retteten sie das Leben eines 36-Jährigen ebenfalls durch eine Luftröhren-Transplantation. Allerdings bestand die Luftröhre aus einem künstlichen Gerüst. Zudem nutzten sie einen speziellen Bioreaktor um die künstliche Luftröhre mit den Stammzellen des Patienten zu besiedeln.

Bei Ciaran mussten sie die Prozedur im Bioreaktor umgehen. "Das hätte mehrere Wochen gedauert", sagt Martin Birchall vom University College London, einer der beteiligten Autoren. Zu lange, das Leben des Jungen stand auf dem Spiel. Und so ist es das erste Mal, dass die Besiedlung eines Gewebegerüsts mit den eigenen Stammzellen innerhalb des Körpers geschehen ist.

Dass seine Luftröhre aus seinen eigenen Zellen besteht, ist für Ciaran ein weiteres Geschenk. Da eine Abstoßungsreaktion durch das Immunsystem nicht zu fürchten ist, muss der 13-Jährige keine Medikamente nehmen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war gestanden, dass das gleiche Ärzteteam 2011 eine ähnliche Transplantation durchgeführt hatte. Stattdessen handelte es sich seinerzeit aber um das Team um Paolo Macchiarini vom Karolinska Universitätskrankenhaus in Stockholm. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
multi_io 26.07.2012
1.
Sehr schöner Bericht. Aber haben sich die Stammzellen bei der Besiedlung des Luftröhren-Gerüsts denn auch in den "richtigen" Zelltyp für die jeweilige Position umgewandelt? Oder kann man das künstlich hervorrufen? Das wäre doch sicher die Voraussetzung dafür, damit man mit dem Verfahren irgendwann auch mal "komplizierte" Organe wie Herzen, Lebern oder Nieren aus körpereigenen Zellen nachbauen kann. Wenn das auch noch gelingt, wäre das vermutlich eine medizinische Revolution ohne Beispiel.
wortmannin 27.07.2012
2. Es wird nicht mehr lange dauern
und diese Technologie wird es ermöglichen, noch ganz andere Organe zu ersetzen bzw. wiederherzustellen (Leber von Hepatitis C Patienten, Prostata von Krebspatienten, Nieren von Dialysepatienten etc. etc.). Organspendenskandale wie der von Hannover dürften dann nur noch in historischen Kriminalromanen und Filmen (Stichwort Rainer Erler's Fleisch) zu finden sein. Und Spenderausweise landen auf dem Müll der Geschichte. Retinas und Blutgefäße, die aus Stammzellen hergestellt wurden, werden seit einiger Zeit schon erfolgreich eingepflanzt.
ReneMeinhardt 27.07.2012
3. Bravisimo
endlich mal eine gute Nachricht aus der Medizin! Ich freue mich sehr über diesen Erfolg.
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