Soziale Netzwerke: Ärzte starten Warnsystem für Impf-Gerüchte

Impfkampagnen kämpfen mit Vorurteilen: In der Bevölkerung wird Angst davor geschürt, was etwa die Ausrottung der Kinderlähmung hinauszögert. Jetzt wollen Forscher mit Hilfe sozialer Netzwerke entstehende Gerüchte in Echtzeit überwachen - und dann gezielt Überzeugungsarbeit leisten.

Gelbfieberimpfung in der Region Darfur, Sudan: Gerüchte können Leben kosten Zur Großansicht
REUTERS/ UNAMID

Gelbfieberimpfung in der Region Darfur, Sudan: Gerüchte können Leben kosten

Die Erfolge von Impfkampagnen sind schnell zerstört. Als 2003 im Norden Nigerias die Schutzimpfungen gegen die Kinderlähmung boykottiert wurden, konnte die Krankheit sich in 20 zuvor poliofreien Ländern erneut ausbreiten. Der Boykott war vor allem politisch motiviert, die Angst der Menschen wurde mit dem unbegründeten Verdacht geschürt, mit der Impfung sollten sie sterilisiert werden.

Ähnlich desaströse Folgen hatte eine Studie des britischen Mediziners Andrew Wakefield: Sie sorgte dafür, dass bis heute weniger Menschen gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft werden als bis 1998. Damals behauptete Wakefield, die Dreifachimpfung könne möglicherweise Autismus verursachen. Die Studie wurde mittlerweile zurückgezogen, Wakefields These gilt als widerlegt, ihm selbst wurde wissenschaftliches Fehlverhalten nachgewiesen. Doch das Ziel, Europa bis 2010 von den Masern zu befreien, konnte die WHO nicht aufrechterhalten, auch in Deutschland sind in der Zwischenzeit wieder Kinder an den Folgen der vermeintlich harmlosen Krankheit gestorben.

Britische Wissenschaftler wollen Gerüchten, Vorurteilen und Sorgen zu Impfungen künftig besser begegnen. Dazu haben sie jetzt ein Instrument zur Echtzeitüberwachung von Medienberichten und Nachrichten aus sozialen Netzwerken vorgestellt. Mit dessen Hilfe sollen Aktivisten, Politiker und Gesundheitsbehörden frühzeitig vor möglichen Akzeptanzproblemen gewarnt werden können, schreibt Heidi Larson von der London School of Hygiene & Tropical Medicine im Fachjournal "The Lancet".

Die Wissenschaftler nutzten ein bereits bestehendes Netzwerk, das als Frühwarnsystem vor Krankheitsausbrüchen eingesetzt wird: HealthMap kartografiert Meldungen über Infektionen aus der ganzen Welt. Larsons Team wendete die HealthMap-Funktionen nun auf Nachrichten über Impfkampagnen an: Zwischen Mai 2011 und April 2012 registrierten die Wissenschaftler mehr als 10.000 Berichte zu Impfungen. Diese Meldungen klassifizierten sie nach positivem/neutralem (69 Prozent) oder negativem (31 Prozent) Grundcharakter. Anschließend versuchten sie, die Berichte danach zu bewerten, wie sehr sie laufende Impfbemühungen stören könnten.

Internet kann öffentliches Vertrauen schwer beschädigen

"Das Internet hat die weltweite Verbreitung von ungeprüften Gerüchten und Fehlinformationen über Impfungen beschleunigt, und es kann das öffentliche Vertrauen schwer beschädigen", sagt Studienautorin Larson. "Das kann zu niedrigen Impfraten führen und selbst zu Krankheitsausbrüchen." Die Echtzeitüberwachung von Bedenken gegenüber Impfungen dagegen könne Regierungen und Gesundheitsbehörden auf mögliche Probleme aufmerksam machen.

Die positiven Berichte über Impfungen in der Studie beschäftigten sich zu einem Drittel mit der Entwicklung von Impfstoffen und deren Verfügbarmachung. Ein Fünftel (21 Prozent) der negativen Berichte dagegen befasste sich mit Glauben und Wahrnehmung von Impfungen - dazu zählen zum Beispiel religiöse oder philosophische Überlegungen zu Impfungen und auch Theorien zu den Motiven von Politik und Herstellern, Impfstoffe zu produzieren und zu verbreiten. Damit drehten sich mehr negativen Berichte um Glaubensfragen als um die Sicherheit von Impfstoffen, die nur in 16 Prozent der negativen Texte eine Rolle spielte.

Sorgen ernst nehmen und reagieren

Als Anwendungsbeispiel führen die britischen Wissenschaftler eine mögliche Einführung der HPV-Impfung als staatliche Gesundheitsleistung in Indien an: Der Nachrichten-Monitor könnte der Regierung helfen einzuschätzen, in welchen Gegenden des Subkontinents eine Aufklärung der Bevölkerung über Vor- und Nachteile der Impfung besonders dringend notwendig ist.

An Grenzen stößt das von der Bill & Melinda Gates Foundation finanzierte Projekt derzeit vor allem dann, wenn eine menschliche Überprüfung der von Computern generierten Daten notwendig ist. So wurden fremdsprachige Berichte in der Studienphase mit Hilfe des Google-Übersetzers ins Englische übersetzt. Und die Klassifikation der analysierten Berichte durch Menschen limitierte die Zahl der Texte, die überhaupt eingeschlossen werden konnten.

Dieser Prozess soll so weit wie möglich automatisiert werden, um später auch soziale Netzwerke wie Twitter als Quelle für Gerüchte über Impfungen automatisiert analysieren zu können. Forscher der Penn State University im US-Bundesstaat Pennsylvania haben im Fachmagazin "EPJ Data Science" bereits zeigen können, dass unter Twitter-Nutzern vor allem negative Meinungen zu Impfungen weitergeben werden und wiederum negative Reaktionen hervorrufen.

Die britischen Forscher warnen, es solle nicht unterschätzt werden, wie wichtig es sei, auf Befürchtungen der Öffentlichkeit zu hören, wenn Impfkampagnen oder Studien zu Schutzimpfungen geplant und durchgeführt würden. Noch wichtiger sei es, so schnell wie möglich zu reagieren. Auswertungen würden belegen, dass es häufig Warnzeichen für Probleme bei Impfkampagnen gegeben habe, auf die aber nicht reagiert worden sei.

dba

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insgesamt 175 Beiträge
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1. Eine sehr gute
Mancomb 13.05.2013
und längst überfällige Maßnahme! Glückwunsch an die Initiatoren und viel Erfolg mit ihrem Projekt. Auch wenn damit keine hundert Prozent vom Nutzen des Impfschutzes überzeugt werden können, so kann man doch sicher einige Zweifler auf seine Seite ziehen. Bei den Hardcore-Impfgegnern scheinen jedoch auch hierzulande Hopfen und Malz verloren. Ich könnte jedes mal den Kopf schütteln, wenn ich mitbekomme, mit was für abstrusen Argumenten die ständig versuchen, einer Impfung aus dem Weg zu gehen, von 'Big Pharma' und raffgierigen Ärzten bis zu einer Verschwörung in die obersten Regierungsebenen ist da alles mit dabei. Eine Impfung vor Paranoia gibt es (leider noch) nicht... :/ Das wäre eigentlich alles halb so wild, wenn diese Menschen sich nur selbst nicht impfen lassen würden. Allerdings setzt auch dieser Schlag Menschen Nachwuchs in die Welt, und den eigenen Kindern einen so wichtigen Schutz vor Krankheiten mit fadenscheinigen Argumenten vorsätzlich vorzuenthalten grenzt meiner Meinung nach schon an Körperverletzung.
2. Keine Illusionen!
yor 13.05.2013
Man mache sich keine Hoffnungen, dass hier nicht bald die Impfgegner und Alleskritiker den Ton angeben. Aber keine Sorge, die Zeiten, in denen Diphterie oder Polio die Kinder noch massenweise dahingerafft haben, sind gottlob vorbei. Das bisschen Nachwuchs, das wir heute noch haben, behandeln wir mit Zuckerkügelchen - klappt auch. Etwas völlig anderes ist es, wenn Antiimpfideologien dort abgesondert werden, wo es wirklich noch Seuchen gibt - da hört sich der Spass allen ernstes auf. Also, Ihr Globulisten, gebt Eure sicherlich sehr interessanten Meinungen hier zum Besten, aber bleibt bitte im Lande!
3. Vorurteile
Verun 13.05.2013
Zitat von sysopImpfkampagnen kämpfen mit Vorurteilen: In der Bevölkerung wird Angst davor geschürt, was etwa die Ausrottung der Kinderlähmung hinauszögert. Jetzt wollen Forscher mit Hilfe sozialer Netze entstehende Gerüchte in Echtzeit überwachen - und dann gezielt Überzeugungsarbeit leisten. Ärzte wollen Impf-Gerüchte überwachen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/aerzte-wollen-impf-geruechte-ueberwachen-a-899148.html)
Eine gute Sache. Impfungen funktionieren. Wer das leugnet, schadet sich selbst und Anderen, in dem er haltlose Vorurteile schürt.
4.
aw.wagner79 13.05.2013
Mal sehen, wie lange es dauert, bis hier die ersten mit esoterischem Halbwissen bewaffneten Impfgegner und Verschwörungstheoretiker ihre Weisheiten hinterlassen...
5. Warnsystem für Impfgerüchte
karteileiche007 13.05.2013
Wer entscheidet dann letztlich, ab wann eine Meinungsäußerung schon als Gerücht gilt? Was passiert, wenn jemand sich negativ über Impfungen äußert? Das alles klingt doch sehr danach, dass die Pharmakonzerne die Handhabe darüber bekommen sollen, was über die von ihnen hergestellten Impfstoffe in der Öffentlichkeit gesagt werden darf und was nicht. Die, die sich für Impfungen aussprechen, dürfen dies dann in den Medien verbreiten wie sie möchten - die die Impfungen ablehnen, vielleicht gar einen Impfschaden erlitten haben, sollen ihre Klappe halten. Vermutlich wird es darauf hinauslaufen, dass "schädliche" Meinungen legal aus dem Internet entfernt werden dürfen, und dass Pharmakonzerne und Ärzteverbände als Reaktion auf Meinungsäußerungen von Impfgegnern und -geschädigten mehr Gelder bekommen, um für die Impfungen zu werben. Jetzt sind es die Impfungen, bald danach darf man nichts negatives mehr über Medikamente allgemein sagen, und dann landen wir irgendwann dort, wo die Wirtschaftsunternehmen das Meinungsbild im Internet ihren Interessen anpassen dürfen. Ich verstehe ernsthaft nicht, wie man als mündiger Bürger in einer (wenn auch Pseudo-)Demokratie so freiwillig auf sein Recht auf freie Meinungsäußerung verzichten will wie manche User hier. Der Vorwand "es ist doch für einen guten Zweck" macht es kein bisschen richtiger.
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