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Ansteckungsgefahr: Klinikbetreiber schafft Arztkittel ab

Von Roland Mühlbauer

Krankenschwester und Ärztin (links) mit neuem Kittel: Sorge vor Ansteckung mit multiresistenten Keimen Zur Großansicht
DPA

Krankenschwester und Ärztin (links) mit neuem Kittel: Sorge vor Ansteckung mit multiresistenten Keimen

Auf Klinikkleidung haften oft Krankheitserreger. Um diese nicht weiterzugeben, trägt das medizinische Personal in Asklepios-Krankenhäusern zukünftig nur noch Hemden mit kurzen Ärmeln.

Der Klinikkonzern Asklepios kleidet Ärzte und Pflegepersonal in seinen rund hundert Einrichtungen deutschlandweit neu ein. Der klassische langärmelige Arztkittel wird von April an ausgemustert. Stattdessen sind kurze Ärmel und Knopfleiste angesagt - ein Kleidungsstück namens "Kasack". Damit reagiere man auf die Sorge der Patienten vor einer Ansteckung mit multiresistenten Keimen, erklärte Konzerngeschäftsführer Kai Hankeln. Eine vom Konzern durchgeführte Umfrage vom September des vergangenen Jahres hatte ergeben, dass Patienten bei Krankenhausaufenthalten vor allem Angst haben vor der Infektion mit multiresistenten Keimen.

Studien hätten gezeigt, dass die Ärmel der Arztkittel besonders stark mit Keimen belastet seien, berichtet Hankeln. "Die Ärzte gehen von Patient zu Patient und untersuchen sie. Die langen Ärmel haben Kontakt zu den Patienten. Die Hände desinfiziert der Arzt, aber er wechselt nicht jedes Mal den Kittel." Eine Forschergruppe aus Jerusalem entdeckte bei mehr als 60 Prozent des Klinikpersonals Krankheitserreger auf der Klinikbekleidung. 20 Prozent waren sogar von Keimen mit Resistenzen gegen Antibiotika besiedelt. Allerdings wurden die Proben nicht nur an den Ärmeln genommen, sondern auch an den Taschen und dem Bauchbereich.

Niederlande und Großbritannien machen es vor

Kliniken in den Niederlanden und Großbritanninen haben schon länger kurze Ärmel eingeführt. Das entspricht auch Empfehlungen des Robert Koch-Instituts und der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Asklepios ist nach eigenen Angaben der erste große Klinikbetreiber in Deutschland, der sich zur Abschaffung der langärmeligen Kittel entschlossen hat.

"Nach dem Konzept 'bare-below-elbow' am Patientenbett gehen bereits einige Kliniken in Deutschland vor", sagt Christian Brandt, Leiter der Krankenhaushygiene im Universitätsklinikum Frankfurt. "Neben langen Ärmeln gehört übrigens auch der Verzicht auf Armbanduhren, Ringe oder Freundschaftsbänder dazu." Im Universitätsklinikum Frankfurt gibt es deshalb kurzärmelige Oberteile unter den langärmeligen Kitteln. Letztere wurden nicht ganz abgeschafft, weil die Ärzte sich damit auch im Freien von Klinik zu Klinik bewegen. "Für die Arbeit am Krankenbett bleibt der Kittel aber draußen vor der Tür", sagt Brandt. Ebenso hält es unter anderem das Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg.

Aufgabe eines Statussymbols?

In Operationssälen und auf Intensivstationen ist kurzärmelige Kleidung längst Standard. Auf den normalen Stationen sei der langärmelige weiße Arztkittel dagegen bislang ein Erkennungszeichen und Statussymbol gewesen, so Hankeln.

Für die Abschaffung musste die Konzernleitung nach eigenen Angaben viel Überzeugungsarbeit leisten. "Das ist ein beachtlicher kommunikativer Aufwand", sagt Hankeln. Jüngeren Medizinern falle der Abschied vom traditionellen Kittel leichter. "Bei älteren Chefärzten ist das schon eine gewisse Hürde, die sie überspringen müssen."

Als Gegenargument führten Betroffene ins Feld, der "Placebo-Effekt" des Arztes könne gemindert werden, wenn er nicht mehr dem klassischen Erscheinungsbild entspricht. Bei der Abwägung hatte der Konzern aber den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Hygiene und Patientensicherheit Vorrang eingeräumt.

"Als Kompromiss gestatten wir den Ärzten bei repräsentativen Anlässen das Tragen von langärmeligen Kitteln, aber nicht am Krankenbett", erklärt Franz-Jürgen Schell, medizinischer Pressesprecher von Asklepios. Christian Brandt sagt dazu: "Wichtiger als das Statuszeichen Kittel ist meines Erachtens ein großes, deutlich lesbares Namensschild mit der Position der Krankenhausmitarbeiter."

Mit Material von dpa

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Hygiene ist Fremdwort in Kliniken
eigene_meinung 01.02.2016
Solange sich die meisten Ärzte und sonstiges Krankenhauspersonal zwischendurch nicht einmal die Hände waschen geschweige denn desinfizieren, ist es sch...egal, was für Hemden oder Kittel sie tragen.
2.
kumi-ori 01.02.2016
Wollen wir hoffen, dass es hilft, und dass sich nicht die resistenten Keime statt auf dem Kittelärmel auf den harrigen Unterarmen des Herrn Doktor ansammeln.
3. Schnell schlecht geredet
derdrittemann 01.02.2016
Ich muss sagen, dieser Asklepios Konzern, oftmals als die großen privaten Bösen beschimpft, erstaunt mich immer wieder im positiven Sinne. Leider ist alles immer schnell schlecht geredet und die Skeptiker behalten ja am Ende immer Recht. Aber gerade hier bei Asklepios scheint einheitliche Vorgehensweise zum Thema Hygiene eine Strategie zu sein. Ich lag im Klinikum Harburg und dachte, hier kann ich live das Chaos in allen Disziplinen beobachten. Es kam anders: große Offensiven zum Thema Händehygiene, die Putzfrau arbeitete nach einem unglaublichen Standard mit Hygienekennzeichnungen und konnte mir sogar haarklein anhand eines bebilderten Planes erklären, was sie macht. Hier scheint das Thema Hygiene und die Wichtigkeit angekommen zu sein und andere sollten sich mal ein Beispiel nehmen.
4. Kittel
Titanus 01.02.2016
Weil die Patienten das Gefühl haben, sich evtl mit multiresistenten Keimen anstecken zu können, werden Kittel abgeschafft? Ordentliche Isoliermaßnahmen wären sinnvoller... Naja, der Patientenglaube versetzt Berge ;-)
5. Studien...
Landkaertchen 01.02.2016
... sind an mancher Stelle ganz sinnvoll. Vor allem, wenn man draus lernt. Ob kurzärmlig allerdings mit den Klimaschutzzielen vereinbar ist...? Auf Grund der geringeren Wärmwirkung der Kleidung müsste nun in den Gebäuden wenigstens um 0,5°C höher geheizt werden. Das kollidiert aber sicher mit aktuellem Recht. Weswegen Ärzte dann Wollpullover drunterziehen werden, die die Arztfrau nur aller 14 Tage wäscht. ;-)
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