Behandlungsfehler: Tausende Patienten beschweren sich bei der Ärztekammer

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Röntgenbild: 17 Zentimeter lange Ärzteschere im Körper eines Patienten (Archiv) Zur Großansicht
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Röntgenbild: 17 Zentimeter lange Ärzteschere im Körper eines Patienten (Archiv)

Die Gutachterstellen der Ärztekammern geben immer mehr Patienten im Streit über Behandlungsfehler recht. Die Zahl der geschädigten Patienten und der Beschwerden ist 2011 gestiegen. Doch die Dunkelziffer ist hoch, der Weg für die Patienten beschwerlich.

Berlin - Die Zahl der bei den Ärztekammern registrierten Medizinerfehler nimmt zu: 99 Menschen sind 2011 an den Folgen der untersuchten Ärztefehler gestorben, 2010 waren es 87 Patienten. Das ist das Ergebnis einer Behandlungsfehler-Statistik, die die Bundesärztekammer am Dienstag in Berlin präsentierte. Demnach waren 2287 Behandlungen oder Diagnosen falsch, oder die Patienten wurden nicht richtig über die Risiken der Behandlung aufgeklärt. Insgesamt hatten sich 11.107 Patienten bei den Gutachterstellen und Schlichtungskommissionen der Ärztekammern beschwert.

Aber längst nicht jeder, der sich mit einem Knochenbruch, einer infizierten Wunde oder einer Arznei von seinem Arzt falsch behandelt fühlt, wird in den Zahlen erfasst. Nur gut ein Viertel aller vermuteten Arzthaftungsfälle in Deutschland wird durch die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern bewertet. Den Rest verhandeln Haftpflichtversicherer, der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen (MDK) oder Gerichte.

Patienten geht es um mehr als Geld

Die eigene Statistik hält der Geschäftsführer der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern Johann Neu dennoch für repräsentativ. "Wenn man sich die Statistiken der Versicherer oder des MDK ansieht, stellt man fest, dass die Schwerpunkte der Behandlungsfehler dieselben sind", sagte Neu SPIEGEL ONLINE.

Dass ein Patient in einem Ärztekammer-Verfahren Recht bekommt, heißt zudem nicht, dass er automatisch eine Entschädigung erhält. Zwar entschieden die Schlichtungsstellen 2011, dass 1901 Patienten wegen eines Behandlungsfehlers einen Entschädigungsanspruch haben, doch nicht in allen Fällen wird diese Entscheidung von beiden Seiten akzeptiert. Schlimmstenfalls müssen die Patienten vor Gericht ziehen. In 86 Prozent der Fälle hätten die Patienten anstandslos Geld von den Versicherern bekommen, sagt Neu. "Nur in drei Prozent der Fälle ging es vor Gericht. Und in elf Prozent der Fälle wollten die Patienten gar kein Geld."

Ärztefehler-Statistik 2011 im Detail
Beschwerde-Anträge
11.107 Anträge wurden 2011 an die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern gestellt, in 7452 Fällen gab es eine Entscheidung. 2010 hatte es 11.016 Beschwerden gegeben.
Krankenhaus und Arztpraxis
Der Großteil der strittigen Fälle ereignete sich im Krankenhaus. 72,2% der untersuchten Behandlungen fanden in Kliniken statt, der Rest in Praxen. Bei mehr als einem Viertel verursachte der Arztfehler einen Schaden (25,5%). In diesen Fällen sind Ansprüche der Patienten begründet.
Häufigste Fehler
Am häufigsten wenden sich Patienten mit Knie- und Hüftgelenksbeschwerden an die Ärztekammern. Gefolgt von Patienten mit Knochenbrüchen an Unterschenkel, Sprunggelenk und Unterarm.
Unfallchirurgen und Orthopäden
Die meisten der untersuchten Behandlungen durch niedergelassene Ärzte fanden bei Unfallchirurgen und Orthopäden (573) sowie bei Hausärzten (320) statt. Die meisten falschen Behandlungen stellten die Gutachter hier bei Unterarmbrüchen (16), Unterschenkel- und Sprunggelenksbrüchen (15)fest. In Krankenhäusern waren ebenfalls Unfallchirurgen und Orthopäden (1977) die Spitzenreiter, gefolgt von Allgemeinchirurgen (1003). Die meisten Fehler gab es dort bei der Therapie von Hüftgelenks- (80) und Knieschäden (71) sowie Unterarmbrüchen (65).
Das grundsätzliche Problem der aktuellen Statistik zu Behandlungsfehlern wird deutlich, wenn man die Zahlen ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Behandlungen in Deutschland setzt. "Im ambulanten Bereich waren es im ersten Quartal 2011 allein im hausärztlichen Bereich rund 45 Millionen Behandlungsfälle mit rund 105 Millionen Patientenkontakten und im stationären Bereich mehr als 16 Millionen Behandlungen", sagte der Vorsitzende der Ständigen Konferenz der Gutachterkommission und Schlichtungsstellen, Andreas Crusius, in Berlin.

"Eine völlig fehlerfreie Behandlung wird es nie geben. Schon daraus resultiert die Verpflichtung, alles dafür zu tun, das Risiko so klein zu halten wie irgend möglich", sagte Crusius. Er verwies darauf, dass die Ergebnisse der Gutachterkommission und Schlichtungsstellen seit zwölf Jahren mit Hilfe des Medical Error Reporting Systems (MERS) in einer bundesweiten Statistikdatenbank erfasst und ausgewertet werden. Die Ergebnisse würden von der Ärzteschaft für Fortbildungs- und Qualitätssicherungsveranstaltungen aufbereitet, um Strategien zur Fehlervermeidung zu entwickeln, sagte Crusius.

Für die tatsächliche Zahl der Fehler bei jährlich Millionen von Behandlungen gibt es nur Schätzungen: Das Bundesgesundheitsministerium geht von einer Spanne zwischen 40.000 bis 170.000 Behandlungsfehlern pro Jahr aus.

Die Dunkelziffer ist hoch, der Weg für Patienten beschwerlich

Dass die Dunkelziffer der Behandlungsfehler so hoch ist, liegt auch an dem beschwerlichen Weg, der vor den Patienten liegt: Sie müssen beweisen, dass der Arzt einen Fehler gemacht hat. Zudem gibt es für die Hilfestellung verschiedene Ansprechpartner wie die Beschwerdestellen in Krankenhäusern, die Krankenkassen, die Gutachterkommissionen und Schiedsstellen. Einen Überblick, wie betroffene Patienten vorgehen sollten, gibt das Aktionsbündnis Patientensicherheit auf seiner Webseite.

Das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten könne durch das von der Bundesregierung geplante Patientenrechtegesetz entkrampft werden, meint Schlichtungsstellen-Geschäftsführer Neu. An der Ausgangssituation, dass der Patient einen Behandlungsfehler zu beweisen hat, ändere sich zwar nichts, sagt Neu. "Aber es wird erstmals die Informationspflicht des Arztes aufgelistet und beschrieben. Das heißt, der Patient kann sich ein Bild machen, was ihm der Arzt erzählen muss."

Kritikern geht das geplante Gesetz nicht weit genug. So fordern etwa die Grünen, die Beweislast bei Behandlungsfehlern umzukehren. Dann müsste der Arzt nachweisen, dass sein Fehler nicht die Ursache eines Schadens ist.

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insgesamt 68 Beiträge
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1. Ach ja?
Klartext007 19.06.2012
Zitat von sysopdapdDie Gutachterstellen der Ärztekammern geben immer mehr Patienten im Streit über Behandlungsfehler recht. Die Zahl der geschädigten Patienten und der Beschwerden ist 2011 gestiegen. Doch die Dunkelziffer ist hoch, der Weg für die Patienten beschwerlich. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,839690,00.html
Müssen wieder mal medienwirksam die Ärzte dran glauben, indem man vielleicht 0.1% aller Heilbehandlungen als fehlerhaft tituliert! Und was ist mit den hundertausenden ärztlichen Eingriffen, die erfolgreich waren? Über die redet natürlich keiner! Oh Gott, die Medien meinen wirklich, sie könnten alles und jeden schlecht machen!
2. Gierhälse
sosonaja 19.06.2012
Das Problem ist doch, dass die vielen Behandlungsfehler der Patient ausbaden muss und so gut wie keinen Schadenersatz bekommt. In anderen Branchen muss man für gemachte Fehler bezahlen, nur die gierigen Ärzte wollen sich drücken.
3.
aha900 19.06.2012
Zitat von sosonajaDas Problem ist doch, dass die vielen Behandlungsfehler der Patient ausbaden muss und so gut wie keinen Schadenersatz bekommt. In anderen Branchen muss man für gemachte Fehler bezahlen, nur die gierigen Ärzte wollen sich drücken.
So ein Blödsinn! Schadensersatzansprueche sind auf diesem Sektor mit genauso viel Aufwand verbunden wie in vielen anderen Bereichen. Bezahlen will keiner gerne! Immer wieder die Eier von den gierigen Ärzten, schon Mist wenn man so unter sozialneid leidet! Das dumme ist bei arztfehlern die unumkehrbarkeit und die Konsequenzen für den Patienten. Fehler passieren leider immer wenn Menschen etwas tun, wichtig ist nur, wie man damit umgeht...
4.
limrz 19.06.2012
Zitat von sysopdapdDie Gutachterstellen der Ärztekammern geben immer mehr Patienten im Streit über Behandlungsfehler recht. Die Zahl der geschädigten Patienten und der Beschwerden ist 2011 gestiegen. Doch die Dunkelziffer ist hoch, der Weg für die Patienten beschwerlich. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,839690,00.html
Der Gesetzgeber hat ewig lang gebraucht, die katastrophalen Arbeitszeiten im Medizin/Kliniksektor zurechtzubiegen, trotzdem ist noch vieles im Argen. Und da wundert man sich über Fehler...
5. Aua!
Klartext007 19.06.2012
Zitat von sosonajaDas Problem ist doch, dass die vielen Behandlungsfehler der Patient ausbaden muss und so gut wie keinen Schadenersatz bekommt. In anderen Branchen muss man für gemachte Fehler bezahlen, nur die gierigen Ärzte wollen sich drücken.
Und wenn´s bei Ihnen mal irgendwo "Aua, Aua" macht und sie natürlich eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung brauchen, gehen Sie zum Bäcker, oder? Ich bin für die Einführung "südeuropäischer Systeme", wo man für ärztliche Leistungen bezahlen muss (wie z.B. bei jedem Anwalt oder Automechaniker) und nicht in dieser unsäglichen Abholermentalität nur nimmt und Ansprüche hat.
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

INFORMATIONEN FÜR BETROFFENE
Was ist ein Behandlungsfehler?
Ein Behandlungsfehler liegt vor, wenn ein Arzt einen Patienten nicht ordungsgemäß - das heißt nicht sorgfältig oder entsprechend der anerkannten medizinischen Standards - behandelt hat. Auch eine fehlende, falsche oder lückenhafte Aufklärung des Patienten über die Risiken eines medizinischen Eingriffes gilt als Behandlungsfehler.
An wen wende ich mich?
Das Aktionsbündnis Patientensicherheit rät dazu, zuerst das Gespräch mit dem behandelnden Arzt oder dem leitenden Klinikdirektor zu suchen. In vielen Kliniken existieren auch Beschwerdestellen, an die sich Patienten wenden können.

Weitere wichtige Ansprechpartner sind laut Bundesgesundheitsministerium die Krankenkassen: Viele können eine außergerichtliche Rechtsberatung vermitteln oder ein Gutachten durch den medizinischen Dienst der Krankenversicherung einholen. Dieses ist für Ärzte und Krankenhäuser zwar nicht bindend, kann aber bei einem Gerichtsverfahren nützlich sein.

Ebenfalls Hilfe bieten Verbraucherzentralen, Selbsthilfegruppen oder Patientenberatungsstellen. Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland betreibt unter der Rufnummer 0800-0117722 ein bundesweites kostenloses Beratungstelefon.
Welche Rolle spielen die Schlichtungsstellen der Ärztekammern?
Die Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen der Ärztekammern sind neben der Krankenkasse die wichtigsten Anlaufstellen, wenn ein Patient ein Gutachten zu seinem Fall wünscht. Ihr Ziel ist es, Meinungsverschiedenheiten außergerichtlich zu klären. Die Kommissionen behandeln etwa ein Viertel aller vermutlichen Arztfehler.

Die Kommissionen haben für Patienten den Vorteil, dass ihre Arbeit für sie kostenlos ist, allerdings wird ihnen vorgeworfen, dass sie nicht komplett unabhängig sind, da sie zu den Ärztekammern gehören. Vorsitzender der Gutachterkommission ist ein Jurist, der die Befähigung zum Richteramt haben muss, hinzu kommen zwei ärztliche Mitglieder, von denen mindestens einer im gleichen Fachgebiet arbeiten muss wie der betroffene Arzt.

Das Einschalten der Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen ist freiwillig, die Fälle sollten noch nicht Gegenstand eines gerichtlichen Verfahrens sein und dürfen in der Regel nicht länger als fünf Jahre zurückliegen. Sind Patient oder Arzt mit dem Ergebnis nicht einverstanden, können sie anschließend noch vor Gericht ziehen.
Wie läuft ein Gerichtsverfahren ab?
Um den Verdacht eines Behandlungsfehlers zu klären, benötigen die Patienten die Dokumentation ihrer Behandlung. Jeder Patient hat grundsätzlich den Anspruch darauf, in die Akten einzusehen und Kopien zu erhalten.

Zieht der Patient vor Gericht, muss grundsätzlich er beweisen, dass er durch eine fehlerhafte Behandlung einen Gesundheitsschaden davongetragen hat. Das Gericht unterstützt ihn jedoch bei der Aufklärung und geht den Vorwürfen nach.
Weitere Informationen
Liste des Aktionsbündnisses Patientensicherheit mit Einrichtungen, die im Schadensfall helfen: http://www.aktionsbündnis-patientensicherheit.de

Broschüre "Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern - ein Wegweiser der Bundesärztekammer": http://www.aktionsbuendnis-patientensicherheit.de

Broschüre "Patientenrechte in Deutschland" des Bundesgesundheitsministeriums: http://www.bmg.bund.de
Spektakuläre Kunstfehler
Verwechselt
Eine 78-Jährige wird im März 2008 im Krankenhaus Münchberg (Bayern) das Opfer einer Verwechslung am OP-Tisch. Statt der erforderlichen Operation am Bein wird der Frau fälschlicherweise ein künstlicher Darmausgang gelegt.
Mangelnde Hygiene
Ein vorbestrafter Schönheitschirurg wird im Dezember 2005 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Landgericht Nürnberg-Fürth sah es als erwiesen an, dass der Mann Frauen bei Brustvergrößerungen und Fettabsaugungen nicht kunstgerecht und mit mangelnder Hygiene operierte. Einer Patientin schnitt er auf dem Wohnzimmerboden in die Brust, um Eiter zu entfernen. Nach dem Tod einer Patientin war der Arzt zuvor bereits vom Amtsgericht Wernigerode zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Nach der Haftentlassung verlegte er seine Praxis nach Nürnberg.
Übersehene Infektion
Das Landgericht Bielefeld spricht einem früheren Jugendfußballer nach einem Kunstfehler 1,36 Millionen Euro Schadenersatz zu. Er hatte eine Klinik auf entgangene Einnahmen als Profispieler verklagt. Der damals 18-Jährige hatte 1993 einen Meniskusabriss und einen Kreuzbandriss erlitten. Eine Infektion im Knie behandelten die Ärzte zu spät. Das Gericht wertete das als groben Behandlungsfehler.
Misslungene Herz-OP
Sechs Jahre nach dem Tod einer Patientin wird ein 67 Jahre alter Klinikbesitzer aus Straubing (Bayern) im März 2005 wegen Totschlags und Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt. Bei der Herz-OP einer 55-Jährigen wurde eine Schlagader verletzt. Obwohl der Chefarzt Komplikationen bemerkte, ließ er die lebensgefährlich Verletzte erst nach sechs Stunden in eine größere Klinik bringen. Grund für die Verzögerung waren laut Landgericht Regensburg persönliche Differenzen mit einer nahe gelegenen Konkurrenz-Klinik.
Zu später Kaiserschnitt
Die Eltern eines Kindes, das durch einen Kunstfehler behindert zur Welt gekommen ist, erhalten 400.000 Euro Schmerzensgeld. Das sieht ein im Januar 2003 vor dem Landgericht Hannover geschlossener Vergleich vor. Der Junge wurde in der Klinik in Hannover zu spät per Kaiserschnitt geboren. Er ist seither taub, blind, spastisch gelähmt, kann nicht sprechen und muss künstlich ernährt werden.
Vergessenes Operationsbesteck
Ein Chefarzt am Krankenhaus Radolfzell (Baden-Württemberg) vergisst ein Operationsbesteck im Bauch einer Patientin. Das 30 Zentimeter lange Instrument wird erst neun Monate später auf einer Röntgenaufnahme entdeckt. Der Mediziner wird 1999 für seinen Fehler zu einer Geldstrafe von 24.000 Mark (rund 12.300 Euro) verurteilt.