Deutscher Aids-Bericht Zahl der HIV-Neuinfektionen erstmals wieder gesunken

Erstmals seit zehn Jahren ist in Deutschland die Zahl der neu erkannten HIV-Infektionen wieder leicht gefallen. Insgesamt 2889 neue Fälle haben Ärzte 2011 diagnostiziert. Wie viele Menschen derzeit tatsächlich HIV-positiv sind, kann man allerdings nur schätzen.

DPA

Einst kam die Diagnose HIV-positiv einem Todesurteil gleich. Doch immer mehr Menschen leben inzwischen seit vielen Jahren mit HIV, ohne schwere gesundheitliche Probleme. In gut einer Woche wird das Altern der Patienten eines der vielen Themen auf der jährlichen internationalen Aids-Konferenz sein. Pünktlich vor dem Start des Kongresses hat das Robert Koch-Institut (RKI) seinen Jahresbericht "HIV-Infektionen/Aids" veröffentlicht: Demnach stieg seit dem Jahr 2001 die Zahl gemeldeter HIV-Neuinfektionen in Deutschland stetig - nun ist sie erstmals wieder leicht gefallen.

2011 seien 2889 Fälle vermerkt worden, 1,7 Prozent weniger als im Vorjahr, berichtet das RKI. Angesichts der langen Zuwachsphase sei der Rückgang bemerkenswert, heißt es im "Epidemiologischen Bulletin" vom Montag. Zudem erfasste das RKI im vergangenen Jahr 502 Menschen, die neu an der Immunschwächekrankheit Aids als Folge einer HIV-Infektion erkrankt sind.

"Die Zahlen der neu diagnostizierten Infektionen spiegeln aber nicht zwangsläufig das aktuelle Infektionsgeschehen wider", sagt Mitautor Osamah Hamouda. Von der Infektion bis zum Auftreten von Symptomen könnten Jahre vergehen. Ein Rückschluss auf den Infektionszeitpunkt sei nicht möglich, da HIV-Infektion und -Test weit auseinanderliegen könne, heißt es in dem Bericht. Außerdem lasse sich nicht jeder Betroffene testen. Deshalb seien nur Schätzungen über die tatsächliche Zahl der Infektionen möglich. Experten sprechen dann von der Prävalenz, also der Anzahl der zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehenden Infektionen.

Auch bei Schwulen weniger Neuinfektionen

Mit rund 55 Prozent der diagnostizierten Neuinfektionen stellten homosexuelle Männer erneut die größte Gruppe. Bei ihnen sank die Zahl der Neuinfektionen aber deutlich von 1697 im Jahr 2010 auf 1574 in 2011 - ein Minus von sieben Prozent.

Das Institut warnte vor vorschnellen Interpretationen des Rückgangs als Trendwende. Die Entwicklung sei wahrscheinlich in erster Linie mit einer besseren Behandlung von Menschen mit HIV-Diagnose und einer Ausweitung von niedrigschwelligen Testangeboten zu erklären. Mit Medikamenten könne die Ansteckungsgefahr deutlich vermindert werden, die Tests sorgten dafür, dass weniger Infektionen unbemerkt blieben. In den USA war vor kurzem sogar ein HIV-Schnelltest für zu Hause zugelassen worden.

15,7 Prozent der Neudiagnosen wurden dem Bericht zufolge bei Frauen gestellt. Das sind 0,7 Prozent mehr als es 2010 waren. Im Laufe der Jahre hat sich der starke Männeranteil verfestigt: Seit 2003 ist er um fast zehn Prozent gestiegen. So niedrig wie noch nie seit Beginn der gesonderten Erfassung war die Zahl der Drogenkonsumenten. Auf sie entfielen 90 Infektionen, was einem Anteil von drei Prozent entspricht.

In Deutschland wurden bisher insgesamt 28.453 Menschen mit einer Aids-Erkrankung registriert. 14.294 Todesfälle infolge der Erkrankung wurden an das RKI berichtet.

cib/dpa



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kindchen 16.07.2012
1. Trendwende?
Nachdem die Infektionszahlen in den letzten Jahren sehr hoch waren, ist es ganz logisch, daß sie irgendwann wieder zurückgehen. Da HIV sehr eng begrenzte Übertragungswege hat, gibt es nur eine begrenzte Anzahl von Personen, die überhaupt für eine Infektion infrage kommen (Risikogruppen). Je mehr Angehörige einer Risikogruppe bereits infiziert sind, desto weniger bleiben übrig, die noch neu infiziert werden können. Die Zahl der Neuinfektionen geht dann zwangsläufig zurück. Gleichzeitig ist das Risiko einer Infektion für diejenigen, die noch nicht infiziert sind, höher als je zuvor, da die Wahrscheinlichkeit, auf einen bereits infizierten Partner zu stoßen, sehr hoch ist. Eine echte Trendwende oder gar ein Grund zur "Entwarnung" besteht also nicht. Leider nicht. Es gibt genügend HIV-positive Aids-Dissidenten, die seit Jahren nur dank der Kombitherapie überleben aber immer noch glauben, das Virus gebe es nicht und die mittlerweile 20 gezielt gegen HIV entwickelten Medikamente seien bloße Zufallsfunde gewesen und hätten in Wahrheit einen ganz anderen, von der Mainstream-Wissenschaft bislang unerkannten Wirkmechanismus. Selbst die Beobachtung des Krankheitsverlaufs am eigenen Leib, vom nachvollziehbaren Infektionsweg über stetig abfallende Helferzellen, Vollbild Aids (da man ja schulmedizinische Behandlung ablehnt solange es geht) bis zur Rettung durch Intensivmedizin und Kombitherapie in letzter Minute überzeugt diese Menschen nicht. Schlimmstenfalls wird dann nach einem Jahr oder so die Kombi wieder abgesetzt, weil man sich ja gut fühlt und der Zirkus geht von vorne los.
merkel123 16.07.2012
2. Saettigung?
Ich glaube nicht, dass die Zahl der Neuinfektionen deswegen zurueckgegangen ist, weil immer weniger Nichtinfizierte vorhanden sind. Bei einer erwachsenen maennl. Bevoelkerung von ca. 20 Mio. zwischen 18 und 60 J. in D kaeme man auf ca. 1 Mio. Homosexuelle, hiervon etwa 50000 infiziert, der von Ihnen genannte Saettigungseffekt liegt also nicht vor, zumal jedes Jahr gewissermassen neue potentielle Infektionsopfer nachwachsen und das Potential der infektioesen Personen ebenfalls staendig waechst, da ja die Infektion nur noch selten zu einem fruehzeitigen Ableben des Betroffenen fuehrt. Bei der Bewertung eines leichten Rueckganges ist vor allem auch die relativ kleine Grundgesamtheit von weniger als 3000 Personen zu beachten, nur 30 Infekrionen mehr oder weniger machen da schon ein Prozent Verschiebung aus.
kindchen 16.07.2012
3.
Zitat von merkel123Ich glaube nicht, dass die Zahl der Neuinfektionen deswegen zurueckgegangen ist, weil immer weniger Nichtinfizierte vorhanden sind. Bei einer erwachsenen maennl. Bevoelkerung von ca. 20 Mio. zwischen 18 und 60 J. in D kaeme man auf ca. 1 Mio. Homosexuelle, hiervon etwa 50000 infiziert, der von Ihnen genannte Saettigungseffekt liegt also nicht vor, zumal jedes Jahr gewissermassen neue potentielle Infektionsopfer nachwachsen und das Potential der infektioesen Personen ebenfalls staendig waechst, da ja die Infektion nur noch selten zu einem fruehzeitigen Ableben des Betroffenen fuehrt. Bei der Bewertung eines leichten Rueckganges ist vor allem auch die relativ kleine Grundgesamtheit von weniger als 3000 Personen zu beachten, nur 30 Infekrionen mehr oder weniger machen da schon ein Prozent Verschiebung aus.
Risikogruppe im engeren Sinne sind ja nur diejenigen, die sich auf ungeschützten Sex einlassen, und das sind bedeutend weniger. Das größte Risiko haben diejenigen, die sich auf ungeschützten Sex ohne jede Form von "Risikomanagement" (also vorherige Abschätzung des Infektionsrisikos) einlassen, und diese Zahl dürfte relativ gering sein, wenn man sich in der Szene mal so umschaut.
hosenrunter 17.07.2012
4. Risikogruppe
jeder zählt zur Risikogruppe, der Sex mit einem anderen Menschen hat. Wer kann für den anderen ausschliessen, fremd zu gehen - das kann jeder nur für sich allein. Und selbst Kondome können reissen - das habe ich sogar selbst schon erlebt. Wer also Risikogruppen als Parallelgesellschaft wahrnimmt, mit denen er selbst nie in Kontakt kommen kann, macht sich damit zum Ursprung aller Risikogruppen.
Celegorm 17.07.2012
5.
Zitat von hosenrunterjeder zählt zur Risikogruppe, der Sex mit einem anderen Menschen hat. Wer kann für den anderen ausschliessen, fremd zu gehen - das kann jeder nur für sich allein. Und selbst Kondome können reissen - das habe ich sogar selbst schon erlebt. Wer also Risikogruppen als Parallelgesellschaft wahrnimmt, mit denen er selbst nie in Kontakt kommen kann, macht sich damit zum Ursprung aller Risikogruppen.
Natürlich ist Vorsicht anzuraten, v.a. da es noch andere, teils wohl bessere Gründe gibt für Schutzmassnahmen. Nüchtern betrachtet ist Ihre Aussage trotzdem nicht korrekt und letztlich Panikmache. Die Kombination von geringen Übertragungswahrscheinlichkeiten bei "normalen" Praktiken und minimaler Prävalenz ausserhalb der effektiven Risikogruppen ergibt bei den erwähnten Beispielen (bzw. einem Ereignis) ein eigentlich inexistentes Risiko. Da ist die Chance wohl grösser, dabei an einem Herzinfarkt zu sterben oder aus dem Bett zu fallen und sich das Genick zu brechen..
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