Studie: HIV-Medikamente schützen Drogensüchtige vor Infektion

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Pillen statt Spritzentauschprogramme? Erstmals haben Ärzte gezeigt, dass HIV-Medikamente Süchtige, die sich Drogen spritzen, vor einer Ansteckung schützen können. Experten jedoch warnen vor eiligen Rückschlüssen. Die Studie hat Schwächen.

Buddhistische Entzugsanstalt in Thailand: Hohes HIV-Ansteckungsrisiko Zur Großansicht
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Buddhistische Entzugsanstalt in Thailand: Hohes HIV-Ansteckungsrisiko

Der Einsatz von HIV-Medikamenten lohnt sich zunehmend: In den letzten Jahren haben Forscher immer wieder Studien veröffentlicht, die zu dem Schluss kommen, dass sogenannte antiretrovirale Mittel vor einer Ansteckung mit HIV schützen. Mediziner halten sie sogar unter bestimmten Umständen für genauso sicher wie Kondome. Und auch das Risiko einer Übertragung von HIV-positiven Müttern auf ihre Kinder lässt sich mit solchen Medikamenten senken.

Doch wie sieht es bei Rauschgiftsüchtigen aus, die sich Drogen spritzen - und dadurch ein erhöhtes Ansteckungsrisiko haben? Erstmals ist ein Ärzteteam dieser Frage nachgegangen. Die Studie, die Forscher aus Bangkok gemeinsam mit US-Kollegen von den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta (CDC) dazu jetzt im Medizinjournal "The Lancet" präsentieren, kommt dabei zu einem ganz ähnlichen Schluss: HIV-Medikamente schützen nichtinfizierte Drogensüchtige vor einer Ansteckung mit dem HI-Virus.

Es ist eine gute Botschaft, in der die Mediziner großes Potential sehen: Sie schlagen vor, antiretrovirale Mittel als Prophylaxe bei Abhängigen einzusetzen, die sich Drogen spritzen. Weltweit, so die aktuellen Schätzungen, gibt es 15,9 Millionen Menschen, die süchtig nach Drogen sind und sich diese spritzen. Drei Millionen von ihnen sind demnach HIV-positiv. Weitere Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit etwa zehn Prozent aller Neuinfektionen über Spritzen übertragen werden.

Spritzentauschprogramme bewirken bereits viel

Könnten HIV-Medikamente diese Zahl senken? Zahlreiche Spritzentauschprogramme, bei denen die Süchtigen ihre benutzten Spritzen gegen sterile austauschen können, sowie die kostenlose Ausgabe von Spritzen haben bereits dazu geführt, dass die HIV-Übertragungsraten bei Drogenabhängigen in einigen Ländern gesunken sind. Das gilt jedoch nicht für Regionen wie Zentralasien, Osteuropa und dem südlichen Afrika. Dort könnten Prophylaxe-Programme zur Senkung der Infektionsrate möglicherweise beitragen.

Für die "Lancet"-Studie begleitete das Team um Kachit Choopanya aus Bangkok vier Jahre lang insgesamt 2413 Drogenabhängige aus Bangkok. Aufgenommen wurden nur jene Probanden, die innerhalb der letzten zwölf Monate vor Beginn der Studie auch Drogen gespritzt hatten und HIV-negativ waren. Die Teilnehmer wurden per Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt (randomisiert). Eine bekam den antiretroviralen Wirkstoff Tenofovir, der vom Pharmahersteller Gilead Sciences kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Die andere Gruppe bekam ein Scheinmedikament (Placebo). Weder Ärzte noch Probanden wussten, in welcher Gruppe sie waren (doppelblinder Versuch).

Vier Jahre nach Beginn der Studie hatten sich insgesamt 50 Probanden mit HIV infiziert. 17 davon waren in der Tenofovir-Gruppe, 33 waren in der Placebo-Gruppe. Statistisch umgerechnet bedeutet das Ergebnis: Tenofovir senkt das Risiko einer HIV-Infektion um knapp 49 Prozent. Das Resultat ist sogar noch besser, wenn sich die Probanden an eine strikte regelmäßige Einnahme des Medikaments halten - ihr Risiko, sich mit HIV zu infizieren, sank um 74 Prozent.

Unzuverlässiger Gebrauch von Medikamenten

Gleichwohl bestehen noch viele Probleme: Drogensüchtige sind selten zuverlässige Patienten, die darauf achten, Medikamente regelmäßig einzunehmen. Und in diesem Fall bedeutet "regelmäßig" eine Tablette Tenofovir jeden Tag. Zudem ist die Versuchung für manch Süchtigen groß, die Medikamente weiterzuverkaufen, anstatt sie selber zu schlucken, um an Geld für weitere Drogen zu kommen.

Auch das Ärzteteam in Bangkok musste einen Weg finden, um die Probanden dazu zu bringen, die Medikamente regelmäßig zu nehmen: Je zuverlässiger ein Proband war, desto mehr Geld erhielt er monatlich für seine Treue. Gegenüber der "New York Times" sagte Mitchell Warren, Chef einer US-Organisation für Aids-Prävention: "Wir sollten nicht der Illusion unterliegen, dass diese Bedingungen der Realität entsprechen." Die Herausforderung für etwaige künftige Prophylaxe-Programme also bleibt: Wie motiviert man Drogensüchtige, sich an strenge Therapieregeln zu halten?

Unklar ist auch, wie Salim Abdool Karim vom Centre for the Aids Programme of Research in Südafrika in einem Begleitkommentar zur "Lancet"-Studie schreibt, wie die HIV-Übertragung bei den Probanden der Studie erfolgt war. Es sei auch möglich, dass sich die Teilnehmer durch ungeschützten Geschlechtsverkehr angesteckt haben, so Karim. Es ist also ungewiss, welchen Anteil Tenofovir an der Risikoreduktion tatsächlich hat.

Zudem sei der positive Effekt durch Tenofovir nur innerhalb der ersten drei Jahre nach Beginn der Studie zu beobachten gewesen. In dieser Zeitspanne hätten die Teilnehmer jedoch allgemein weniger Drogen gespritzt oder Spritzen mit anderen geteilt. Karims Fazit: Auf keinen Fall sollten antiretrovirale Prophylaxen als Ersatz von Spritzentauschprogrammen in Betracht gezogen werden.

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1. optional
u30 14.06.2013
Lieber Spiegel, vor kurzem gab es einen Artikel darüber, dass in Afrika die Zahl der Neuinfektionen mit HIV wieder steigen. Als ein Grund wurden falsch interpretierte Informationen und Vorsorgeprogramme genannt. Durch reisserische Headlines wie in diesem Artikel, der erst in den letzten beiden Absätzen als Trugschluss entlarvt wird, tragen sie dazu bei, dass auch in Deutschland der Rückschluss gezogen wird, dass Kondome und generelle Vorsicht überflüssig seien. Einen ähnlichen Artikel mit ähnlicher Headline gab es auch im Zusammenhang mit Beschneidung. Bitte hören sie mit dieser verantwortungslosen Art Fehlinformationen zu verbreiten auf und verharmlosen sie HIV nicht. Vielen Dank!
2. Lächerlich.....
tg923 14.06.2013
in den genannten Regionen ist es nichtmal möglich an sterile Spritzen zu kommen....nun soll Abhilfe mit Medikamenten geschaffen werden welche um ein vielfaches teurer sind, das ist mehr als grotesk. Nichtmal infizierte können sich selbige dort leisten. Das einzige Ergebnis wäre vermutlich, dass in anderen Regionen, wo man es sich leisten kann, die Zahl anderer Geschlechtskrankheiten ansteigt.
3. Kurze Recherche...
genervt! 14.06.2013
bei google hat ergeben, daß eine Tablette ca. 14 Euro kostet. Das ist fast so teuer wie der Stoff, den sich die Leute "reinballern". Wer will das dauerhaft denn finanzieren?
4. Das bringt nichts, außer Resistenzen
Chris_7 14.06.2013
Der Einsatz der heute (einigermaßen) wirksamen Medikamente in diesem Bereich bringt nicht viel, außer der Resistenzbildung. Ich durfte selbst mal nach einer Nadelstichverletzung im Rettungsdienst im Rahmen einer Postexpositionsprophylaxe einen Monat lang solche Medikamente schlucken. Mit genau vorgegebenen Zeiten. Glücklicherweise wohl mit Erfolg. Aber wie soll das im Drogenmilleu und in Entwicklungsländern funktionieren? Das Ergebnis einer nicht korrekt durchgeführten Therapie ist aber im Zweifel eine Resistenzenbildung. Und dann wirken diese Medikamente irgend wann in anderen Fällen, z.B. in meinem, nicht mehr. Und ganz ehrlich, da bin ich dann Egoist. Warum sollen wir uns Gedanken machen wie wir bestimmte Seuchen in Gebieten bekämpfen, in denen das nur eines von vielen Problemen ist? Und diese Therapie im Zweifel gar nichts bewirkt? Dafür fangen wir uns dann die Resistenzen ein. So schlimm es klingt. Es gab in der Geschichte der Menschheit immer wieder Einflußfaktoren, die die Weltbevölkerung reduziert haben. Seien es Kriege, Seuchen oder Hungersnöte. Und so böse dieser Gedanke auch ist: Wenn ich mir das Bevölkerungswachstum auf der gesamten Erde und in bestimmten Gebieten davon so anschaue, dann wäre ein solches Korrektiv nur "natürlich".
5. In Thailand
h.laos 14.06.2013
sind HIV Medikamente durch Regierungsprogramme fuer die Betroffenen kostenfrei erhaeltlich. Auch sterile Spritzen sind jederzeit, ueberall leicht erhaeltlich.
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  • Manfred Witt
    Cinthia Briseño ist bergsteigende Biochemikerin, hat in München über Viren promoviert und schreibt über Medizin. Sie leitet das Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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Leben mit HIV
Laut Robert-Koch-Institut lassen sich vor allem Homosexuelle unter 30 Jahren regelmäßig testen. Sind sie positiv, ist die Infektion meist im frühzeitigen Anfangsstadium, die Behandlung kann das Fortschreiten der Erkrankung eindämmen. Heterosexuelle oder Betroffene mit Migrationshintergrund kommen meist, wenn sich die Symptome des geschwächten Immunsystems nicht mehr verleugnen lassen. Bei 15 Prozent der neudiagnostizierten HIV-Patienten sei Aids daher bereits ausgebrochen. Knapp 30.000 HIV-Infizierte sind in Deutschland an Folgen der Erkrankung gestorben, jedes Jahr kommen etwa 500 Todesfälle dazu. Inzwischen haben Betroffene - mit einer Differenz von etwa zehn Jahren - die gleiche Lebenserwartung wie gesunde Menschen. Sie sterben inzwischen häufiger an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung als an der durch einen Pilz verursachten Lungenentzündung, einst klassische Todesursache der Aids-Erkrankten. Jeder vierte HIV-Positive ist inzwischen älter als 50 Jahre.

HIV/Aids
Zahlen und Fakten in Deutschland
- in Deutschland leben etwa 78.000 Menschen mit HIV und Aids
- rund 63.000 HIV-Infizierte und Aids-Kranke sind Männer
- davon sind etwa 51.000 Männer homo- oder bisexuell
- 17.000 Menschen haben sich über heterosexuelle Kontakte infiziert
- im Jahr 2012 gab es etwa 3400 HIV-Neuinfektionen
- die Zahl der Todesfälle wird auf 550 geschätzt
- seit Beginn der Epidemie in den achtziger Jahren gab es etwa 27.000 Todesfälle in Deutschland. Jährlich kommen etwa 500 Todesfälle hinzu.
Quelle: RKI, Stand November 2013
HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase ("Aids Related Complex") treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids ("Acquired Immunodeficiency Syndrome").

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Meistens stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Doch können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Diese verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.
Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut der Wirtszelle des Menschen einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.
Weltweite Verbreitung
Laut dem Aidsprogramm der Vereinten Nationen Unaids sind weltweit schätzungsweise mehr als 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas nach wie vor ein Zentrum der Epidemie.

Bis Ende 2012 erhielten rund 9,7 Millionen HIV-positive Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Therapie - im Vergleich zu drei Millionen Patienten im Jahr 2007 und lediglich 400.000 in 2003.

Quellen: Robert-Koch-Institut (RKI), Unaids
Umgang und Leben mit HIV
Vor allem Homosexuelle unter 30 Jahren lassen sich regelmäßig testen. Sind sie positiv, ist die Infektion meist im frühzeitigen Anfangsstadium, die Behandlung kann das Fortschreiten der Erkrankung eindämmen.

Heterosexuelle oder Betroffene mit Migrationshintergrund kommen meistens erst, wenn sich die Symptome des geschwächten Immunsystems nicht mehr verleugnen lassen.

Bei 15 Prozent der neudiagnostizierten HIV-Patienten ist Aids daher bereits ausgebrochen. Inzwischen haben Betroffene - mit einer Differenz von etwa zehn Jahren - die gleiche Lebenserwartung wie gesunde Menschen. Sie sterben inzwischen häufiger an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung als an der durch einen Pilz verursachten Lungenentzündung, einst klassische Todesursache der Aids-Erkrankten. Jeder vierte HIV-Positive ist inzwischen älter als 50 Jahre.