Tödliche HI-Viren Was aus Aids wurde

In den Achtzigerjahren war die Angst vor Aids allgegenwärtig. HIV-Infizierte wurden stigmatisiert, es gab keine Aussicht auf Heilung. Das bewegende Schicksal eines Basketballstars zeigt, wie die tödliche Seuche ihren Schrecken verlor.

Demonstration von Homosexuellen und Unterstützern in San Diego (Juni 1987)
AP

Demonstration von Homosexuellen und Unterstützern in San Diego (Juni 1987)

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Vor einem Vierteljahrhundert wurde Earvin "Magic" Johnson für todgeweiht erklärt. Heute steht er mitten im Leben. Im Februar hat der frühere Basketball-Superstar das sportliche Kommando bei seinen Los Angeles Lakers übernommen, er will das ins Mittelmaß abgerutschte Team wieder ganz nach oben führen.

Parallel betreibt Johnson Kinos und ein Filmstudio, er ist Mitbesitzer eines Profifußballvereins, tingelt durch Talkshows, und nebenbei engagiert sich der 57-Jährige für die Olympia-Bewerbung von L.A. Wenn es klappt, wird die kalifornische Metropole im Juli und August 2024 die Sommerspiele veranstalten. Und nichts deutet darauf hin, dass Magic Johnson dieses Ereignis nicht erleben wird. Trotz HIV.

Als Magic Johnson am 7. November 1991 in der Pressekonferenz der Lakers bekannt gibt, dass er sich mit dem Aids-Virus infiziert hat, brechen selbst hartgesottene Journalisten in Tränen aus. Ein anderer Reporter fragt den Star, wie viele Wochen er noch habe.

Binnen Kürze geht die Nachricht um die Welt, bei den Aids-Hotlines ist kein Durchkommen mehr, in Tausenden US-Drogeriemärkten sind die Kondome schlagartig ausverkauft. Und im New Yorker Madison Square Garden legen zwei Profibasketballteams zusammen mit ihren 19.000 Zuschauern eine Gedenkminute für Johnson ein. Dabei ist der noch gar nicht tot.

Aids. Diese vier Buchstaben standen einmal für die öffentliche Panik - von Anfang der Achtziger- bis weit in die Neunzigerjahre hinein. Plötzlich schien sie überall zu sein, die rätselhafte Lustseuche: übertragen durch ungeschützten Sex, aber auch durch dreckige Injektionsnadeln oder gar Blutspenden. Epidemiologen prophezeiten, ein Drittel der Weltbevölkerung könne vom HI-Virus dahingerafft werden. Der Mitentdecker des Erregers, der US-Amerikaner Robert Gallo, warnte, Aids könne "das Ende der Menschheit bedeuten".

Rock Hudson, Freddie Mercury, Michael Westphal, Keith Haring - sie alle starben an Aids. Bayern führte auf Bestreben des damaligen Innenstaatssekretärs Peter Gauweiler HIV-Zwangstests für Prostituierte, Fixer und angehende Beamte ein. Der junge CSU-Politiker Horst Seehofer wollte Aidskranke sogar in "speziellen Heimen" sammeln lassen.

Basketballer Magic Johnson
AP

Basketballer Magic Johnson

Die damalige Gesundheitsministerin Rita Süssmuth ließ sich symbolhaft unter einer Schutzhülle fotografieren, für den SPIEGEL. Und dieser heizte mit Fragen wie "Droht eine Pest? Wird Aids wie ein apokalyptischer Reiter auf schwarzem Roß über die Menschheit kommen?" sowie manchen umstrittenen Titelbildern die Panik weiter an. Homosexuelle wurden stigmatisiert, auch im SPIEGEL.

Das Drama um Johnson war der Höhepunkt der globalen Aids-Hysterie. Und zugleich der Wendepunkt. Denn "Magic" entsprach so gar nicht den gängigen Klischees über die Infizierten. Er war nicht schwul, er hatte sich das Virus auch nicht beim Heroinspritzen eingefangen. Sondern beim ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer Frau.

Spiegel-Cover aus dem Jahr 1983
DER SPIEGEL

Spiegel-Cover aus dem Jahr 1983

"Es kann jedem passieren: auch mir, Magic Johnson", sagt der Basketballer. Und nutzt fortan fast jedes Mikrofon, das ihm hingehalten wird , um aufzuklären über das HI-Virus und die Immunschwäche-Krankheit. "Ich habe HIV, aber ich habe kein Aids", sagt er wieder und wieder. Bis heute ist die Krankheit nie bei ihm ausgebrochen.

"Aus Aids ist HIV geworden"

Moderne Medikamente halten die HI-Viren in Schach. Bei Magic Johnson. Und auch bei fast allen anderen Menschen, die ihre Infektion rechtzeitig bemerkt haben und regelmäßig ihre Tabletten einnehmen. Dass Wissenschaft und Pharmaindustrie so rasante Fortschritte gemacht haben, lag auch an der Angst: Denn sie sorgte dafür, dass den Forschern viel Geld zur Verfügung stand.

"Aus Aids ist HIV geworden", sagt Silke Klumb, die Geschäftsführerin der Deutschen Aidshilfe: "Eine behandelbare Erkrankung, mit der man ein gutes, langes Leben führen kann, wenn man Zugang zu HIV-Medikamenten hat." Hierzulande haben diesen Zugang fast alle Menschen, die von ihrer Erkrankung wissen und krankenversichert sind. Auch Asylbewerber haben Anspruch auf die Behandlung.

Diese sogenannten antiretroviralen Medikamente können Aids nicht heilen. Sie verhindern aber die Ausbreitung des Virus im Körper. Man könne dann sogar ungeschützten Geschlechtsverkehr haben, sagt Klumb, ohne seinen Partner oder die Partnerin anzustecken. Dennoch würden Infizierte im Alltag immer wieder diskriminiert. "Selbst Zahnärzte oder andere Mediziner gehen manchmal nicht richtig mit ihnen um: aus Angst oder weil sie nicht gut informiert sind", sagt Klumb. Dies führe dazu, dass manche Infizierte ihre Krankheit verheimlichten.

In Deutschland ist Aids keine Massenseuche - auch dank Aufklärungskampagnen wie "Gib Aids keine Chance". Rund 85.000 Menschen tragen hierzulande das Virus laut dem Robert Koch-Institut in sich, gut 3000 kommen jährlich hinzu. Knapp 500 HIV-Infizierte sterben pro Jahr - oft weil sie die Krankheit zu spät entdecken und ihr Immunsystem schon stark angeschlagen ist. Jeder einzelne Fall ist traurig, aber verglichen mit den 120.000 jährlichen Tabaktoten in Deutschland ist die Zahl überschaubar.

Pressekonferenz von Magic Johnson 1991
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Pressekonferenz von Magic Johnson 1991

Weltweit sieht es viel schlimmer aus: 36,7 Millionen HIV-Infizierte weist die Aidsorganisation der Vereinten Nationen (Unaids) aus. Allein in Afrika südlich der Sahara sind fast 25 Millionen Menschen infiziert. Gerade in Ländern wie Südafrika, Swasiland oder Mozambique ist die Seuche weit verbreitet - und da wiederum ganz besonders bei jungen Frauen aus sozial schwachen Familien.

Immerhin steigen die Zahlen dank Aufklärung und Behandlung nicht mehr so stark. Weltweit wissen nur 60 Prozent aller Virusträger überhaupt von ihrer Infektion. Nur jeder zweite kriegt die richtigen Medikamente. Und so starben 2015 noch immer 1,1 Millionen Menschen an Aids. Macht einen vermeidbaren Toten alle 30 Sekunden.

Regierungen fahren Engagement gegen Aids zurück

90-90-90 lautet das kurzfristige Ziel von Unaids: Bis 2020 sollen weltweit 90 Prozent der Betroffenen von ihrer HIV-Infektion wissen. Von ihnen sollen dann 90 Prozent mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden. Und bei 90 Prozent soll die Therapie so gut eingestellt sein, dass keine HI-Viren mehr nachweisbar sind. Bis 2030 soll AIDS dann ganz besiegt sein, lautet der Plan.

Doch das große Ziel gerate nun in Gefahr, warnt UNAIDS-Chef Michel Sidibé. Denn viele Regierungen fahren angesichts akuter Probleme wie Terror oder Flüchtlingswellen ihr Engagement im Kampf gegen Aids zurück. "Ich habe Angst", sagte der Mann aus Mali bei der Welt-Aidskonferenz im vergangenen Sommer: "Wenn wir jetzt nachlassen, werden wir es sicher später bereuen." In Staaten wie Russland oder den Philippinen, wo Drogensüchtige und Homosexuelle diskriminiert und teils in die Illegalität getrieben werden, steigt die Zahl der HIV-Infizierten schon wieder massiv an.

Noch immer lässt sich Aids nicht endgültig heilen. Das könnte sich ändern. Denn deutsche Wissenschaftler um Joachim Hauber vom Hamburger Heinrich-Pette-Institut und Frank Buchholz von der TU Dresden haben eine Methode entwickelt, welche auch die Viren in der menschlichen DNA direkt angreift. Diese schneiden sie mit einer Art Gen-Schere gezielt aus dem Erbgut heraus. Zumindest in Experimenten mit Zellen und Mäusen hat diese Therapie funktioniert.

Doch die nächste Stufe der Entwicklung, eine klinische Studie mit Tests an Menschen, haben die Forscher noch nicht starten können: aus Geldmangel.

"Für diesen Schritt benötigen wir mindestens zwölf Millionen Euro, und zurzeit fehlen uns noch etwa drei Millionen", sagt Hauber. "Viele Kapitalinvestoren in Westeuropa wollen mit HIV lieber nichts zu tun haben; für manche Kreise ist das noch immer eine Krankheit von Schwulen und Drogenabhängigen." Und warum sollte die Pharmaindustrie diesem Projekt Millionen bereitstellen, wo sie doch an den Medikamenten prächtig verdient?

Magic Johnson führt dank dieser Arzneimittel ein erfülltes Leben. Er hat Aids den Kampf erklärt, hat Hunderttausende dazu bewogen, sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen, und er hat selbst viel dazu gelernt. Nichts zeigt dies so gut wie sein Umgang mit seinem Sohn Earvin Junior, mit dem seine Frau beim Outing von 1991 schwanger war.

"EJ" ist offen homosexuell und präsentiert sich den Kameras gerne in Netzstrümpfen und High Heels. Für den "Magic" der Achtzigerjahre wäre so ein Filius wohl eine Schande gewesen. Der moderne "Magic" hingegen sagt: "Als mein Sohn sein Coming-out hatte, war ich so glücklich für ihn und für uns als Eltern. Wir lieben ihn. 'EJ' ist wundervoll."

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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