World Aids Conference Das Ende von HIV wird vertagt

Fast eine Million Menschen sterben jährlich an Aids, nahezu zwei Millionen stecken sich mit HIV an. Dabei gibt es Medikamente, die vor dem Ausbruch der Krankheit schützen - und vor der Übertragung der Viren.

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In Amsterdam trafen sich vergangene Woche 16.000 Menschen auf der World Aids Conference. Neben Tausenden Wissenschaftlern, Ärzten und Aktivisten traten auch Prominente wie Elton John, Prince Harry und Bill Clinton auf.

Wer nicht da war: ein amtierendes Staatsoberhaupt. Und kaum ein Gesundheitsminister war angereist, auch Jens Spahn nahm an der wichtigen Konferenz nicht teil.

Soviel zum politischen Stellenwert des Themas Aids.

Pro Jahr stecken sich fast zwei Millionen Menschen an

Es gibt immer noch keine Impfung, es gibt keine Heilung. Fast 40 Jahre nach Beginn der Epidemie, nach fast 40 Millionen Toten, bringt das Virus immer noch fast eine Million Menschen im Jahr um. Knapp zwei Millionen stecken sich neu an. Das HIV- und Aids-Programm der Vereinten Nationen hatte Ende 2014 das Ziel festgesetzt, die Epidemie bis 2030 zu beenden. In Amsterdam erklärte Konferenzleiterin Linda-Gail Bekker, dass diese Marke kaum zu halten sei.

Dabei müsste niemand mehr an den Folgen von HIV sterben. Mit antiretroviralen Medikamenten können HIV-Positive heute mit einer normalen Lebenserwartung rechnen. Ihre Viruslast wird dabei so effektiv unterdrückt, dass sie niemanden anstecken können. Das ist keine Vermutung mehr, sondern wissenschaftlich belegt.

Für HIV-Negative existiert neben dem Kondom mittlerweile die Möglichkeit, sich mit einer Pille vor HIV zu schützen, der sogenannten Prä-Expositionsprophylaxe(PrEP).

Dass gerade Spahn auf der Konferenz fehlte, enttäuscht besonders - denn er hatte kurz vorher einen Gesetzentwurf vorgelegt, laut dem die Krankenkassen in Deutschland in Zukunft die Kosten für diese HIV-vorbeugenden Medikamente übernehmen sollen. Ein revolutionärer Schritt, gerade für einen konservativen Politiker.

An dieser Stelle halte man sich allerdings vor Augen, dass es seit Jahren zugelassene Medikamente gibt, die erwiesenermaßen einer tödlichen und unheilbaren Krankheit vorbeugen - und trotzdem nicht von den deutschen Kassen übernommen werden. Auch nicht, wenn man zu einer besonders gefährdeten Gruppe gehört. Man müsse ja keinen Sex ohne Kondom haben, argumentieren die Kassen.

"Schlichte Denkweise"

Christoph Weber, Infektiologe am Berliner Auguste-Viktoria-Klinikum, hält solche Argumente für eine eher "schlichte Denkweise". Es gehe darum, alle Mittel zur Bekämpfung der Epidemie bereitzustellen, egal welche - ob Aufklärungskampagnen, Kondome, Schnell-HIV-Tests oder eben vorbeugende Medikamente. "In Deutschland liegen mehr als 50 Prozent der Neuinfektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben - und wer besonders gefährdet ist, braucht besonderen Schutz."

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Betroffene erzählen: Weiblich, jung, HIV-positiv

Die Wirksamkeit von PrEP ist mittlerweile unumstritten. Die meisten Krankenkassen in den USA übernehmen die Kosten mindestens teilweise, in Frankreich ist die Behandlung für Risikogruppen kostenlos. Dies ist seit einigen Jahren auch im Raum London so, im Rahmen einer Modellstudie. Dort konnten die Neuinfektionen um über 30 Prozent gesenkt werden. "Das ist uns ohne die PrEP in den letzten zehn Jahren nie gelungen", sagt Weber.

Besondere Sorge macht den Experten im Moment die Lage in Osteuropa. Während vielerorts die Rate der Neuinfektionen sinkt, ist sie dort in den vergangenen Jahren teilweise über 30 Prozent gestiegen. In Russland gab es einen Anstieg von zuletzt zwölf Prozent, trotz Anti-HIV-Kampagne des Gesundheitsministeriums.

Allerdings gelten dort auch noch offiziell "Liebe und Treue" als effektivste Mittel in der HIV-Bekämpfung. Die Verteilung von Kondomen stößt auf Widerstand der Kirchen. An PrEP wird öffentlich nicht einmal gedacht. Drogennutzer, laut mehreren Studien in Russland mit 53 Prozent der Infizierten die am stärksten betroffene Gruppe, werden kaum angesprochen. Schwule Männer tauchen als Risikogruppe fast überhaupt nicht auf. Als gäbe es sie dort gar nicht.

Hilfe kommt nicht immer bei denen an, die sie brauchen

Im Afrika, südlich der Sahara, wo etwa 70 Prozent aller weltweit Infizierten leben, gibt es mittlerweile Grund für vorsichtigen Optimismus. Aufklärungskampagnen und die Versorgung mit antiretroviralen Medikamenten konnten die Ansteckungsraten senken. Vor allem Namibia und Südafrika vermeldeten zuletzt Erfolge.

Was nicht heißt, dass die Hilfe auch bei denen ankommt, die sie brauchen. "Aids ist politisch", sagt etwa Solange Baptiste, Chefin des Aktivisten-Netzwerks ITPC (International Treatment Preparedness Coalition). "Wohin das Geld geht, entscheiden Politiker - aber Regierungen haben nicht zwingend das Wohl derer im Sinn, die am verwundbarsten sind."

Sie plädiert für eine grundlegende Änderung des Systems, in dem zukünftig diejenigen über Gelder entscheiden, die das Problem auch betrifft - "und das sind nicht die Mächtigen, sondern Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, Drogenabhängige, Schwule, Migranten, Transfrauen". Die würden aber in den meisten Regionen der Welt nicht besonders geschützt, sondern unterdrückt.

So sieht es auch Weber. Man höre immer, dass es das Virus zu bekämpfen gelte, nicht die Menschen. "Aber als politische Haltung hat sich das noch nicht durchgesetzt."

Auch in Deutschland gibt es weiterhin Defizite. Gefängnisinsassen etwa wird oft der Zugang zu Medikamenten und sauberen Spritzen verweigert. Menschen, die nicht krankenversichert sind, werden nicht ausreichend versorgt. "Wer hier nicht in der Kasse ist, wird zurückgelassen. Damit lässt uns die Politik alleine", sagt Weber.

HIV-Checkpoint in Berlin

Der Arzt Christoph Weber wird in Berlin-Neukölln ab Herbst einen HIV-Checkpoint leiten, in dem niedergelassene Ärzte und soziale Träger ein umfassendes Angebot an HIV-Tests und -Beratung anbieten, unabhängig von Einkommen und Versichertenstatus. 500 bis 700 Menschen mit besonders geringen finanziellen Mitteln und hohem Infektionsrisiko sollen dort auch kostenlos mit PrEP versorgt werden.

Am 1. September stellt er das Projekt im Rahmen des Berliner Kongresses "HIV im Fokus" im Roten Rathaus vor. Nur für den Fall, dass sich der Gesundheitsminister den Termin diesmal vormerken möchte.

Video: HIV positiv - Mein Leben mit dem Virus

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