Aids USA empfiehlt HIV-Medikamente für fast 500.000 Gesunde

Tausende Menschen in den USA infizieren sich jährlich neu mit HIV - immer weniger nutzen Kondome. Die US-Gesundheitsbehörden versuchen jetzt, das Problem mit einem drastischen Schritt in den Griff zu bekommen.

Pille gegen Aids: Truvada ist als einziges HIV-Medikament in den USA zur Vorbeugung zugelassen
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Pille gegen Aids: Truvada ist als einziges HIV-Medikament in den USA zur Vorbeugung zugelassen

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Hamburg - Geht es nach den US-Gesundheitsbehörden, soll in Zukunft fast eine halbe Million Menschen HIV-Medikamente schlucken, obwohl sie noch nicht mit dem Virus infiziert sind. Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) hoffen so, die Zahl der neuen HIV-Infektionen in den USA senken zu können.

Seit rund zehn Jahren sei die Anzahl der Menschen, die sich in den USA jährlich mit dem HI-Virus neu infizieren, unverändert hoch, schreibt die "New York Times". Hinzu komme, dass trotz Aufklärungskampagnen immer weniger Personen Kondome nutzten. Die Präservative bilden das einfachste Mittel, sich vor einer HIV-Infektion und gleichzeitig auch vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zu schützen.

Abgesehen davon können jedoch auch HIV-Medikamente eine Ansteckung mit dem Virus verhindern, indem sie den Aids-Erreger nach einem Kontakt im Körper eliminieren. Die USA hatten bereits im Sommer 2012 die Nutzung des Medikaments Truvada für eine solche sogenannten Prä-Expositionsprophylaxe (Prep) zugelassen, bei der Gesunde vorbeugend behandelt werden. Die neuen klinischen Richtlinien sollen nun die Umsetzung vorantreiben.

500.000 statt 10.000 Truvada-Nutzer

Die Empfehlungen richten sich an Angehörige verschiedener Gruppen mit einem erhöhten Infektionsrisiko. Im Detail befürwortet die CDC die vorbeugende Einnahme bei:

  • Homosexuellen oder bisexuellen Männern, die sich nicht in einer festen Partnerschaft mit einem negativ getesteten Partner befinden und die Sex ohne Kondome haben oder bei denen innerhalb der vergangenen sechs Monate eine sexuell ansteckende Krankheit diagnostiziert wurde.
  • Männern oder Frauen, die mit einem HIV-positiven Partner zusammenleben.
  • Heterosexuellen Männern und Frauen, die nicht regelmäßig Kondome nutzen und Geschlechtsverkehr mit Personen haben, die sich zum Beispiel Drogen spritzen.
  • Menschen, die sich innerhalb der letzten sechs Monate Drogen gespritzt haben und in diesem Zeitraum das Drogenbesteck geteilt haben oder sich in einer Behandlung wegen der Sucht befinden.

Folgten alle Angesprochenen den offiziellen Richtlinien, würde sich in den USA die Zahl jener, die Truvada einnehmen, verfünfzigfachen, schreibt die "New York Times". Bisher schlucken 10.000 Menschen die Pillen, nach den neuen Empfehlungen wären es 500.000. Die Kosten der Behandlung von 13.000 US-Dollar pro Jahr (rund 9500 Euro) übernehmen laut "New York Times" die meisten Krankenversicherungen.

Wirkung nur bei täglicher Einnahme

Truvada ist auch in Deutschland zugelassen, allerdings in erster Linie zur Behandlung bei einer bestehenden Infektion. Die Prä-Expositionsprophylaxe wird hierzulande nicht praktiziert - abgesehen von einer eventuellen Off-Label-Nutzung, bei der Mediziner das Medikament auf eigenes Risiko und auf Privatrezept verschreiben. Noch ist auch umstritten, wie erfolgsversprechend sie wirklich ist. Zwar kamen verschiedene Studien zum Schluss, dass antiretrovirale Medikamente, zu denen auch Truvada gehört, das Risiko einer Infektion deutlich senken können - allerdings nur, wenn die Pillen Tag für Tag eingenommen werden.

An diesem Punkt hapert es häufig, auch das zeigen die Untersuchungen. Viele Patienten schaffen es nicht, täglich an die Einnahme zu denken. Bei einer Studie mit Drogeninfizierten etwa senkte die vorbeugende Einnahme der Medikamente das Risiko einer Infektion im Schnitt um knapp 49 Prozent. Betrachteten die Forscher jedoch nur die Werte der Studienteilnehmer, die sich an die regelmäßige Einnahme des Medikaments hielten, reduzierte sich die Infektionsgefahr deutlich stärker um 74 Prozent.

Abgesehen davon sprechen noch drei weitere Punkte gegen die Präexpositionprophylaxe: Die Gefahr, dass sich durch den weit verbreiteten Einsatz mehr Resistenzen bilden. Die Gefahr der Nebenwirkungen, zu denen oft Appetitlosigkeit, selten aber auch Leber- und Nierenschäden zählen. Und die Gefahr, dass die Einnahme der Medikamente das Risikoverhalten weiter erhöht.

Skeptiker befürchten, dass sich die Menschen durch die Prophylaxe zu sicher fühlen und durch waghalsiges Verhalten ihr Ansteckungsrisiko insgesamt sogar steigen könnte. Auch könnte die Behandlung dazu führen, dass noch mehr Menschen auf Kondome verzichten und somit auch auf den Schutz vor weiteren sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis. Die kommenden Jahre in den USA werden zeigen, welche Bedenken sich bewahrheiten.

Abgesehen davon sollte die Präexpositionprophylaxe, bei der die Medikamente rein vorsorglich eingenommen werden, nicht verwechselt werden mit der unumstrittenen Postexpositionsprophylaxe, die auch bei Patienten in Deutschland angewendet wird. Bei ihr erhalten Menschen, die bereits mit dem Hi-Virus in Kontakt gekommen sind, möglichst schnell Medikamente. Die Notfallmaßnahme soll eine Infektion im Ernstfall noch abwenden.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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ditor 15.05.2014
1. Falsche Klientel
Es mag zwar ein interessanter Ansatz zu sein, allerdings dürfte sich der Schwerpunkt in der Abwägung der Vor- und Nachteile deutlich zu den Nachteilen bewegen. Die Zielgruppe ist nun mal überduchschnittlich undiszipliniert und unzuverlässig, die Skeptiker dürften Recht behalten.
Mel Owniko 15.05.2014
2. Gleichbleibende Neu-Infektierung seit 10 Jahren bei weniger Kondomen...
------------------------------------------------------------------------ "Seit rund zehn Jahren sei die Anzahl der Menschen, die sich in den USA jährlich mit dem HI-Virus neu infizieren, unverändert hoch, schreibt die "New York Times". Hinzu komme, dass trotz Aufklärungskampagnen immer weniger Personen Kondome nutzten. Die Präservative bilden das einfachste Mittel, sich vor einer HIV-Infektion und gleichzeitig auch vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zu schützen." ------------------------------------------------------------------------ Diesert Satzaufbau vermittelt den falschen Eindruck (absichtlich?) daß die Neu Infektionsrate steigt weil immer weniger Kondome benützt werden und der (schweine teure) Impfstoff dagegen helfe. Liest man Gegenteil genau sagt er aber das Gegenteil aus. Denn wenn seit 10 Jahren die AIDS Neu-Infektionsrate "unverändert hoch" - also unverändert gleich - geblieben ist obwohl immer weniger Leute Kondome benützen dann sagt das statistisch aus daß nicht nicht Benützung von Kondomen dabei entweder keine Rolle spielen... oder, falls doch, die Neu Infizierungsrate sogar sank. Wie dem auch immer sei... gestiegen ist die Neu-Infektionsrate aufjedenfall nicht.
marty97 15.05.2014
3. Wer empfiehlt?
Zitat von sysopAPTausende Menschen in den USA infizieren sich jährlich neu mit HIV - immer weniger nutzen Kondome. Die US-Gesundheitsbehörden versuchen jetzt, das Problem mit einem drastischen Schritt in den Griff zu bekommen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/aids-usa-empfiehlt-hiv-medikament-truvada-als-schutz-statt-kondome-a-969535.html
10.0000*13.000$/a = 130 Mio. $/a gegen 500.000*13.000$/a = 6,5 Mrd. $/a Da will/wird sich jemand eine goldene Nase verdienen... Wenn sich natürlich die Infektionsrate nicht nach unten verändert, weil dann nach offizieller "Erklärung" "sich die Menschen durch die Prophylaxe zu sicher fühlen und durch waghalsiges Verhalten ihr Ansteckungsrisiko insgesamt sogar steigen könnte", müssen halt *alle *US Amerikaner zwangsmedikamentiert werden; und *alle*, in in die USA einreisen (wollen)... Was für ein Geschäft! Wie heißt der Hersteller? Ich werde wohl gleich ein paar Aktion kaufen...
@de 15.05.2014
4. Aids
Bis heute gibt es keinen Test mit 100% Wahrscheinlichkeit, vlt mal so einen entwickeln.
Airkraft 15.05.2014
5. Survival of the fittest ;-)
Da lässt die Pharmaindustie auch schön grüssen :-(
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