Welt-Aids-Konferenz 2012 "Wir können Aids kontrollieren"

Jahrelang durften HIV-Infizierte nicht in die USA einreisen, jetzt findet erstmals seit langem die Welt-Aids-Konferenz in Washington statt. Die Immunschwäche wird zur behandelbaren chronischen Krankheit. Doch die Medikamente sind teuer, so dass Aids die Geißel der Armen bleibt.

AFP

Zum Auftakt der Welt-Aids-Konferenz herrscht Zuversicht: Unter dem Motto "Gemeinsam das Blatt wenden" sind 25.000 Teilnehmer am Sonntag in Washington in das sechstägige Treffen gestartet. "Wir können Aids jetzt als etwas betrachten, das wir wirklich kontrollieren können", sagte Weltbank-Präsident Jim Yong Kim bei der offiziellen Eröffnungsfeier am Sonntagabend. "Ich verspreche, dass die Weltbank unermüdlich im Kampf gegen Aids mitarbeiten wird, bis wir gewonnen haben." Der Arzt Kim ist der erste amtierende Weltbank-Präsident, der bei einer Aids-Konferenz aufgetreten ist.

Anstelle von US-Präsident Barack Obama sprach dessen Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius. Obama hatte seine Teilnahme im Vorfeld des Treffens abgesagt und dafür scharfe Kritik von Aids-Aktivisten geerntet. "Wir haben große Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch viel zu tun. Lasst es uns gemeinsam anpacken", sagte er in einer kurzen Videobotschaft, die auf der Website des Weißen Hauses veröffentlicht wurde. Anders als zunächst angekündigt, wurde das Video aber nicht auf der Eröffnungsfeier gezeigt.

Uno Generalsekretär Ban Ki Moon erinnerte in einer Videobotschaft bei der Zeremonie an die vom HIV/Aids-Programm der Vereinten Nationen (UNAIDS) angepeilten Ziele: Bis 2015 sollen HIV-Neuinfektionen halbiert, 15 Millionen Infizierte behandelt und keine Babys mehr mit HIV geboren werden. "Wenn wir uns jetzt neu fokussieren, unsere Anstrengungen auffrischen und die Investitionen erhöhen, dann können wir das schaffen", sagte Ban. Zuvor hatte die Hollywood-Schauspielerin Sharon Stone die iranischen Brüder, Aids-Forscher und Menschenrechtsaktivisten Arash und Kamiar Alaei mit dem neugeschaffenen Elizabeth-Taylor-Preis der Stiftung für Aids-Forschung (amfAR) ausgezeichnet.

Durch Medikamente quasi nicht mehr ansteckend

Themen der Konferenz werden vor allem die Finanzierung der Behandlung und Vorbeugung von HIV sowie neue Ergebnisse der Forschung sein. Besonders auf den Gebieten der Impfung und Prävention sind den Experten zufolge in jüngster Zeit große Fortschritte erzielt worden. So können moderne HIV-Medikamente heutzutage die Viruslast im Körper soweit senken, dass HIV-Positive quasi nicht mehr ansteckend sind. Doch die Medikamente haben einen entscheidenden Nachteil: Sie sind teuer, so dass sich die Krankheit zunehmend zu einer Geißel der Armen und Ausgegrenzten entwickelt hat.

Sorgen bereiten zudem die zunehmende Resistenz gegen HIV-Medikamente und steigende Infektionszahlen in Zentralasien, Osteuropa, dem Mittleren Osten und Nordafrika. Als Reaktion hatte Uno-Generalsekretär Ban in der vergangenen Woche den ehemaligen Direktor des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, Michel Kazatchkine, als HIV/Aids-Sondergesandten für Osteuropa und Zentralasien eingesetzt.

Auch die Euro-Krise beunruhigt die Experten. Sie fürchten, dass Länder, in denen die Wirtschaft kriselt, ihre finanziellen Versprechen nicht einhalten könnten. "Ich mache mir Sorgen um die Zukunft der globalen Solidarität", sagte UNAIDS-Leiter Michel Sidibé bei der Eröffnungszeremonie. Es fehlten jährlich rund sieben Milliarden Dollar (rund 5,8 Milliarden Euro) im Kampf gegen HIV. "Diese Finanzierungslücke kostet Menschenleben. Dies ist keine Zeit für Isolationismus - es ist eine Zeit für Zusammenhalt", so Sidibé weiter.

"Wir dürfen nicht nachlassen", sagte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), der am Nachmittag den deutschen Pavillon auf dem Ausstellungsgelände der Konferenz eröffnete. "2700 Neuinfektionen in Deutschland und 2,7 Millionen weltweit sind einfach zu viele, und deswegen muss man die Öffentlichkeitsarbeit weiterhin so intensiv betreiben, wie wir es tun." Rund tausend Menschen, darunter auch der Musiker Wyclef Jean, demonstrierten am Sonntag im Washingtoner Regierungsviertel für eine anhaltende Unterstützung von Regierungen und Geldgebern im Kampf gegen Aids.

Es ist die erste Aids-Konferenz in den USA seit mehr als 20 Jahren, weil erst vor zwei Jahren ein seit 1987 bestehendes Einreiseverbot für HIV-Infizierte aufgehoben worden war. Experten kritisieren, dass immer noch Beschränkungen für Prostituierte und Drogensüchtige bestehen und auch viele weitere Länder immer noch Einreisebeschränkungen und -verbote aufrecht erhalten. "Jeder Mensch sollte das Recht haben, sich frei zu bewegen", sagte Paul de Lay von UNAIDS. "Diese Restriktionen sind diskriminierend." UNAIDS-Direktor Sidibé zufolge hob Südkorea seine Einreisebeschränkungen für HIV-Infizierte am Sonntag auf.

cib/dpa/ddp

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