Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Recht auf Unversehrtheit: Verbände fordern Operationsverbot intersexueller Kinder

Von

Mädchen oder Junge? In manchen Fällen ist die Antwort nicht eindeutig. Zur Großansicht
Corbis

Mädchen oder Junge? In manchen Fällen ist die Antwort nicht eindeutig.

Männlich oder weiblich? Nicht immer ist die Antwort eindeutig. Künftig muss das Geschlecht von intersexuellen Babys in der Geburtsurkunde nicht erfasst werden. Aktivisten fordern: Geschlechts-OPs dürfen frühestens in der Pubertät stattfinden.

Für die meisten werdenden Eltern ist es ein spannender Moment, wenn sie in der Frauenarztpraxis auf das Ultraschallbild blicken: Wird es ein Junge oder ein Mädchen? Doch manchmal ist die Antwort nicht klar - auch nach der Geburt nicht. Etwa eines von 4500 Babys wird mit uneindeutigem Geschlecht geboren.

Mediziner sprechen dann von einem intersexuellen Menschen. Bei ihnen weichen die inneren Geschlechtsorgane oft von den äußeren ab, oder vom chromosomalen Geschlecht. Ein Mensch mit männlichen XY-Chromosomen etwa kann äußerlich eine Frau sein. Ein anderer mit dem weiblichen Chromosomensatz XX kann eher als Mann erscheinen. Es gibt Misch- und Zwischenformen von Hoden und Eierstöcken, Klitoris und Penis.

Vom ersten November an soll das beim Eintrag ins Geburtenregister berücksichtigt werden: Anstatt ihr intersexuelles Kind der Kategorie männlich oder weiblich zuzuordnen, können Eltern den Punkt nun offen lassen.

"Ein Schritt in die richtige Richtung" sagt Lucie Veith, Vorsitzende des Bundesverband Intersexuelle Menschen. Obwohl sie auch Nachteile fürchtet, etwa, dass Kinder dadurch in der Schule "zwangsgeoutet" und diskriminiert werden könnten. Zudem fordern die Intersexuellen-Vereine noch etwas anderes: Sie wollen verbieten lassen, Kinder weiter auf ein Geschlecht hin zu operieren, das Eltern und Ärzte für sie bestimmen. Medizinisch sei das so gut wie nie nötig, sagt Veith. "Das Recht auf körperliche Unversehrtheit wird damit verletzt." Aktivisten von Zwischengeschlecht.org sprechen sogar von "verstümmelnden kosmetische Genitaloperationen an Kindern", die man dringend stoppen müsse.

Unnötige Eingriffe stoppen

Viele der heute erwachsenen Intersexuellen haben als Kind schmerzhafte und traumatische Behandlungen erlebt. Und immer noch sind umstrittene Eingriffe üblich. So wird Kindern, um sie zum Mädchen zu machen, eine Vaginalplastik angelegt - eine chirurgisch erzeugte Scheide. Damit diese nicht wieder zuwächst, müssen regelmäßig Fremdkörper eingeführt werden, bougieren lautet der Fachbegriff dafür.

"Ich habe von vielen gehört, die das wie einen regelmäßigen sexuellen Übergriff erlebten", sagt Veith. Die so Operierten sollen vaginalen Geschlechtsverkehr mit einem Mann haben können. Ob sie aber überhaupt einem Geschlecht angepasst werden wollen und wenn ja welchem, sollten Betroffene selbst entscheiden, sagt Veith - wenn sie die sexuelle Reife haben. "Medizinisch nicht notwendige Eingriffe vor dem 16. Lebensjahr gehören verboten."

"Mit dem Bestreben eindeutige Körper zu produzieren, wird dem Kind unter Umständen etwas übergestülpt, was es nicht möchte", sagt auch Sexualwissenschaftlerin Hertha Richter-Appelt vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Allerdings seien nicht alle Menschen, die als Kind operiert wurden, später unglücklich. Ein operiertes Kind könne den Eltern später vorwerfen "Warum habt ihr bloß?", ein nicht operiertes "Warum habt ihr bloß nicht?".

"Wenn es darum geht, eindeutig festzustellen, was wirklich besser für die Kinder ist, müssen wir ehrlich sein und sagen: Wir wissen es oft nicht genau", sagt Richter-Appelt. Sie empfiehlt, bis zur Pubertät mit geschlechtszuweisenden Eingriffen abzuwarten.

Neue Richtlinien sind notwendig

Susanne Krege operiert im Krankenhaus Maria-Hilf in Krefeld intersexuell geborene Kinder, am häufigsten genetische Mädchen mit dem Adrenogenitalen Syndrom (AGS). Bei dieser Stoffwechselstörung entsteht schon während der embryonalen Entwicklung ein Überschuss an männlichen Geschlechtshormonen. Viele AGS-Mädchen werden deshalb mit einer vergrößerten Klitoris geboren, die an einen kleinen Penis erinnern kann. In der Regel wird diese operativ verkleinert, der Eingriff kann die sexuelle Empfindsamkeit reduzieren.

Bei den modernen Operationsmethoden sei das aber selten, sagt Krege. Sie führt den Eingriff nur dann noch bei Babys durch, wenn Eltern stark darauf drängen. Meist rät sie abzuwarten, wie sich ein Kind entwickelt. Die Vaginalplastik bietet sie an, wenn Mädchen reif genug erscheinen, um das Bougieren selbst durchzuführen. Vielen intersexuellen Kindern wurden früher in der Körperhöhle liegende Hoden entfernt, was eine lebenslange Hormonersatztherapie erforderlich macht. Auch damit warte man nun eher ab, sagt Krege, es sei denn, die Krebsgefahr sei dadurch sehr stark erhöht.

Die Intersexuellen-Verbände sagen: Es wird noch immer zu viel und zu früh operiert. Krege hingegen glaubt: "Die Ärzte, die sich intensiver mit der Problematik befasst haben, tun das heute nicht mehr." Neue Richtlinien sollen demnächst erarbeitet werden.

Für Lucie Veith geht es nicht nur darum wann, sondern auch ob die Operationen tatsächlich nötig sind. "Auch als Intersexueller kann man nämlich ein glücklicher Mensch sein."

INTERSEXUALITÄT
Der Deutsche Ethikrat definiert den Begriff in einfachen Worten: Intersexuelle sind demnach "Menschen, die sich aufgrund von körperlichen Besonderheiten des Geschlechts nicht eindeutig als männlich oder weiblich einordnen lassen".

Man darf sich dabei auch kein eindeutig beschreibbares "Zwischengeschlecht" vorstellen. Zwischen männlich und weiblich gibt es ein Feld der Varianz mit hochgradig unterschiedlichen Ausprägungen. Es gibt genetische Variationen zum üblichen XX- oder XY-Muster, von denen selbst die Betroffenen mitunter nichts erfahren.

Es gibt scheinbar eindeutige Sexualitäten, die hormonell induziert in Fluss geraten. Es gibt Kombinationen geschlechtlicher Merkmale, die sichtbar sind und solche, für die das nicht gilt. Selten gibt es sogar Fälle, in denen nicht alle Zellen eines menschlichen Körpers das gleiche Geschlecht haben. Man kann Intersexualität also als Sammelbegriff verstehen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Sehr wichtige Entscheidung
o-alina 31.10.2013
Endlich Schluss mit Verstümmelungen, nur um auf der Geburtsurkunde ein Häkchen bei männlich oder weiblich setzen zu können. Der Vermerk zur Transsexualität unten ist aber leider falsch. Wissenschaftliche Erkenntnisse, allen voran Hirnstudien, zeigen, dass Transsexualität ebenfalls körperlich definiert ist und der alte Begriff Geschlechtsidentitätsstörung abgeschafft gehört, was hoffentlich der nächste Schritt sein wird.
2. Pubertät
großonkel 31.10.2013
Ach und in der Pubertät weiß Kind dann, wie es sich entscheiden soll? Im Strudel der Hormone (oder eben der Nicht-Hormone...je nach medizinischer Ausprägung) weiß doch ein halbwüchsiger Mensch erst recht nciht, wohin mit sich. Wenn dann doch lieber gleich bis zur Volljährigkeit warten oder bis zum Abschluss der Reifephase. Aber gerade bei einem so lebensentscheidenden Thema sollte man sich lieber ganz von einer generellen Regelung fernhalten!
3. optional
ky3 31.10.2013
Die Menschheit glaubt im Puncto Geschlecht immer noch es gäbe entweder nur Mann oder nur Frau. Mann stelle sich vor Religion und Gesellschaft würden einem seit Jahrtausenden einreden es gäbe nur schwarze oder blonde Haare, alle rot- und braunhaarigen würden sich schämen, sich ausgegrenzt fühlen und müssten von Kindheit an die Haare färben. Die Menschheit mal wieder, mit ihren spinnerten Ideen.
4. Was ein Schwachsinn!
diesereinenick 31.10.2013
Zitat von sysopCorbisMännlich oder weiblich? Nicht immer ist die Antwort eindeutig. Künftig muss das Geschlecht von intersexuellen Babys in der Geburtsurkunde nicht erfasst werden. Aktivisten fordern: Geschlechts-OPs dürfen frühestens in der Pubertät stattfinden. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/aktivisten-fordern-operationsverbot-intersexueller-kinder-a-930978.html
Auf der einen Seite wird an völlig gesunden Kindern aus niederen religiösen Gründen völlig legal am Geschlechtsteil rumgeschnippelt, auf der anderen Seite fordern geistig verwirrte, krankhafte Fehlbildungen bei Neugeborenen nicht zu korrigieren und stoßen dabei auch noch auf Verständnis. Was für eine moralisch und geistig degenerierte Gesellschaft wir doch geworden sind.
5. Bravo
karlkaefer 31.10.2013
Zitat von diesereinenickAuf der einen Seite wird an völlig gesunden Kindern aus niederen religiösen Gründen völlig legal am Geschlechtsteil rumgeschnippelt, auf der anderen Seite fordern geistig verwirrte, krankhafte Fehlbildungen bei Neugeborenen nicht zu korrigieren und stoßen dabei auch noch auf Verständnis. Was für eine moralisch und geistig degenerierte Gesellschaft wir doch geworden sind.
Gratuliere. Sie haben es auf den Punkt gebracht. Mich würde mal die Meinung der Leute zum Thema Zirkumzision interessieren. Da wurde das Recht auf körperliche Unversehrtheit ja ausser Kraft gesetzt. Dafür gibt es jetzt ein Recht auf Missbildungen. Bravo!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Autorin
  • Irene Habich
    Irene Habich studierte Tiermedizin und Journalistik. Sie arbeitet als freie Wissenschaftjournalistin in Berlin und Hamburg.

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel:


Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: