Von Heike Le Ker
Als das Mädchen in die Notfallaufnahme des Inselspitals in Bern kommt, krümmt es sich vor Schmerzen. Der rechte Unterbauch tut weh, seit einigen Stunden erst, aber der Schmerz nimmt so stark zu, dass die 13-Jährige schnelle Hilfe will. Fieber hat sie nicht, auch das Wasserlassen tut ihr nicht weh, was für eine Blasenentzündung hätte sprechen können. Das sexuell noch nicht aktive Mädchen hat seit neun Monaten regelmäßig ihre Periode, die letzte Regelblutung hat vor drei Tagen eingesetzt. Allerdings klagt sie über Menstruationsbeschwerden.
Bei der Untersuchung bemerken die Ärzte eine typische Abwehrspannung: Der rechte Unterbauch ist fest, auf Berührungen reagiert die Patientin mit sofortiger Anspannung der Muskeln. Dieser Reflex ist zwar unspezifisch, kann aber auf eine Blinddarmentzündung hinweisen. Die gynäkologische Untersuchung zeigt keine Auffälligkeiten, es besteht ein leichter Blutfluss, und das Jungfernhäutchen ist intakt. Auch alle Blut- und Urinwerte sind normal - bei einer Blinddarmentzündung sind normalerweise die Entzündungswerte erhöht.
Die Beschwerden sind außer bei einer Blinddarmentzündung auch typisch für eine sogenannte Ovartorsion. Dabei dreht sich ein Eierleiter um sich selbst und behindert die eigene und die Durchblutung des Eierstocks. Im Ultraschall können die Gynäkologen zwar eine auffällige Struktur im rechten Unterbauch erkennen. Ob es sich dabei aber um einen verdrehten Eierstock, eine Fehlbildung in der Gebärmutter oder eine Blutansammlung handelt, können sie mit dem Ultraschallgerät nicht unterscheiden.
Hohlraum ohne Verbindung nach außen
Die Ärzte befinden sich in einem Dilemma: Sollte es sich tatsächlich um eine Eierstock-Torsion handeln, ist das Mädchen ein absoluter Notfall. Einen vaginalen Ultraschall wollen sie aber nicht durchführen, weil das Mädchen noch Jungfrau ist und bei dem Eingriff das Hymen mit dem Ultraschallkopf zerstört werden würde.
Die Mediziner, die den Fall ihrer Patientin im "Journal of Medical Case Reports" beschreiben, entscheiden sich daher zu einem stufenweisen Vorgehen: Sie bringen ihre junge Patientin in den OP und führen unter Anästhesie eine sogenannte Vaginoskopie durch, bei der sie mit einem schmalen Instrument, das das Hymen nicht beschädigt, den Gebärmutterhals betrachten können. Sie finden keine Auffälligkeiten. Auch die anschließende Bauchspiegelung liefert kein klares Ergebnis, der Eierstock ist auf der rechten Seite so mit der Bauchwand verklebt, dass die Chirurgen keine eindeutige Diagnose stellen können.
Weil in der Klinik offenbar nicht durchgehend ein Kernspintomograf zur Verfügung steht, der die anatomischen Strukturen des Mädchen genauer hätte darstellen können, bleibt den Medizinern nur noch eine Option. Sie müssen die 13-Jährige operieren. Dabei finden die Chirurgen endlich die Ursache für die Beschwerden. Die Patientin hat eine Fehlbildung in ihrer Gebärmutter. Statt einer Höhle gibt es bei ihr zwei Hohlräume - in einem der beiden hat sich so viel Blut gesammelt, dass es dem Mädchen Schmerzen bereitet hat.
Gefahr für eine Schwangerschaft
Während der Operation entfernen die Chirurgen das Blut aus der Gebärmutterhöhle, um die akute Schmerzursache zu beheben. Dann lassen sie eine Kernspinaufnahme vom Unterleib des Mädchens machen. Darauf erkennen sie, dass nur eine der beiden Gebärmutterhöhlen Verbindung zum Gebärmutterhals hat. Dadurch hat sich im Lauf der Menstruationsblutungen in der blind endenden Höhle sehr viel Flüssigkeit gesammelt. Gleichzeitig hatte das Mädchen aber - abgesehen von den Schmerzen - normale Menstruationszyklen, weil die andere Gebärmutterhöhle mit dem Gebärmutterhals und der Vagina verbunden ist.
Eine Woche später konstruieren die Gynäkologen in einer zweiten Operation die Verbindung zwischen der rechten Gebärmutter und der Vagina. Das Mädchen erholt sich gut und berichtet sechs Monate nach dem Eingriff, dass ihre Menstruationsbeschwerden nun behoben seien.
Die in der Fachsprache Uterus bicornis genannte Fehlbildung der Gebärmutter ist selten. Frauen, die davon betroffen sind, haben ein höheres Risiko für Früh- und Fehlgeburten: Laut den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe liegt der Anteil ausgetragener Schwangerschaften bei einem Uterus bicornis nur zwischen 30 und 50 Prozent, "47 Prozent der Schwangerschaften enden als Frühaborte". Operative und rekonstruktive Eingriffe verbessern diese Raten aber deutlich, wobei eine Schwangerschaft dann häufig mit einem Kaiserschnitt beendet werden muss.
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