Moderater Alkoholkonsum Die Mär vom gesunden Gläschen

Eine geringe Menge Alkohol jeden Tag schützt das Herz und verlängert das Leben - so heißt es immer wieder. Eine Studie schürt jetzt große Zweifel daran. Ist die Theorie nur das Ergebnis von Fehlern in der Statistik?

Ein guter Rotwein: Schmackhaft, aber auf keinen Fall ein Lebenselixier
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Ein guter Rotwein: Schmackhaft, aber auf keinen Fall ein Lebenselixier

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Ein schwindendes Gedächtnis, eine kaputte Leber, Probleme im Alltag - die negativen Folgen von zu viel Alkohol sind unumstritten. Fast 200 akute und chronische Beschwerden verbinden Mediziner mit der beliebten Volksdroge. Genusstrinker dagegen wähnen sich in Sicherheit: Wer ab und zu ein Gläschen hebt, lebt länger, heißt es schließlich immer wieder in Studien.

"Sag ich's doch", denkt sich dann der Liebhaber des abendlichen Glas Rotweins und wappnet sich für das nächste Gespräch mit Kritikern. Eine aktuelle Analyse könnte allerdings auch dieser letzten gesundheitlichen Legitimation des Trinkens ein Ende bereiten: Die häufig beschriebene Gesundheitswirkung des Alkohols sei wahrscheinlich nur das Ergebnis von Fehlern in der Statistik, berichten jetzt Forscher im "British Medical Journal".

34 Studien, ein Ergebnis: Moderate Trinker leben länger

Um diese These zu untermauern, analysierten die Wissenschaftler um Craig Knott vom University College London (UCL) die Daten von mehr als 18.000 älteren Engländern. Fast zehn Jahre lang gaben die Teilnehmer jedes Jahr Auskunft über ihr Trinkverhalten, erklärten, was, wieviel und wie häufig sie tranken. Mehr als 4000 von ihnen starben innerhalb dieses Zeitraums.

Als Knott und seine Kollegen die Todesfälle mit dem Trinkverhalten abglichen, kamen sie zu einem ernüchternden Ergebnis: Ob moderater Trinker oder Nichttrinker - der Alkoholkonsum machte keinen nennenswerten Unterschied. Im Schnitt starben in beiden Gruppen gleich viele Menschen. Nur bei Frauen ab einem Alter von 65 Jahren dokumentierten die Forscher einen geringen, aber positiven Effekt des moderaten Trinkens auf die Sterblichkeit. Dieser sei jedoch statistisch zweifelhaft, schreiben sie.

Auf den ersten Blick mag das Fazit der Studie wenig überraschen. Gleichwohl widerspricht es sich mit früheren Untersuchungen, die moderaten Alkoholkonsumenten immer wieder ein längeres Leben zuschreiben als Nichttrinkern. 2006 beispielsweise fassten italienische Forscher die Ergebnisse von 34 Studien zu dem Thema zusammen. Ihr Fazit: Männer leben am längsten, wenn sie im Durchschnitt täglich ein bis zwei Drinks genießen. Bei Frauen errechneten die Forscher das geringste Sterberisiko bei 0,1 bis 0,9 Drinks pro Tag.

Wie kann es sein, dass sich die Studien derart unterscheiden?

Die Forscher der aktuellen Analyse dagegen halten wenig von der Idee, dass Alkohol das Leben verlängern könnte. Sie gehen vielmehr davon aus, dass statt einer tatsächlichen Wirkung statistische Unsauberkeiten in den früheren Studien den Alkohol zum Heilsbringer erhoben haben.

Dafür machen sie vor allem zwei methodische Fehler verantwortlich: Ein Hauptproblem sei gewesen, dass bei den Nichttrinkern bisher unbeachtet blieb, aus welchem Grund sie auf Alkohol verzichteten. Demnach rutschten dadurch viele trockene Alkoholiker in die Gruppe der Nichttrinker, die aufgrund der Spätfolgen eine geringere Lebenserwartung hatten. Die gesundheitliche Grundverfassung der Nichttrinker war also häufig schon schlechter als die der moderaten Trinker, schreiben Knott und Kollegen.

Auch in der aktuellen Analyse schrumpften Unterschiede in der Sterblichkeit zwischen den moderaten Trinkern und den Nichttrinkern, als die Forscher trockene Alkoholiker aus den Daten herausrechneten.

Zu gut, um wahr zu sein

Hinzu kommt ein weiteres methodisches Problem, welches alle Studien miteinander teilen - auch die aktuelle Analyse: Keine kann mit Sicherheit belegen, dass wirklich der Alkohol für die beobachteten Effekte verantwortlich ist. Genauso gut könnte es etwa sein, dass sich moderate Alkoholtrinker gesünder ernähren als Nichttrinker und deshalb in ihrer Gruppe weniger Todesfälle auftraten.

Um derartige Verzerrungen auszuschließen, müssen Forscher den Einfluss anderer Faktoren auf das Sterberisiko herausrechnen. Dies sei in vielen Studien zu wenig passiert, bemängeln die Londoner Forscher. Zum Teil würden nur Alter und Rauchverhalten der Probanden berücksichtigt, zum Teil lediglich Übergewicht und Rauchverhalten.

Auch bei der jetzigen Analyse schien der Alkohol erst einmal vor einem frühzeitigen Tod zu schützen. Diese Effekte schwanden jedoch, als die Forscher den Einfluss einer langen Liste an Faktoren herausrechneten, darunter neben Alter und Geschlecht auch die kulturelle Herkunft, Bildung, Beschäftigungsverhältnis, Familienstand, Rauchverhalten sowie Übergewicht.

Knott und seine Kollegen stehen mit ihren Zweifeln nicht allein da. Vor Kurzem habe eine Studie gezeigt, dass es sich selbst für moderate Trinker in Hinblick auf ihre Herz-Kreislauf-Gesundheit auszahlen könne, die Alkoholmengen zu reduzieren, schreibt Mike Daube von der australischen Curtin University im Editorial des "British Medical Journal". Sein Fazit: "Es ist in der Gesundheit wie überall. Wenn etwas zu gut scheint, um wahr zu sein, sollte man es mit Vorsicht behandeln".

Wie viel Alkohol ist zu viel?
Fünf Fragen an den Suchtexperten Michael Musalek, Ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts in Wien, einer der größten Suchtkliniken Europas.

  • Es heißt immer, Alkohol tötet Gehirnzellen. Wieviel muss man trinken, um das zu bemerken?
    Letztlich gehen bei jedem Rausch Nervenzellen kaputt. Offenbar sind aber so viele davon überschüssig, dass ihr Verschwinden erst mal nicht auffällt. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Blut-Hirn-Schranke, die das Gehirn teilweise vom Alkohol abschirmen kann - aber nur, solange sie intakt ist.

  • Und wann ist das nicht mehr der Fall?
    Die Funktion der Blut-Hirn-Schranke verändert sich durch den Alkohol. Zunächst wird sie enger und lässt geringere Mengen des Nervengifts ins Gehirn. Der Betroffene kann dann mehr trinken, ohne sich betrunken zu fühlen. Das Gefährliche dabei: Die Leber leidet trotzdem. Später bricht die Blut-Hirn-Schranke dann völlig zusammen, sodass sich messbare Schäden im Gehirn bemerkbar machen, etwa Erinnerungsverlust. Leider lässt sich nicht vorhersagen, nach wie viel Alkohol das geschieht.

  • Wann wird die Leber geschädigt?
    Als Faustregel für Frauen gilt: Wer an mindestens vier Tagen die Woche jeweils 0,5 Liter Bier, einen Viertelliter Wein oder drei Schnaps à zwei Zentilitern trinkt, läuft Gefahr, die Leber zu überfordern und provoziert eine Leberzirrhose. Die Leber von Männern kommt ungefähr mit der zwei- bis dreifachen Menge Alkohol klar, bevor das Erkrankungsrisiko merklich steigt. Bei einer Leberzirrhose werden die Zellen des Entgiftungsorgans unwiderruflich durch Narbengewebe ersetzt, bis das Organ nicht mehr funktioniert.

  • Warum trinken Menschen überhaupt Alkohol?
    Entscheidend ist, dass der Stoff einfach verfügbar ist und das Trinken toleriert wird. Zu Zeiten meiner Großmutter etwa wären Frauen unter der Woche nie auf die Idee gekommen, einen Tropfen anzurühren. Heute ist Trinken am Abend unter der Woche bei beiden Geschlechtern anerkannt. Das macht sich auch in den Suchtzahlen bemerkbar, die Frauen holen auf.

Wann wird Alkohol zur Sucht?
Problematisch wird es, wenn es keine alkoholfreien Tage mehr gibt. Oft dient der Stoff dann auch nicht mehr als Genussmittel, sondern als Medikament, etwa um die Familie zu ertragen oder den Alltag bewältigen zu können. Wenn ich morgens erst mal einen Schluck Alkohol brauche, um in die Gänge zu kommen, läuft sicher etwas falsch.

Hinweis: Weitere Informationen zu den Risiken des Alkoholkonsums bietet die Kampagne "Alkohol? Kenn dein Limit" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
uksubs 11.02.2015
1. soweit ich weiss,
kommt es auf den alkohol an. beim rotwein soll man darauf achten, dass der wein im holzfass gelagert war, erst dann ist ein moderates glas am tag von nutzen. und insofern mir hier nicht heute noch jemand das gegenteil beweisen wird, werde ich mich auch heute abend und weiterhin daran halten ;-)
Thunder79 11.02.2015
2.
Es ist so wie es ist: ein Glas Wein am Tag ist nicht gesund, macht aber Spaß und die Argumente mit den lebensverlängerenden Statistiken sind nur scheinheilige Ausreden.
tubolix 11.02.2015
3. also ...
zusammenfassend kann man sagen: ob mit oder ohne alkohol - man muß irgendwann mal den planeten verlassen. das positive an diesen studien ist, daß die macher derselben damit ihren unterhalt verdienen und dem staat nicht auf der tasche liegen.
Flying Rain 11.02.2015
4. Hm
Es können auch regionale Unterschiede hinzukommen, eventuell tut es einem Italiener besser als einem Finnen wenn er täglich ein Gläschen trinkt....und das trockene Alkohiliger in die Nichttrinker-Gruppen fallen ist schlampige Arbeit...
Kometenhafte_Knalltüte 11.02.2015
5. Gesellschaftliches Akzeptanzproblem
"...Demnach rutschten dadurch viele trockene Alkoholiker in die Gruppe der Nichttrinker..." Wahrscheinlich auch deshalb, weil man sonst die Gruppe der Nichttrinker garnicht voll bekommen hätte um sie mit der Gruppe der Trinker zu vergleichen. Es ist und bleibt immer noch ein gesellschaftliches Problem, das man als "richtiger" (nicht trockener) Nichttrinker von Alkohol auf JEDER Veranstaltung bzw bei jedem Anlaß mit ungläubigen Blicken angeschaut wird: "Wie, du drinkst nicht? Nicht mal ein kleines Schlückchen? Ach komm, nur zum Anstoßen! .... mmh" Es wird einfach nicht akzeptiert. Und viele halten dieser gesellschaftlichen Ausgrenzung nicht stand und zwingen ihn sich dann doch hinein. Und solange die mehrheitliche Denke so ist, wird es auch keine ausreichenden Probanden für die Gruppe der Nichttrinker geben, um verlässliche Statistiken zu erheben. ;-)
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