Alkoholkonsum Warum Frauen so viel wie Männer trinken

Vor allem Männer haben sich beim Thema Alkohol häufiger nicht im Griff - so hieß es immer. Doch heikles Trinkverhalten betrifft immer mehr Frauen.

Frauen beim Konsum von Hochprozentigem
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Frauen beim Konsum von Hochprozentigem


Problematischer Alkoholkonsum gehört zu den Hauptrisiken für die Gesundheit. Und er ist in Zeiten von Massenbesäufnissen bei jungen Menschen zumindest auf den Partymeilen weltweit schon fast ein gesellschaftliches Problem. Doch die Langzeitfolgen von Alkoholkonsum können dramatisch sein: Im Jahr 2010 sind schätzungsweise fünf Millionen Menschen an den Folgen von Alkoholkonsum gestorben. Lange Zeit habe das weitaus mehr Männer betroffen als Frauen. Doch inzwischen wandelt sich das Bild immer mehr - es häufen sich Hinweise darauf, dass die Kluft zwischen den Geschlechtern kleiner wird.

Frauen trinken inzwischen im internationalen Vergleich ähnlich viel Alkohol wie Männer. Insbesondere nach dem Geburtsjahrgang 1966 glich sich der Alkoholkonsum der Geschlechter einander an. Das berichten Forscher nach der Analyse von fast 70 Studien im Fachblatt "BMJ Open".

Dafür hatten das Team um Tim Slade von der australischen University of New South Wales in Randwick internationale Studien zum Alkoholkonsum von Männern und Frauen ausgewertet.

Letztlich wählten sie 68 Arbeiten mit insgesamt über 4,4 Millionen Teilnehmern aus, die zwischen 1980 und 2014 veröffentlicht wurden. Mehr als 75 Prozent der Studien stammten aus Europa und Nordamerika, manche deckten Zeiträume über mehrere Jahrzehnte ab.

Wie viel Alkohol ist okay?
    Als gesundheitlich unbedenklich gilt eine Grenze von 12 Gramm Alkohol pro Tag, bei Männern sind es 24 Gramm. Das bedeutet, eine Frau sollte maximal 0,25 Liter Bier oder 0,1 Liter Wein am Tag trinken, ein Mann maximal 0,5 Liter Bier oder 0,2 Liter Wein. Zudem sollten Frauen und Männer an mindestens zwei Tagen in der Woche keinen Alkohol zu sich nehmen.

Die Analyse zeigt, dass bei jener Generation, die zwischen 1891 und 1910 geboren wurde, die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt Alkohol getrunken wurde, bei Männern gut doppelt so hoch (Faktor 2,2) war wie bei Frauen. Bei den Menschen, die zwischen 1991 und 2000 zur Welt kamen, war der Gebrauch solcher Getränke annähernd identisch: Der Konsum war bei Männern nur noch um den Faktor 1,1 weiter verbreitet als bei Frauen.

Besonders näherten sich die Geschlechter seit dem Geburtsjahrgang 1966 an. Insgesamt, so kalkulieren die Forscher, sank beim Alkoholgebrauch die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern im gesamten Untersuchungszeitraum alle fünf Jahre um 4,2 Prozent.

Ähnliches gilt für problematischen Alkoholkonsum: Der war demnach bei Männern im frühen 20. Jahrhundert drei Mal häufiger als bei Frauen, am Ende des Jahrhunderts aber nur noch 1,3 Mal. Bei durch Alkohol bedingten Gesundheitsproblemen verringerte sich die Kluft zwischen Männern und Frauen vom Faktor 3,6 auf den Faktor 1,3.

Die Studie untersuchte allerdings nur den Alkoholgebrauch von Frauen im Verhältnis zu Männern, nicht aber die absolut konsumierte Menge. Somit ist unklar, ob die Angleichung auf einen steigenden Konsum bei Frauen, auf einen fallenden Konsum bei Männern oder auf beides zurückgeht. Allerdings deuten die meisten Studien nach Darstellung der Autoren darauf hin, dass Frauen heutzutage mehr Alkohol konsumieren als früher. Manche der ausgewerteten Untersuchungen kamen sogar zu dem Schluss, dass nach 1981 geborene Frauen mehr trinken als gleichaltrige Männer.

Alkoholkonsum bei Frauen mit höherem Einkommen verbreitet

"Alkoholgebrauch und problematischer Alkoholgebrauch galten historisch als Phänomen bei Männern", schreibt das Team. "Die aktuelle Studie stellt diese Vermutung infrage und legt nahe, dass konzertierte Bemühungen, den Einfluss von Substanzen und den mit ihnen verbundenen Gefahren zu verringern, insbesondere auf junge Frauen abzielen sollten", schreibt das Team.

"Die Resultate der Forscher kann ich für Deutschland nur bestätigen", sagt Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm. "Wir beobachten schon länger, dass sich der Alkoholkonsum von Männern und Frauen samt der damit verbundenen Probleme immer mehr annähert." Dies hänge vor allem mit der gesellschaftlichen Entwicklung zusammen - im Vergleich zu früher stünden Frauen eher im Erwerbsleben, hätten eher eigenes Geld und seien selbstbewusster. Auffällig sei, dass Alkoholkonsum in Deutschland bei Frauen mit höherem Einkommen besonders weit verbreitet sei.

Zudem bringen auch die Getränkehersteller immer mehr Produkte auf den Markt, die Frauen ansprechen. Geschickte Marketingkampagnen und süßere Drinks sorgen für ein breiteres Angebot in diesem Segment.

Sebastian Müller vom Zentrum für Alkoholforschung (CAR) der Uniklinik Heidelberg findet das Resultat grundsätzlich plausibel. Allerdings gelte dies eher für moderaten Alkoholkonsum. Im Vergleich zu Männern seien Frauen in Deutschland noch immer häufiger Abstinenzlerinnen und auch deutlich seltener starke Trinkerinnen.

Der vor einem Jahr vom Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlichte Bundesgesundheits-Survey kam zu dem Schluss, dass riskanter Alkoholkonsum in Deutschland bei Frauen mit rund 13 Prozent ähnlich weit verbreitet ist wie bei Männern mit knapp 16 Prozent.

BBC-Dokumentation

Von Walter Willems, dpa/joe

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insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
held_der_arbeit88 25.10.2016
1. Willkommen im Erwerbsleben
...anders steht man (oder Frau) ne 60 Stunden Woche einfach nicht durch. Immerhin kann man das Feierabendbier jetzt gemeinsam trinken ;)
Spiegelwahr 25.10.2016
2. Warum Frauen so viel wie Männer trinken
Weil sie es können. Wahrscheinlich wird es auch nur sichtbar und es war schon immer so.
skeptiker81 25.10.2016
3.
Weil es "cool" ist sich zu besaufen? Ich werde auf jeden Fall immer müde belächelt, wenn ich sage, dass ich nichts trinke...
EinMensch 25.10.2016
4. Gesellschaftliche Annäherung von Mann und Frau
Meiner Meinung nach ist der gestiegene Alkoholkonsum bei Frau ein Resultat der Angleichung der Geschlechterrollen. Frauen in meinem Umfeld (zwischen 20-26 Jahren) verhalten sich immer mehr wie gleichaltrige Männer. Das sieht man vor allem im Ausleben ihrer Sexualität. Viele Frauen gehen, genau so wie ihre gleichaltrigen männlichen Mitmenschen, auf Partys, betrinken sich dort und wollen am Ende mit einem hübschen Mann nach Hause gehen. Sie wollen vor allem Spaß haben und dafür ist Alkohol ein exzellenter Katalysator.
zeisig 25.10.2016
5. Gleiches Recht für alle!
Jetzt muß ich doch auch einmal die Antidiskriminierungs und Gleichberechtigungskeule auspacken. Also, ich stelle die Frage: Warum sollen Frauen nicht genauso viel trinken dürfen wie Männer? Vorbei sind die Zeiten, als die Frau nur als Chauffeur gut war, nüchtern geblieben, um den Mann, der halt mal wieder ein Gläschen zu viel hatte, nach Hause zu fahren. Wir haben es hier mit einem Nachzüglereffekt der Emanzipation zu tun. Die Frauen trauen sich was und trinken halt auch mal einen.
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