Alkohol Wie starkes Trinken das Demenzrisiko erhöht

Alkohol ist ein Nervengift. Jetzt zeigt eine Studie, dass starkes Trinken ein großer Risikofaktor für Demenz ist - vor allem für die früh einsetzende Form der Krankheit.

imago/ blickwinkel


Starker Alkoholkonsum wird als Risikofaktor für Demenz deutlich unterschätzt: Eine französische Studie kommt zu dem Schluss, dass regelmäßiger Alkoholmissbrauch das Risiko für alle Demenzformen bei Männern wie Frauen etwa verdreifacht.

Noch größer sei die Gefahr für einen frühen Demenzbeginn vor dem Alter von 65 Jahren, schreibt das Team um Michaël Schwarzinger vom Translational Health Economics Network in Paris. Hier sei Alkohol an mehr als der Hälfte der Erkrankungen (57 Prozent) beteiligt. Damit sei Alkohol eine der Hauptursachen bei früh einsetzender Demenz, sagt auch der deutsche Experte Timo Grimmer von der Technischen Universität München, der nicht an der Studie beteiligt war.

Demenz - ein starker Abbau etwa des Gedächtnisses und der Denkfähigkeit - betrifft weltweit etwa sechs Prozent aller Menschen ab 60 Jahren. Es gibt verschiedene Varianten, von denen die Alzheimer-Krankheit mit Abstand am häufigsten ist. Darauf folgt die vaskuläre Demenz, die durch Durchblutungsstörungen des Gehirns entsteht.

Bislang untersuchten Studien vor allem die Auswirkungen von geringem Alkoholkonsum auf die Demenz. Meist wurde dem Alkohol dabei sogar eine leichte Senkung des Risikos bescheinigt. Allerdings war die Qualität dieser Studien oft fraglich. Das Team um Schwarzinger prüfte nun die Folgen von starkem Alkoholverzehr.

Starkes Trinken: Ab 1,5 Litern Bier pro Tag

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert starkes Trinken bei Männern als täglichen Konsum von mehr als 60 Gramm reinen Alkohol, was etwa 1,5 Litern Bier oder knapp 0,7 Litern Wein entspricht. Bei Frauen beginnt starkes Trinken demnach bei mehr als 40 Gramm reinem Alkohol pro Tag. Diese Menge steckt etwa in rund einem Liter Bier oder etwas weniger als einem halben Liter Wein.

Als Basis für ihre Studie dienten den Forschern Datenbanken mit Angaben zu allen Entlassungen aus französischen Krankenhäusern zwischen 2008 und 2013. Unter den Patienten waren rund 1,1 Millionen Menschen, bei denen eine Demenz diagnostiziert worden war. Bei 3 Prozent von ihnen ging die Demenz den Auswertungen zufolge auf direkte alkoholbedingte Hirnschäden zurück, bei weiteren knapp 5 Prozent der Betroffenen bescheinigten die Daten einen schädlichen Alkoholkonsum.

Noch deutlicher war der Zusammenhang bei den Demenzpatienten, bei denen die Krankheit vor dem Alter von 65 Jahren einsetzte - das war bei rund jedem zwanzigsten der Erkrankten der Fall. In dieser Gruppe hatten knapp 39 Prozent alkoholbedingte Hirnschäden, bei weiteren 18 Prozent belegten die Daten schädlichen Alkoholgebrauch, wie das Forscherteam im Fachblatt "The Lancet Public Health" berichtet.

Der Analyse zufolge steigerte starkes Trinken das Risiko für alle Demenzformen um den Faktor 3. Damit sei Alkohol der größte beeinflussbare Risikofaktor für die Erkrankung, folgert das Team. Dies gehe vermutlich nicht nur darauf zurück, dass Alkohol den Nerven schadet. Daneben sei Alkoholmissbrauch auch ein starker Risikofaktor für andere Gefahren für das Gehirn - unter anderem Epilepsie, Bluthochdruck oder Kopfverletzungen.

Deutsche trinken wie Franzosen

Die Daten sind vor allem für Frankreich repräsentativ. Laut Schätzung der WHO trinken Deutsche aber ähnlich viel Alkohol wie die in der Studie untersuchten Franzosen: Demnach konsumieren Menschen ab 15 Jahren in Frankreich pro Jahr im Mittel 11,7 Liter reinen Alkohol, in Deutschland sind es 11,4 Liter.

Die Folgen von Alkohol für das Demenzrisiko seien viel gravierender als bislang bekannt, betont das Team: "Störungen im Alkoholkonsum sollten als wichtiger Risikofaktor für alle Formen von Demenz anerkannt werden." Als Gegenmaßnahmen empfehlen die Autoren unter anderem höhere Steuern und ein Werbeverbot, dies sei aber bei Regierungen nicht sehr beliebt. Außerdem sollten Ärzte bei ihren Patienten stärker auf Alkoholmissbrauch achten.

"Eine Steigerung des Demenzrisikos um den Faktor 3 ist sehr viel", sagt auch Demenz-Experte Grimmer von der TU München. "Wenn man ein Erkrankungsrisiko durch sein Verhalten auf ein Drittel senken kann, ist das schon sehr interessant."

Allerdings kann die Studie nur einen statistischen Zusammenhang zwischen dem Alkohol und den Demenzfällen nachweisen. Einen Beleg dafür, dass der Alkohol auch wirklich die Demenz ausgelöst hat, liefert sie - wie alle Untersuchungen dieser Art - nicht. Um die Gefahr für statistische Verzerrungen möglichst gering zu halten, rechneten die Forscher jedoch den Einfluss weiterer Demenz-Risikofaktoren wie etwa des Alters heraus.

Wie viel Alkohol darf sein?

Die Grenzen für einen risikoarmen Konsum liegen bei Frauen bei bis zu 12 Gramm reinem Alkohol pro Tag, das entspricht etwa einem Glas Wein (0,125 Liter) oder einem kleinen Bier. Bei Männern liegt die Grenze bei der doppelten Menge, also 24 Gramm, schreibt unter anderem die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Außerdem sollte jeder an mindestens zwei Tagen pro Woche gar keinen Alkohol trinken.

Doku: Der Kampf gegen das Vergessen - Diagnose Demenz

irb/dpa



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spon-facebook-10000012354 22.02.2018
1. Prävention der Demenz
Man hätte vielleicht erwähnen sollen, dass das Korsakow-Syndrom seit langem als Ursache einer neurologisch degenerativen Erkrankung bekannt ist: Das Korsakow-Syndrom ist eine Form der Amnesie (Gedächtnisstörung). Eine erste detaillierte Beschreibung wurde 1887 vom russischen Psychiater und Neurologen Sergei Korsakow (1854–1900) anhand der Untersuchung bei 18 Alkoholkranken als polyneuritisches amnestisches Syndrom veröffentlicht. Insofern ist eine Mitwirkung des Alkohols bei Demenz-Erkrankungen plausibel, allerdings sind die physiologischen Ursachen andere, so dass hier ein komplexer additiver Effekt zu vermuten ist. Die derzeitigen medizinischen Behandlungsmöglichkeiten können den Verlauf einer Demenz nur in einem sehr bescheidenen Ausmaß positiv beeinflussen. Deshalb kommt der Prävention der Demenz besondere Bedeutung zu, deren Eckpfeiler in der Einschränkung der Risikofaktoren besteht. Hierbei gelten heute als aussichtsreichste Strategien in erster Linie die Kontrolle der kardiovaskulären Risikofaktoren, Körperliche Aktivität (Sport), soziales Engagement, Kontrolle des Körpergewichts (Diät) und die frühzeitige Behandlung einer Depression. Da auch das Tabakrauchen einen möglichen Risikofaktor für Demenzerkrankungen darstellt, trägt das Einstellen des Zigarettenkonsums ebenfalls zur Demenzprävention bei. Auch eine aktuelle Studie bestätigt, dass vor allem Sport und ein gesunder Lebensstil (und damit auch die Vermeidung kardialer Risikofaktoren) einer Demenz vorbeugen kann. Zu einem gesunden Lebensstil gehören neben der regelmäßigen körperlichen Bewegung auch noch Nikotinabstinenz und täglicher Verzehr von Obst und Gemüse. Ein normales Körpergewicht verhindert den Abfall der kognitiven Funktionen laut dieser Studie nicht. https://de.wikipedia.org/wiki/Demenz#Risikofaktoren_und_Prävention https://de.wikipedia.org/wiki/Alkoholkonsum#Wirkungen_auf_Nervensystem_und_Gehirn https://de.wikipedia.org/wiki/Korsakow-Syndrom
TS_Alien 22.02.2018
2.
Man sollte nicht zu viel auf diese Studie geben. Wenn noch nicht einmal die körperlichen Vorgänge bei vielen Demenzerkrankungen bekannt sind, sollte man mit Ursachenermittlungen über Statistiken vorsichtig sein. Vor allem wird es schwierig bis unmöglich sein, den Anteil des Alkohols an den Demenzerkrankungen aufs Prozent genau zu ermitteln. Das klingt eher, als ob wieder einmal jemand gerechnet hat, ohne zu wissen, was seine Ergebnisse tatsächlich bedeuten. Richtige Wissenschaft geht nicht so einfach! Auch in Frankreich dürfte es viele Alkoholiker geben. Wenn es zwei Millionen sind, überrascht es, dass so wenige Menschen überhaupt eine Demenzerkrankung haben. Denn viele dieser Menschen schütten literweise den reinen Alkohol in sich hinein, am Tag! Dessen ungeachtet sollte man sein Trinkverhalten überprüfen. Man kann durchaus auch einmal eine größere Menge Alkohol trinken, sollte dann aber einige Tage oder Wochen pausieren. Das fällt Menschen ohne Suchtproblem nicht schwer. Im Gegenteil, die haben nach einer wilderen Party einige Tage gar keine Lust auf Alkohol.
cindy2009 22.02.2018
3. @ts_alien
Die Studie soll doch nur belegen, was in zig Kliniken alles zu sehen und erlebbar ist. Tagtäglich. Gehen Sie doch mal bitte mitten rein. Das ist rein. Der Rest Ihrer Aussage zum Alkohol Konsum ist leider - voll für den A... Sie spotten jedem Alkohol Kranken.
cindy2009 22.02.2018
4. @ts_alien
Die Studie soll doch nur belegen, was in zig Kliniken alles zu sehen und erlebbar ist. Tagtäglich. Gehen Sie doch mal bitte mitten rein. Das ist rein. Der Rest Ihrer Aussage zum Alkohol Konsum ist leider - voll für den A... Sie spotten jedem Alkohol Kranken.
TS_Alien 22.02.2018
5.
Zitat von cindy2009Die Studie soll doch nur belegen, was in zig Kliniken alles zu sehen und erlebbar ist. Tagtäglich. Gehen Sie doch mal bitte mitten rein. Das ist rein. Der Rest Ihrer Aussage zum Alkohol Konsum ist leider - voll für den A... Sie spotten jedem Alkohol Kranken.
Solche Studien belegen meistens nichts. Wer statistische Auffälligkeiten findet, ohne ein Erklärungsmodell dafür zu haben, der betreibt Pseudowissenschaft. Wer tatsächlich glaubt, dass Alkohol für viele Demenzerkrankungen verantwortlich ist, der muss mehr als Rechenergebnisse liefern. Und er muss gute Gründe dafür finden, warum so viele Menschen mit einem (viel) zu hohen Alkoholkonsum keine Demenz entwickeln. Die Wahrheit kann nicht spotten. Natürlich gibt es Alkoholiker, die jeden Tag einige Flaschen Schnaps trinken. Das sind dann Mengen reinen Alkohols im Bereich von einem Liter oder mehr.
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