"Keinen Tropfen mehr, Herr Doktor, keinen Tropfen", beteuert Herr M., zieht die Augenbrauen nach oben und hält mir die offenen Handflächen entgegen. Das ist die ehrlichste Geste, zu der der kompakte Mittfünfziger fähig ist.
Vor seiner Herzoperation stellt sich Herr M. in unserer Ambulanz vor. Ich untersuche mit vorgetäuschtem Fleiß den Ausdruck seiner Laborbefunde. Ein Blick würde genügen, denn die Laborcomputer spucken die Ergebnisse mit kleinen Pfeilen nach oben oder unten aus. Die Symbole springen einen förmlich an, wenn Werte nicht passen. Der Zettel in meiner Hand ist tadellos, kein Pfeil ist zu sehen. Ungewöhnlich für einen Alkoholiker, aber nicht ausgeschlossen.
Das will nichts heißen, denke ich, und sammle im Geist Argumente für und gegen die Hypothese, dass Herr M. lügt. Trinker lügen alle, das ist klar. Verdopple die Menge, die einer zugibt und du kommst der Wahrheit näher. "Eine dreiviertel Flasche Wein am Tag und Samstag schon mal einen Whisky" will Herr M. getrunken haben. Früher selbstverständlich. Denn seit drei Wochen sei er trocken.
Also zwei Flaschen Wein plus Whisky täglich und samstags besonders viel Schnaps, denke ich. Das Erscheinen des Patienten ist verdächtig: Rhinophym im Gesicht, eine Knollennase, Palmarerythem, rote Handinnenflächen, könnten das Spider Naevi, Gefäßspinnen, sein, auf der Brust? Ich entscheide mich für meine Hypothese, dass M. lügt.
Doppelte Dosis Beruhigungsmittel für den Lügner
Am Tag vor der Operation und am Morgen des OP-Tages verordne ich die doppelte Dosis Beruhigungsmittel für Herrn M. Mit einem Alkoholentzugsdelirium ist nicht zu spaßen. M. kommt erstaunlich ruhig in den OP-Saal. Ich bin zufrieden mit meiner Prämedikation. Alles geht reibungslos und Herr M. kommt fünf Stunden später auf der Intensivstation an, inklusive exzellent funktionierender Bypässe auf den Herzkranzgefäßen. Weitere drei Stunden später ist M. so wach, dass er wieder selbst atmen kann und wir den Beatmungsschlauch entfernen.
Noch während ich den Schlauch entferne, hebt M. den Arm und deutet an mir vorbei. "Da", sagt er und hält dabei nur mit Mühe die Augen offen. "Eine Spinne."
"Na ja", sage ich zum Intensivpfleger, der mir bei der Extubation hilft. "Also doch ein Alkoholdelir." Zum Patienten sage ich, laut und deutlich: "Alles gut, Herr M., keine Sorge, kriegen wir schon hin. Da ist nichts." Wieder zum Pfleger gewandt spule ich meine Anordnungen ab, die dem Patienten die schlimmsten Auswirkungen seines Alkoholdeliriums wie einen Krampfanfall ersparen werden, und dem Personal einen tobenden Patienten.
"Aber die Spinne", beharrt Herr M., während ich die Dosen von Valium, Clonidin und Haloperidol aufzähle, die er bekommen soll. Immer wieder fährt der Arm des Patienten hoch und deutet an mir vorbei. Immer wieder spricht Herr M. von einer Spinne.
Als ich alle Medikamente angeordnet und alle Vorsichtsmaßnahmen mit dem Pfleger besprochen habe, verabschiede ich mich beiläufig von Hern M., drehe mich um und - sehe die Spinne, von der Herr M. gesprochen hat. Groß, schwarz und haarig thront sie auf dem Deckel eines Schmutzwäschebehälters.
Bevor ich sie einfange und auf dem Krankenhausflur laufen lasse, mache ich all meine Anordnungen rückgängig und entschuldige mich etwas verschämt bei Herrn M., der weder an diesem noch an den folgenden Tagen im Krankenhaus an einem Alkoholentzugsdelirium leiden sollte.
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