Alkoholsucht im Alter Dieser Kampf kostet viel Kraft

Viele ältere Menschen trinken zu viel Alkohol. Der Ausstieg aus der Sucht ist ein ständiger Kampf. Einer, der ihn aufgenommen hat, ist trotzdem überzeugt, dass es jeder schaffen kann.

Passant mit Schnapsflasche (Archiv)
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Passant mit Schnapsflasche (Archiv)


Viele ältere Menschen leiden unter Alkoholproblemen. Allerdings wird das Thema oft verschwiegen. Die Scham ist groß. Und der Weg aus der Sucht ist schwierig.

Betroffene wie Rentner Kurt, der seinen wirklichen Namen nicht nennen möchte, müssen einen ständigen Kampf führen. Irgendwann habe der Alkohol dauernd im Vordergrund gestanden, sagt er. "Das hat viel Kraft gekostet." Er musste immer wieder Gründe finden, den Dienst bei der Arbeit zu verkürzen - damit er schnell in die Kneipe gehen konnte.

Wie gefährlich der Alkoholmissbrauch sein kann, zeigen Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Demnach sterben in Deutschland jährlich etwa 40.000 Menschen an den Folgen schädlichen Alkoholkonsums. Alkoholmissbrauch ist auch ein wichtiger Risikofaktor für Krebserkrankungen. Wie viele Senioren alkoholabhängig sind, ist unklar. Dazu liegen keine Zahlen vor.

Kurt musste die gefährliche Sucht vor seinem Arbeitgeber verbergen und dem Umfeld signalisieren: Bei mir ist alles in Ordnung. Doch irgendwann brach er zusammen. Mit Anfang 60 landete Kurt auf der Intensivstation, er hatte Krampfanfälle und fiel ins Delirium. In diesem Zustand funktioniert der Verstand nur eingeschränkt und das Bewusstsein ist getrübt.

Hilfe durch Therapie

Nach seinem Krankenhausaufenthalt entschließt sich Kurt für eine Therapie. Unterstützt wird er dabei von seiner Frau. Die Gespräche hätten ihm sehr geholfen, sagt Kurt. "Aber auch das hat sehr viel Kraft gekostet."

Der Versuch, die Kontrolle über sein Leben wiederzugewinnen, war bisher erfolgreich. Seit zwei Jahren ist der 66-Jährige trocken. Doch es fällt ihm noch immer schwer, über seine frühere Sucht zu reden. Kurt spricht in kurzen Sätzen, macht nicht viele Worte. Es gebe auch heute noch schlechte Tage, sagt er. "Dann versuche ich einfach, mich abzulenken."

An Weihnachten wird gern zu viel getrunken

Eine schwierige Zeit für Kurt dürfte auch Weihnachten sein. Denn zu dieser Zeit wird besonders viel Alkohol getrunken. In einer repräsentativen Umfrage sagten 16 Prozent der Männer, dass sie über die Feiertage schon mal zu viel trinken würden. Bei den Frauen waren es nur halb so viele. Für die Studie wurden in der zweiten Novemberhälfte online 2027 Personen zum Thema Alkoholkonsum befragt. Jeder Zehnte räumte sogar ein, dass ihm zu viel Alkohol schon mal das Weihnachtsfest verdorben habe.

Es gebe viele Gründe, aus denen ältere Menschen zur Flasche greifen, sagt Heinz Tränkle vom Kreuzbund. Der Fachverband des Deutschen Caritas-Verbandes bietet Hilfe für Alkohol- und Medikamentenabhängige an.

So könne Einsamkeit eine Rolle spielen, sagt Tränkle, etwa nach dem Verlust des Partners. Andere ältere Menschen müssten Angehörige pflegen und seien damit vielleicht überfordert. "Und bei manchen entsteht eine Art Leere, wenn sie in den Ruhestand gehen", sagt Tränkle. Zudem falle ein gewisser Druck weg. Im Betrieb müssten sie nicht mehr funktionieren.

Abhängig seit Jahrzehnten

Tränkle sieht eine Zunahme von Alkoholproblemen bei älteren Menschen - allein schon deshalb, weil die Zahl der Senioren in der Gesellschaft steige. "Da kommt noch eine Menge auf uns zu," sagt er. Vielen Betroffenen falle es schwer, sich die Sucht überhaupt einzugestehen. "Das ist mit Scham verbunden und fällt einem älteren Menschen vielleicht auch schwerer als jemandem mit 40."

Viele ältere Menschen mit Alkoholproblemen sind bereits seit Jahrzehnten abhängig. Auch Kurt: Nach der Schule ging er bei einem Bierbrauer in die Lehre. Dort habe es viele Feste gegeben, auf denen getrunken wurde. "Irgendwann gewöhnt man sich dran und verträgt immer mehr", sagt er. Später merkte Kurt, dass er häufig schwitzte und seine Hände zitterten, dass der Gedanke an Alkohol allgegenwärtig wurde. "Ich hab' getrunken, um wieder funktionieren zu können."

Heute ist er überzeugt: "Wenn man seinen inneren Schweinehund überlistet, kann es jeder schaffen." Das sei vor allem eine Frage der Eigenkontrolle, sagt der 66-Jährige. "Man muss selbst aufpassen, was man macht."

Um sich zu schützen, hat er sein Umfeld darüber aufgeklärt, dass er keinen Alkohol mehr trinken darf. Nur die engsten Freunde wissen, was der eigentliche Grund dafür ist. "Im Wirtshaus hab' ich einfach gesagt, ich hab's mit dem Herzen."

Kathrin Drinkuth, dpa/brt

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