Von Christian Gruber
Die Sucht kommt Glas für Glas: Erst probiert man nur. Hin und wieder ein Gläschen, das tut gut. Dann nimmt man mehr und mehr. Das Gehirn verändert sich. Das Verlangen wird immer stärker. Bis irgendwann der Punkt kommt, an dem der innere Schweinehund, der nach der Droge schreit, so mächtig geworden ist, dass man nicht mehr gegen ihn ankommt - auch bei der größten Willensanstrengung nicht.
Mindestens 1,5 Millionen Deutsche hängen an der Flasche, schätzt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Über eines sind sich Mediziner einig: Bei den Betroffenen handelt es sich um Menschen mit einer echten Erkrankung, weshalb sie auch von Alkoholkranken sprechen. Die Idee, dass Sucht eine Krankheit ist, geht auf den New Yorker Arzt William Duncan Silkworth (1873 bis 1951) zurück. Als einer der Ersten verglich Silkworth den schweren Alkoholismus mit einer Allergie, bei der die Patienten automatisch, weil körperlich bedingt, die Kontrolle verlieren.
Die breite Bevölkerung aber nimmt von dem wissenschaftlichen Modell der Suchtentstehung nicht immer Notiz: Wie eine Auswertung der Universität Greifswald von 321 internationalen, repräsentativen Umfragen gezeigt hat, ist eine große Minderheit und in etlichen Fällen sogar die Mehrheit der Auffassung, Alkoholiker seien selbst für ihr Schicksal verantwortlich, ihnen mangele es an Willenskraft.
Genau so sieht es auch Gene Heyman. Seit geraumer Zeit rüttelt der US-Psychologe von der Harvard Medical School an der gängigen Definition von Alkoholismus und sorgt mit einer provokanten These für Unruhe in der Therapeutenszene: Für Heyman ist Sucht keine Krankheit sondern vielmehr eine Störung der Willensentscheidung. "Es ist unmöglich, Sucht zu verstehen, ohne zu verstehen, wie wir Entscheidungen treffen", schreibt er in seinem Buch "Addiction: A disorder of choice". Seiner Meinung nach ist es auch falsch, Alkoholiker als Kranke zu behandeln.
Auf keinen Fall möchte der Psychologe zurück zur moralischen Verurteilung und Stigmatisierung von Drogenabhängigen. Aber er versucht zu belegen, dass man Sucht, anders als echte psychische Erkrankungen wie Schizophrenie oder Depressionen, in den Griff bekommen kann: Indem man die Abhängigen motiviert, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Selbst die körperliche Abhängigkeit, die den Entzug so schwer macht - manchmal zu schwer, wie Heyman einräumt - lässt der Psychologe nicht gelten. Die meisten Wissenschaftler aber sehen es als erwiesen an: Drogen verändern das Gehirn. Sie steigern die Wirksamkeit von Dopamin, jenem Botenstoff, der uns ein Gefühl der Belohnung verschafft. Deshalb sorgen Drogen unmittelbar für Lustbefriedigung.
Heyman aber hält dagegen: Zwar mache Dopamin den Unterschied zwischen Lust und Unlust aus, nicht aber den zwischen Sucht und Nichtsucht. Große epidemiologische Studien hätten gezeigt, dass mehr als die Hälfte der Abhängigen irgendwann von Alkohol oder Drogen loskomme - und zwar aus eigener Kraft.
Heymans Argumentation stößt jedoch auf Kritik. Wie jener von Falk Kiefer, Professor für Suchtforschung und stellvertretender ärztlicher Direktor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Die von Heyman angeführten Selbstheilungsraten bezeichnet er als Illusion, weil die Statistiken spätere Rückfälle nur ungenau bis gar nicht abbildeten.
Für Kiefer ist es wesentlich, dass die Sucht einem Kranken gar keine richtige Wahl mehr lässt, weil dessen Entscheidungsfreiheit eingeschränkt ist, verschoben in Richtung Weitertrinken. Heyman sei auf dem richtigen Weg, sagt Kiefer. "Nur verkennt er, dass die Voraussetzung für jede Entscheidung subjektiv wahrgenommene, nicht objektive Handlungsalternativen sind."
Genau diese Frage aber ist von gewaltiger Bedeutung in der Therapie. Das Gros der Experten geht derzeit davon aus, dass es sinnlos ist, einen Alkoholkranken oder Drogenabhängigen mit Vorwürfen zu überschütten. Folgt man allerdings Heyman, dann ist der Abhängige sehr wohl für Argumente zugänglich. Er brauche lediglich eine lohnendere Lebensperspektive, sagt Heyman.
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