Rätselhafter Patient Plötzlich allergisch

Nie war der Mann allergisch, dann entwickelt er plötzlich heftige Beschwerden. Sein Hausarzt kombiniert - und kommt auf eine Diagnose, die dem 60-Jährigen gar nicht schmecken dürfte.

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Allergien kannte der 60-Jährige bislang nur aus Erzählungen. Dann aber bilden sich rote, juckende Quaddeln auf seiner Haut. Auch der Rest des Körpers spielt verrückt. Sein Bauch schmerzt, er hat Durchfall, muss husten, sein Hals ist entzündet. Nachts wird der Juckreiz zum Teil so stark, dass er rastlos durch die Wohnung streift. Kaum sind die Probleme verschwunden, kehren sie zurück.

An einem Tag wird es so schlimm, dass der Mann die Notaufnahme aufsucht. Er ringt um Luft, ist kurzatmig. Es fühlt sich an, als würde ihm jemand den Hals zudrücken. Die Ärzte in den USA diagnostizieren eine Anaphylaxie, eine schwere allergische Reaktion. Sie geben ihm ein Medikament, das die Beschwerden abklingen lässt. Für die Suche nach der Ursache aber schicken sie den Mann zu seinem Hausarzt, berichtet Landon Jackson vom New York Institute of Technology in der Fachzeitschrift "Oxford Medical Case Reports".

Als der Mann bei seinem Arzt auftaucht, leidet er bereits seit drei Wochen Tag für Tag an allergischen Reaktionen. Gerade ziehen sich rote Flecken über seinen Oberkörper, die Arme und die Rückseiten der Hände. Es sieht aus, als hätte er sich in Brennnesseln gewälzt, Mediziner sprechen von einer Nesselsucht. Ringförmige Quaddeln, unregelmäßig, eher bleich, notiert der Arzt.

Viel Rindfleisch und ein Zeckenbiss

Auch der Hausarzt kann sich anfangs nicht erklären, was das Immunsystem so stark reizt. Der Mann hat weder seine Seife noch sein Waschmittel gewechselt - häufige Gründe plötzlicher Allergien. Sein Stresslevel ist konstant, Alkohol trinkt er keinen. Nur ein Verhalten fällt dem Mediziner auf: Der Patient berichtet, sehr viel Rindfleisch und sehr viele Milchprodukte zu essen. Außerdem wurde er rund zwei Wochen vor Beginn der Beschwerden von einer Zecke gebissen.

Aufgrund der Informationen hat der Mediziner vier Vermutungen, was seinen Patienten quälen könnte:

  • Entweder eine von Zecken übertragene Infektionskrankheit.
  • Oder eine seltene Erkrankung (MCAS), bei der Zellen des Immunsystems dauerhaft aktiviert sind.
  • Oder eine Fleischallergie, die durch Zeckenbisse ausgelöst wird.
  • Oder eine chronische Nesselsucht - so heißt der Hautausschlag - mit unbekanntem Auslöser.

MCAS kann der Arzt nach einer Blutuntersuchung ausschließen. Auch eine von Zecken übertragene Infektion kommt nicht infrage, weil keine entsprechenden Antikörper im Blut des Patienten schwimmen. Dafür findet das Labor jedoch auffällig viele Antikörper gegen Alpha-Gal - dieser Zucker (Galaktose-alpha-1,3-galaktose) ist in vielen Fleischsorten enthalten, nicht aber in menschlichen Zellen. Der Hausarzt muss seinem Patienten eine Diagnose stellen, die dem 60-Jährigen kaum gefallen dürfte. Der Mann leidet unter einer Fleischallergie, wohl ausgelöst durch den Zeckenbiss.

Verzicht als einzige Möglichkeit

Dass so etwas möglich ist, wissen Mediziner erst seit ein paar Jahren. Damals kam ein neues Darmkrebsmedikament auf den Markt, das größere Mengen Alpha-Gal enthielt. In den USA reagierten viele Patienten allergisch - allerdings vor allem im Südosten und Osten des Landes. Während in Tennessee und North Carolina mehr als jeder Fünfte der behandelten Patienten unter den Nebenwirkungen litt, war es im Nordosten der USA nicht einmal jeder Hundertste.

Zeitgleich beobachteten die Mediziner in der gleichen Region eine bis dahin unbekannte, plötzlich auftretende Fleischallergie. Aufgrund des gleichen Verbreitungsgebiets testeten Mediziner der University of Virginia die Fleischallergiker auf das auch in den Medikamenten enthaltene Alpha-Gal - und wurden fündig. In ihrem Blut kreisten spezielle Antikörper gegen den Zucker, die allergische Reaktionen hervorrufen. Die Frage war nun: Warum trifft es gerade Menschen in diesem Gebiet?

Die Antwort lieferte ein drittes Leiden, das ebenfalls auf die Region beschränkt war: das Rocky-Mountain-Fleckfieber. Es wird von der Amerikanischen Waldlaus übertragen, einer genau in den betroffenen Regionen verbreiteten Zeckenart. Auf Nachfragen erinnerten sich viele der Fleischallergiker an Zeckenbisse. Bei Tests konnten Mediziner außerdem nachweisen, dass nach einem Biss die Zahl der Alpha-Gal-Antikörper stark ansteigt.

Deutschland: Auch schon Fälle bekannt

Mittlerweile wissen die Forscher, dass das Phänomen nicht nur auf die Amerikanische Waldlaus begrenzt ist. Auch aus Asien, Australien, Schweden, Frankreich und sogar Deutschland existieren Berichte über Fleischallergien nach Zeckenbissen. Der US-Blutsauger wird jedoch für besonders viele Fälle verantwortlich gemacht. Im Südosten der USA zählten Forscher nach dem Bekanntwerden der Fleischallergie rund Tausend Betroffene innerhalb von nur vier Jahren.

Vielen Allergikern wurde erst spät klar, was ihr Problem ist, weil der Körper mit stundenlanger Verzögerung auf das Fleisch reagiert. Oft kommt es irgendwann in der Nacht, wenn das Abendbrot längst aufgegessen ist, zu einem Allergieschub. Wahrscheinlich braucht die Verdauung so lange, bis sie den Zucker freisetzt. Unklar ist noch, wie die Zecken die Allergie auslösen. Möglicherweise übertragen sie bei ihrem Biss Alpha-Gal-Spuren früherer Wirte. Denkbar ist aber auch, dass ein Speichelbestandteil der Zecke die Bildung der Antikörper anregt.

Steht die Diagnose, helfen nur Verzicht und die Hoffnung, dass sich die Allergie irgendwann wieder zurückbildet - bei manchen Betroffenen passiert das. Alpha-Gal ist in allen roten Fleischsorten enthalten, nicht aber in Geflügel oder Fisch. Als der 60-jährige US-Patient sein Rindfleisch durch Hühnchen ersetzt, verschwinden sein Hautausschlag und die anderen Probleme.

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insgesamt 6 Beiträge
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NatanielPusch 17.03.2018
1. Zecken können eine Menge Krankheiten übertragen
Möglicherweise überreagiert das Immunsystem. Ich selber habe vor Jahren an Borreliose gelitten. Nachdem von der Kassenmedizin keine Hilfe zu erwarten war und Ärzte nur mit Verlegenheits- oder gar Falschdiagnosen daherkamen, nahm ich Ersparnisse zur Hand und ließ mich in einer Privatklinik checken. Dort fand man schließlich die Ursache meiner zahlreichen Beschwerden. Es handelte sich um Borreliose. Nach einer 10-wöchigen Therapie, die ich ebenfalls privat bezahlt habe, da sich Hausärzte weigerten Diagnosen anzuerkennen, die sie nicht selber gestellt hätten, war mein zweijähriger Leidensweg beendet. Mein Zustand besserte sich schnell und seitdem führe ich wieder ein normales Leben. Wenn ich mich auf die Kassenmedizin verlassen hätte, würde ich dort heute noch als chronisch erkrankter Rheumapatient geführt, der nur symptomatisch mit Schmerzmitteln oder psychosomatisch behandelt würde. Man weiß nie, wie das Immunsystem reagiert, jeder Mensch ist ja anders. Möglicherweise gibt es Leute, die ein scharf eingestelltes Immunsystem haben, das daher mit den Zeckenerkrankungen zwar fertig wird, aber danach über sein Ziel hinaus schießt und dann Allergien entwickelt. Es gibt ja Krankheitserreger, die ein Zystenstadium annehmen und sich in Körperzellen verstecken können. Möglicherweise wird dann das Immunsystem schärfer geeicht, dass es körpereigene Zellen angreift, was ja nichts anderes als eine Allergie ist.
Rollerfahrer 17.03.2018
2. Nun, vermutlich eine natürliche Reaktion...
Die Zecke sieht den Menschen als Nahrungskonkurrent, da ist die Antwort doch naheliegend. Ist du meinen Wirt, wird er dir nicht gut bekommnen. Irgendwie lustig, aber auch beklemmend.
albertaugustin 18.03.2018
3. Kein rotes Fleisch essen
Die Menschen in den Industrieländern essen im allgemeinen zuviel (rotes) Fleisch. Wenn wir den Fleischkonsum drastisch reduzieren ist das auch gut für den menschlichen Körper. Die Antibiotika-Resistenz z.B. ist eine Tatsache. Wieviel Tieren wird im Laufe ihres kurzen Lebens Antibiotika "verfüttert". Der Mensch steht am Ende einer solchen Nahrungskette und verinnerlicht mit dem Fleisch auch die dem Tier zugeführten Antibiotika. Da muss man/frau sich nicht wundern, wenn viele Antibiotika keine Wirkung erzielen. Die "Fleischbranche" hört und liest derartige Tatsachen nicht gern - aber es ist nun mal so. Weniger Fleisch bekommt nicht nur dem Menschen sondern auch den Tieren, die ja oft während ihres kurzen Daseins kein schönes Leben haben. Man schaue sich einmal in einem Maststall um, da vergeht der Appetit von alleine !
DieButter 18.03.2018
4.
Zitat von albertaugustinDie Menschen in den Industrieländern essen im allgemeinen zuviel (rotes) Fleisch. Wenn wir den Fleischkonsum drastisch reduzieren ist das auch gut für den menschlichen Körper. Die Antibiotika-Resistenz z.B. ist eine Tatsache. Wieviel Tieren wird im Laufe ihres kurzen Lebens Antibiotika "verfüttert". Der Mensch steht am Ende einer solchen Nahrungskette und verinnerlicht mit dem Fleisch auch die dem Tier zugeführten Antibiotika. Da muss man/frau sich nicht wundern, wenn viele Antibiotika keine Wirkung erzielen. Die "Fleischbranche" hört und liest derartige Tatsachen nicht gern - aber es ist nun mal so. Weniger Fleisch bekommt nicht nur dem Menschen sondern auch den Tieren, die ja oft während ihres kurzen Daseins kein schönes Leben haben. Man schaue sich einmal in einem Maststall um, da vergeht der Appetit von alleine !
1. Aussage richtig. 2. Aussage falsch. Verknüpfung falsch. Der Mensch benötigt Fleischkonsum, um eine ausgeglichene und damit gesunde Ernährung erreichen zu können. Alles andere sind, potentiell schädliche, Mangelernährungen. Quelle: WHO Antibiotika, jedenfalls klassische, die häufig mit Resistenzen einhergehen hitzedenaturieren, wenn sie auf Proteingrundlage basieren. Das heißt, alles Fleisch, was gekocht, gesotten oder sonstwie erhitzt wird zB. über Mikrowelle, wird desinfiziert, auch von gängigen Antibiotika. Chemotherapeutika, also in dem Fall künstlich hergestellte Antibiotika auf Nichtproteinbasis können eventuell Bestand haben. Auf diese sind Bakterien aber meist (noch) nicht multiresistent.
boardingcard 19.03.2018
5. Fleisch ist unnötig in der Ernährung
Zitat von DieButter1. Aussage richtig. 2. Aussage falsch. Verknüpfung falsch. Der Mensch benötigt Fleischkonsum, um eine ausgeglichene und damit gesunde Ernährung erreichen zu können. Alles andere sind, potentiell schädliche, Mangelernährungen. Quelle: WHO Antibiotika, jedenfalls klassische, die häufig mit Resistenzen einhergehen hitzedenaturieren, wenn sie auf Proteingrundlage basieren. Das heißt, alles Fleisch, was gekocht, gesotten oder sonstwie erhitzt wird zB. über Mikrowelle, wird desinfiziert, auch von gängigen Antibiotika. Chemotherapeutika, also in dem Fall künstlich hergestellte Antibiotika auf Nichtproteinbasis können eventuell Bestand haben. Auf diese sind Bakterien aber meist (noch) nicht multiresistent.
Da hat der Patient vielleicht sogar Glück gehabt. Eine rein pflanzliche Ernährung ist laut vieler evidenzbasierter Studien gesünder und kann sein Leben verlängern. Wenn er nur rotes Fleisch mit Huhn und Fisch ersetzt wird dieser Effekt natürlich nicht eintreten. Pflanzliche Kost als Mangelernährung abzutun ist falsch.
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