Allergien gegen Insektengift: "Therapie personalisieren"

Eine Immuntherapie schützt vier von fünf Bienenallergikern - für die übrigen suchen Wissenschaftler nach individuellen Lösungen. Der Münchner Allergologe Markus Ollert erklärt, wie die aussehen könnten.

Bienenstock: Allergieauslösende Eiweiße im Gift der Biene Zur Großansicht
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Bienenstock: Allergieauslösende Eiweiße im Gift der Biene

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Ollert, warum wirkt die Immuntherapie bei zwei von zehn Patienten nicht?

Ollert: Weil die Impflösung noch nicht so gut ist, wie wir uns das wünschen. Sie enthält nicht die Stoffe in ausreichender Menge, die wir brauchen, um dem Körper die Allergie abzugewöhnen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Stoffe?

Ollert: Eiweiße, die die Allergie auslösen, so genannte Allergene. Im Bienengift sind Hunderte von Eiweißen, aber nur ein Dutzend von ihnen sind für Allergien verantwortlich. Der eine Allergiker ist zum Beispiel gegen das Eiweiß Api m 1 allergisch, der andere gegen Api m 3. Die heutigen Impflösungen enthalten alle diese Eiweiße. Mit den regelmäßigen Spritzen kommt der Körper immer wieder in Kontakt mit ihnen, und sein Immunsystem lernt, nicht mehr überempfindlich zu reagieren.

ZUR PERSON

Markus Ollert

Markus Ollert ist leitender Oberarzt an der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Klinikum Rechts der Isar der Technischen Universität München. Seit mehr als 15 Jahren forscht der Allergologe zu den Mechanismen, die dafür verantwortlich sind, dass der eine allergisch auf Insekten reagiert und der andere nicht. In einigen Jahren, so hofft der Professor, möchte er Patienten eine personalisierte, individuell angepasste Immuntherapie anbieten.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegt dann das Problem?

Ollert: Seit Beginn der heutigen Immuntherapie beobachteten Allergieforscher, dass die Immuntherapie bei einigen Patienten nicht wirkt, obwohl alle die gleichen Lösungen bekommen. In biochemischen Tests sah ich Ende der neunziger Jahre, dass das von der Art der Eiweiße abhing, gegen die ein Patient allergisch ist. Damals kannten wir noch nicht alle Eiweiße. Erst über zehn Jahre später gelang es uns und anderen Forschern mit gentechnischen Methoden, die Allergene nach und nach zu identifizieren. Inzwischen haben wir zwölf gefunden, Api m 1 bis 12.

SPIEGEL ONLINE: Was bringt es Ihnen, diese zu kennen?

Ollert: Wir können nun sagen, wie viele Leute gegen welches Allergen allergisch sind. Nur wenige reagieren zum Beispiel empfindlich auf Api m 6, dafür viele auf Api m 1, 3 und 10. Überraschend ist aber: Obwohl Api m 3 und 10 nur in geringer Konzentration vorkommen im Bienengift, reagieren viele Allergiker darauf. Und das sind unsere Problempatienten. Denn in den derzeitigen Impflösungen ist nicht genügend Api m 3 und 10 enthalten, so dass das Immunsystem des Patienten sich nicht so gut mit diesen Allergenen auseinandersetzen kann. Dies könnte erklären, warum die Therapie mitunter nicht funktioniert. Aber das wollen wir gerade in einer Studie belegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man diesen Patienten helfen?

Ollert: Man kann die Dosis der Impflösung verdoppeln. Wir möchten aber lieber die Therapie personalisieren, also individuell an den Patienten anpassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sähe das aus?

Ollert: Bei einem Patienten mit Api m 3-Allergie könnte man zur herkömmlichen Immunlösung einfach etwas Api m 3 hinzufügen. Oder man könnte nur die Allergene verabreichen, gegen die der Betroffene wirklich allergisch ist. Zusätzlich testen wir gerade, ob man andere Substanzen zur Impflösung geben kann, die die Immunantwort des Körpers verstärken und dabei weniger Nebenwirkungen verursachen. Andere Forscher versuchen, die Impflösung in Lymphknoten zu spritzen oder über die Haut zu verabreichen oder verschiedene Allergene miteinander oder mit anderen Substanzen zu verschmelzen. Bis jetzt wissen wir nicht, welche dieser Strategien am besten ist. Vielleicht gibt es Stoffe in der Impflösung, die für den Erfolg oder Misserfolg einer Immuntherapie verantwortlich sind, die wir aber noch gar nicht kennen. Wären uns die bekannt, könnten wir sie zur Immunlösung dazugeben oder blockieren und so die Immuntherapie verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 2004 gemeinsam mit Forschern aus Hamburg eine Firma gegründet, um Patienten bessere Immuntherapien anbieten zu können. Aber bis jetzt gibt es noch keine maßgeschneiderte Therapie. Warum dauert das so lange?

Ollert: Neun Jahre sind für die Forschung nicht viel - bei Medikamenten dauert es im Durchschnitt 13 Jahre, bis ein neues Präparat auf den Markt kommt. Außerdem arbeiten wir ja nicht mit einer, sondern mit Dutzenden Substanzen. Hinzu kommt, dass wir ähnlich umfangreiche Studien machen müssen wie Pharmafirmen, wenn wir eine maßgeschneiderte Therapie anbieten wollen. Wir bekommen aber wenig finanzielle Unterstützung von der Pharmaindustrie oder anderen Geldgebern. Aus ihrer Sicht scheint der Aufwand für die Entwicklung neuer Immuntherapien zu groß zu sein. Ein Stich kann bei einem Betroffenen jedoch innerhalb von Minuten zum Tode führen. Vielleicht können wir dann später sogar mit unseren Erkenntnissen andere personalisierte Therapien anbieten, etwa beim lästigen Heuschnupfen oder bei Autoimmunkrankheiten.

Das Interview führte Felicitas Witte

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