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Gedankenschmiede

Gesundheitssystem der USA 2525 Dollar für einen Allergietest

Baby mit Obamacare-Broschüre: Amerikaner unterhalten das mit Abstand teuerste Gesundheitswesen der Welt Zur Großansicht
REUTERS

Baby mit Obamacare-Broschüre: Amerikaner unterhalten das mit Abstand teuerste Gesundheitswesen der Welt

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Arztrechnungen in den USA werden als Witze begriffen: "Fährt einer mit der Ambulanz um die Ecke: 1800 Dollar." "Übernachtet einer zur Überwachung im Krankenhaus: 4000 Dollar." Als wir die erste Rechnung im Briefkasten fanden, hatte ich Mühe, die Komik darin zu erkennen.

Unsere Tochter hatte einen einfachen Allergietest machen lassen. Je zwei Dutzend winzige Pikser am Unter- und Oberarm, zwanzig Minuten warten, anschließend werden Hautrötung und Quaddelgröße vermessen. Keine große Sache, dachten wir. Bis die Rechnung kam: 1104 Dollar verlangte die Ärztin für diese Dienstleistung. Als sei das noch nicht genug, folgte tags darauf die Rechnung der Klinik: nochmals 1421 Dollar. Willkommen in Amerika.

Es gibt niemanden, der solche Preise nachvollziehbar fände. Auch in der Klinik kann sie niemand erklären. "Wir haben das überprüft. Die Rechnung ist ordnungsgemäß erstellt." Mehr kann auch der für Nachfragen zuständige "Anwalt des Patienten" nicht in Erfahrung bringen. Die Amerikaner scheinen es sich angewöhnt zu haben, Krankenhausrechnungen als Naturgewalt zu begreifen, die sich weder verstehen noch beeinflussen lässt. Die Beträge, die da gefordert werden, nehmen sie mit jener Form des Humors hin, welche die Ohnmacht gebiert. Die Wohlhabenden zumindest, denn die haben ja eine Versicherung.

Mondpreise

Was aber tun jene, die nicht versichert sind? Wenn schon ein Allergietest so viel kostet wie eine zweiwöchige Pauschalreise in die Karibik, wie teuer ist erst eine komplizierte Behandlung? Wer denkt sich die Mondpreise aus, die Ärzte und Kliniken verlangen? Kann ein Gesundheitssystem so überhaupt funktionieren?

Nein, es funktioniert eben nicht. Die Amerikaner unterhalten das mit Abstand teuerste Gesundheitswesen der Welt - mit höchst zweifelhaftem Erfolg: Die Säuglingssterblichkeit ist beschämend, und die Lebenserwartung so niedrig wie in kaum einem anderen Industrieland.

Weitgehend unreguliert wuchert im Gesundheitsmarkt ein Dschungel willkürlicher Preisdiktate. Darüber, wer all die Kosten übernehmen soll, wird gern und viel gestritten. Jeder Diskussion, warum diese Kosten überhaupt entstehen, geht die Krankenhauslobby aus dem Weg.

"Warum Arztrechnungen uns töten" titelte das Nachrichtenmagazin "Time" im Februar 2013 und widmete die gesamte Ausgabe einem 36-seitigen Gesundheitsreport des Journalisten Steven Brill. Akribisch sezierte Brill einzelne Rechnungen und stieß dabei bis hinab zu den kleinsten Beträgen auf absurde Posten: 1,50 Dollar etwa wird für eine Acetaminophen-Tablette in Rechnung gestellt. Bei Amazon erhält man für diesen Preis 100 dieser Pillen. Drastischer wird es, wenn auf einer anderen Rechnung 88 Diabetes-Teststreifen zu je 18 Dollar (Stückpreis bei Amazon: 55 Cent) und 19 Niacin-Pillen à 24 Dollar (Apothekenpreis: rund 5 Cent) auftauchen - Leistungen, die offenbar nicht im Tagessatz der Intensivstation inbegriffen sind, der sich auf 13.225 Dollar beläuft. Rasch kommen so 902.452 Dollar zusammen. Aufgebürdet werden sie einer Frau, die soeben ihren an Lungenkrebs leidenden Mann verloren hat.

Es fällt schwer, angesichts solcher Beträge die Fassung zu wahren. Jede Klinik hat ihre eigenen Preislisten. "Chargemaster" nennen sich diese Datenkonvolute, die vor allem eines lehren: dass die Idee, der Markt könne das Gesundheitswesen regulieren, in Amerika gründlich gescheitert ist. Ein System, in dem die Anbieter die Preise nach Gutdünken festlegen können, hat mit Marktwirtschaft nichts zu tun. Welcher Patient wagt es schon, gegen seinen Arzt aufzubegehren - schon gar, wenn es um womöglich lebensbedrohliche Krankheiten geht?

Wie sehr der Glaube an die Selbstregulierungskraft der Privatwirtschaft trügt, zeigt sich daran, dass die staatlichen Versicherungen Medicare (für Alte) und Medicaid (für Arme) ganz anders behandelt werden. Oft liegen die Tarife - die sich laut Gesetz an den tatsächlichen Kosten orientieren müssen - bei einem Zehntel oder gar Fünfzehntel des Listenpreises. Weitaus schwerer haben es die privaten Versicherer, Preisnachlässe auszuhandeln. Zwar gelingt es ihnen meist, die abenteuerlichen Chargemaster-Preise auf etwa die Hälfte zu drücken. Schnäppchenpreise werden auch so nicht daraus.

Von der Mittelschicht ins Elend

Am schlimmsten aber trifft es die Unversicherten. Gerade jene, die es sich am wenigsten leisten können, sehen sich den unverschämtesten Forderungen gegenüber. Betroffen sind keineswegs nur die Allerärmsten. Manch einer, der sich sich soeben noch als Teil der Mittelschicht wähnte, wird durch einen medizinischen Notfall unversehens ins Elend gestürzt. Viele Verträge sehen vor, dass der Versicherer die Kosten nur bis zu einem Maximalbetrag erstattet.

Zwei Zahlen stehen sinnbildlich für das Platzen der Illusion eines marktregulierten Gesundheitssystems: 62 Prozent aller Privatinsolvenzen in den USA sind Folge von Krankheit und der damit verbundener Arzt- und Klinikrechnungen. Mehr als zwei Drittel der so Ruinierten hatten, ehe sie die Krankheit traf, geglaubt, sie seien versichert.

173 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Kamillo 23.05.2014
egal 23.05.2014
fatherted98 23.05.2014
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Zum Autor
  • Jason Grow
    Mehr als 100 Colleges und Hochschulen, und dabei die weltweit höchste Dichte an Nobelpreisträgern: Boston ist, zusammen mit dem jenseits des Charles River gelegenen Uni-Städtchen Cambridge, die unumstrittene Welthauptstadt des Geistes. Besser als an jedem anderen Ort lässt sich hier verfolgen, wie sich das Weltbild der modernen Wissenschaft formt und verändert. Aus den Labors und Denkerstuben dieser außergewöhnlichen Stadt berichtet Korrespondent Johann Grolle, der 18 Jahre lang Wissenschaftsressortleiter des SPIEGEL war.

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