Noro miterlebt Unsere schöne Seuchen-Hochzeit

Von Epidemien liest man häufig. Doch wie fühlt es sich an, wenn eine Krankheit epidemisch durch eine begrenzte Gruppe von Menschen fährt? Autor Frank Patalong hat es mit Freunden und Familie erlebt: Es ist erschreckend.

Hochzeitgesellschaft: noch nicht erkrankt

Hochzeitgesellschaft: noch nicht erkrankt


Samstag: Hochzeit

Sie tanzen so glücklich, wild und heiter, trotz Aislings eng geschnittenen Hochzeitskleides, trotz Pascals modisch engen Anzugs. Ausgelassen tobt auch die Gästeschar, und die Playlist ist eine Feier ihrer ausklingenden Jugend: Es ist ein rhythmisches Einmal-noch-wie-damals, und bei dieser Generation 1990 plus heißt das Postpunk.

Der DJ legt Billy Talent, Blink182 und - natürlich - Wheatus auf: "I'm just a Teeeeenaaage Diiiiirtbag Baaaaby..." - und die Menge hüpft und grölt, Schweiß glänzt auf Haut. Viele liegen sich am Ende der Songs in den Armen.

Bald werden wir erfahren, dass nicht nur gute Stimmung ansteckt.

Sonntag: Patient Eins

Am nächsten Mittag reißt Pixie, 18 Monate jung, plötzlich jammernd ihre Augen auf. Sekunden später erbricht sie sich heftig und beginnt zu weinen. Klar, dass die Erwachsenen sich kümmern: Sie wischen ihr das Erbrochene ab, Papiertaschentücher wandern von Hand zu Hand. Die Kleine wandert derweil von Arm zu Arm, alle wollen trösten: Ooooch, Kleines, beruhig Dich mal. Wird gleich wieder gut. Aaaaarme Pixie, alles gut!

Es läuft dann aber anders. Sie behält nichts bei sich, nach ein paar Stunden ist sie richtig erschöpft und schläft ein. Wir sind 14 Personen mit vier Kindern unter einem Dach. Unsere Gäste sind Iren, da kommt die Hälfte unserer Familie her.

Pixie: die erste Erkrankte
Frank Patalong

Pixie: die erste Erkrankte

Montag: Einzelfälle?

Am Abend erwischt es meinen Sohn Connor, 24. Er bricht bis zur Erschöpfung, den nächsten Tag verschläft er größtenteils, ich melde ihn krank. Die Sprechstundenhilfe sagt: Hinlegen, viel trinken, etwas Stopfendes einnehmen. Kann man sonst nichts machen. Er soll besser nicht reinkommen, sonst stecke er noch jemanden an.

Ok, sage ich. Ist dann halt so.

Tatsächlich ist das ärztlicher Alltag: "Eine Gastroenteritis heilt in der Regel schnell ab", sagt Mirko Faber vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. "Die Ärzte sagen den Patienten: Kommen Sie wieder, falls es in drei Tagen nicht besser geworden ist."

Wir ahnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie viele Gäste der Hochzeit es noch treffen wird.

Dienstag: Ohne Diagnose

Klein-Pixie scheint wieder fit zu sein. Sie hat genug von Banane und Brot, sie will etwas Richtiges essen. Alles wird gut, die Kleine lacht wieder.

Wir hören von drei weiteren Kranken. Jetzt klingeln bei mir die Alarmglocken.

Ich rufe meine Mutter am Niederrhein an: Es gehe ihr mies, sagt sie, und den beiden anderen auch, die mit ihr im Auto waren. "Ist wohl 'ne Magengrippe", habe der Arzt gesagt, ohne große Untersuchung. Hat ihr Kohletabletten verschrieben, ein Freund bekam von seinem Arzt ein Hefepräparat und Elektrolyt. Ein Enkel, 23, liege "ganz schlimm".

"Hat irgendjemand von Euch eine Stuhlprobe abgegeben?", will ich wissen. Nein, sagt sie, danach habe kein Arzt gefragt.

Auch das ist nicht ungewöhnlich. Bestimmte Darmerkrankungen, weiß Mirko Faber vom RKI, erkennen Ärzte relativ gut schon an ihren typischen Symptomen. Das schwallartige Erbrechen, das nun unter uns umgeht, deutet auf Norovirus hin. Darauf aber lässt man nur testen, wenn es unbedingt sein muss: "Ein Test auf Noroviren ist aufwendig, weil man über eine Polymerase-Kettenreaktion das Genom nachweisen muss." Einen preiswerten Test auf Antikörper gibt es nicht.

Die Magen-Darm-Grippe: Ein ärztliches "Irgendwas mit Entzündung"
Sammelbegriff ohne diagnostischen Wert
Die Magen-Darm-Grippe ist alles, nur keine Grippe: Der umgangssprachliche Begriff meint meist die Gastroenteritis, eine entzündliche Erkrankung des Magen-Darm-Traktes. Als Diagnose ist der Begriff eigentlich kaum hinreichend, weil er nur Symptome beschreibt: Ausgelöst wird diese je nach Erreger unangenehme bis gefährliche Erkrankung durch eine Vielzahl möglicher Ursachen, darunter bakterielle wie virale Erreger. Und die erfordern bei schwerem Verlauf höchst unterschiedliche Medikamentierungen. Eine schwere Gastroenteritis sollte darum per Labor auf ihre Ursache abgeklärt werden. In der Praxis sind diese Erkrankungen aber so häufig, dass die meisten Mediziner darauf zunächst nur mit Standardmaßnahmen reagieren, die Symptome mildern und Dehydrierung verhindern sollen.
Was passiert bei einer Gastroenteritis?
Bei einer Gastroenteritis kommt es zu einer Schädigung der Schleimhäute des Verdauungssystems, die sich dann entzünden. Prinzipiell kann das alle möglichen Ursachen haben: Vergiftungen, physische Schädigungen durch verschluckte Gegenstände, Strahlung und mehr. In aller Regel sind es aber Viren oder Bakterien, die die Schädigung verursachen. Symptome sind Unwohlsein, Magen-Darm-Schmerzen, Erbrechen, Durchfälle, Fieber. Wir bekommen so etwas andauernd, meist ist der Verlauf mild, Hefepräparate und andere Durchfall-Hemmer wie Kohletabletten und elektrolytisch wirkende Flüssigkeiten reichen völlig zur Behandlung. Bei schweren Verläufen kann die "Magen-Darm-Grippe" aber ernstlich krank machen, in seltenen Fällen ist sie sogar tödlich.
Noro, Rota, Salmonellen und Co.: Meldepflichtig, weil gefährlich
Die aggressivsten Erreger der Gastroenteritis sind einige Bakterien wie beispielsweise Salmonellen, Escherichia coli (EHEC), Shigellen (Ruhr) oder Vibrio cholerae (Cholera), die in Deutschland zum Glück nur noch eingeschleppt vorkommt; daneben vor allem Viren wie Rota und Noro und andere Erreger, die hochinfektiös sind und schwere Verläufe haben können. Sie alle sind meldepflichtig, weil sie sich epidemisch verbreiten können: Die Bakterien oft über kontaminierte Nahrungsmittel (Geflügel, Rohkost etc.), die Viren oft auch von Mensch zu Mensch durch Schmier- oder Tröpfcheninfektion.
Was kann, was muss man tun?
Das kommt auf die Ursache und Schwere der Erkrankung an. Immer sollte man mögliche Folgen der Symptome bekämpfen, also etwa anhaltenden Durchfall durch entsprechende Mittel verhindern, einer Dehydrierung durch Salze enthaltende Flüssigkeitsgabe entgegenwirken. Bei hoch infektiösen Erkrankungen ist eine Isolierung der Kranken bis hin zur Quarantäne angezeigt. Kranke wie Helfer sollten auf akribische Hygiene achten. Gegenstände, Stoffe und Objekte, die von den Kranken genutzt/berührt wurden, können (z.B. bei Norovirus) gegebenenfalls für Wochen kontaminiert sein und zu Virenverteilern werden: Auch hier ist Desinfizierung angesagt.

Mittwoch: Höhepunkt

Noch immer sind es Einzelfälle, von denen wir gehört haben. Drei der früh Erkrankten stehen schon wieder. Das große Bild ist für uns noch nicht erkennbar. Wir fühlen uns fit: Mit sieben Erwachsenen und zwei Kindern besuchen wir einen bekannten Freizeitpark.

Die Gruppe trennt sich auf, irgendwann ruft mich meine Tochter an, fragt, ob die Achterbahn als Treffpunkt okay wäre? Klar, sage ich. Als ich das Handy ausschalte, wird mir von einer Sekunde auf die andere schlecht.

Durch die Menge sehe ich direkt vor mir ein Toilettenschild. Schnell treppab, links herum, Herrentoilette. Freie Kabine, Tür schließen - und ab in die Beuge: Der Inhalt meines Magens ergießt sich in Sekundenbruchteilen in die Schüssel. Ich spüre, wie sich meine körperliche Verfasstheit auf einen Schlag ändert. Mir zittern die Knie, der Magen krampft und weiter geht es, bis nichts mehr da ist.

Als ich mit dem Säubern der Schüssel fertig bin, kommt der Durchfall. Es ist zutiefst demütigend.

Draußen sucht meine frisch verheiratete Tochter Aisling nach mir, mein Handy klingelt in der Hosentasche vor sich hin. Sie entdeckt mich, als ich endlich aus der öffentlichen Toilette komme: "Oh Gott, Du jetzt auch noch?"

Schwager Liam nennt mich lachend "Death warmed up" - ich sähe aus, als habe man einen Toten aufgewärmt. "Zieht ihr weiter", sage ich. "Könnt mich nachher abholen, wenn ihr die anderen eingesammelt habt."

Sie finden mich später auf einer Bank am Rand des Parks schlafend nach weiteren Ausflügen Richtung Keramik. Ich fühle mich fiebrig, wie unter Drogen. Zu Hause trinke ich Elektrolyt, nehme ein Mittel gegen Durchfall und lege mich hin. Ich werde erst 17 Stunden später wieder aufwachen.

Norovirus
Was ist das?
Noroviren sind ein extrem ansteckender Verursacher viraler Gastroenteritiden (Umgangssprachlich: Magen-Darm-Grippe): Sie sind weltweit verbreitet und treten in verschiedenen Subtypen auf. Zehn winzige Virenpartikel reichen für eine Infektion, Erkrankte verteilen Milliarden davon in ihrer Umwelt. Die Erreger verändern sich schnell, weshalb aufgebaute Resistenzen immer nur für den Typ gelten, an dem man erkrankt war. Unter Experten gilt Noro als "perfektes" Virus: Es verbreitet sich extrem schnell und ist kaum zu bekämpfen.
Wie verbreitet sich das Virus?
Erkrankte scheiden das Virus vor allem über Stuhl und Erbrochenes aus. Da die Virenmenge, die zu einer Weiterverbreitung reicht, winzig ist, ist die Infektionskette nur durch sehr konsequente Hygiene zu unterbrechen: Noro braucht zur Weiterverbreitung nur ein Tausendstel der Virenmenge, die etwa Influenza dafür benötigt. Gerade gegen die Ansteckung über Aerosole ist kaum ein Kraut gewachsen: Wenn sich ein Erkrankter in einem Raum erbricht, ist dieser Raum über die Atemluft in Sekunden kontaminiert. Auch an Gegenständen, Lebensmitteln und im Wasser hält sich das Virus ungewöhnlich lang. Zur Ansteckung genügt oft schon eine Berührung (Schmierinfektion).
Wie schnell bemerkt man, dass man krank ist?
Die Symptome der Erkrankung treten nach zehn bis spätestens 40 Stunden auf, dann aber sehr plötzlich und heftig: Die meisten Betroffenen erleben ein schwallartiges Erbrechen, das sich über Stunden hinziehen kann. Es ist bei Jüngeren das Hauptsymptom, während Durchfälle bei ihnen weniger heftig verlaufen. Bei Älteren ist dies meist umgekehrt. Weitere Symptome: leichtes Fieber, tiefe Erschöpfung, Bauch- und Muskelschmerzen, bei Dehydrierung Kreislaufprobleme und Kopfschmerzen.
Wie lang ist man Überträger der Krankheit?
"Vektor", also Virenverteiler, ist man ab Einsetzen der Symptome. Über rund 48 Stunden gilt der Betroffene als hochansteckend. Danach kann er für rund zwei Wochen das Virus ausscheiden und weitergeben, gerade Ältere aber auch noch erheblich länger - selbst dann, wenn die Symptome längst abgeklungen sind. Infizierte sind darum auch nach Ende der akuten Erkrankung zu gründlicher Hygiene angehalten.
Wer erkrankt an Noroviren?
Interessanterweise nicht jeder: Rund 30 Prozent der Menschen in Mitteleuropa scheinen völlig immun gegen Noroviren zu sein. Da das blutgruppenspezifisch zu sein scheint, gelten Menschen mit Blutgruppe A als besonders anfällig, mit Blutgruppe B hingegen als weitgehend resistent. Nichtimmune erkranken in 50 bis 90 Prozent aller Fälle, in denen sie mit dem Virus in Kontakt kommen.
Wie gefährlich ist Noro?
Das kommt darauf an, wer man ist und wo man lebt. Weltweit sterben jährlich rund 1,5 Millionen Kinder an bakteriellen oder viralen Darmerkrankungen, sagt die WHO. Gefährdet sind auch ältere Menschen. Bei beiden ist das Hauptrisiko akute Dehydrierung und daraus resultierendes Kreislauf- und Organversagen. So schlimm verlaufen Gastroenteritis-Erkrankungen meist dort, wo arme Menschen mit schlechter medizinischer Versorgung leben. Aber auch hierzulande fordern solche Erkrankungen Opfer. Das Robert Koch-Institut zählt normalerweise allein rund 20 bis 70 Noro-Todesfälle im Jahr, die Dunkelziffer dürfte jedoch relativ hoch sein: Andere Schätzungen gehen von bis zu 200 Noro-Todesfällen aus. Rund 50.000 Fälle werden jährlich in Krankenhäusern behandelt.
Ist in diesem Jahr etwas anders/schlimmer?
Wer an einem Norovirus erkrankt, ist danach für eine ganze Zeit immun gegen diesen spezifischen Typus. Das Virus würde sich durch den Effekt der "Herdenimmunität" also quasi selbst erledigen, wenn es sich nicht verändern würde - doch das tut es. So gibt es fast jedes Jahr eine neue Noro-Welle, und die seit Winter/Frühjahr 2016/2017 laufende ist ausgesprochen heftig: Gesundheitsbehörden stellen eine Verdoppelung der Fallzahlen fest. Aufgrund der extremen Ansteckungsrate und -geschwindigkeit hat sich dieser Typus innerhalb kürzester Zeit weltweit verbreitet. Die gute Nachricht: Hierzulande ist die Welle fast vorbei.

Donnerstag: Der Groschen fällt

Am nächsten Tag bin ich völlig ausgelaugt und rund 3,5 Kilogramm leichter als am Vortag. Ich beginne zu zählen: Die ersten Kranken gab es am Tag nach der Trauung, dann Schlag auf Schlag, ohne Ende. Mir wird klar, was ich da gerade erlebe: eine Seuche.

So ungefähr muss das vor Jahrhunderten für Leute gewesen sein, die isoliert in kleinen Dorfgemeinschaften lebten, wenn eine Krankheit unter ihnen zuschlug. Die 76 Menschen unserer Hochzeitsgesellschaft waren ein ähnlich geschlossener Kreis. Deshalb wird für uns Betroffene soeben sichtbar und erlebbar, was normalerweise in der Menge und Masse unseres städtischen Lebens verschwindet: Wir sehen den Weg, den das Virus durch unsere Gruppe nimmt.

Die meisten von uns halten Seuchen und Epidemien für ein Problem anderer Leute in weit entfernten, armen Ländern. Es gibt immer mehr Menschen, die sich so sicher fühlen, dass sie sogar aufhören, sich und ihre Kinder mit Impfungen vor Krankheiten zu schützen, die man tatsächlich vermeiden kann: Masern, Keuchhusten und Kinderlähmung sind deshalb wieder auf dem Vormarsch. Alles schwere Erkrankungen, die Langzeitschäden und Tod bedeuten können.

Epidemisch verbreitbare Krankheiten kann man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Bei Epidemien gibt es kein Halten, kein Davonlaufen, keine Notbremse. Für den Einzelnen mag sie wie ein Risiko erscheinen, mit dem man umgehen kann. Schaut man aber auf die Masse und was so etwas dort verursacht, wird die Sache zum Albtraum. Unsere "Hochzeits-Seuche" ist vergleichsweise harmlos, aber sie führt uns Betroffenen das Prinzip Epidemie vor - und das ist nicht witzig.

Wir beobachten jetzt, wie unsere Umfelder erkranken. In dieser sichtbaren Form erschreckt uns die Krankheit zutiefst: Was genau ist das? Wie hält man das auf?

Der Verdacht liegt nahe, dass ein menschlicher Überträger den Virus mit zur Feier gebracht hat (wir werden später herausfinden, dass es bei vier Gästen vor der Hochzeit Kranke im Umfeld gegeben hatte). 76 verschwitzte Menschen feierten auf engem Raum, auf der Tanzfläche herrschten locker 30 Grad. Wir nutzten über bis zu 15 Stunden dieselben sanitären Anlagen: War dies das Milieu, in dem Erregern der "Sprung" von einem zum anderen gelang?

Am Spätnachmittag müssen Celine und Liam zurück nach Irland. Wir hoffen, dass alles gut geht, doch noch am Abend hören wir, dass jetzt auch Liam heftig erkrankt ist. Auch Neffe Darran, erfahren wir, hat sich am Tag nach seiner Rückkehr stundenlang und bis zur Erschöpfung erbrochen. Schwägerin Celine kollabiert Tage später an ihrem Arbeitsplatz und wird ins Krankenhaus eingewiesen. Der Noro-Export nach Irland ist gelungen.

Freitag: Wir geben weiter

Ich habe es hinter mir, ich telefoniere und rechne. Die Zahl der Kranken steigt weiter. Die meisten sind nach nur zwei, drei Tagen wieder fit, nur die Älteren über 60 Jahre leiden länger. Für alle erschreckend ist die Heftigkeit, mit der die Krankheit einsetzt: Es geht in Minuten von "Topfit!" zu "Muss ich jetzt sterben?".

Es gibt Nachzügler, wir geben das Virus immer weiter. Am Nachmittag erwischt es die zierliche Jojo. Sie übergibt sich an der Uni, bis sie entkräftet kollabiert. Im Krankenhaus bekommt sie Infusionen. Es bleibt bei ambulanter Hilfe. Diagnose: Irgendein Magen-Darm-Virus.

"Des Weiteren", lese ich beim Robert Koch-Institut, "ist gemäß § 6 Abs. 1 Nr. 2 Infektionsschutzgesetz der Verdacht auf und die Erkrankung an einer akuten infektiösen Gastroenteritis meldepflichtig, wenn (...) zwei oder mehr gleichartige Erkrankungen auftreten, bei denen ein epidemischer Zusammenhang wahrscheinlich ist oder vermutet wird." Das aber, erklärt Mirko Faber vom RKI, bedeute nicht, dass ein Arzt zwingend einen Test durchführen müsse.

Wir kommen inzwischen auf fast drei Dutzend Fälle. Da draußen weiß das niemand. Es wird in keiner Statistik auftauchen. Und auch wir waren Vektoren, es wird weiter Kreise ziehen: Wegen der öffentlichen Toilette im Freizeitpark, wegen des Zusammenbruchs an der Uni. Einen Hochzeitsgast erwischte es auf einem Weinfest, ein Betroffener erbrach sich im Speisesaal eines Hotels. Wen trafen die Flugreisenden, bevor sie wussten, dass sie krank waren? Fliegt das Virus jetzt nach Skandinavien, in die USA, nach weiß-der-Fuchs-wohin?

Und wie oft ist das so? Rund 50.000 Berichte zu Rotaviren bekommt das RKI im Jahr, 90.000 zu Noroviren. Wie viele bekommt es nicht?

"Wir am RKI schauen nicht unbedingt auf die absoluten Fallzahlen", sagt Faber. "Wir wissen, dass die Dunkelziffer bei Noroviren groß ist. Wir beobachten eher die Trends."

Bilanz

In der Nacht zum Samstag hatte schließlich auch unsere Braut Besuch: Gegen zwei Uhr am Morgen kam der Notarzt. "Gehen Sie mal von Norovirus aus", sagt er und rät zum Krankenschein: Meine Tochter ist Erzieherin. Er weist auf akute Ansteckungsrisiken hin.

Wir telefonieren. Sie klingt elendig, ich weiß, wie sie sich fühlt. Was sie davon halten würde, wenn ich das alles aufschreiben würde, will ich wissen. "Mach mal", sagt sie, "ich will auch wissen, was da passiert ist."

Ich beginne damit, einen detaillierten Fragebogen aufzusetzen, der an alle Gäste geht. Bald wissen wir: Rund 57 Prozent der Gäste erkrankten, 43 Prozent blieben gesund. Mindestens drei Frauen und zwei Kinder brauchten Infusionen. Eine junge Frau, deren drei Kinder nacheinander erkrankten, bekam die Krankheit erst nach über zwei Wochen. Bis dahin waren auch alle acht Kinder in der von ihr geleiteten Tagespflegeeinrichtung infiziert: "Viele von deren Eltern haben das dann auch gekriegt."

Eine Laboruntersuchung gab es nur in einem dieser Fälle - und der war wohl die große Ausnahme: Eine Zweijährige wurde wegen starker Durchfälle eine Woche stationär behandelt, brauchte vier Tage lang Infusionen. Ihr Laborbefund kam erst an, als sie als gesund entlassen und zurück in der Kita war: Rotaviren. Prompt kam es unter den Kindern nach der mutmaßlichen Noro- zu einer Rota-Virenwelle - die Kita musste ein zweites Mal geschlossen werden.

Allen Erkrankten geht es inzwischen wieder gut. Mindestens acht Gäste sind sich absolut sicher, die Krankheit an Menschen außerhalb des Kreises der Hochzeitsgäste weitergegeben zu haben - in einem Fall mit einem guten Dutzend Ansteckungen. Die Gesamtzahl der für uns wahrnehmbaren Erkrankungen, die von unserer Hochzeitsgesellschaft ausgingen, überstieg damit am Ende die der Gäste.

Aus deren Kreis kommen jetzt kreative Vorschläge für den Titel meines Artikels: Sie folgen alle dem Muster von "Eine Hochzeit zum K***".
Wir lachen also wieder.

Nach drei Wochen fragt mich meine Tochter: "Aber die Hochzeit war doch toll, oder?"
Ja, sage ich. Die beste, die ich je erlebt habe.
Absolut unvergesslich.

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
jimbob1898 12.07.2017
1. Antikörper Tests
"Ein Test auf Noroviren ist aufwendig, weil man über eine Polymerase-Kettenreaktion das Genom nachweisen muss." Einen preiswerten Test auf Antikörper gibt es nicht. Das ist aber Blödsinn. Solche Tests gibt es selbstverständlich und man muss keinen PCR Test machen lassen.
Mach999 12.07.2017
2.
Mal abgesehen davon, dass Noro bei einigen Menschen heftige Komplikationen haben kann, war das bei mir die interessanteste Krankheit, die ich jemals hatte. Ich hatte natürlich auch Glück damit. Sie kam tatsächlich von einer Minute auf die andere. Genausoschnell ging sie aber auch wieder. Zwei Tage nach dem Ausbruch bin ich aufgewacht, und die Krankheit war nicht nur weg, sondern es waren auch keine Nachwirkungen zu spüren wie bei anderen Krankheiten. Keine Erschöpfung, kein übermäßiger Hunger oder Durst, keine Gliederschmerzen, kein Mangel an irgendwas. Im Gegenteil: Ich war so gut ausgeschlafen wie schon lange nicht mehr. Für mich persönlich ist das gut gelaufen, und ich fand die Krankheit wirklich interessant. Ich will dieses Erlebnis nicht missen, ist ja bei mir nichts schlimmes passiert. Aber ich bin froh, dass ich zu der Zeit alleine zu Hause war und deswegen vermutlich niemanden angesteckt habe. Hoffe ich zumindest. Woher ich die Krankheit hatte, weiß ich aber bis heute nicht. In meinem Bekanntenkreis hatte sie niemand. Das muss wirklich bei einer Zufallsbegegnung auf der Straße oder in irgendeinem Geschäft passiert sein. Und das ist nun wiederum erschreckend.
CancunMM 12.07.2017
3.
Zitat von jimbob1898"Ein Test auf Noroviren ist aufwendig, weil man über eine Polymerase-Kettenreaktion das Genom nachweisen muss." Einen preiswerten Test auf Antikörper gibt es nicht. Das ist aber Blödsinn. Solche Tests gibt es selbstverständlich und man muss keinen PCR Test machen lassen.
Und ? 10 Tests 95 Euro. Wird nicht von der Krankenkasse bezahlt. Und ist auch völlig überflüssig. Auf Noro teste ich nur, wenn es fürs Gesundheitsamt gebraucht wird. Z.b. Angestellte im Heim, Krankenhaus oder Lebensmittelgewerbe usw.
erwin9 12.07.2017
4. Stimmt
Das Norovirus hat vor Jahren auch mal unsere ganze Familie heimgesucht. Schrecklich, alle die mit uns... weil wir uns und die Kinder selbst nicht mehr versorgen konnten, helfend Kontakt hatten, erkrankten dann ebenfalls (in einem Fall auch mit Zusammenbruch, Erbrechen und Durchfall in einer Konditorei!... ein Albtraum) Ich dachte damals auch, so ähnlich muss sich eine Seuche anfühlen.
Thomas Schröter 12.07.2017
5. Allgemeine Nachlässigkeit auch bei weit gefährlicheren Erkrankungen
In welchem Umfang solche Epidemien trotz gesetzlicher Regelungen bei uns unter dem Radar der Gesundheitsbehörden ablaufen weiß auch wg. des laschen Meldesystems kaum jemand. In unserer Stadt hatte 2011 das örtliche Gesundheitsamt, wohl aus ökonomischen Gründen, Anweisung die Folgen der damaligen Ehec-Epidemie nicht zu kommunizieren. Im letzten Jahr gab es bei uns Yersinnia-Ausbrüche, deren Reichweite auch wg. mangelnder Aufklärung der Betroffenen nicht erfasst wurden. Diese Erkrankung gehört wie die Yersinnia Pestis (Pest, schwarzer Tod) zur einer verwandten Erregergruppe und kann durch Schmierinfektion übertragen werden. Sie ist deshalb meldepflichtig und Beschäftigte bestimmter Berufsgruppen und deren Angehörige dürfen bis zur Freigabe durch das Gesundheitsamtes ihrer Tätigkeit nicht nachgehen.
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