Alopecia areata Plötzlich sind die Haare weg

Manchmal beginnen die Haare schon im Kindesalter auszufallen - Alopecia areata trifft Männer und Frauen, Junge und Alte gleichermaßen. Eine Pilotstudie aus den USA lässt hoffen, dass bei Betroffenen die Haare wieder wachsen können.

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Mann mit Glatze: Der kreisrunde Haarausfall trifft Männer und Frauen etwa gleich oft.
Corbis

Mann mit Glatze: Der kreisrunde Haarausfall trifft Männer und Frauen etwa gleich oft.


Bereits als Zehnjährige bemerkte die Krefelderin Jenny Latz kahle Stellen am Hinterkopf. Der Dermatologe diagnostizierte Alopecia areata. Darunter versteht man plötzlich einsetzenden, oft kreisrunden Haarausfall. Die Auslöser der Erkrankung sind noch nicht vollständig erforscht. Es wird vermutet, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt, bei der körpereigene T-Zellen die Haarwurzel angreifen. Die Folge: mitunter vollständiger Haarausfall. Die Krankheit trifft Frauen ebenso häufig wie Männer und kann in jedem Alter auftreten. Schätzungen zufolge sind in Deutschland mehr als eine Million Menschen betroffen.

Die Behandlungsmöglichkeiten sahen für Jenny Latz Mitte der Siebzigerjahre dürftig aus: "In der Apotheke gab es Kortisonsalbe oder ein Kopfhauttonikum." Beides half ihr nicht. Doch mit der Zeit wuchsen die Haare langsam wieder nach. Kortisonhaltige Salben und Tabletten sind noch immer im Einsatz, zudem versucht man durch Einwirken auf den Hormonhaushalt, der Krankheit Einhalt zu gebieten. Auch die Behandlung mittels eines Lasers ist möglich, bei der das Licht wohl ein Absterben der aggressiven T-Zellen bewirkt, berichtet der Münchner Facharzt für Dermatologie, Harald Bresser.

Studie macht Betroffenen Mut

Nun macht eine im Fachblatt "Nature Medicine" veröffentlichte Pilotstudie Betroffenen etwas Mut. Das Ergebnis scheint Hinweise auf mögliche Hilfe zu geben. Wissenschaftler der Columbia University, New York, fanden zunächst Immunzellen, die anscheinend für den Haarverlust verantwortlich sind. Dann verabreichten die Forscher Mäusen sowie drei Patienten den Wirkstoff Ruxolitinib, der bislang nur bei der Behandlung einer Knochenmarkerkrankung, der sogenannten Myelofibrose, angewendet wird.

Jennifer Latz: "Die Alopecia areata ist mein Lebensthema geworden."
Jennifer Latz

Jennifer Latz: "Die Alopecia areata ist mein Lebensthema geworden."

Der erstaunliche Effekt stellte sich innerhalb von knapp fünf Monaten ein. Bei allen drei Patienten waren die Haare an den kahlen Stellen wieder fast vollständig nachgewachsen. Auf Nebenwirkungen der Medikamentengabe wird in dem Fachartikel nicht eingegangen, der Wirkstoff kann nach Angaben von gesundheitsinformation.de Schwindel, Kopfschmerzen und andere Nervenstörungen auslösen.

"Wir haben begonnen, das Medikament zu testen. Wenn der Wirkstoff erfolgreich und sicher in der Anwendung bleibt, wird dies einen enorm positiven Effekt für alle haben, die mit dieser Krankheit leben", sagt Studienleiter Raphael Clynes. Die Forscher der Columbia University haben ein Patent für die Therapie eingereicht.

Doch es gibt auch skeptische Reaktionen. "Drei Behandelte reichen nicht aus", sagt die Pressesprecherin des Vereins "Alopecia Areata Deutschland", Kerstin Zienert. "Wir sind an der Entstehung der Krankheit interessiert."

Neue Therapien und Wirkstoffe

Am Institut für Humangenetik der Universität Bonn forscht Regina Betz zum Thema. "Genom-weite Assoziationsstudien, die auf dem Vergleich genetischer Anlagen bei Patienten- und Kontrollgruppen beruhen, sind eine gute Basis, um Wirkstoffe für potenzielle Therapieansätze zu finden", sagt die Humangenetikerin. Wirkstoffe wie Ruxolitinib könnten ein Hoffnungsschimmer für Betroffene sein. "Sie müssen aber erst an großen Patientengruppen untersucht werden, bevor man sie als Therapie verwendet."

Jenny Latz verlor ihre Haarpracht endgültig, als die Mutter starb. Damals fertigte man für die 18-Jährige eine Perücke an. Doch die "juckte fürchterlich und sah künstlich aus". Latz' Reaktion: "Das Ding trag ich nicht." Erst eine zweite Perücke passte besser. Dann lernte sie einen Mann kennen, der ihr sagte: "Du bist auch so wunderschön." Sie verzichtete auf das Kunsthaar. Heute engagiert sich die Krefelderin, hält Vorträge und gibt Rat. Sie sagt: "Die Alopecia areata ist mein Lebensthema geworden."



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meinung3000 01.09.2014
1. die Macht der Pharmaindustrie
An dem leidlichen Problem Haarausfall verdienen die Pharmakonzerne Milliarden. Siehe Werbung. Die Pharmaindustrie ist in keinster Weise daran interessiert derartige Erkrankungen zu heilen. Stellen Sie sich vor, es gäbe plötzlich einen Wirkstoff, der die Betroffenen dauerhaft von ihrer Erkrankung heilt. Würde sie wohl auf den Markt kommen - sicherlich nicht. Nur Tabletten wie Priorin oder Tinkturen, die ständig einzunehmen sind, bereichern die Konzerne. Anderes Beispiel: Jährlich sterben in Deutschland rund 30.000 Menschen an der Antibiotikaresistenz. Mehrere Hunderttausend Menschen erkranken in Deutschland daran. Warum: weil sich für die Pharmakonzerne die Entwicklung neuer Antibiotika finanziell nicht lohnt. Ich leide selber unter einer Alopecia-Areata diffus. Bin selbst leidlich betroffen. Ich empfehle jeder und jedem Betroffenen mal zu überprüfen, in wieweit bei ihr / bei ihm Durchblutungsstörungen der Kopfhaut Auslöser sein können. Stress, langes Sitzen, zuviel Nikotin sorgen nicht nur für kalte Hände sondern auch dafür, dass die sensible Kopfhaut zu wenig durchblutet wird.
jurahase 01.09.2014
2. Ich selbst...
... litt fast drei Jahre lang an Alopecia Areata. Zwei Wochen nach dem Ausbruch beschloss ich, mir eine Glatze zu rasieren. Ich habe neben Zinkpräparaten und Schüsslersalzen alles ausprobiert und mir jeden Morgen die Glatze mit Koffeinshampoo gewaschen. Irgendwann habe ich mich mit dem Haarausfall abgefunden. Die Haare kamen wieder, als es mir egal war. Wahrscheinlich ist es im wahrsten Sinne "Kopfsache"...
chagall1985 01.09.2014
3. Psyche nicht Körper
Ich hatte bis vor 6 Monaten Kreisrunden Haarsausfall und massiv graue Haare mit 38 Jahren. Job gewechselt und heute sind die Haare 80% weniger grau und wieder voll da. Ging fast genauso schnell wie der Ausfall der Haare. Innerhalb weniger Monate.
innkeeper3 01.09.2014
4. Autoimmunerkrankung!
Bei der Alopezia areata handelt es sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um eine so genannte Autoimmunerkrankung. Diese ist bedauerlicherweise weder durch eine lokale noch eine medikamentöse systemische Behandlung beeinflussbar.Wie bei Autoimmunerkrankungen typisch zeigt sie Phasen stärkerer und geringerer Aktivität. Bei vielen Patienten kommt es zu einer völligen Restitution mit erneut wachsender Behaarung an den vorher kahlen Stellen. eine sichere Prognose über den Verlauf ist allerdings nicht möglich. Es gibt auch Patienten bei denen alle Haare am gesamten Körper ausfallen.
pmf2013 01.09.2014
5. No problem
Wenn das Problem bei Frauen auftritt, ist es wirklich ein Problem und sehr tragisch, finde ich. Bei Maennern jedoch sollte es heissen: einfach nur cool bleiben. Bei mir (Mann) fing es schon Mitte 20 an, seit ca. 10 Jahren rasiere ich mir jeden 2. Tag eine Glatze 'herbei'. Das sieht maennlicher und cooler aus, als viele glauben wollen. Ein Haarkranz und dazu womoeglich noch Geheimratsecken und das ab Mitte 20 laesst einen wesenlich aelter aussehen als eine Vollglatze. Ist ja auch zu 100% gesellschaftsfaehig (siehe Vin Diesel, Bruce Willis, Jason Statham und viele andere). Leider fehlt es vielen Maennern am Selbstbewusstsein, um eben eine schoene Glatze zu tragen.
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