Gesellschaftswandel Immer mehr Männer pflegen Angehörige

2,6 Millionen Menschen in Deutschland brauchen Pflege. Die meisten werden zu Hause versorgt. Inzwischen engagieren sich zunehmend Männer - ohne sie ist der Pflegebedarf auch kaum noch zu bewältigen.

Mann schiebt Frau im Rollstuhl
TMN/ Mascha Brichta

Mann schiebt Frau im Rollstuhl


Brauchen Eltern oder Schwiegereltern Hilfe, weil sie sich nicht mehr selbst versorgen können, stand lange fest: Die Pflege übernimmt die Tochter oder Schwiegertochter. Mittlerweile zeigen immer mehr Familien, dass es auch anders geht. Von den rund fünf Millionen pflegenden Angehörigen in Deutschland seien heute rund ein Drittel Männer, sagt Irmgard Menger vom Deutschen Pflegerat.

Dass die Frauen immer noch in der Überzahl sind, liegt auch daran, dass sie häufig weniger verdienen. Dadurch sind die finanziellen Einbußen geringer, wenn die Frau weniger arbeitet und pflegebedürftige Angehörige versorgt.

Hinzu kommt, dass viele das Umsorgen eines anderen traditionell mit einer Frau in Verbindung bringen - was auch damit zu tun hat, dass die Kindererziehung bei den meisten Familien noch immer in Frauenhand ist. "Insofern standen und stehen Frauen in gewisser Hinsicht unter einem gesellschaftlichen Druck, sich um einen Pflegebedürftigen zu kümmern", sagt Sozialforscherin Erna Dosch.

Männer pflegen vor allem ihre Partnerin

Inzwischen aber wandelt sich das Bild. Die Angehörigenpflege wird männlicher - wenn auch beschränkt auf eine bestimmte Konstellation: "Wenn Männer pflegen, dann ist es in erster Linie ihre Ehefrau oder Partnerin", sagt Eckart Hammer, Gerontologe an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg. Pflegende Männer seien deshalb überwiegend im Rentenalter. Um Eltern oder Schwiegereltern kümmern sie sich laut Hammer dagegen seltener.

Gerade für ältere Männer beginnt mit der Übernahme der Pflege oft eine komplett neue Lebensphase. Sie müssen kochen lernen, lernen, wie man einen Haushalt führt und wie man pflegt. Das ist eine große Herausforderung, die sie oft völlig unvorbereitet trifft. "Aber viele Männer stellen sich dann häufig sehr strukturiert ihren neuen Aufgaben", sagt Dosch, die eine Doktorarbeit zum Thema "Wie Männer pflegen" verfasst hat.

Was sich Pfleger wirklich wünschen

Ihrer Erfahrung nach neigen Männer dazu, ihre Fähigkeiten zunächst zu überschätzen. Sie seien überzeugt, dass sie alles gut im Griff haben - und verausgabten sich zu sehr. Allerdings: Wenn sie an ihre Grenzen stoßen, handeln sie häufig ganz pragmatisch. Und anders als viele pflegende Frauen seien sie häufig eher bereit, sich helfen zu lassen. "Viele etablieren dann einen Pflege-Mix, bei dem bestimmte Aufgaben auf einen ambulanten Pflegedienst übertragen", sagt auch Gerontologe Hammer.

Hilfsangebote für pflegende Männer

Bei Fragen und Problemen können sich Pflegende an Pflegestützpunkte in ihrer jeweiligen Kommune wenden, die häufig auch Gesprächskreise für Angehörige anbieten. "Das Problem hierbei ist, dass diese Gruppen überwiegend aus Frauen bestehen", sagt Dosch. Männer fühlten sich dort häufig nicht richtig aufgehoben.

Bisher gibt es nur wenige Angebote, die sich an Männer in der Pflege richten. Betroffene können sich etwa an die Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschlands oder an die Männerarbeit der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) wenden. Auch das Bundesforum Männer kann Tipps geben.

Diese Hilfsangebote könnten immer wichtiger werden. Denn klar ist: "Männer sind künftig in der Pflege noch stärker als bisher gefragt", sagt Menger vom Deutschen Pflegerat. Das liegt auch daran, dass die Menschen immer älter werden und damit der Pflegebedarf kontinuierlich wächst.

Die Zahl der Pflegebedürftigen ist laut dem Deutschen Zentrum für Altersfragen allein in den vergangenen zwanzig Jahren um 30 Prozent gestiegen. Derzeit sind etwa 2,6 Millionen Menschen als pflegebedürftig anerkannt. Drei Viertel von ihnen werden zu Hause versorgt. Hinzu kommen weitere vier bis fünf Millionen Betroffene, die zwar Hilfe von Angehörigen bekommen, aber nicht offiziell als pflegebedürftig gelten. Bereits heute pflegen jede vierte Frau und jeder fünfte Mann zwischen 60 und 64 Jahren andere.

Im Video: Pflegenotstand in Deutschland

SPIEGEL TV

von Sabine Meuter, dpa/koe



insgesamt 9 Beiträge
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dasfred 19.03.2018
1. Gut, dass das mal erwähnt wird
Über pflegende Angehörige wird viel zu wenig geschrieben. Viele rutschen ja erst nach und nach in die Situation, wenn zum Beispiel eine Demenz auftritt, die sich anfangs noch harmlos darstellt oder wenn die allgemeinen körplichen Kräfte nachlassen. Die Belastung für die Angehörigen wächst stetig und es ist wichtig, dass sie frühzeitig über alle möglichen Hilfen informiert werden. Schließlich verändert ein Pflegefall im Haus das Leben aller Familienmitglieder und viele sind dann mit der Situation überfordert. Dabei wird zu selten berichtet, dass häusliche Pflege ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, dass die betroffenen Familien zu wenig berücksichtigt.
smartphone 19.03.2018
2. Kein ct Grundrente mehr
Der hr Heil will ja jetzt ein mords Programm starten, damit man 10% mehr Grundrente bekommt... Nu ,wenn Sie aus welchen Gründen auch immer keine 10 Jahren "arbeiten" konnten..... was dann ? btw auch ich bin einer der Männer, die langjährig Elternpflege ( man bekam KEINE Unterstützung ) betreiben mußten ....... Das kapitel wird vpöllig ignoriert--- vorallem finden Sie mal in dieser alterdiskriminierenden Gesellschaft JETZT einen Job ( zudem im ach so leergefegten MInt Markt ) .
Galladan 19.03.2018
3. Eine Frage der Zeit
Da mehr und mehr Leute nicht mehr heiraten oder sich irgendwann scheiden lassen, werden mehr und mehr Söhne auch ihre Eltern pflegen müssen falls sie nicht auf eine Schwester oder Tochter zurückgreifen können. Da solche Dinge sich aber nicht mit dem Berufsleben vereinbaren lassen, schließlich kann man eine demente Person nicht 10 Stunden alleine rumhocken lassen, werden mehr Tagespflegeplätze geschaffen werden müssen, womit man sein Arbeitsleben danach gestalten darf, wann diese Einrichtungen öffnen und schließen, bzw. ob es dann auch ein Recht auf einen Betreuungsplatz gibt wie bei der Kita und bekommen da Alleinpflegende da dann auch eher einen Platz als Verheiratete? Was dann die Altersarmut derer die keinen Platz bekommen und nun pflegen müssen (Kinder kann man bekommen, Eltern hat man) weiter untermauert.
donatellab 19.03.2018
4. Wo ist das Problem?
Das erinnert mich an die verwunderten Ausruf, als die Männer anfingen, Kinder zu betreuen. Geht's noch? Das Männer pflegen, sollte normal sein.
denk.mal.wieder 19.03.2018
5.
Es stimmt, daß vornehmlich von den Frauen erwartet witd, daß sie die Pflege ?bernehmen. Genauso sind aber Männer unter Druck die finanzielle Vetsorgung der Familie zu stemmen. Es ist sicher gut, wenm sich Rollenzwänge auflösen. Hier aber immer nur die Frauen als Leidtragende zu beschreiben, spricht f?r ein sehr eingeengtes Sichtfeld und ist der nachhaltigen Veränderung der Erwartungshaltungen nicht dienlich. Werden so doch Frauen weiterhin als Opfer und eigentlich nicht erwachsen behandelt.
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